Zaubermärchen

Albert Ehrenstein · Kapitel 8 von 19

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Zaubermärchen

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1 9 . B I L D

 

8. Jos. Halb erblindet und auf Vieren wankend, hier und da von mitleidigen

Schiffern aufgenommen, irrt Homer von Stadt zu Stadt, von Insel zu Insel. Keine

Bürgerschaft will ihn ernähren, er wird immer wieder als lästiger Ausländer

abgeschoben, die Stadtväter jeglicher Gemeinde verwahren sich energisch

dagegen, daß dieser schnorrende Krüppel ihrer Polis entsprossen sei. Am

Strande von Jos ruht er endlich erschöpft aus. Fischerknaben, leere Netze auf

den Schultern, steigen aus Booten und necken ihn. Geben ihm ein Rätsel auf:

„Was wir gefangen haben, ließen wir zurück. Was wir nicht gefangen haben,

tragen wir bei uns.“ Homer sinnt verzweifelt, kann die Lösung nicht finden. Ein

Phron ähnlicher Knabe: der Sohn des Phron, klärt ihn auf; da sie keine Fische zu

fangen vermocht, hätten sie sich am Strande die Läuse gesucht, die gefangenen

getötet, die nichtgefangenen unfreiwillig nach Hause mitgenommen . . . Die

Lausbuben ziehen ab. Homer schüttelt klagend das Haupt; vor Gram, nun auch

geistig gealtert über das einfache Rätsel der Jungen gestrauchelt zu sein, stürzt er

sich von den Klippen ins Meer.

 

2 0 . B I L D

 

Das arme Grab Homers auf Jos. Inschrift: „Hier deckt die Erde das heilige

Haupt Homers, der in seinen Liedern die Helden sang.“

 

2 1 . B I L D

 

Zeigt den Bauch des Regierungsrats Professor Methusalem Leichenstil, der,

um schneller zu avancieren, sich allen bildlichen Schmuck des achilleischen

Schilds auf den Bauch tätowieren ließ.

 

2 2 . B I L D

Unterrichtsstunde bei Professor Leichenstil. Neben dem Katheder steht, Phron

und dessen das Rätsel erklärendem Sohne sehr ähnlich sehend, der Primus

Eugen Pelideles. Schnattert: Sieben Städte stritten um die Ehre, Homer geboren

zu haben: „Smyrna, Rhodos, Kolophon, Salamis, Chios, Skyros, Athenai.“

Meer wogt gegen das Kathederpodium, auf den Wellen daher treibt ein

Leichnam: Homer. Wie der Tränen-Blick seiner toten Augen auf Pelideles fällt,

beginnen seine Wunden zu bluten . . . und rauschend über alles und alle stürzt

das Wasser der Zeit.