Zaubermärchen

Albert Ehrenstein · Kapitel 12 von 19

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Zaubermärchen

Kimargouel

 

Kimargouel, der berühmte, ja komponierte Verfasser des „Erysichthon“

und der steilen „Agaoue“, war in seinen frühroten Tagen ein strebsamer Mensch.

Autochthon, Ureinwohner, dem 23. Bezirke Wiens entsprungen, kaufte dieser

Hellene als Obergymnasiast energisch ein Lotterielos. Während — Ritualmord

und Pogrom — seine arisch-mosaischen Mitschüler erbarmungslos, reihenweise

von Hannibal und dem schwitzenden Prosaiker Vergilius Tacitus hingeschlachtet

wurden, bat er egoistisch, für einen Augenblick austreten zu dürfen, und begab

sich auf die Weltreise. Mitnichten aus seiner nachmaligen, posthumen

Produktion — weder aus dem explosionistischen Gedichtband „Graue Spucke“,

noch aus der apathischen Skizze „Vieldüstere Barke“ — ließe sich diese

Tatsache entnehmen.

Über die Pyramiden stolpernd oder hintanzend, des Aufenthalts im

paßverpesteten Mangohain satt, kehrte er heim in eine jähweiße Villa am

tollgrünen Meer „Breitensee“, das, den Herrn zu grüßen, schäumend über die

Ufer trat. Einziges Denkmal seiner Fahrten und Fahrscheinhefte ist das einer

bibliophilen Elite geweihte, bekanntlich in japanische Götterhaut gebundene

„Tagebuch eines Faulenzers“. Wer je in diesen Annalen, in den schlohweißen,

von solchem Unflat wie Druckerschwärze nirgends angekränkelten, leeren

Großfolioseiten gelesen hat, weiß, daß dieser illuster schmale, ephebenschlanke

Prachtband so was Profanes wie Aufzeichnungen selbstverständlich nicht

enthält, da dergleichen, und ganz besonders ein Tagebuch, ja auch eines echten

Faulenzers durchaus unwürdig wäre. Irgendwo in einer geheimnisschweren Ecke

allerdings, sozusagen als Randleiste unter barocken Riesenlettern: den so

wechselnden Titeln seiner Büchlein, ist in winzigen Buchstaben die

schmerzsaure Weisheit dokumentarisch niedergelegt: „Meine Weltreise? Ich irrte

im Irrfeld. Ich fiel von A nach B!“ Aber das ist doch wohl mehr biographisches

Kuriosum und keineswegs jene „-ische Reise“, die das deutsche Publikum seit

Seume und Goethe mit Recht von seinen rüstigen Lebensverklärern fordern darf. Ich bitte Sie: ein Klassiker hat doch Verpflichtungen!

Doktor Oranke natürlich, sein mitleiderregender Verleger, durch eine

chimborassohohe Monatsrente an Kimargouels schriftstellerisches Schicksal

befestigt, entatmend vor Schreck und Scheck über die sterile Produktivität, die

von Kimargouel multimillionärisch-luxuriös projektierten Ipunktsammlungen

dieses Liebling-Autors seiner früh verwitweten Freundin, verlor seine gütig

philanthropische Gesinnung im Hasard an einen Restauflagenkäufer. Festgelegt

nun durch den unseligen Alleinbesitz von Menschenhaßaktien, wollte Doktor

Oranke der nebenbuhlerischen Liebhaber-Ausgabe, dem ansonst für letale

Phthisis sich entscheidenden Kimargouel kein zweites Leben vorschießen.

Kimargouel blieb nichts übrig, als sich in einem deutsch-österreichischen

Prytaneum ausspeisen zu lassen und daran zu verhungern; er verhustete

ratenweise, aber in sparsamen Dosen seine sanft eiternden Lungenflügel. Im

Endtraum bat ihn keuchend ein herkulischer Dienstmann aus der Wurlitzergasse,

der geile Riese Atlas, für einen Augenblick austreten zu dürfen und setzte ihm

das Firmament ins Genick. Unter diesem massiven Zylinder währte die

Todesangst und Agonie, das Aussterben Kimargouels vom 29. Februar bis zum

1. April — wie jedermann aus dem ithyphallischen Wortnachlaß weiß, aus der

soeben in mehreren Exemplaren erscheinenden Reim-echolalie „Rast unter der

Himmelslast“.

Den letztgenannten Tag verbrachte Kimargouel in hellsichtiger Anschauung

seines Skeletts, die Knochen zählend.

Sein Ultimo, sein sonderbarer Lebensabend, sein stilgemäßer Eingang ist

wohl allen noch in schwermütiger Erinnerung. Wie der Gefeierte, plötzlich wie

ein Expressionist, tatsächlich stockend, aber doch rhythmisch aus seiner

trauerschwarzen Waldvilla kongenial hinanschritt und antikisierend, ovidische

Metamorphose, sich scheinbar wandelnd überging und entschwand in eine von

unbedruckt-schlohweißen Plakatüberklebseln bedeckte Litfaßsäule, die

allsogleich ein mißfarbig schwarzer Aussatz umzog; enträtselt wurden nur

Annoncen seiner Bücher und die in einer merkwürdigen Antiquafraktur

abgesetzten mystischen Urworte „Enschedé en Zoonen“.