Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band
Kapitel II
Wohlgeborener,
Hochgeehrter Herr Hofrath.
Seit meiner letzten Zuschrift an Ew. Wohlgeboren verfloß abermals ein Monat, ohne daß ich mich der erbetenen Antwort erfreuen durfte. Im Ganzen sind nun die oft genannten Manuscripte fast ein Jahr in Ihren Händen; Sie bemerkten, daß sie mit Talent und Liebe verfaßt seien, und schwiegen die lange Zeit hindurch, schwiegen auf meine wiederholte dringende Bitte! Unerklärlich nach meinen Principien. Ein Mann, denk ich mir, mit Kraft und Liebe der Dramaturgie ergeben, von großem Einfluße auf Literatur und Kunst, wie er selbst wißen muß, ein berühmter Dichter, human — ein solcher, meine ich, unterrichte gern, wo er Talent wahrnahm, wo er aufrichtig, zutrauensvoll um Unterricht gebeten worden; sei auch der Kreis seiner Thätigkeit sehr groß, größer als ich ihn hier denken darf, ein Stündchen oder zwei — und so viele Monate! Wenn aber die Anerkennung dieses Talents zu früh geschah, bei näherer Würdigung nicht haltbar schien? Aber bat ich nicht um Kritik im Allgemeinen? zwei Worte hätten dann genügt, ich hätte Antwort. Doch ist jener Fall Voraussetzung schlechthin, denn weder ich weiß mich so isolirt mit meiner Weltanschauung, daß nicht, was mich ergriff und beschäftigte, auch Andere ergreifen müße, noch weiß ich, daß Ew. Wohlgeboren jene mathematische Begeisterung kennen, die nach äußeren Regeln empfindet, in Zahlen die Wege des Himmels berechnet und nur gelten läßt, was von solchem Krüppel seinen Ursprung nimmt. Das ist es ja eben, was mich bestimmte, bei Ew. Wohlgeboren Raths zu erholen, weil Sie das Maaß des tragisch Schönen nicht in einer Doctrin suchen und — doch hiervon wollt ich nicht sagen, sondern nur jene Prämiße rechtfertigen. Vielleicht waren Sie einmal in einer Lage, wie ich bei dieser Angelegenheit, vielleicht nicht, dann kann es Ihnen nach all’ den Zuschriften nicht schwer sein, sie zu denken, denken Sie an sie, und hierum bitt ich wieder.
Mit aufrichtiger Hochschätzung
Ew. Wohlgeboren
ergebenster
Wiese.
II.
Berlin, 6ten Jan. 1829.
Wohlgeborener,
Hochverehrter Herr Hofrath.
Ich bin lange mit mir zu Rathe gegangen, ob ich diesen entscheidenden Schritt thun sollte und mehr die Aussicht, die sich mir in Ihnen, hochgeehrter Herr Hofrath, darzubieten schien, neben einer sichern Leitung meines Geistes auf ehrenwerthe Art in Correspondenz mit dem Publikum zu kommen, als mein eigner Wille hielt mich davon zurück: — nun aber erwog ich, daß meine Hoffnung doch wohl eitel gewesen, denn ihr gemäß behandelten mich Ew. Wohlgeboren keineswegs, so vielmehr, wie man etwa — — ich kann den Satz nicht ausschreiben, weil er mich verkleinernd schildern müßte. Bei Gott, meine Seele ist fern von Eigendünkel, aber mir geschieht Unrecht. Es widerstrebt mir, mehr davon zu sagen. Ich bitte demnach um gefällige Rücksendung der Ihnen mit freudiger Zuversicht übersendeten Manuscripte, weiß ich gleich nicht, auf was für Art ich bei meiner verbandlosen Stellung in der Welt jene äußerlichen Zwecke erreichen werde; aber ich bitte um Rücksendung der Manuscripte — auch floßen mir jene Worte fast ohne meinen Willen aus der Feder, und sollen Ew. Wohlgeboren durchaus nicht veranlaßen, aus irgend einem anderen Motiv für mich etwas zu thun, als — der Sache selbst wegen. Ich müßte ja an Gemüth, Phantasie, Urtheil, Ursprünglichkeit, Wahrheit verzweifeln, mich selbst der dummsten Thorheit zeihen, wenn ich auf jene Versuche nicht einiges Moment legte, bei deren Abfaßung ich mich erhoben, erschüttert, sicher unterscheidend schauend fühlte, wenn ich ihre ungeschminkte Wirkung auf Menschen von ganz verschiedener Art und Bildung mißkennete, die, wie vieles sie auch entgegnen mochten, darin übereinstimmten, daß sie ergriffen wurden, wenn ich bei partheiischer Vergleichung mit den dramatischen Schriftstellern unserer Zeit — partheiisch, weil Mißtraun in eigene Kräfte mich zu dieser Vergleichung bewegt — nicht einsähe, daß ich mich den beßeren vergleichen darf; ich müßte ungereimt empfinden, denken, wenn ich mich überzeugen sollte, ich hätte Ihnen das Hohle, Richtige dargeboten; — deßhalb darf ich wiederholen, daß mir Unrecht geschieht, und die eigene Ueberzeugung, ein redlich treues Streben, wesentlicher Eifer, vielleicht auch das gleiche Schicksal mehrerer zum Theil beßerer Köpfe, als ich bin, die meinen Weg gingen, werden mich trösten, wenn ich immer wieder auf mich zurückgedrängt in einen freien, fröhlichen Verkehr mit dem Publikum nicht treten darf.
Mit geziemender Hochachtung