Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band
Kapitel IV
Johanna Schopenhauer.
IV.
Jena , d. 10ten Aug. 1827.
Wie es zugehen mag, weiß ich nicht, aber die Leute bilden sich ein, ich hätte einen großen Stein bei Ihnen im Brette, mein innigst verehrter Freund, und plagen mich deshalb, sie Ihnen zu empfehlen, und bei Ihnen ein gutes Wort für sie einzulegen, so daß ich am Ende fürchten muß, Ihnen überlästig zu werden. Ich kann nichts dafür, lieber Herr Hofrath, wahrlich nicht. Ich prahle nie mit Ihrer Güte gegen mich, obgleich ich oft im Stillen mit Freuden daran denke, wie oft und wie freundlich Sie mir von dieser Beweise gegeben haben, die ich nie vergessen kann.
Aus dieser Vorrede errathen Sie wohl schon, daß ich abermals auf dem Wege bin, Sie für andre in Anspruch zu nehmen, doch thue ich es diesesmal recht aus dem Herzen, und wünsche sehnlich, daß Sie dem Manne helfen könnten, der meine Fürsprache bei Ihnen in Anspruch nimmt. Es ist dieser der Schauspieler
Löwe[1] aus Mannheim, der, wie ich höre, sich schon an Sie gewendet hat um die Erlaubnis, auf dem Dresdner Theater einige Gastrollen spielen zu dürfen.
Als ich vor etwa sechs Jahren einige Wochen in Mannheim mich aufhielt, habe ich seine Bekanntschaft gemacht; im Umgange habe ich an ihm einen gebildeten liebenswürdigen Gesellschafter gefunden, der sich sehr vortheilhaft vor den gewöhnlichen Schauspielern auszeichnet, und wie es mir schien mit mehr als gewöhnlichem Ernst über seine Kunst nachdenkt und nach dem Höheren strebt; und auf dem Theater ragte er weit über seine Mitspieler hervor, die freilich fast alle kaum eine der höheren Stufen der vielgepriesenen Mittelmäßigkeit erreichten. Er hat eine sehr schöne Gestalt und ein ausdrucksvolles angenehmes Gesicht, eine reine wohltönende Sprache und, obgleich er auch wohl nicht mehr jung ist, so nimmt er, besonders in Heldenrollen sich noch sehr gut aus, überdem weiß er sich sehr gut zu kleiden, und hat einen edlen vornehmen Anstand. So war es wenigstens damals, ob es noch so ist, weiß ich nicht; er hat seitdem viel gelitten, viel Kummer und Verdruß gehabt, und mag wohl merklich gealtert sein. Unter den Rollen, die ich ihn spielen sah, erinnere ich mich besonders des Bayard; er brachte es damals wirklich dahin, daß ich diesem jämmerlichen Wesen mit Aufmerksamkeit zusah. Auch im Leben hat er den Ruf eines sehr rechtlichen Mannes und wurde damals allgemein geachtet und mit in die Gesellschaft gezogen, was keinem andern Schauspieler wiederfuhr.