Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Karl von Holtei · Kapitel 115 von 128

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Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Witte, Karl.

 

Geb. am 1. Juli 1800 zu Lochau bei Halle. Kam 1822 als Extraordinarius zur

juristischen Fakultät nach Breslau, wo er sehr bald eine Heimath fand und in verschiedensten Kreisen gelehrter, litterarisch-wirksamer, strebender, heiterer Genossen einen belebend-anregenden Mittelpunkt bildete. Poesie, Philologie, ästhetische Studien, trieb er neben seiner Berufswissenschaft, der Jurisprudenz. Er übersetzte Michel Angelo’s Sonette, dichtete selbsteigene, vertiefte sich in Dante’s Unergründlichkeit, schrieb treffende und eingehende Aufsätze über Kunstausstellungen und behielt immer noch Zeit übrig für geselligen Verkehr, den er mit Frohsinn, stets guter Laune und herzlicher Freundlichkeit zu schmücken wußte. Früh vermählt, wurde er sehr bald wieder Wittwer. Durch zweite Ehe zu vielen schlesischen Familien in verwandtschaftliche Beziehung getreten, rief ihn doch die Beförderung im Amte aus Schlesiens Hauptstadt gen Halle, wo er als K. Geheimerath seit geraumer Zeit lebt, lehrt, arbeitet — und immer noch seiner geliebten romanischen Poesie anhängt. Die rechtswissenschaftlichen Werke die er edirte, haben der Uebertragung von Dante’s lyrischen Gedichten, 2 Bde. (1842–43) — nicht im Wege gestanden.

 

I.

 

Halle, 25. Mai 1840.

Verehrter Herr Hofrath!

 

Es geschieht mir so sehr selten, daß von mir Gedrucktes irgend sich eignete, Ihnen angeboten zu werden, daß ich die beifolgenden Bogen, die ein uns gemeinsam theures Land betreffen, schnell, wie sie als Aushängebogen ohne Inhaltsangabe u. s. w. mir gestern zugekommen sind, zusammenpacke, um einen Vorwand zu gewinnen, mich Ihnen wieder in’s Gedächtniß zu rufen. Daß ich wünschte, Sie könnten Sich entschließen, ein wenig von dieser Speise zu kosten, das kann ich freilich nicht läugnen; verzeihn Sie mir aber, wenn ich, um ihr einen etwas neapolitanischen Geschmack zu geben, ein Paar Flaschen Calabreser Wein (Diamante), den ich kürzlich aus Italien zum Geschenk erhielt, mit beipacke.

Noch habe ich ein Geständniß Ihnen abzulegen: Vor wenig Tagen habe ich einen, nun fast 11 Wochen alten, Knaben taufen, und ihm in der Taufe den Namen Ludwig beilegen lassen. Wollen Sie es, theurer Herr Hofrath, genehm halten, daß der Knabe, hoffentlich nach manchem Jahrzehend, sich stolz erinnere, daß er diesen Namen von dem Manne trägt, den noch manches kommende Geschlecht eben so innig verehren wird, wie ich es thue. Daß diese Bitte nicht minder die meiner Frau als die meinige ist, darf ich wol nicht erst aussprechen, da Sie ihre Gesinnung kennen.