Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Karl von Holtei · Kapitel 114 von 128

PDF-Seiten

Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Kapitel IV

S. Wiese.

 

IV.

 

Berlin , 16ten Juni 1829.

Hochverehrter Herr Hofrath.

 

Wenn mein Verhältniß zur Generalintendantur der hiesigen Königl. Schauspiele bis jetzt auch zu keinem sichtlichen Erfolg geführt hat, so brachte es mir doch wiederholt warme Anerkennung und heftigen Tadel ein; Sie hingehen bleiben theilnahmslos und kalt. Ich bitte also, meine Stücke, die ich Ihnen zutrauensvoll übersandt, an die Hofintendanz der Dresdner und Leipziger Bühnen geneigtest abgeben zu lassen mit dem Hinzufügen meiner Bitte, dieselben behufs der Bühnendarstellung prüfen zu wollen. So sind Sie der Mühe des Emballirens überhoben und — meiner auf gute Art los. Ich fühle die Bitterkeit und Rücksichtslosigkeit dieser Aeußerung, aber auch ihre Wahrheit, deßhalb bleibe sie denn stehen. Die &c. Hofintendanz wird mich gewiß schneller bescheiden, als ich es auf diesem unsäglich langweiligen Wege erwarten darf. Unter solcher Bedingung war meine Idee von einem persönlichen Verhältnisse zu Ihnen, worauf es mir bei meinem Verfahren hauptsächlich ankam, ein Traum. Wie hyperbolisch es hier klingen mag, doch drängt sich mir auch itzt der Gedanke auf, den ein alter Prophet wo sagt: „verflucht ist der Mann, der sich auf Menschen verläßt.“

Aber mit treuer Liebe und Verehrung, die ich von je Ihren Werken gezollt

Ew. Wohlgeboren

ergebenster

S. Wiese.

 

V.

 

Berlin, 15ten Dec. 1829.

Wie kann ich sagen: Dank! da mein Inneres von Freude, Scham, Stolz glüht, ich muß Sie lieb haben, innigst lieb haben. Sie haben mein räthselhaftes Wesen so tief erkannt, daß ich Ihnen nur mit Schüchternheit nahen konnte. Und wie schreiben Sie mir — ach ich kann nicht sagen, wie das mein Herz getroffen. Solche Momente sind heilig, ewig! und wie mein Sehnen, Dringen immer auf Gott gerichtet ist, fühlte ich seine Nähe und schauderte. So hab’ ich denn Ihr Gemüth gewonnen und darf einen Mann ausdrücklich Freund nennen, den ich seit meinen Knabenjahren innig liebte und verehrte — doch jetzt ist das anders, persönlicher, kräftiger, näher. Erhalten Sie mir aber um Gotteswillen, erhalten Sie mir Ihre Liebe, ich habe so viele schmerzliche Erfahrungen gemacht, daß mein Gemüth immer wieder scheu zurückfliehen will, da es doch in aller Freude und Kraft sich hingegeben hat. Das Leben ist furchtbar, nur Liebe lehrt es tragen.

Die schöpferische Kraft des Genius, bei welchem Begeisterung gestaltendes Bewußtsein ist, ahn’ ich. Er schafft unvermittelt, ursprünglich, nothwendig, frei. In gänzlicher Vollendung, mein’ ich, hat er nie gelebt, oder die Poesie an sich hätte die Welt erlöst. Abfall muß sein, der Mensch ist nicht absolut. Das unmittelbarste Bewußtsein ist das poetischte, aber auch dieß kann nicht ganz fessellos sein. Was Sie Kunst heißen, scheint mir das Ideal der Poesie zu sein. Das anschauende Gemüth urtheilt: es giebt kein vollendet schönes Kunstwerk, nur Annäherung an daßelbe. Ich weiß nicht, mein verehrungswürdiger Lehrer, ob ich hierin nicht wesentlich mit Ihnen übereinstimme, die Abweichung könnte nur in meiner Annahme der Approximation bestehn, aber ich weiß nicht deutlich, ob Sie Selbst diese nicht auch anerkennen. — Das Naturell, welches ohne jenes stäte, ordnende und befassende Bewußtsein schafft, wenn es auch göttlich begabt wäre, es wird frech, unbändig sein, wie Natur; aber auch hier ist das Extrem unmöglich. Wer nun fühlt, wie ich, daß seine Gaben ausarten möchten, eben weil die Begeisterung, wann sie ihn überströmt, bis zum Wahnsinn taumelnd bewußtlos wird, ist gezwungen, wenn er das Schöne will, sich in der Conception durch die messende Vorstellung zu zügeln, bei der Ausführung aber, so viel er vermag, das Schwere fallen zu lassen und sich die schöne, alte Freiheit zu bewahren. Gegen das letztere fehlt’ ich oft. Reflexion sollte eigentlich gar nicht da sein, wo sie nicht durchaus individuell beseelt ist, doch ist sie da und wie vielleicht „die Rückkehr“ und „Freund und Geliebte“ Schillern zum besten gefallen hätten, gefallen sie Ihnen und — darf ich mich hier nennen — mir jetzt zum wenigsten. Sie haben die Freiheit meines Geistes bei der Ausführung schon durch Ihren früheren herrlichen Brief mehr geweckt, ich danke Ihnen viel. Zeugniß dafür seien zwei Werke, die ich nach der Zeit verfaßt und die ich Ihnen mit der herzlichen Bitte übersenden will, sie ganz nach Ihrer Muße zu lesen und mir, wie Sie pflegen, einige wahre Worte darüber zu sagen. Welch schaales, nüchternes Zeug, was mir von der hiesigen Intendantur zugesendet worden! Wie unsäglich erquickend die Wahrheit und Tiefe Ihres Urtheils! Nur Eines bät’ ich, wenn ich darf, ausgeführteren Tadel! ich weiß, es ist Mehreres tadelnswerth in meinen Versuchen, als Sie aussprechen, aber ich kann es nicht bestimmt nennen. Führen Sie mich mehr und mehr zum Bewußtsein, denn darin besteht ja die Weise unseres Verhältnisses, mein väterlicher Freund.

Was Sie mir im Einzelnen über meine Schriften sagen, unterschreib ich alles bis auf zwei Punkte. Der Schluß von „Beethoven“ dünkt mir befriedigend; es war still und ruhig in meiner Seele, als ich ihn schrieb. Die Transcendenz seiner Natur gestattet Beethoven keine Freude am Vergänglichen, aber die Muse sühnt ihn. Diese Sühne, unterstützt von der sittlichen Kraft, die ihn vor dem Schicksal eines Faust bewahrt — sollte sie nicht befriedigen? Aber ich glaube, es mag an der Darstellung liegen; ich will viel und — wie viel erreich’ ich?! — Dieß fühl’ ich wohl, ein dunkler Mensch schreitet hier wie das Grauen der Nacht durch die hellen, warmen, freundlichen Verhältnisse des Lebens, schreckt, peinigt, wie er gleich zum Ewigen will, aus dem er geboren, und lebt nur in furchtbarer Resignation, aber gesühnt doch, da — er ein Künstler ist. Meine Conception war so und sah ich das Stück im Weiten, scheint mir Manches erreicht, doch ist Darstellung und erste Anschauung himmelweit verschieden. Mein verehrter, geliebter Freund, was Sie mir Herzliches über dieß Stück sagen, hat mich erschüttert. — Noch einen Punkt wollt’ ich erwähnen. Mir scheint das Gefühl, was man von „Clothar und Sulamith“ hinweg nimmt, doch nicht Verdruß. Verdruß auch wohl, denn der Schluß erregte mir Pein und Schmerz, Graun aber empfand ich auch und — in der Liebe der beiden Menschen Erhebung; ist Liebe doch unvergänglich! — ich hätte noch viel zu sagen — auch über äußere Dinge, das Theater und einen dereinstigen Verlag — aber — darf ich ja nun öfter schreiben. Sie sind in mein Herz beschlossen und ich vertraue Ihnen innigst.

Wiese.