Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band
Kapitel II
v. Uechtritz.
II.
Berlin , den 29. August 1822.
Hochverehrter Herr!
Ihnen, mein hoher Meister, der mich durch seine freundliche Güte zuerst auf ungewohnter Bahn ermuthigte und stärkte, sende ich dieses erste Produkt meines Geistes, das es wagt, allein und für sich in die Welt zu treten. Ich möchte es fast für eine verlassene Waise erklären, denn ich bin nichts mehr dafür zu thun im Stande und Alles andre ermangelt ihm, selbst eine namhaftere Buchhandlung, was es nur so weit empfehlen könnte, daß es gelesen werde. Aber Ihre gegen mich stets bewiesne Güte ist mir ein freundlicher Stern der Hoffnung. Ihrem Schutze empfehle ich die arme Verlassne. Ob sie dieses Schutzes würdig sey, weiß ich nicht. Ich übergebe sie Ihnen auf Gnade und Ungnade.
Mit der ehrerbietigsten Hochachtung
Fr. v. Uechtritz.
III.
Berlin, den 15. Dezember 1822.
Wohlgeborner Herr!
Hochzuverehrender Herr!
Ew. Wohlgeboren haben mir auf die Uebersendung des Chrysostomus nicht erwiedert und dennoch wage ich auf die Gefahr hin, zudringlich zu erscheinen, Ihnen einen neuen dramatischen Versuch in dem einzigen Manuscript, das ich davon besitze, vorzulegen. Ich hoffe mich darin von den Irrthümern befreyt zu haben, die mich bey der Wahl des Stoffes sowie der Behandlung des Chrysostomus verleiteten. Wenigstens für ein sich bildendes poetisches Talent ungünstige Umgebungen, unter denen ich A. Müller nennen muß, tragen, wiewohl nur mittelbar, die Schuld dieser Irrthümer, die freylich für mein Talent kein günstiges Zeugniß ablegen. Im Otto glaube ich endlich zu mir selbst zurückgekommen zu seyn und die vielleicht zu eitle Hoffnung von Ew. Wohlgeboren auf diesem wiedergewonnenen Wege, wenn auch nur mit wenigen Worten, berathen und ermuntert zu werden, hat mich so kühn gemacht, Ew. Wohlgeboren nochmals zu belästigen.