Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Karl von Holtei · Kapitel 43 von 128

PDF-Seiten

Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Kapitel II

Und so will ich denn mit Ueberwindung aller Besorgniß, nur den einen Gesichtspunkt im Auge, daß ein so hoch geehrter Name uns nicht fehlen möchte, mit der inständigen Bitte mich an Sie wenden, hochgeehrtester Herr Hofrath, uns nicht ungern Ihren Beitrag gewähren zu wollen; jedes, auch das kleinste Gedicht, ein Klang, ein Epigramm, von Ihnen ausgehend, ist willkommen als ein schöner Schmuck des Ganzen.

Und so scheide ich denn in der frohen Hoffnung nicht vergebens mich an Ew. Wohlgeboren gewendet zu haben, und mit der Bitte, einer geneigten Antwort wo möglich bis zum Ende des Junius entgegen sehn zu dürfen, als Ew. Wohlgeboren mit vorzüglicher Hochachtung verharrender

ganz ergebenster

Heinrich Stieglitz.

 

II.

 

Berlin, am zweiten December 1833.

Sie leben, hochverehrter Mann, jetzt so ganz in und mit uns (und vornehmlich machen Ihre Novellen, welche in dem Kreise, der sich um uns gebildet von der ersten bis zur letzten an uns vorübergehn, um ein dauerndes reiches Eigenthum zu bleiben, einen so schönen Theil unsrer Winterabende aus), daß ich nicht unterlassen kann beifolgendes Buch mit einem schriftlichen Gruße zu begleiten, ganz abgesehen von dem Erfolg. Eine große Freude ist übrigens

mir und einem wackeren, Sie durchaus kennenden und erkennenden[7] Freunde, Dr. Theodor Mundt, geworden, und wird uns täglich mehr, nehmlich die Lust des Sieges beßrer Ueberzeugung über manchen hier lebenden der Kunstjünger einer neuen philosophischen Schule, die sich nicht entblödete, Sie, Trefflicher, früher von dem einseitigsten Standpunkte aus anzufeinden, und mit denen, wie hoch ich auch den nunmehr entschlafnen Meister um seines tiefen und großartigen Geistes Willen in der Sphäre des Gedankens ehre, ich in der Kunstansicht mich überhaupt nur selten habe befreunden können. Auch mit meinem trefflichen Oheim in St. Petersburg, einem Manne seltener Natur und von einer Geistes- und Herzensfrische, wie sie wohl nur Wenige in solch enormen Verhältnissen des täglichen Erwerbs sich erhalten haben, bildet nach unserm dießjährigen Sommeraufenthalt eben jetzt das nähere Erkennen Ihrer Werke einen Theil des lebhaften Brief- und Gedankenwechsels.

Doch wohin gerath’ ich? — Ich wollt’ Ihnen ja nur mein jüngstes Kind darbieten mit dem oft gebrauchten aber gewiß niemals inniger empfundnen „nimm es hin!“ —

Und so denn mit dem Gruß wahrhaftester Ergebenheit und dem Wunsche, daß Sie uns, der Nation, recht lange noch mögen erhalten werden, empfiehlt sich einer Ihrer innigsten Verehrer

H. Stieglitz.