Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band
Kapitel II
Meine Frau, die auch der Frau Gräfin sich zu Gnaden empfiehlt, trägt mir auf, Ihnen ihren freudigen Antheil an der so glücklichen Hoffnung auf Ihre baldigste gänzliche Herstellung kundzuthun.
Mit innigster Verehrung
Der Ihrige
Schulze .
II.
Dresden, den 25. Decbr. 1843.
Verehrtester!
Ihr so wohlwollender Brief vom 31. d. M. hat mir wahrhafte Beruhigung zugeführt, weil ich fortdauernd in großer Sorge stand, meine Auswahl bei der Sammlung der Launschen Schriften wäre nicht nach Ihrem Wunsche ausgefallen. Mein Vorsaz ist, eher etwas zu viel von meinen Werken wegzulassen, als aufzunehmen, freilich aber fehlt, leider, grade dem Verfasser mitunter das Urtheil, das rechte, über Manches, es kann daher wohl vorkommen, daß er im Weglassen und Aufnehmen mitunter Misgriffe begeht.
Der mitfolgende 5te Band empfiehlt sich Ihrer freundschaftlichen Nachsicht. Die beiden lezten Novellen darin erscheinen zum ersten Male gedruckt.
Große Freude hat mir die durch Ihren Brief bestätigte glänzende Aufnahme der Aufführung des Sommernachtstraums, nach Ihrer Anordnung gemacht. Bereits im vorigen Jahre enthielt das Morgenblatt eine Lokalnotiz von mir, in der ich über das Projekt meine Meinung äußerte. Da Ihnen das Blatt schwerlich zu Gesicht gelangte, so erlaube ich mir solches mit der Bitte beizulegen, es mir künftig wieder zugehen zu lassen. Die Antigone hat schon, wie es scheint, eine entschiedene Anregung bei den größeren Bühnen Deutschlands gegeben. Es läßt sich daher etwas Gleiches vom Sommernachtstraum desto eher hoffen, da Shakespeare dem Sinne des Publikums doch weit näher liegt, als die griechischen Tragiker.
Vor Kurzem stand in den Blättern für literar. Unterhaltung und zwar in den Nummern vom 9. bis 12. des jetzigen Monats ein Aufsaz von mir unter dem Titel: Poesie und Prosa. Unter anderm bemerkte ich darin, daß so tief auch der 2te Theil von Goethe’s Faust unter dem 1sten stehe, doch von Denjenigen unserer Dichter, die sich die Männer der Gegenwart nennen, kein einziger im Stande seyn würde, einen solchen zweiten Theil zu produciren. Sollte Ihnen zufällig die kleine Ausarbeitung in die Hände gerathen seyn, die hauptsächlich über die Unrichtigkeit, die Worte: Poesie und Prosa als Kontraste zu behandeln, sich ausläßt, so würde es mir die größte Genugthuung gewähren, wenn ich gelegentlich erführe, daß meine darin eröffneten Ansichten, wenigstens in der Hauptsache mit den Ihrigen übereinstimmten.
Meine gute Frau trägt mir auf, Ihnen den aufrichtigsten Dank für die gütige Erinnerung an sie abzustatten. Der mehrjährige Gebrauch des Karlsbades ist ihrer früher sehr mangelhaften Gesundheit sehr zu statten gekommen. Sie nimmt mit mir den lebendigsten Antheil an Ihrem Wohlseyn und an dem so glücklichen Erfolge der Augenoperation der Frau Gräfin von Finkenstein.
Mit der treuesten, innigsten Verehrung
Der Ihrige
Schulze.