Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Karl von Holtei · Kapitel 35 von 128

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Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Kapitel XIII

Dieser soll Dich dafür wieder mit mir versöhnen. Ich bin überzeugt, daß Du diesen meinen Landsmann, Hrn. Nilsen, sehr lieb gewinnen wirst. Ich kenne wenige Menschen, die mir in kurzer Zeit so lieb wurden. Er ist ein Freund von Möller — ohne seinen anachoretischen Starrsinn zu theilen — wie von Dahl, und obgleich Kaufmann ein sehr vielseitig gebildeter Mann mit einer seltenen Empfänglichkeit und er versteht einem, was immer seltener wird.

Ich gebe ihm ein Exemplar meiner Anthropologie mit. — Ich soll ein Schellingianer seyn, behaupten die Leute und die Recensenten haben schon den Titel gesehen und geschimpft. Ich möchte wohl wissen, ob Du mich auch so nennen willst. Ueberhaupt meine übrige Schriften gebe ich Dir preis. — Dieses möchte ich eben in Deinen Augen gerettet wissen.

Daß ich nicht nach Dresden kommen kann, ist mir unbeschreiblich fatal.

Ganz vertraulich kann ich Dir sagen, daß die philos. Facultät hier Dich dem Ministerio zu einer Professur der englischen, italienischen, spanischen u. s. w. Literatur vorgeschlagen hat. — Noch haben wir keine Antwort. Ich würde mich über alle Maßen freuen, wenn nicht eine doppelte Besorgniß da wäre. — Erstens, daß das Ministerium kaum einen großen Gehalt bestimmt hat, und zweitens — daß Du selbst in diesem Falle die Stelle nicht annimmst. Habe ich mich in beiden geirrt — wer wäre glücklicher als ich. — Grüß Gräfin Henriette, Malchen, Dorothea, Agnes von mir und Hanne recht herzlich.

Dein

Steffens.

 

XIII.

 

Breslau, d. 9t. Juni 1822.

Lieber Tieck!

 

Ich schreibe Dir wieder ein paar Zeilen durch einen Freund. Es ist der Dr. Loebell, der Dich schon aus Heidelberg kennt. Es ist ein sehr gescheuter Mensch und wirklich gründlicher Geschichtsforscher. Ueber mein Leben und Verhältniß kann er Dir Vieles mittheilen, denn er gehört seit 8 Jahren zu meinem vertrautesten Umgang. Er ist genöthigt Preußen zu verlassen und eine, freilich äußerlich günstige Lage als Redacteur des Conversationsblattes anzunehmen, um leben zu können. Obgleich man ihm, als ein kenntnißreichen und vielfältig gebildeten Mann kennt und schäzt, kann er dennoch keine Anstellung hier erwarten, nicht etwa wegen demagogischer Gesinnung, vielmehr umgekehrt, weil das demagogische Consistorium hier, während Untersuchungen gegen ihre Umtriebe, Cabinetsordre die dem Minister eine unerhört willkührliche Gewalt giebt, sich jagen, allein alle Stellen vergiebt und das Ministerium trozt. — Eine Verwirrung die einen verrückt machen kann.