Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Karl von Holtei · Kapitel 53 von 128

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Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band

Kapitel V

Mündlich mehr; jetzt nur noch die Versicherung, daß ich mit wahrer Liebe und Hochachtung bin und bleibe

Ihr wahrer Freund

L. Tieck.

 

Ludwig Tieck an Uechtritz.

 

V.

 

Den 11ten Febr. 1827.

Mein theuerster Freund!

 

Zürnen Sie mir nicht, daß ich Ihre Briefe so lange ohne Antwort gelassen und Ihnen auch noch über Ihr neues Schauspiel nichts gesagt habe. Glauben Sie mir indeß, keine Nachlässigkeit oder verminderte Freundschaft ist Schuld an der Verzögerung, sondern überhäufte Geschäfte und Arbeiten, mit Unpäßlichkeit wechselnd. — Ich hatte, aufrichtig gestanden, bei Ihrer Verstimmung und

Kränklichkeit dies neue Schauspiel[10] noch lange nicht erwartet, denn ein solches Gedicht verlangt den ganzen Menschen und volle Kraft, es kann zuweilen den Gesunden krank, schwerlich den Kranken, Ueberreizten gesund machen.

Ich las es sogleich mit der größten Begierde und finde, daß ich Ihnen denn doch nicht gut gerathen habe. Nachdem ich Ihr Schauspiel drei, viermal wieder durchgelesen habe, fühle ich immer deutlicher, was ich schon das erstemal sah, daß die eigentliche Kraft und Begeisterung, der Enthusiasmus, das Tragische, und daher die Wahrheit und Ueberzeugung ermangelt. Sie haben zu schnell, zu sehr und zu arbeitend gearbeitet. Ich glaube auch, daß die Scene nicht in Nürnberg, sondern etwa in Mailand und zwar in einer frühern Zeit sein müsse. So wie es da ist, erscheint der Gegenstand zu kleinlich und, wie gesagt, ohne Motive. Es wird Ihnen gewiß, wenn Sie die Sache ein wenig ruhen lassen, nicht schwer werden, die eigentliche Begeisterung, die Leidenschaft für die Gegenstände zu finden, wodurch sich doch nur der Enthusiasmus dem Zuschauer mittheilt.