Briefe an Ludwig Tieck, Vierter Band
Kapitel VIII
Trier, den 24. Juny 1828.
Mein hochverehrter Freund!
Wie Sie wissen, bin ich zum hiesigen Landgerichte versetzt worden und Ihre Frau Gemahlin, die ich so glücklich war, auf dem Dampfschiff von Coblenz bis Bonn zu begleiten, sagt mir, daß Sie mit dieser Veränderung meines Aufenthaltes und meiner Entfernung von Berlin zufrieden seyen. Meine Entfernung von Berlin mag nun allerdings ihre guten Seiten haben, denn es ist in meinen Jahren gewiß wohlthätig, von Zeit zu Zeit in neue Verhältnisse versetzt zu werden, wenn man die frühern — ich möchte sagen — ausgelebt hat, und Berlin war zur Zeit meiner Abreise der Tummelplatz sehr unedler Streitigkeiten. Auch mein Name, den ich bis jetzt von solchem Schmutze rein zu erhalten gesucht habe, ist dabey genannt worden, aber ganz ohne mein Wissen und Willen, wie Ihnen vielleicht Raumer schon mitgetheilt haben wird. Man hat ihn (so wie den Namen
des [11] Dr. Förster) unter die ganz verfehlte Erklärung der Dreyzehn, ohne mich vorher zu befragen, mit unterdrucken lassen. Meine Entfernung zu einer solchen Zeit konnte mir nur angenehm seyn — aber leider tritt mir das hiesige Leben nicht als ein sonderlicher Ersatz für so manches, was ich in Berlin verloren habe, entgegen.
VIII.
Düsseldorf, den 15. May 1832.
Mein theuerster, hochverehrter Freund!
Es ist sehr unrecht von mir, daß ich nicht schon längst gegen Sie selbst meinen innigen Dank für die außerordentliche Güte und Freundschaft, die Sie in letzter Zeit für mich bewiesen, ausgesprochen habe, — aber aus meinen Briefen an unsre theure Dorothea werden Sie wenigstens ersehen haben, daß ein Mangel des Gefühls nicht die Ursache davon war. Ich gestehe, daß ohne Ihr Versprechen, die Rosamunde herauszugeben, die Dresdner Geschichte doch am Ende etwas ungünstig auf mich und meine Stimmung gewirkt haben möchte. Denn schwerlich würde ich unter den obwaltenden Umständen einen Buchhändler gefunden haben und bloß für mein Pult zu dichten ist eine Aussicht, die nicht sehr ermuntern kann. — Die Verbesserungen in dem beyfolgenden Manuscript betreffen nur Sprache und Versbau, ich hoffe aber doch, daß sie nicht ohne günstige Wirkung für das Ganze sind. Fast keine derselben ist in den letzten Tagen und in Eile gemacht, die bey weitem meisten haben schon die Prüfung einer gewissen Zeit überstanden. Doch bleiben Sie, wie sich von selbst versteht, oberster Herr und Richter, wenn ich auch eine gewisse Vorliebe für die übersendete Bearbeitung letzter Hand nicht verhehlen kann. Vor einigen Wochen war Freund Löbell hier, dem ich am Rheine viel näher gekommen bin, als in Berlin und den ich in jeder Hinsicht sehr hoch halte. Er vertheidigt, wie Sie wissen, die strengste Unterordnung der dramatischen Poesie unter die Gedichte oder vielmehr die Einheit von beyden, — ihm gegenüber will Immermann der Willkühr des Dichters fast gar keine Schranken setzen lassen. Ich selbst repräsentire bey den darüber entstehenden Streitigkeiten eine Art von Juste milieu und schmeichle mir im Geheimen, Sie, wenn ich mich einmal recht gegen Sie aussprechen könnte, auf meiner Seite zu haben. Auf der einen Seite kann ich nicht zugeben, wie Immermann meint, daß der Dichter mit seinem Stoffe wie ein Russe mit seinen Leibeignen schalten dürfe — von der andern Seite muß ich aber darauf bestehen, daß wenn er wie Jakob um die schöne Rahel sieben Jahre gedient, dann die Reihe an ihn komme, Herr im Hause zu seyn. Aber, wie gesagt, er muß erst dienen. — — Mit meinen Verhältnissen hier bin ich übrigens noch fortdauernd sehr zufrieden und das Schicksal hätte mich für meine Art zu seyn und da ich nun einmal am großen Staatskarren mit ziehen muß, nicht günstiger stellen können. Wie glücklich würde es uns Alle machen, Sie einmal in unsrer Mitte zu sehn und auch Ihnen denke ich sollte es bey uns gefallen. Es ist eine wahre Freude, jezt unsre Akademie zu betreten und man darf die schönsten Hoffnungen darauf gründen. Auf Schadow selbst hat zwar, nach meiner Meynung, die Italienische Reise und die Auffrischung früherer religiös künstlerischer Eindrücke und noch mehr der Aufenthalt Overbecks hier, nicht günstig gewirkt und ihn an seinem eignen Werke irre gemacht. Er schien sich wie ein Abtrünniger vorzukommen, der früher von Rom als Kunstapostel ausgesandt das Himmelreich vergessen und der Eitelkeit der Welt gefröhnt, mit andern Worten statt einer Madonnen- eine Genremalerschule gestiftet habe. Doch wird sich das Alles wohl ins Gleichgewicht setzen. Wenn ich meine Ansicht über unsre neueste Kunst aussprechen darf, so möchte ich sagen, daß wie die alte große Kunst aus einem gemeinsamen Volksgefühle hervorging, an dem der Einzelne, so verschieden davon seine individuellen Gefühle und Ansichten seyn mochten, doch mehr oder weniger theilnahm, so jene neueste Kunst durchaus auf dem individuellsten Gefühle und seiner intensiven Kraft beruht. Die Folge davon ist, daß im Mittelalter auch der weniger fromme Maler religiöse Gegenstände mit Glück und ich möchte sagen Unschuld malen konnte, während ich in jetziger Zeit die Hoffnung Schadows, einen Künstler wie Lessing (der in seinen besten Sachen manche Aehnlichkeit mit Lord Byron hat) noch einmal Madonnen malen zu sehn, beinahe unter die Verkehrtheiten rechnen muß.