Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 1 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Der Waldrand.

 

Die Sonne bescheint freundlich den Waldrand.

 

Gestern schien sie heller als heute; dennoch ist die Haubenlerche viel

fleißiger. Unaufhörlich läßt sie ihren Lockruf ertönen, und nun fliegt sie sogar

auf einen Erdhaufen und singt ihr kleines Lied.

 

Die Luft ist weich und schmeckt nach warmem Regen. Ein weißer Hauch liegt

über dem Felde und nimmt der Sonne Schein und Farbe. Aus den umgestürzten

Schollen steigt ein starker Geruch, und alle Zweige und Stämme sehen aus, als

dufteten sie nach dem neuen Leben, das in ihnen empordrängt.

 

Die üppigen Rasen der Vogelmiere auf dem Brachacker hatten jüngst, als der

Wind scharf von Morgen kam und der Boden beinhart gefroren war, nicht

weniger weiße Blütenstreifen als heute, und das Kreuzkraut ebenso viele

goldene Knöpfchen, auch blühten die Maßliebchen gleichfalls am Raine. Damals

wirkte das widersinnig, heute aber nicht.

 

Auf dem Brombeerbusche am Grabenrande sitzt der Goldammerhahn und

versucht sein Lied zusammenzubringen; gestern, als die Sonne hell vom hohen

Himmel schien, dachte er nicht daran. Auch die Kohlmeise besinnt sich auf ihre

Frühlingsweise; da sie aber damit nicht fertig wird, so lockt sie wenigstens

dreimal so zärtlich, als am gestrigen Tage. Süß und seltsam hört sich das an.

 

Der Haselbusch am Graben ist gänzlich aufgeblüht; zwischen den goldenen

Troddeln glühen purpurne Sternchen. Die Eller ist ihm sogar schon voraus; der

Weg ist mit braunen Kätzchen besät. Die silbernen Knospen an den Weiden

recken und strecken sich und die der Espen quellen und schwellen. Aus dem

Vorjahrslaube drängt sich das junge Gras, überholt von den fetten Blättern des

Aronstabes, die Scharfwurz verhüllt den kahlen Boden und lustig wuchert das

zierliche Grün des Ruprechtskrautes.

 

Die Sonne kommt noch einmal am dunstigen Himmel hervor. Überall spielen

die Wintermücken, daß es lustig blitzt, und hier und da surrt eine Fliege vorüber.

In der alten Samenbuche sitzt eine Krähe und quarrt und schnarrt auf ganz

absonderliche Art; das ist ihr Liebeslied. Aus den Fichten kommt ein

wunderliches Quietschen und Schnalzen; der Häher gibt seinen zärtlichen

Gefühlen Ausdruck. Da hinten auf der grasgrünen Saat maulschellen sich zwei

Hasen um die Häsin. Der Frühling kommt.

Ist es auch wahr? Ist es nicht nur ein bloßes Gerücht, eine falsche Verheißung?

Zwar wippt da schon ein Bergbachstelzenpaar an dem Graben entlang, hier

wühlt ein Maulwurf das knisternde Fallaub auf, sieben Starmätze pfeifen auf

dem Hornzacken der Eiche, im Graben plätschert zwitschernd und quitschernd

ein Spitzmauspaar umher, fauchend und schnalzend jagt ein Eichkater die

Liebste von Ast zu Ast, und ein Goldhähnchen singt schon so gut, wie es das

besser nie können wird.

 

Aber da hinter dem fernen Walde im kalten Moore liegt der Nordostwind und

schläft. Vielleicht wacht er über Nacht wieder auf und zu Ende ist es mit Lied

und Liebe. Statt der Wintermücken spielen die Schneeflocken, Star und

Bachstelze flüchten von dannen, die bunten Bergfinken, die der weiche Wind

nach Norden lockte, werden verschwinden, und Amsel, Meise und

Goldhähnchen vergessen ihre halb gelernten Lieder wieder. Die Blümchen auf

der Brache und die Kätzchen an den Bäumen werden wirken wie unangebrachte

Witze.

 

Die Sonne ist fortgegangen; dichter und unsichtiger wird die Luft. Um so

mehr aber leuchten die halb aufgesprungenen Knospen an den grauen Zweigen

des Dornbusches und an den schwarzen Ästen der Traubenkirsche hinter dem

Grabenbord und im Unterholze des Geißblatts kecke junge Blätter. Ein sachtes

Rieseln kommt herunter, unhörbar und leicht. Fröhlich schmettert der Zaunkönig

sein Liedchen, lustig trillert die Meise, und selbst der schüchterne Baumläufer

erhebt sein dünnes Stimmchen lauter als zuvor.

 

Der Regen nimmt zu, die Dämmerung geht leise am Waldrande entlang. Da

trommelt ein Specht auf einmal los, daß es weithin dröhnt; das ist das Zeichen

für alles, was Schnäbel hat. Mit einem Schlage bricht ein vieltöniges Zwitschern

und Flöten los, so wirr, so kraus, daß keine einzelne Stimme sich daraus

hervorhebt. Ein Viertelstündchen hält es an; dann bleibt davon nur das

Gestümper der Amsel übrig und des Rotkehlchens erst halb gelerntes Lied. Auch

das verlischt im leisen Regengeriesel, und der ihrem Schlafwalde zuziehenden

Krähen rauhes Geplärre gibt dem weichen Tage einen harten Abschluß.

 

Dunkel wird es im Walde. Keine neue Knospe im Gezweig, nicht ein frisches

Blatt am Boden ist mehr zu sehen. Leblos stehen die Stämme da und recken

kahle Wipfel in die Luft. Doch immer noch will das Leben, das dieser Tag

erweckte, sich nicht zur Ruhe begeben. Vom Felde her schrillt des Rebhahnes

herrischer Ruf und von der Mergelgrube kommt das breite Geschnatter eines arg

verliebten Erpels. Wie winzige Gespenster taumeln bleiche Wintermotten auf der

Weibchensuche um die Buchen, zwei Fledermäuse zickzacken am Graben auf und ab, und im Gebüsch schnauft ein Igel aufgeregt hinter der Auserwählten her.

 

Die Nacht kommt näher; tiefer wird der Himmel. Kein einziger Stern steht an

ihm. Die letzte Krähe hastet, verlassen schreiend, über die Wipfel hin. Dichter

fällt der Regen; lauter tröpfelt er in das tote Laub. Dumpf unkt in den Fichten die

Ohreule; hohl heult in den Kiefern der Kauz los.

 

Zu Ende ist der milde Tag, an dem der Vorfrühling am Waldrande spuken

ging.