Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 19 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Der Bergwald.

 

Zwei Gesichter hat der Berg. Ernst ist sein Südabhang. Kein Ort unterbricht die

grüne Gleichförmigkeit seines steilen Hanges. So unnahbar sieht er aus, daß

keine der bunten Ortschaften im Auetale es wagte, sich ihm zu nähern: sein

ernstes Gesicht jagte sie nach den Weserbergen hin.

 

Ein ganz anderes Antlitz hat der Berg nach Norden hin; da ist nichts von

Unnahbarkeit, von abweisender Schroffheit zu spüren. In langsamen Absätzen

steigt er zu Tal und so kletterten die Ansiedlungen hoch an ihm empor, trieben

ihre Häuser, Äcker und Felder in seinen Wald und brachten viele Farben in seine

grüne Gleichförmigkeit, rote Dächer und weiße Rauchwolken, aus kühn

emporstrebenden Schloten hervorquellend, einer regen Industrie fröhliche

Banner.

 

Außer diesen beiden großen Gegensätzen zeigt der Berg aber noch viele

anderer Art. Hier, wo die düstere Fichte herrscht, ähnelt er dem Oberharze;

nebenan, wo die Buche das große Wort führt, gleicht er den Weserbergen, und

weiterhin, da wo Buche und Eiche sich mengen und ein Bach rieselt, erinnert er

an die Bergwälder Thüringens. Dann aber wieder tritt die Kiefer auf

heidwüchsigen Flächen auf, und wer die Beschaffenheit des Bodens nicht

beachtet und die Steine übersieht, der könnte meinen, er sei in einem der

hochgelegenen Geestwälder der Lüneburger Heide, vorzüglich im Vorherbste,

wenn der Honigbaum blüht.

 

Aber auch um die jetzige Zeit kann man sich dort in die Heide träumen, weil

gerade so wie dort das düstere Gezweig der Kiefern goldene Schossen treibt und

über den heidwüchsigen Rodungen die Birke ihr grünes Blättergeflatter bewegt,

während rundumher der Baumpieper schmettert, im Dickicht Haubenmeisen

zwitschern und kollern, der Laubvogel sein wehmütiges Lied flötet und von der

blauen Höhe eine Heidlerche süß singt. Ganz so wie in der fernen Heide blitzen

goldgrüne Käfer über die sonnigen Schneisen, tanzen die krausen Schatten der

Kiefern auf der weißen Fahrstraße, schweben düstere Falter über das spitze Gras.

 

Der Eindruck bleibt auch noch im raumen Stangenorte, dessen Boden bunt ist

von den hellgrünen Bickbeerensträuchern und dem rostroten Dürrlaube des

Adlerfarns. In allen Kronen piepsen unsichtbare Goldhähnchen, überall leuchten

die roten Mordwespen, der Wind erfüllt den Wald mit dem behäbigen Gebrumme, wie es nur die Kiefer kann, und die Sonne entlockt ihm den eigenen

Duft von Kien und Juchten, den nur der Heidwald ausströmt.

 

Dann, auf einmal, ist etwas da, was nicht in den Heidwald gehört. Ein großer,

rostroter Falter fegt mit wildem Zickzackfluge über das leuchtende

Bickbeergrün, hastet zwischen den rotschimmernden Stämmen hindurch, saust

über das schattige Gestell, taumelt an den Birken vorbei und verschwindet dort,

wo das lachende Laub einer Buche auftaucht. Denn das ist sein, des

Hammerschmieds, Baum; mit den Kiefern und Birken will der seltsame

Schmetterling nichts zu tun haben, der auf den Flügeln in blauen Feldern vier

weiße Halbkreuze trägt. Die Buche ist sein Baum und wo sie herrscht, da ist

seine Heimat. Ihr strebt er zu.

 

Jäh bricht der Kiefernwald ab und macht dem Buchenwalde Platz. Hier und da

hat sich noch eine Kiefer vorgewagt, einige Birken ringen sich zum Lichte, eine

Eiche schafft sich mit rücksichtslosen Ästen Raum, aber weiterhin herrscht der

grüne Schatten, den nur die Buche gibt, der keiner Blume, es sei denn, daß sie

sich von Moder nährt, das Leben gönnt, der alles grüne Leben am Boden in

muffigem Fallaube erstickt. Verschwunden sind die frohen Käfer und die

lustigen Schmetterlinge, verhallt sind des Piepers und der Goldhähnchen Lieder;

eines einzelnen Finken Schlag klingt verloren in der Stille und ein Häherruf

unterbricht auf einen Augenblick das schwere Schweigen.

 

Hart neben dem Buchenwalde erhebt sich wie eine schwarze Mauer das

Fichtenaltholz, kalt und tot wie ein Gefängnis. Lautlos treten die Füße über die

weichen, braunen Matten des Bodens. Hier und da ist ein heller Fleck, als fiele

aus einem Dachfenster ein karges Licht, und läßt ein Büschlein Schattengrases,

einen Bickbeerenhorst, eines Farnes frohes Blattwerk weithin wirken. Oder es

fällt von obenher ein Vogelruf in das kalte Schweigen oder ein langer blauer

Sonnenstrahl überschneidet schräg die düsteren Stämme, bemalt sie mit Gold,

macht aus dem toten Zweigwerk ein silbernes Netz und aus dem Bock, der

langsam dahinzieht, ein fabelhaftes Wesen von lodernder Glut.

 

Dort aber, wo das Bächlein sich abhastet, um aus dem Bergwalddunkel in das

lachende Land zu kommen, springen die Hainbuchen hinzu und stellen sich

rechts und links daneben, damit es sich vor den ernsten Fichten nicht allzusehr

grusele. Sie spreizen ihre Zweige weit von sich, damit der Mönch und

Zaunkönig etwas Sonne haschen können und nicht ganz ihre kecken Lieder

verlernen, und auf daß dort auch allerlei gutes Kraut wachsen könne, damit Has

und Reh bei Tage Äsung finden.

 

Hinter dem Bache, wo die Talwand steil emporstrebt, ist ein wilder Kampf zwischen allen Bäumen, die es im Berge gibt. Da zanken sich Buche und Kiefer

um den besten Platz, und während sie streiten, schleicht sich die Birke zwischen

sie, und auch die Lärche findet sich ein, bis dann wieder die Eiche hinzutritt und

die anderen beiseite schiebt. Und während sich die großen Herren balgen, hat es

das kleine Volk gut, und so sprießt Pfeifengras und Adlerfarn, Bickbeere und

Eberesche, Heidecker und Siebenstern, weil die uneinigen Bäume ihnen nicht,

wie im geschlossenen Bestande, alles Licht und jedes bißchen Luft wegnehmen.

 

Darum gefällt es der Amsel dort auch so ausnehmend und der Graudrossel

nicht minder, Mönch und Zaunkönig und Fink sagt es dort ganz besonders zu

und die drei Vettern, der schwirrende Laubvogel des Buchenwaldes, der

Weidenlaubvogel aus dem Birkengebüsch und des Kiefernwaldes Fitis finden

sich hier zusammen und veranstalten einen ergötzlichen Gesangswettstreit; aber

die Finken übertönen sie, des Rotkehlchens silberhelles Lied kommt auch noch

voll zur Geltung, von der Blöße her mischt sich die Braunelle ein, der Pieper

macht sich kräftig bemerkbar und das Geplauder des Grauhänflings bringt neues

Leben hinzu.

 

Oben auf der Rodung ist eine andere Welt. Die Sonne liegt auf der weiten,

ringsum von dunklen Fichten eingefaßten Blöße und es ist still und verlassen

dort. Aus himmelhoher Luft kommt eines Seglers spitziger Ruf, irgendwo lockt

traurig ein Vogel, ein weißer Schmetterling flattert, wie verängstet, über die

Ödnis, und der grüne Buchenhorst sieht aus, als hätte sich Bäumchen an

Bäumchen gedrückt, aus Furcht vor der Einsamkeit, die von allen Seiten auf sie

eindringt. Unheimlich klingt vom fernen Tann des Taubers dumpfer Ruf.

 

Doch hinter der blanken Blöße, wo ein Hohlweg den Boden zerschneidet, an

dessen Abhängen Farne winken, Silberweiden schimmern und der Bergholder

mit lichten Dolden prahlt, oder dort, wo ein Eichenhain mit lustiggrünenden

Ästen sich lichtet, und hier, wo die Buchen so weit stehen, daß die Sonne über

den Boden Macht hat, oder dort, wo der alte Steinbruch gähnt, und weiterhin, wo

fleißige Hände im neuen Bruche schaffen und unfern davon der Wald vor dem

Abhange zurückprallt und von grasiger, hellgeblümter Halde der Blick hinunter

in das Tal und hinüber zu den Bergketten reicht, da ist trotz aller

Bergwaldheimlichkeit Leben, und trotz des Lebens Waldheimlichkeit.

 

Wenn auch Maschinenwerk knarrt und klappert oder froher Wanderer

Stimmen von der Wirtschaft herschallen, ein Viertelstündchen weiter ist wieder

die Einsamkeit zu finden mit Wipfelrauschen, Bussardruf und Vogellied, wo nur

die reihenweise Gliederung des Waldes, die Wegeführung und die Wagenspur

von Menschen und Menschenwerk reden und den Wanderer nicht zu jenem bedrückenden Gefühle der Verlassenheit kommen lassen, das ihn beschleicht,

schweift er im pfadlosen Moore oder in der ungeteilten Heide. Er weiß, daß der

Weg ihn zu Menschen bringt, ihn zum Abhange des Berges führt, dorthin, wo

sich Ort an Ort reiht, an den Südhang oder dahin, wo tief im Tale der Aue die

Straße von Dorf zu Dorf geht.

 

Und so wird der Berg jedem gerecht, der ihn aufsucht. Der menschenmüde

Waldfahrer kann stundenlang schweifen ohne gestört zu werden, und der frohe

Wanderer kann sich des stillen Waldes freuen, während vom Hange her rote

Dächer ihn grüßen und vom Tale aus der Pfiff der Dampfpfeife und das Rollen

der Räder ihm meldet, daß ein kurzer Weg ihm wieder Gesellschaft bringe.