Mein buntes Buch, Naturschilderungen
Der Bergwald.
Zwei Gesichter hat der Berg. Ernst ist sein Südabhang. Kein Ort unterbricht die
grüne Gleichförmigkeit seines steilen Hanges. So unnahbar sieht er aus, daß
keine der bunten Ortschaften im Auetale es wagte, sich ihm zu nähern: sein
ernstes Gesicht jagte sie nach den Weserbergen hin.
Ein ganz anderes Antlitz hat der Berg nach Norden hin; da ist nichts von
Unnahbarkeit, von abweisender Schroffheit zu spüren. In langsamen Absätzen
steigt er zu Tal und so kletterten die Ansiedlungen hoch an ihm empor, trieben
ihre Häuser, Äcker und Felder in seinen Wald und brachten viele Farben in seine
grüne Gleichförmigkeit, rote Dächer und weiße Rauchwolken, aus kühn
emporstrebenden Schloten hervorquellend, einer regen Industrie fröhliche
Banner.
Außer diesen beiden großen Gegensätzen zeigt der Berg aber noch viele
anderer Art. Hier, wo die düstere Fichte herrscht, ähnelt er dem Oberharze;
nebenan, wo die Buche das große Wort führt, gleicht er den Weserbergen, und
weiterhin, da wo Buche und Eiche sich mengen und ein Bach rieselt, erinnert er
an die Bergwälder Thüringens. Dann aber wieder tritt die Kiefer auf
heidwüchsigen Flächen auf, und wer die Beschaffenheit des Bodens nicht
beachtet und die Steine übersieht, der könnte meinen, er sei in einem der
hochgelegenen Geestwälder der Lüneburger Heide, vorzüglich im Vorherbste,
wenn der Honigbaum blüht.
Aber auch um die jetzige Zeit kann man sich dort in die Heide träumen, weil
gerade so wie dort das düstere Gezweig der Kiefern goldene Schossen treibt und
über den heidwüchsigen Rodungen die Birke ihr grünes Blättergeflatter bewegt,
während rundumher der Baumpieper schmettert, im Dickicht Haubenmeisen
zwitschern und kollern, der Laubvogel sein wehmütiges Lied flötet und von der
blauen Höhe eine Heidlerche süß singt. Ganz so wie in der fernen Heide blitzen
goldgrüne Käfer über die sonnigen Schneisen, tanzen die krausen Schatten der
Kiefern auf der weißen Fahrstraße, schweben düstere Falter über das spitze Gras.
Der Eindruck bleibt auch noch im raumen Stangenorte, dessen Boden bunt ist
von den hellgrünen Bickbeerensträuchern und dem rostroten Dürrlaube des
Adlerfarns. In allen Kronen piepsen unsichtbare Goldhähnchen, überall leuchten
die roten Mordwespen, der Wind erfüllt den Wald mit dem behäbigen Gebrumme, wie es nur die Kiefer kann, und die Sonne entlockt ihm den eigenen
Duft von Kien und Juchten, den nur der Heidwald ausströmt.
Dann, auf einmal, ist etwas da, was nicht in den Heidwald gehört. Ein großer,
rostroter Falter fegt mit wildem Zickzackfluge über das leuchtende
Bickbeergrün, hastet zwischen den rotschimmernden Stämmen hindurch, saust
über das schattige Gestell, taumelt an den Birken vorbei und verschwindet dort,
wo das lachende Laub einer Buche auftaucht. Denn das ist sein, des
Hammerschmieds, Baum; mit den Kiefern und Birken will der seltsame
Schmetterling nichts zu tun haben, der auf den Flügeln in blauen Feldern vier
weiße Halbkreuze trägt. Die Buche ist sein Baum und wo sie herrscht, da ist
seine Heimat. Ihr strebt er zu.
Jäh bricht der Kiefernwald ab und macht dem Buchenwalde Platz. Hier und da
hat sich noch eine Kiefer vorgewagt, einige Birken ringen sich zum Lichte, eine
Eiche schafft sich mit rücksichtslosen Ästen Raum, aber weiterhin herrscht der
grüne Schatten, den nur die Buche gibt, der keiner Blume, es sei denn, daß sie
sich von Moder nährt, das Leben gönnt, der alles grüne Leben am Boden in
muffigem Fallaube erstickt. Verschwunden sind die frohen Käfer und die
lustigen Schmetterlinge, verhallt sind des Piepers und der Goldhähnchen Lieder;
eines einzelnen Finken Schlag klingt verloren in der Stille und ein Häherruf
unterbricht auf einen Augenblick das schwere Schweigen.
Hart neben dem Buchenwalde erhebt sich wie eine schwarze Mauer das
Fichtenaltholz, kalt und tot wie ein Gefängnis. Lautlos treten die Füße über die
weichen, braunen Matten des Bodens. Hier und da ist ein heller Fleck, als fiele
aus einem Dachfenster ein karges Licht, und läßt ein Büschlein Schattengrases,
einen Bickbeerenhorst, eines Farnes frohes Blattwerk weithin wirken. Oder es
fällt von obenher ein Vogelruf in das kalte Schweigen oder ein langer blauer
Sonnenstrahl überschneidet schräg die düsteren Stämme, bemalt sie mit Gold,
macht aus dem toten Zweigwerk ein silbernes Netz und aus dem Bock, der
langsam dahinzieht, ein fabelhaftes Wesen von lodernder Glut.
Dort aber, wo das Bächlein sich abhastet, um aus dem Bergwalddunkel in das
lachende Land zu kommen, springen die Hainbuchen hinzu und stellen sich
rechts und links daneben, damit es sich vor den ernsten Fichten nicht allzusehr
grusele. Sie spreizen ihre Zweige weit von sich, damit der Mönch und
Zaunkönig etwas Sonne haschen können und nicht ganz ihre kecken Lieder
verlernen, und auf daß dort auch allerlei gutes Kraut wachsen könne, damit Has
und Reh bei Tage Äsung finden.
Hinter dem Bache, wo die Talwand steil emporstrebt, ist ein wilder Kampf zwischen allen Bäumen, die es im Berge gibt. Da zanken sich Buche und Kiefer
um den besten Platz, und während sie streiten, schleicht sich die Birke zwischen
sie, und auch die Lärche findet sich ein, bis dann wieder die Eiche hinzutritt und
die anderen beiseite schiebt. Und während sich die großen Herren balgen, hat es
das kleine Volk gut, und so sprießt Pfeifengras und Adlerfarn, Bickbeere und
Eberesche, Heidecker und Siebenstern, weil die uneinigen Bäume ihnen nicht,
wie im geschlossenen Bestande, alles Licht und jedes bißchen Luft wegnehmen.
Darum gefällt es der Amsel dort auch so ausnehmend und der Graudrossel
nicht minder, Mönch und Zaunkönig und Fink sagt es dort ganz besonders zu
und die drei Vettern, der schwirrende Laubvogel des Buchenwaldes, der
Weidenlaubvogel aus dem Birkengebüsch und des Kiefernwaldes Fitis finden
sich hier zusammen und veranstalten einen ergötzlichen Gesangswettstreit; aber
die Finken übertönen sie, des Rotkehlchens silberhelles Lied kommt auch noch
voll zur Geltung, von der Blöße her mischt sich die Braunelle ein, der Pieper
macht sich kräftig bemerkbar und das Geplauder des Grauhänflings bringt neues
Leben hinzu.
Oben auf der Rodung ist eine andere Welt. Die Sonne liegt auf der weiten,
ringsum von dunklen Fichten eingefaßten Blöße und es ist still und verlassen
dort. Aus himmelhoher Luft kommt eines Seglers spitziger Ruf, irgendwo lockt
traurig ein Vogel, ein weißer Schmetterling flattert, wie verängstet, über die
Ödnis, und der grüne Buchenhorst sieht aus, als hätte sich Bäumchen an
Bäumchen gedrückt, aus Furcht vor der Einsamkeit, die von allen Seiten auf sie
eindringt. Unheimlich klingt vom fernen Tann des Taubers dumpfer Ruf.
Doch hinter der blanken Blöße, wo ein Hohlweg den Boden zerschneidet, an
dessen Abhängen Farne winken, Silberweiden schimmern und der Bergholder
mit lichten Dolden prahlt, oder dort, wo ein Eichenhain mit lustiggrünenden
Ästen sich lichtet, und hier, wo die Buchen so weit stehen, daß die Sonne über
den Boden Macht hat, oder dort, wo der alte Steinbruch gähnt, und weiterhin, wo
fleißige Hände im neuen Bruche schaffen und unfern davon der Wald vor dem
Abhange zurückprallt und von grasiger, hellgeblümter Halde der Blick hinunter
in das Tal und hinüber zu den Bergketten reicht, da ist trotz aller
Bergwaldheimlichkeit Leben, und trotz des Lebens Waldheimlichkeit.
Wenn auch Maschinenwerk knarrt und klappert oder froher Wanderer
Stimmen von der Wirtschaft herschallen, ein Viertelstündchen weiter ist wieder
die Einsamkeit zu finden mit Wipfelrauschen, Bussardruf und Vogellied, wo nur
die reihenweise Gliederung des Waldes, die Wegeführung und die Wagenspur
von Menschen und Menschenwerk reden und den Wanderer nicht zu jenem bedrückenden Gefühle der Verlassenheit kommen lassen, das ihn beschleicht,
schweift er im pfadlosen Moore oder in der ungeteilten Heide. Er weiß, daß der
Weg ihn zu Menschen bringt, ihn zum Abhange des Berges führt, dorthin, wo
sich Ort an Ort reiht, an den Südhang oder dahin, wo tief im Tale der Aue die
Straße von Dorf zu Dorf geht.
Und so wird der Berg jedem gerecht, der ihn aufsucht. Der menschenmüde
Waldfahrer kann stundenlang schweifen ohne gestört zu werden, und der frohe
Wanderer kann sich des stillen Waldes freuen, während vom Hange her rote
Dächer ihn grüßen und vom Tale aus der Pfiff der Dampfpfeife und das Rollen
der Räder ihm meldet, daß ein kurzer Weg ihm wieder Gesellschaft bringe.