Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 27 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Der Fichtenwald.

 

 

Die Morgensonne steigt rund und rot über die verschneiten Kuppen; der

Bergwald erwacht.

 

Lärmend fliegen die Krähen zu Tale, Häher flattern kreischend von Baum zu

Baum, Goldfinken flöten im Unterholze, Zeisige zwitschern dahin, überall ertönt

das Geklingel der Meise und das Gewisper der Goldhähnchen, zwischendurch

auch das schneidende Gezeter der Amsel, die den zu seinem Bau schleichenden

Fuchs erspäht hat.

 

Die Frostnebel weichen von der Bergwand, goldig erglänzen die

Schneehänge, rosig färben sich die bereiften Fichten, silbern blitzt unter der

Felswand der Wildbach. Da leidet es den Zaunkönig nicht, der im Ufergebüsche

umherschlüpft; keck schmettert er sein Liedchen, und auch die Wasseramsel, die

mitten im Bache auf einem gischtumrauschten Blocke sitzt, singt fröhlich die

Sonne an.

 

Auf einmal singt es lustig hier aus dem Wipfel, und da und dort, hüben und

drüben, nah und fern, laute und leise Locktöne erschallen, helle und tiefe, spitze

und runde, und von Fichte zu Fichte fliegen rote und grünlichgelbe Vögel,

hängen sich an die Äste, klettern an den Zweigen umher, schlüpfen dahinter,

tauchen wieder auf, machen sich an den schimmernden Zapfen zu schaffen,

zerklauben die größeren, kneifen die kleineren ab, sind emsig beim Fressen,

putzen dazwischen ihr Gefieder, schnäbeln sich ein bißchen, zanken sich ein

wenig und haben sich, als wäre es Mai.

 

Kreuzschnäbel sind es, die seltsamen Vögel, die hier zwischen Eis und Schnee

ihre Brut aufziehen. Über hundert Paare haben sich die Wand hier als Brutstätte

gewählt. Unstet waren sie in kleineren Trupps seit dem Frühsommer

umhergestrichen, hatten bald oben in den Bergen, bald unten im Lande gelebt,

bis um die Weihnachtszeit ein Flug die reichtragenden Fichten an dem sonnigen

Abhange entdeckte und sich dort ansiedelte. Andere Rotten, die vorüberstrichen,

fanden sich dazu, und wenn es auch anfangs ein großes Gezanke um die

Weibchen und ein bitteres Gezerre um die Neststände gab, mit der Zeit vertrug

man sich hierum und darum.

 

Schneidend pfiff oft der Wind an dem Hang entlang, wild wirbelte der Schnee

und hüllte die Fichten ein; die Kreuzschnäbel kümmerte es wenig. So fest und dick blieb er auf den Zweigen nicht liegen, daß er die Samenzapfen verdeckte,

und sobald die Sonne ein wenig schien, sangen die purpurroten Männchen den

grünlichgelben Weibchen lustig ihre Lieder vor, und beide brachen dann fleißig

dürre Reiserchen, Heidkrautzweige und Grasblätter für die Außenwand des

Nestes, das sie dann mit Moos und Flechten auspolsterten, daß es so dick und so

fest und so weich und so warm wurde, wie es nötig ist, daß der Frost nicht bis zu

den Eiern gelangen konnte.

 

Gut versteckt waren die Nester auch in den dichten Zweigen, und fest genug

hineingebaut. Mochte der Schnee auch noch so hart treiben, er kam höchstens

mit einigen feinen Stäubchen bis zu den brütenden Weibchen hin. Und damit die

Eier nicht kalt wurden, fütterte jedes Männchen sein Weibchen, so daß es das

Nest nicht zu verlassen brauchte, als höchstens dann, wenn die Mittagssonne

ganz warm schien und es sich sein Gefieder zurechtzupfte, es vom Harze

reinigte und sich ein bißchen Bewegung machte. Während nun rundumher das

Land im Schnee begraben lag und außer dem Gebimmel der Meisen und dem

Gezirpse der Goldhähnchen oder einem Krähenschrei und einem Häherruf kein

Laut zu hören war, entstand in den hundert und mehr verborgenen Nestern neues

Leben.

 

Nun, wo der Winter nachts noch mit voller Macht hier am Berge herrscht, die

Sonne aber schon größere Kraft hat und oft genug den Schnee über Mittag zum

Tauen und Tröpfeln bringt, verlassen die jungen Kreuzschnäbel die Nester und

wagen sich auf die Zweige hinaus, wo sie eng aneinandergedrängt sitzen, bis

einer der alten Vögel herannaht und sie gierend und mit den Flügeln zitternd sich

ihm entgegendrängen, um sich den Schlund mit angequollenem Fichtensamen

vollstopfen zu lassen. Der Frost macht hungrig, und so haben die alten Vögel

von Sonnenaufgang bis zum Abend hin genug zu tun, um die drei oder vier

immer freßlustigen Jungen sattzumachen.

 

Jeder von ihnen hat einen Fichtenzapfen vor und zerspellt mit dem

sonderbaren Schnabel die harten, festanliegenden Schuppen, löst mit der Zunge

das winzige Samenkorn heraus und läßt es in den Kropf rutschen. Hier hängt ein

altes Weibchen kopfüber an einem Zapfen und bearbeitet ihn, daß es in

einemfort leise knistert und immerzu winzige Teile der Schuppen, wie Goldstaub

blitzend, auf den Schnee am Boden wirbeln, der davon und von den

abgestreiften Nadeln und Flechten schon ganz buntgefärbt ist. Dort kneift ein

purpurrotes Männchen einen kleinen Zapfen ab, trägt ihn mit dem Schnabel nach

einem bequemen Ast und leert ihn da aus. Überall gieren die hungrigen Jungen,

hier und da und dort zittern sie mit den Flügeln, in einemfort rieseln Nadeln herab, stäubt Schnee herunter, rundumher ertönt das seltsame Locken der alten

Vögel und ab und zu das lustige Gezwitscher eines Hahnes, der auf einem

Wipfeltriebe sitzt, daß sein rotes Gefieder in der Sonne nur so leuchtet.

 

Noch eine oder zwei Wochen wird das lustige Treiben und das bunte Leben

hier oben in den hohen Wipfeln anhalten. Dann aber, wenn die Sonne den

Schnee von der Bergwand vertreibt, wenn der Seidelbast sich mit rosenroten

Blütchen schmückt und der Nießwurz seine grünlichen Blumen entfaltet, wenn

die Meisen sich auf ihre Lieder besinnen und der Fink zu schlagen beginnt,

werden die jungen Kreuzschnäbel flügge sein und mit den Alten von dannen

ziehen, irgendwohin, wo die Fichten genügend tragen. Heute werden sie da sein,

morgen dort, und um die Zeit, wenn alle anderen Vögel sich seßhaft machen und

ihre Brut aufziehen, unstet und flüchtig hin und her wandern, wie die Zigeuner.

 

Irgendwo werden sie zur Winterszeit sich einen Wald suchen, wo sie Nahrung

genug finden, entweder hier oben in den Bergen oder unten im Lande, je

nachdem hier oder dort der Fichtensamen gerät. Vielleicht werden sie in eine

Gegend verschlagen im flachen Lande, wo sie sonst nicht leben, und wenn sie

dort um die Weihnachtszeit einen Wald mit unbekannten Farben und fremden

Stimmen beleben, wird das Volk sie mit besorgten Mienen betrachten und

meinen, sie brächten Krieg, Seuche und Teuerung.