Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 22 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Der Quellbrink.

 

Oben auf dem Kopfe des Heidberges herrschen Magerkeit und Dürre.

 

Zwei alte, hohe, krummgewachsene Föhren stehen dort, ein halbes Dutzend

schiefer Birken und eine Menge spitzer oder krauser, alter und junger

Machandeln.

 

Wo nicht der gelbe, an buntem Geschiebe überreiche Sand zutage tritt,

bedeckt der Schafschwingel mit bläulichgrünen Borsten den Boden oder andere

büschelige Gräser, brechdürres silbergraues Renntiermoos und sparsam

blühendes, von den Schnucken niedriggehaltenes Heidkraut.

 

Selbst wenn es tagelang geregnet hat und der Wind streicht hinterher nur

einige Stunden über den Heidberg, sieht es da so dürr und so trocken aus wie

vordem. Doch die kräftigen Eichen, die beiden mächtigen Buchen und die

stattlichen Fichten, die den an der Flanke des Hügels gelegenen alten

Schafkoben beschützen, beweisen, daß der Berg nicht so wasserarm ist, wie es

den Anschein hat, und einige hundert Schritte davon sieht es schon anders aus.

 

Da ist die Heide kniehoch und mit Doppheide gemischt, und zwischen den

runden Bülten zeigen sich kleinere und größere, nackte, schmierige Flächen

schwarzbraunen Moorbodens. Stellenweise macht die Heide dem Wollgrase und

dem Moorhalme Platz, ist immer mehr mit Torfmoos durchflochten, wird immer

nasser, bis sie schließlich hinter den hohen Wacholdern, krummen Birken und

krüppelhaften Föhren zu einem einzigen großen Quellbrinke wird, auf dem es

überall quillt und träufelt und rieselt und fließt von dem klarsten Wasser.

 

Hier steht eine alte, windschiefe Eiche mit wunderlich gebogenem Gezweige.

Unter ihren seltsam gestalteten knorrigen, dicht mit den Wedeln des Engelsüß

bedeckten Tagwurzeln trieft und tröpfelt es unablässig und bildet einen schmalen

Wasserfaden, der sich hier mit einem anderen vereinigt, der zwischen einem

hohen, ulkig geformten Machandel und einer putzigen, krummen Fichte

hervorkommt, und der bei der alten, dicken, wie eine riesige Harfe aussehenden

Hängebirke zwei andere aufnimmt und mit ihnen zusammen einen kleinen, tief

in das Torfmoos eingeschnittenen, vielfach gekrümmten Wasserlauf bildet, der in

einem Quellbecken mit schöngeschwungener Borde endigt.

 

So klein dieser Tümpel ist, so reizend ist er. An dem einen Ufer faßt ihn

hellgrünes, an dem anderen goldgelbes, blutrot gemustertes Torfmoos ein. Seine Ränder sind ganz dicht mit den lichtgrünen spitzen Blättern des Beinheils

besäumt, das mit grünlichgelben, kupferrot angelaufenen Fruchtrispen

geschmückt ist. Die Einschnitte des Beckens, die von den eindringenden

Wasserfäden gebildet sind, füllen die purpurnen, silbern glitzernden Blattbüschel

des großen Sonnentaues aus. Auf dem weißen Sande, der den Boden des

Beckens bildet und in dem es an einigen Stellen fortwährend quillt und wühlt,

schlängeln sich wie große Würmer die schwarzgrünen oder rostroten Ranken des

Quellmooses.

 

In der Mitte des Quellkumpes hat sich aus dem Stumpfe einer alten Eiche eine

hohe, runde, aus blutrotem, am Rande goldgrünem und gelbem Torfmoose

gewachsene Insel gebildet, in deren Mitte ein hoher, spitzer Fubusch wächst,

dessen harte, dornige Blätter das Sonnenlicht in silbernen Blitzen zurückgeben.

Das Torfmooskissen unter ihm ist von der Moosbeere durchflochten, aus deren

zierlichem Laube die roten Beeren hervorfunkeln. Hohe, bleiche Simsen mit

silberigen Blüten heben sich von dem starren Blattwerke des stolzen Strauches

wirksam ab und ein großer Fliegenpilz lodert davor, wie eine glühende Flamme.

 

Alte Machandeln umgeben im Kreise die Quelle, als hüteten sie ein

Geheimnis. Einige davon bestehen aus einem einzigen Stamme, der in einem

spitzen Wipfel oder in eine runde Krone ausläuft, andere sind aus vielen, auf

gespenstige Weise verreckten Stämmen gebildet, oder auf putzige Art verbogen

und in ulkiger Weise gestaltet. Zwischen ihnen wuchert das Torfmoos in

fußhohen, nassen Polstern, von der Doppheide überragt, die dort, wo es

trockener ist, der Sandheide Platz machen muß, die sich hier zu drei Fuß hohen

Sträuchern entwickelt hat, um deren reiche Blütenfülle es von Bienen summt

und brummt, zwischen denen hier und da ein zierlicher blauer Falter flattert.

 

Aus der Quelle quält sich ein schmales Wässerchen unter dem Mooskissen

her, bekommt von allen Seiten Zulauf und bildet bald darauf wieder ein Becken,

in dessen Sandgrunde es heftig wogt und wirbelt und dessen bleichgelbe und

blutrot gesprenkelte Moosufer von zwei herrlichen großen Königsfarnen

beschattet werden, zwischen denen sich ein putzwunderlich gewachsener

Schneeballstrauch mit rot angelaufenen Blättern und scharlachfarbigen Beeren

hervorwindet, und unter ihm ein Faulbaumbusch, ganz und gar mit schwarzen

blanken Früchten behangen. Vor dem Abflusse dieses Beckens wuchert die

zierliche Krötenbinse und bildet ein kleines, tief blutrotes Beet auf dem nassen

Sande, und mitten zwischen ihr sitzt ein knallgrüner Laubfrosch und meckert

lustig, während über dem Tümpel eine große, himmelblaue Wasserjungfer auf

und ab schießt und bei jeder Wendung mit den goldbraunen Flügeln laut knistert.

Unter diesem Becken steigt der Boden an, so daß das Wasser seitabwärts sich

seinen Weg suchen muß. Nach der einen Seite müht es sich durch ein

verworrenes Machandeldickicht hin, um, sobald die Büsche ihm Raum lassen,

einen winzigen Teich mit steilen Mooswänden zu bilden, der noch von vier

Seiten Zufluß bekommt. Zwischen den beiden oberen Rinnsalen liegt ein

mächtiger Findelstein aus weißlichem Granit, hinter dem sich ein alter,

vielverästelter Rosenbusch hervorreckt, der so dicht mit dicken scharlachroten

Früchten bedeckt ist, daß das Blattwerk dazwischen fast verschwindet, und unter

dem Steine sprießen die hellgrünen Wedel eines zierlichen Farns aus dem

blutroten fußhohen Moospolster hervor, auf dem ein grellgestreifter Moorfrosch

hockt, der ab und zu die rote Zunge nach einer Mücke oder Fliege vorschnellt,

blitzschnell sich dabei umdrehend. Da diese Quelle in der vollen Sonne liegt,

flirrt und flattert es von vielen goldenen und roten Schillebolden über ihrem

Spiegel, der rundherum unter dem Moose von den schirmförmigen runden

Blättern des Wassernabels umschlossen wird.

 

Der andere Wasserlauf, der aus dem oberen Becken hervortritt und sich dann

im tiefen Moose verläuft, hat einstmals auch einen offenen Pump gebildet; da er

aber ganz von Weidengebüsch umschlossen ist, so wuchs einmal das Moos so

üppig, daß es ihn bis auf ein tiefes Wasserloch zudeckte, und dann siedelte sich

das Schweineohr in ihm an und wucherte so stark, daß es ihn ganz ausfüllte, so

daß nichts mehr von ihm zu sehen ist, sondern er gänzlich verschwunden ist

unter dem hohen und dichten Gewirre von dicken, fleischigen Stengeln, breiten,

saftigen Blättern und großen, weißen Blüten, von denen manche schon zu dicken

Fruchtkolben geworden sind, deren feuerrote Giftfarbe seltsam von dem

Untergrunde absticht. In diesem feuchten, kühlen Grunde lagert sich das

Birkwild gern, wenn es gar zu heiß ist, und äst sich an den Früchten der

Moosbeere, die die nassen Polster unter den Weidenbüschen dicht berankt hat.

 

Rund um das Buschwerk ist der Boden mit fußhohem Moose, Wollgras und

Farnkraut bedeckt, und ist selbst im heißesten Sommer immer naß. Dann hebt er

sich zu einer dicht mit Machandeln bestockten, heidwüchsigen Sandwelle, aus

deren anderer Seite ein halbes Dutzend Wässerchen herausquellen, die ein

weites, offenes und tiefes Becken bilden, das von der Höhe her noch drei

Zuflüsse bekommt. Die Ufer dieses Pumpes sind stellenweise recht steil und tief

eingeschnitten. Auf den moosigen Landzungen recken stolze Farnen ihre

Wedeltrichter und in den oberen Buchten wuchern Beinheil und Sonnentau, in

den unteren ein hellgrünes Laichkraut, das sich mühsam aus dem angespülten

Sande hervorarbeiten muß. Am Kopfe des Beckens steht eine junge, krumme,

von einem alten Gaisblattbusche halb erdrosselte Eiche, die eine Unmenge wachsgelb und hellrot gemusterter Blumenbüschel trägt, zwischen denen die

Beeren wie Rubine funkeln. In dem Gewirre des Busches hat der Hänfling sein

Nest, der auf dem Gipfel des hohen, spitzen Machandels, der gegenüber der

Eiche auf der anderen Seite der Quelle steht, lustig schwatzt, aber nun dem

Raubwürger Platz machen muß, der von da aus auf eine Maus lauert.

 

Die Abflüsse dieses Beckens rinnen um drei schlanke Birken her, bilden

zwischen einem halben Hundert alter Machandeln ein kleines Moor, das von der

Sandheide rosenrot gefärbt und von den dürren Blüten der Doppheide rostrot

gesprenkelt ist, und treten dann wieder in allerlei von Porstbüschen, Weiden und

Brombeeren umwucherten und vom Torfmoose halb erstickten Tümpeln heraus,

deren Wässer sich unter der Erde sammeln und bei einer vom Blitze der halben

Krone beraubten kernfaulen Eiche einen kleinen, drei Fuß tiefen Teich entstehen

lassen, bei dem sieben hohe spitze Machandeln Wache halten, und in dem ein

krummer Ebereschenbaum seine roten Früchte spiegelt. Der weiße Grund des

Pumpes ist in fortwährender Bewegung; bald hier, bald da öffnet er sich und ein

silberner Strudel quillt daraus hervor und bewegt die langen, rosenroten

Wasserwurzeln der Ellernstockausschläge, die die Ufer umgeben, hin und her.

Allerlei schöne Blumen blühen hier, blaue Enzianen und Knaulen, gelber

Weiderich und Hahnenfuß, weiße Dolden und Spierstauden und hohe

Sumpfdisteln, um deren rote Köpfe die Hummeln brummen und weiße und

rostrote Falter flattern, und auf die vielerlei Fliegen, die hier surren, macht die

schlanke Waldeidechse Jagd, die sich auf dem Goldmoospolster an dem Fuße

der Eiche sonnt.

 

Noch eine ganze Anzahl von quelligen Tümpeln, Wasserlöchern und Kuhlen

sind über den Quellbrink zerstreut, dem eigenartigsten Fleckchen Land, das es

hier weit und breit gibt, und das dem, der es oft besucht, jedesmal neue

Überraschungen bietet. Denn hier schlüpft die Schlingnatter, lauert der Eisvogel,

zwitschert die Wasserspitzmaus; der Hase scharrt sich sein Lager unter dem

Machandel und der Bock birgt sich im Weidicht; gern pirscht der Fuchs hier, das

Raubwiesel stellt den jungen Wiesenpiepern und die Otter den Mäusen nach,

Sperber, Habicht, Lerchenfalk suchen hier nach Raub, auch die Kornweihe und

die Eule, und wenn nachts das Rotwild aus dem Forst tritt und zu Felde zieht,

tränkt es sich gern an den klaren Quellen, und in aller Frühe schleicht der

Waldstorch dort umher, der heimliche Vogel aus der wilden Wohld da hinter dem

Bruche.

 

Immer ist es schön hier und reich an allerlei Leben, sowohl im Vorfrühling,

wenn der Porst aufbricht und die Moormännchen zirpen, späterhin, wenn das Wollgras weiße Wimpelchen wehen läßt und die Heidlerche singt, zur Heuezeit,

wenn die Doppheide anfängt zu blühen und das Beinheil mit goldenen,

rotgezierten Sternchen bedeckt ist, die betäubend nach Honig riechen, im

Erntemond, wenn die Immen um die blühenden Heidbüsche summen, und noch

später, wenn die Birken wie goldene Springbrunnen im Winde wallen und die

Krammetsvögel scharenweise auf den Machandelbüschen einfallen.

 

Sogar wintertags, wenn der Schnee auf der Heide liegt und Rauhreif die

Bäume und Sträucher eingesponnen hat, lohnt es sich, den Quellbrink zu

besuchen, dessen viele Wässerchen auch um diese Zeit nicht erstarren, sondern

zwischen Eis und Schnee aus dem Boden quellen und sich sammeln und

schließlich zu dem Bächlein werden, daß sich dort unten durch die Wiesen

hinschlängelt.