Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 25 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Die Kiesgrube.

 

Mitten in der Feldmark, weithin sich bemerkbar machend, ist ein heller Fleck.

Das ist die große Kiesgrube, aus der das Städtchen seinen Bausand gewinnt.

 

Jetzt, zur späten Zeit im Jahre, herrscht nicht die bunte Pracht in ihr, wie an

sommerlichen Tagen. Hier und da hat sich noch eine goldgelbe Rainfarnblüte

vor dem Nachtfroste gerettet, eine schneeweiße Schafgarbe, eine himmelblaue

Glockenblume, eine blutrote Karthäusernelke.

 

Dennoch aber fehlt es der Grube nicht an Farben. Über der gelben Steilwand,

die von den Bruthöhlen der Uferschwalben wie ein Sieb durchlocht ist, prahlen

die Schlehen mit hellblauen und die Weißdornbüsche mit feuerroten Beeren, und

die junge Birke unter der Wand ist über und über mit goldenen Flittern behängt.

Die Brombeeren vor ihr leuchten scharlachfarbig, die hohen Beifußstauden sind

blutigrot, stumpfgrün starren die hohen Binsen und wie Rubinen strahlen die

Blättchen des Zwergampfers.

 

Auch an anderem Leben mangelt es nicht. Eben rüttelte der Turmfalke über

der Stelle, wo eine Waldmaus aus dem bunten Steinhaufen rutschte und über die

goldigschimmernden Moospolster hinweghüpfte. Er stieß herunter und strich mit

der Maus in den Griffen ab. Dann schnurrte ein Flug von Feldspatzen heran, fiel

in den Schlehdornen ein, lärmte ein Weilchen und stob feldeinwärts. Jetzt hüpfen

ein paar Grünfinken unter den Klettenstauden umher und suchen nach

Grassamen, auf der Spitze der Birke sitzt ein Hänfling und lockt halb lustig, halb

wehmütig, und an den weißwolligen Schöpfen der hohen Haferdistel hängen

zwei knallbunte Stieglitze, zwitschern fröhlich und picken die Samenkörner

heraus.

 

Plötzlich fliegen sie ab, denn in den hohen, brauntrockenen Brennesseln hinter

dem Haufen kopfgroßer Steinknollen raschelte es. Ein plattes Köpfchen mit

schwarzen Augen taucht auf, verschwindet, ist wieder da, und nun sitzt oben auf

dem Steinhaufen ein Wieselchen, schlüpft durch die fahle Mausegerste, kommt

unter den Kletten zum Vorschein und verschwindet zwischen dem braunen

Gestrüpp der Flockblumen, wohin das Geschrille der Spitzmäuse es lockt. Ein

Goldammerhahn kommt angeschnurrt, läßt sich auf einem Pfahle nieder, lockt,

wippt mit dem Schwanze, sträubt die Holle und burrt weiter. Dann ist auf einmal

eine Haubenlerche da, die hurtig auf dem Sande umherrennt, ein Spinnchen fängt, einige Körnchen aufliest und mit weichem Geflöte von dannen fliegt, so

daß der Sperber, der hinter der Birke hergeschwenkt kommt, mit leeren Fängen

abziehen muß.

 

Dünne Vogelstimmen kommen näher; vier Pieper aus Nordland lassen sich

vor den grauwolligen Mausekleebüscheln nieder, trippeln hin und her, putzen

sich ihr Gefieder, lesen Körnchen auf, tränken sich an der Regenpfütze und

wandern weiter nach Süden. Über der Steilwand erscheint ein hellgefärbter

Bussard, rüttelt eine Weile über der Stelle, wo er zwischen den braunen

Johanniskrautstengeln eine Bewegung erspähte, und streicht dann fort, weil er

das, was sich da rührte, als die Löffel des Hasen erkannte, der dort im Lager

sitzt, und er weiß, daß er nicht stark genug ist, um den zu bezwingen. Über die

silbernen Gänsefingerkrautblätter humpelt steifbeinig ein frostlahmer brauner

Frosch; er will sich einen Unterschlupf suchen, wo er die harte Zeit verschlafen

kann. Dasselbe hat eine winzige Kreuzkröte vor, die den dürren

Ochsenzungenstauden zukriecht.

 

Laut schwatzend braust ein Flug Stadtsperlinge über die Grube hin. Dann läßt

sich eine Nebelkrähe in ihr nieder, schreitet würdevoll auf und ab und sucht so

lange, bis sie eine Käserinde findet, die die Sandfuhrleute fortwarfen, und mit

der sie abfliegt. Ein Dompfaffenpärchen nimmt auf den Schlehen Platz, lockt

zärtlich, verbeißt einige Knospen und strebt dem nahen Friedhof zu. Vor der

Steilwand flattert ein alter Hausrotschwanz umher, schlüpft in eine der

Uferschwalbenhöhlen, kommt wieder heraus, rüttelt vor einem anderen Loche,

fängt dort eine Schnake weg, rennt an der Sandkante entlang, fliegt nach den

Brombeeren, zerpflückt die letzte reife Beere, trippelt über die

seidigschimmernden Moospolster, hascht eine Spinne und eine Fliege, und fort

ist er.

 

Die Sonne ist hinter dem Hügelkopfe untergegangen; ihr Abglanz färbt den

weißen Sand wärmer und die bunten Kiesel darauf glühen und sprühen. Dann

verliert sich das Leuchten am Himmel; die Luft wird grauer. Bleiche Eulenfalter

flattern dahin; von der Steilwand ruft das Käuzchen. Quarrend fliegen die

Krähen vorüber. Der Hase erhebt sich aus seiner Sasse, putzt sich das Fell,

hoppelt unter dem Abhange entlang, sichert eine Weile und rückt dann zu Felde.

Die Haubenlerchen sind wieder da, locken und schlüpfen zum Schlafe in das

Gekräut. Unter den Kletten zwitschern die Spitzmäuse, in den Brombeeren

rascheln die Waldmäuse. Es burrt laut und ein Feldhuhnpaar fällt in der Grube

ein, rennt über den Fahrweg und verschwindet in dem fahlen Gestrüpp. Jetzt

lockt der Hahn und stiebt mit seiner Henne wieder ab; eine stromernde Katze trieb ihn fort.

 

Immer trüber wird es. Nach einer Stunde ist es Abend. Dann jagt die

Schleiereule, die im Kirchturme wohnt, hier auf Mäuse, der Iltis stöbert hier

umher und ganz gewiß läßt sich auf seinem Wege nach dem Seeufer, wo er die

Enten beschleichen will, auch der Fuchs es einfallen, der Kiesgrube einen kurzen

Besuch abzustatten, um zuzusehen, ob er nicht einen Hasen oder ein Feldhuhn

erwischen könne, oder sei es auch nur eine Maus, denn daran mangelt es hier

nicht, weil das viele Gekräut den Mäusen durch seine Samenkörner reiche

Nahrung bietet und die Grube trocken und warm gelegen ist, so daß sich es

wintertags dort leben läßt.

 

So fehlt es selbst dann, wenn der Schnee festliegt, der Kiesgrube nicht an

lustigem Leben, denn Tag für Tag stellen sich die Grünfinken, Stieglitze,

Goldammern und Feldspatzen in ihr ein und suchen Sämereien. Am schönsten

und lustigsten aber ist es zur Sommerszeit, wenn die Uferschwalben vor ihren

Bruthöhlen auf und ab fliegen, der Steinschmätzer über das Geröll rennt, die

Hänflinge schwatzen und die Grasmücke plaudert, und über dem bunten Gewirr

von Distel, Färberkamille, Rittersporn, Löwenmaul, Johanniskraut, Minze,

Klatschmohn und Fetthenne die Falter flattern und die Bienen summen. Dann ist

das Sandloch unter dem Hügelkopfe so voll von Blumen, so laut und lebhaft von

allerlei Getier, daß der, wer alles das schildern wollte, ein ganzes Buch darüber

schreiben müßte.