Mein buntes Buch, Naturschilderungen
Der Überhälter.
Nicht weit von dem Waldrande, eingeschlossen von Dickungen und
Stangenörtern, steht ein alter Eichbaum.
Mit knorrigen Wurzeln, die wie ein Haufen von Schlangen
übereinanderkriechen, hält er sich in der Erde fest. Sein hochschäftiger Stamm
trägt eine lange, breite, aber gut verheilte Narbe von der Wunde, die ihm der
Blitz schlug, der auch einige der Äste in der krausen Krone tötete, die nun als
kahle Hornzacken starr gegen den Himmel stehen.
Einst standen viele solcher Eichen hier; dieses ist die letzte. Sie stand schon,
als der Adler hier noch horstete, als der Uhu hier noch jagte, als der Wolf noch
aus dem Walde brach und die Schafe riß, als die Wildkatze nächtlicherweile das
Unterholz verließ, um auf Raub auszugehen. Hunderte und Hunderte von alten
Eichen und knorrigen Hagebuchen standen an Stelle der Fichten- und
Rotbuchenörter und boten in ihren Höhlungen Kauz und Hohltaube, Blauracke
und Wiedehopf Brutgelegenheiten die Menge. Unter den Eichen stockten
Schlehen, Weißdorne und Stachelbeerbüsche und bildeten dichtes Gehege für die
Schnepfe, die in dem Dung der Kühe und Schweine, die hier zur Weide
getrieben wurden, reiche Nahrung fand.
Es kam eine andere, holzhungerige Zeit. Alle die alten Eichen fielen unter Axt
und Säge. Als die Hohltaube, die Blauracke und der Wiedehopf wiederkehrten,
fanden sie keine Bruthöhlen mehr und verzogen anderswohin; der Kauz aber
paßte sich der neuen Zeit an und bequemte sich dazu, in einem alten
Krähenneste zu brüten. Der Waldschnepfe gefiel es dort auch nicht mehr, denn
die Dornbüsche wurden ausgerodet, das Vieh ging nicht mehr auf Weide in den
Wald, und so blieb auch sie fort.
So war es eine Zeitlang öde und still da. Dann bedeckten sich die Kahlschläge
mit Fichten- und Buchenjugenden, es wurden allmählich Stangenörter daraus,
und die wuchsen, bis sie zu Altholz wurden, und ein neues Leben webte im
Walde. Vielfältig war es zwar, doch nicht so bunt und so reich, wie ehedem. Der
Buchfinken und Amseln wurden so viele, wie es einst Dompfaffen und
Singdrosseln gab. Statt der Hohltaube rückte die Ringeltaube ein, Krähen
ersetzten die Dohlen, die Häher die Racke, der Star den Wiedehopf, der Fasan
die Schnepfe.
Auch die letzte alte Eiche, die stehen geblieben war als Wahrbaum für die
Landmesser, bekam andere Gäste. Die Zeiten, daß der Adler von ihrem Wipfel
aus Umschau hielt und der Uhu in ihrem Geäste den Igel kröpfte, waren schon
lange vorbei, desgleichen die Tage, da der Waldstorch sich in ihr einschwang
und der Wanderfalk in ihr horstete; sogar der Gabelweih, der einst so gern auf
ihren Hornzacken fußte, und der Kolkrabe, der von da aus Wache hielt, blieben
mit der Zeit aus, denn die neue Zeit litt nicht mehr, daß sie am Leben blieben.
Immer aber ist sie noch von allen Bäumen im ganzen Forste der, der die
meisten Freunde hat, ganz gleich, ob sie in vollem Laube steht oder ihre nackten
Äste wie wunderliche Runen gegen Himmel reckt. Der Falke aus Nordland, der
vorüberreist, rastet auf ihr, die Krähen aus dem Osten fallen auf ihr ein, wenn sie
über das Land ziehen, die Stare pfeifen auf ihren Hornzacken, wenn der Frühling
kommt, und wiederum, ehe der Herbst hereinbricht. Sie sucht sich der
Schwarzspecht, will er sich ein Weibchen ertrommeln, und der Grünspecht, läßt
er sein Werbegejauchze erschallen, in ihrem Geäste halten die Häher Schule ab
und auf ihrer Spitze sitzt an schönen, windstillen Mittagen der Pfingstvogel und
singt so zart und fein, wie eine Grasmücke.
Alles Geflügel, das in dem Forste sein Unterkommen hat, besucht den alten
Baum einmal. Lebt auch das Rotkehlchen im unteren Holze, im Vorfrühlinge
schwingt es sich ganz oben in den Überhälter und läßt von da sein silberhelles
Lied in die Dämmerung hinunterrieseln. Die Dorngrasmücke, die im Gestrüppe
wohnt, und sogar der Zaunkönig, der sonst nur am Boden haust, bekommen auch
dann und wann den Einfall, in das krause Geäst zu flattern und von da herab ihre
frischen Weisen erklingen zu lassen, und die Amsel sucht sich nicht minder als
die Singdrossel den höchsten Ast, singt sie dem einschlafenden Tage das
Schlummerlied.
Es vergeht nicht eine Stunde zur Sommerszeit, daß der alte Baum nicht neuen
Besuch erhält. War es eben der Trauerfliegenschnäpper, der lustig in ihm sang,
so ist es jetzt der Gartenrotschwanz. Eben jubelte der Mönch dort, nun trillert
das Müllerchen da. Vorhin rutschte der Baumläufer an dem Stamm entlang; jetzt
klettert die Spechtmeise dort umher. Fuhr gestern der Habicht aus dem Laube
und schlug die Krähe, so schießt heute der Sperber dort hervor und greift die
Amsel. Vor einem Weilchen schmetterte der Schwirrlaubvogel, wo hinterher der
Weidenzeisig rief, und ihm folgte der Fitis. Der Hänfling löst den Stieglitz,
diesen der Buchfink ab. Dem Goldammer folgt der Feldspatz, und dann sitzt der
Kuckuck da, ruft laut und fliegt immer noch rufend in den Stangenort, und wo er
saß, läßt sich der Täuber nieder und ruckst. Dann klopft der Buntspecht an einem toten Aste herum, die Kohlmeise kommt und pickt nach Käferlarven, die
Blaumeise folgt ihr, und ihr die Sumpfmeise, und schließlich fällt ein Kernbeißer
ein, rastet einen Augenblick und fliegt weiter. So geht es den ganzen Tag, und
auch bei der Nacht bekommt die Eiche bald von dem Waldkauz, bald von der
Ohreule Besuch.
Auch an anderem Leben mangelt es ihr nicht. Tagsüber turnen die Eichkatzen
gern in ihr hin und her, und alle paar Nächte erklimmt sie der Marder. Unter
ihrem Wurzelwerk wohnt die Waldmaus, und deshalb stöbert das Hermelin dort
gern herum. Die Waldeidechsen sonnen sich gern auf den Wurzelknorren, und
eine dicke Kröte hat dort ihren Unterschlupf, denn an Nahrung gebricht es ihr
hier nie. Zwar an den stolzen Heldenbock, dessen Larven den Stamm kreuz und
quer durchlöchert haben, und gar an den wehrhaften Schröter, der so gern an
dem gegorenen Saft, der aus dem Rindenrisse quillt, leckt, wagt sie sich nicht,
auch nicht an die Trauermäntel und Admirale, die um den Stamm flattern, und
noch weniger an die Hornissen und Wespen, die dort ebenfalls umherfliegen,
aber die blauen und grauen Schmeißfliegen und das viele andere kleine Volk, das
hier schwirrt und flirrt und krimmelt und wimmelt, ist ihr verfallen, sobald es in
den Bereich ihrer Klappzunge gerät.
Immer und immer lebt es um den alten Baum. In seinen Rindenritzen birgt
sich das Ordensband, an seinem Stamme haften die grünen Wickler, klettern die
Puppenräuber, huschen die Mordwespen, und wintertags, wenn die Dämmerung
früh in den Wald fällt, ist um seinen Stamm ein wildes Geflatter von bleichen
Frostspannermännchen, die auf der Weiberjagd sind. Kommt dann der Morgen,
so rücken die Meisen heran, geführt von einem Buntspechte, gefolgt von
Goldhähnchen und Baumläufern, und sorgen dafür, daß das Geschmeiß sich
nicht so sehr vermehre, daß es im Mai dem Baume alle jungen Blätter nimmt.
Viele tausend Eichen stehen in dem Forst, keine aber ist so alt und so
ehrwürdig wie der Überhälter. Doch sein Kern ist rotfaul, sein Stammholz von
Larven durchwühlt. Die große Ameise zernagt ihn und Pilze fressen an seinem
Marke. Noch einige Jahre oder Jahrzehnte wird er sich halten, mit knorrigen
Wurzeln die Erde packen und starre Hornzacken gen Himmel recken. Aber eines
Jahres wird der Blitz ihn fällen oder der Sturm ihn zerbrechen, den alten
Überhälter, dessen Astrunen so schön von den Tagen sprachen, da noch der
Adler hier hauste und der Uhu des Nachts seinen Waidruf erschallen ließ.