Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 23 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Die Durchfahrt.

 

An drei Stellen wird das Flüßchen, das durch das Wiesenland zwischen dem

Dorfe und dem Forste hinflutet, von Fahrwegen geschnitten, auf denen die

Bauern das Heu von den Wiesen, das Holz aus dem Walde und den Torf von

dem Moore abfahren.

 

Die beiden ersten Straßen gehen mit Brücken über das Wasser. Die dritte, die

am weitesten von dem Dorfe entfernt ist und nicht so viel benutzt wird wie die

beiden anderen, hat keine Brücke, sondern nur eine Durchfahrt. Damit die

Fußgänger sich nicht nasse Füße zu holen brauchen, ist unterhalb der Strömung

zu beiden Seiten das Ufer hoch aufgeschüttet und zwischen vier starken Pfählen

eine lange, dicke Eichenbohle befestigt, die an der einen Seite mit einem

einfachen Geländer versehen ist. Drei dicke Pfähle, einer immer einen halben

Fuß höher als der andere, die dort eingerammt sind, wo der schmale Fußsteig

sich aus dem Rasen den Anwurf hinaufwindet, bilden eine kunstlose Treppe. Auf

der einen Seite des Steges hat sich Weidengebüsch angesiedelt, auf der anderen

erhebt sich eine vom Winde zerzauste Eiche über dem Ellernstockausschlag zu

ihren Füßen.

 

Obgleich sowohl das Brückchen als auch der Baum und die Büsche an und für

sich in keiner Weise bedeutend sind, fallen sie in dem weiten, flachen

Wiesengelände doch sehr auf und wirken viel größer, als sie in Wirklichkeit sind,

zumal der Bach an dieser Stelle viermal so breit als in seinem übrigen Laufe ist

und in regnerischen Zeiten beiderseits weit in den Weg hineinreicht. Da zudem

in und bei dem Buschwerk die Blumen und das Schilf vor der Sense geschützt

sind, der Mist der Pferde und Kühe, die hier die Wagen durchziehen, allerlei

kleines Getier anlockt, auch die Fischbrut sich an den seichten Stellen sonnt und

die Strömung totes und lebendiges Gewürm und auch wohl abgestandene Fische

und verendete Mäuse anspült, so geht es bei der Durchfahrt immer lebhaft zu.

 

Abends, wenn die letzten Wagen durchgefahren sind, steht der Reiher gern vor

dem Stege und lauert auf Fische. Späterhin streicht der Waldkauz vorbei und

sieht zu, ob er nicht einen Häsling oder einen anderen Fisch greifen kann, der

sich zu nahe an die Oberfläche wagt. Allnächtlich fallen die Wildenten dort ein

und suchen Gewürm, und der Uferläufer kommt mit lautem Getriller

angeschwebt, trippelt an dem Rande des Wassers umher und fischt nach den

winzigen Krebstierchen, die in ganzen Wolken in dem Seichtwasser auftauchen, bis ein leises Plantschen ihn davontreibt, das von dem Otter herrührt, der auf der

Jagd dort auftaucht und eine Weile auf dem Sande ausruht, ehe er wieder in den

Bach gleitet.

 

Ist es dann Tag geworden, so kommen die Gabelweihen, die hinten im Walde

horsten, angeschaukelt, denn sie finden ab und zu einen abgestandenen Fisch

hier, und bevor die ersten Wagen erscheinen, fußt der Bussard auf dem Tritte und

lauert auf die Wühlmäuse, die am Ufer hin und her huschen. Tag für Tag saust

der Sperber um die Büsche herum, um zu versuchen, ob es ihm nicht gelingt,

eine Bachstelze, einen Schmätzer oder einen Ammer zu fangen; meistens muß er

aber leer abziehen, weil die Schwalben, die über der Furt ganz besonders gern

jagen, ihn früh genug melden und mit schrillem Geschrei von dannen treiben.

Genau so machen sie es mit dem Lerchenfalken, der sich ebenfalls ab und zu

hier sehen läßt. Rüttelt aber der Turmfalke, der großen, grünen Heuschrecken

wegen, die in dem Gesträuche zirpen, dort, so bleibt er unbelästigt von den

wachsamen Vögeln, denn sie wissen, er tut ihnen nichts.

 

Am meisten machen sich die Krähen bei der Durchfahrt zu schaffen.

Entweder gehen sie in der Wiese umher und fangen Grashüpfer und Käfer, oder

sie waten in das niedrige Wasser hinein und sehen zu, was es dort für ihre

Schnäbel gibt, oder sitzen eine neben der anderen auf dem Geländer, glätten ihr

Gefieder und geben scharf acht, ob sich nicht etwas Verdächtiges nähert. Kommt

ein Bauer an, oder ein Gespann, so fliegen sie stumm ein Endchen weiter und

kehren bald zurück. Läßt sich aber der Förster sehen, so erheben sie einen

gewaltigen Lärm, streichen zum Waldrande, fußen dort auf den Bäumen und

warten, bis der Grünrock verschwunden ist. Läßt es sich der Habicht einmal

einfallen, bei der Furt zu jagen, so fallen sie mit gellendem Geplärre über ihn her

und treiben ihn von dannen. Um den Bussard und um die Kornweihe, die hier

jeden Tag vorbeigaukelt, kümmern sie sich aber kein bißchen.

 

Allerlei Vögel tränken sich an dieser bequemen Stelle, Spatzen, Finken,

Hänflinge, Grünlinge, Ammer, die wilden Tauben und manchmal auch der

Häher. Auf der Eiche nimmt die Elster, die im Dorfe brütet, gern Platz, und zu

Zeiten auch der Raubwürger, der in dem alten Birnbaume im Felde sein Nest hat,

denn er findet dort immer reichliche Beute, weil die dicken Bremsen gern über

der Furt in der Luft stehen und auf die Gespanne warten. Haben sie sich dumm

und faul gesogen, so setzen sie sich an das Geländer und sind leicht zu

erwischen. Obgleich der Würger selbst ein Räuber ist und gern eine Maus oder

einen Jungvogel faßt, so kann er es nicht leiden, wenn andere Räuber ihm in die

Quere kommen. Er warnt vor dem Habicht und dem Sperber, sobald er sie gewahrt, und stößt auf sie, kommen sie näher, und wenn eine Dorfkatze an die

Durchfahrt kommt, um einen Fisch zu erbeuten, so belästigt er sie so lange, bis

sie wieder davonschleicht. Ebenso macht er es, wenn das Großwiesel, das in

dem hohlen Ufer wohnt, sich blicken läßt, um zu dem Neste des

Sumpfrohrsängers oder der Zwergmaus, die in dem Weidenstrauche stehen, zu

gelangen.

 

Ab und zu sucht der Storch auch die Ufer der Furt ab, teils der Ukleis wegen,

die an den Ausbuchtungen laichen und dann ganz dumm und unvorsichtig sind,

oder der großen, grünen Frösche halber, die dort auf Fliegen, Bremsen und

besonders auf die blauen, grünen, gelben, braunen und roten Wasserjungfern

lauern, die massenhaft um die Schilfhorste flattern oder kreuz und quer über den

Wasserspiegel flirren. Sobald sich aber die Ringelnatter blicken läßt, plumpsen

die Frösche eilig in das Wasser und verbergen sich im dichtesten Gekräute, doch

erwischt die Schlange dann und wann einen von ihnen, macht aber auch auf die

Fische Jagd. Hat sie einen erbeutet, so schlängelt sie sich mit hochgehaltenem

Kopfe, den Fisch im Maule, durch das Wasser nach dem Ufer, wo sie ihren Raub

hinunterwürgt. Unter den mit blauen und weißen Glöckchen geschmückten

Beinwellstauden sonnt sie sich dann auf dem warmen Sande. Wenn sich aber ein

Wagen oder ein Mensch naht, so schlüpft sie in das lange Gras.

 

Der schönste von allen Besuchern der Durchfahrt ist der Eisvogel, der fast

jeden Tag auf der Bohle oder dem Geländer sitzt und auf Beute wartet. Streicht

er den Bach aufwärts seinem Neste zu, das er an der steilen Wand des

Mühlenkolkes unter den alten Ellern hat, dann sieht es aus, als flöge ein großer

Kolibri dahin, so blitzt und funkelt das Gefieder des kleinen Fischers. Der

lustigste Vogel aber, der an der Furt sein Wesen treibt, ist die Bergbachstelze, die

ebenfalls bei der Mühle brütet. Sie hat sich erst vor einigen Jahren hier

angesiedelt, und wenn sie auch fast so aussieht wie die Kuhstelze, so ist sie doch

viel fröhlicher als diese und dient dem Plätzchen ebenso zum Schmucke, wie die

weiße Bachstelze, die sich gleichfalls hier jeden Tag einstellt, hurtig auf dem

Stege umhertrippelt und nach Fliegen springt.

 

Im Spätherbste und Winter, wenn die Wiesen unter Wasser stehen und der

Wagenverkehr bei der Durchfahrt bis zum Vorfrühling aufhört, schweben oft

durchreisende Möwen dort hin und her und suchen nach Futter, und mancherlei

nordische Enten und Taucher lassen sich da nieder, weil sie von da aus weiten

Blick haben und deshalb vor dem Jäger sicher sind.

 

Nur wenn starker Frost die Wasserfläche zum Zufrieren bringt, ist es still und

öde da, und einzig und allein die Krähen sitzen trübselig auf dem Geländer oder hacken an einem eingefrorenen Fische auf dem Eise herum.

 

Kommt aber der Frühling in das Land, taut das Eis, schmilzt der Schnee, läuft

das Wasser ab, sprießt das Gras und blühen die gelben Kuhblumen an dem

Flüßchen, dann beginnt bei der Durchfahrt wieder das bunte, lustige Leben.