Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 14 von 30

PDF-Seiten

Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Der Haselbusch.

 

Wo der Wildbach zwischen den zerborstenen, mit lustigen Farnen geschmückten

grauen Klippen aus dem Unterwalde herauspoltert, reckt sich ein alter,

krummgewachsener Haselbaum über dem krausen Verhaue von Schlehen,

Weißdorn, Rosen und Brombeeren. Auf seinem untersten Zweige, der tot und

trocken auf das quicklebendige Wasser hinabhängt, sitzt der Eisvogel gern und

lauert auf die Ellritzen, die in der flachen Bucht spielen. Schüttelt ein Wind die

Äste des Hasels, daß die Käfer und Fliegen, die auf den Blättern sitzen,

herabfallen, dann gehen die Forellen, die in dem Kolke hinter der

gischtumsprühten Klippe stehen, danach hoch, oder die gelbbäuchige

Bergbachstelze, die in der Felsritze unter den Farnwedeln ihr Nest hat, schnappt

sie fort, ehe sie in das Wasser fallen, wenn nicht die weißbrüstige Bachamsel, die

unter der überhängenden Wand brütet, ihr zuvorkommt.

 

Den ganzen Tag ist in und um den alten Haselbaum ein lustiges Leben. Bald

flattert die Dorngrasmücke aus ihm heraus, zwitschert lustig und schlüpft in den

Bergholderbusch neben ihm hinein, bald turnen die Meisen in ihm herum. Dann

wartet der Dorndreher dort, bis er einen Käfer eräugt, die Grünfinken oder die

Stieglitze lassen sich auf ihm nieder, ein Häher, der aus dem Bache trinken will,

sieht sich von da um, und gern treten die Rehe dort hin und her und äsen sich an

all den üppigen Kräutern unter ihm.

 

Abends aber, wenn die Krähen laut quarrend zu Berge fliegen und in dem

alten Steinbruche das Käuzchen quiekt, wird ein anderes Leben in dem alten

Busche wach. Da, wo der Schlehenbusch sich mit dem Hasel verschlingt und der

von der Waldrebe umsponnene Weißdorn sich zwischen beide drängt, rispelt und

krispelt es verstohlen. Ein winziger Kobold, mit großen, nachtdunklen Äuglein

und langem, gespreiztem Schnurrbärtchen, wohlbepelzt und feingeschwänzt,

klettert über den mit goldenen Flechten besetzten Ast des Nußbaumes, putzt sich

das rosarote Schnäuzchen, zupft an dem rötlichen, in der Dämmerung schwarz

aussehenden Fellchen, knabbert ein Käferchen auf, fängt ein Möttchen, speist

ein Räupchen, dreht sich um, setzt sich auf die Keulchen, lockt leise und wartet,

bis ein, zwei, drei, vier noch kleinere Gespensterchen hinter ihm herkrabbeln

und sich zu ihm gesellen, vier kleinwinzige Haselmäuschen, seine Jungen. Es

leckt sie, säubert sie, hilft ihnen über einen dicken Astknorren, weist ihnen die

Knospe, in der das Würmchen steckt, bringt ihnen bei, daß das braune Ding, das da an der Rinde klebt, eine schmackhafte Schmetterlingspuppe ist, nimmt ihnen

die Angst vor dem heftig schnurrenden Eulenfalter, den es gehascht hat, und die

Furcht vor dem Maikäfer, der mit lautem Getöse daherschnurrt und an einem

Blatte hängen bleibt, von dem ihn die alte Haselmaus herabreißt. Knipps knapps,

ist der Nacken durchgebissen, ritsch ratsch, sind die Flügel herunter, zwick

zwack, die Beine davon, und nun geht das Geknusper und Geknasper los. Das

schmeckt lecker, das bekommt gut, das ist besser als im Frühling die Knospen

und jungen Triebe und die mageren Würmchen und die alten, muffigen Schlehen

und Mehlfäßchen im alten Laube, oder die vorjährige dürre Motte und der

halblebendige Käfer oder der ankeimende Grassamen. Nun ist die fette, die

schöne Zeit da.

 

Wenn nur die Angst nicht wäre, die gräßliche Angst! Horch, was war das da

unten? Sollte das das Wiesel sein oder der Iltis und am Ende sogar der Fuchs, der

Gaudieb? Und was flog dort eben hin? Der Kauz oder nur eine Fledermaus? Wie

schön wäre es, könnte man jetzt beim Sternenlichte auf den äußersten Ästen

umherturnen oder am Boden zwischen den blanken Efeublättern nach Käfern

jagen! Aber da oben ist man vor der Eule nicht sicher und da unten könnte einen

das Wiesel haschen. Es ist schon besser, in dem dichten Gewirr der Äste des

Hasel, der Schlehen und des Weißdorns zu bleiben, oder in den Ranken der

Waldrebe umherzuklettern oder zwischen den zackigen Wildrosenschößlingen,

die das Wiesel scheut und wo man vor der Eule sicher ist. Da wimmelt es ja

überall von Nachtfaltern, Käfern und Raupen. Ein dicker Schwärmer kommt

angesaust. Wupps, hat ihn die alte Haselmaus am Flunk erwischt. Er schnurrt

und burrt so gefährlich, daß die vier kleinen Haselmäuse entsetzt auf einen

Haufen zusammenkriechen. Doch die Mutter hat ihm schon einen Flügel nach

dem anderen abgeknipst, und wenn er auch noch heftig mit den grünen Augen

funkelt und wild den bunten Hinterleib bewegt, es hilft ihm alles nichts, vier

paar Rosenmäulchen fallen über ihn her und bald ist nichts von ihm übrig, als

die dicken Fühler und die dünnen Beine, die in das Gras fallen. Dann schnurrt

ein Bockkäfer daher, dem es ebenso geht, und die große grüne Heuschrecke, die

auf dem Aste heranstelzt, muß ebenfalls daran glauben.

 

Aber dann gibt es ein Unglück. Die eine von den kleinen Haselmäusen hat

eine dicke fette Raupe gewittert und klettert in demselben Augenblicke hinter ihr

her, als ein jäher Windstoß den Zweig heftig anrührt. Sie verliert den Halt,

schlägt durch das Laubwerk, plumpst vor die Klippe, wird von dem Strudel

gefaßt und in den Kolk getrieben. Dreimal dreht sie sich hilflos um sich selber,

und noch einmal, dann aber steigt die dreipfündige Forelle hoch und nimmt sie

in die Tiefe mit.

Das Käuzchen vom Steinbruche ruft lauter und schwebt an dem Haselbusche

vorüber. Der Nebel wird dicker, die Luft kühlt sich ab. Die Haselmäuse haben

sich sattgefressen und sind müde von dem Umherklettern. Die Alte geht voran,

ihre drei Kinder folgen ihr. Da, wo am Grunde der Klippe der Hasel mit den

Schlehen und dem Weißdorn sich ineinander verfilzt und Gras und Kraut und

altes Laub die Lücken füllen, wo sie den Winter verschlafen hat, da hat sie auch

ihren Sommerschlupf und dort verschwindet sie mit ihren Jungen, um erst

wieder wach zu werden, wenn die Abendsonne den Haselbusch nicht mehr

bescheint.