Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 5 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Der Baumgarten.

 

Die Kohlmeise war es, die den Baumgarten aus dem Winterschlafe brachte. Sie

sang so lange in dem Haselbusche, bis dessen Troddelchen sich reckten und

streckten und goldenen Staub ausschütteten.

 

Da fühlte sich die Amsel bewogen, die Aprikosen wachzusingen. Es dauerte

eine ganze Weile, ehe ihr das gelang; aber dann entfalteten alle auf einmal ihre

rosenroten Blüten und die Leute, die die Straße entlang kamen, blieben stehen,

lachten mit den Augen und sagten: »Ah!«

 

Das machte den Buchfinken eifersüchtig und er begann zu schlagen, daß erst

die Knospen an den Kirschbäumen und dann die der Birnbäume aufsprangen

und die Zweige aussahen, als seien sie frisch beschneit, und als der Grünfink zu

schwirren begann und der Girlitz trillerte, ermunterten sich auch die

Pflaumenbäume und die Leute blieben wieder stehen und sagten: »O wie

schön!«

 

Aber die Apfelbäume rührten sich immer noch nicht, soviel Mühe sich Meise,

Amsel und Fink auch mit ihnen gaben, und Grünfink und Girlitz, Hänfling und

Stieglitz. Es mußte erst das Gartenrotschwänzchen aus dem Süden kommen; das

weckte die Frühäpfel auf, und die späten Sorten schüttelten auch dann noch nicht

den Schlaf ab, sondern warteten, bis der Wendehals da war. Dann aber bedeckten

sie sich mit rosenroten Knospen, zwischen denen die schlohweißen Blüten

leuchteten und abermals blieben die Leute stehen und sagten: »Ach wie

entzückend!«

 

Mittlerweile war auch das Gras üppig gewachsen und zwischen ihm öffneten

sich Hundert und Aberhundert von goldenen Kettenblumen, so daß die roten und

weißen Taubnesseln gar nicht mehr so zur Geltung kommen konnten, wie bisher.

Sobald die Sonne am Morgen warm schien, öffneten sich ihre Abbilder, eins

nach dem anderen, wandten sich ihr zu und strahlten und glühten gleich ihr, und

nun war der Baumgarten eigentlich erst gänzlich aufgewacht und lebte in lauter

Blüten und Liedern. Um die Stachelbeerbüsche und Johannisbeerstauden

summten die Bienen, über den goldbesternten Rasen flogen Füchse und

Pfauenaugen, und in den herrlich geschmückten Zweigen sang und klang es von

früh bis spät.

 

Kohlmeise, Amsel und Buchfink, die bislang das größte Wort haben, verschwinden mit ihren Liedern beinah vor denen der übrigen Vögel, so singt

und klingt es in den Wipfeln. Da ist zuerst der Star. In dem Nistkasten, der in

dem höchsten Birnbaume hängt, baut er und wenn er nicht Neststoff einträgt

oder auf Nahrung ausfliegt, dann sitzt er vor seinem Hause, sträubt die

Kehlfedern, klappt mit den Fittigen und quiekt und schnalzt und quinquiliert und

dreht sich und wendet sich, daß sein Gefieder nur so blitzt und so blinkert.

 

Dann ist der Grünfink da, der in dem Rotdorne brütet und den ganzen Tag

lockt und schwirrt, bis es ihm auf einmal einfällt, daß er noch etwas Besseres

kann, um seine Frau zu belustigen, und dann fliegt er, hin und her taumelnd,

genau so wie eine Fledermaus. Das kann außer ihm nur noch sein kleiner Vetter,

der Girlitz, von dem zwei Pärchen in dem Baumgarten nisten. Es sieht zu putzig

aus, wenn der sein seltsames Geflatter beginnt, bis er wieder auf einem Wipfel

einfällt, lustig mit dem Schwänzchen wippt und fröhlich trillert und das

Gezwitscher der Stieglitze und das Geschwätz der Bluthänflinge übertönt,

obgleich er viel kleiner ist als diese. Dafür sind ihm diese aber an schönen

Farben voraus.

 

Sie können aber nicht mit dem Gartenrotschwanz wetteifern, dessen

silberklarer Gesang ab und zu laut aus dem Stimmengewirr heraustönt.

Silberweiß ist seine Stirn, kohleschwarz seine Kehle und schön rot seine Brust.

Der allerschönste Vogel in dem ganzen Baumgarten ist es, obgleich der

schwarzweiße Trauerfliegenschnäpper sich auch wohl sehen lassen kann, und

auch hören, denn sein Liedchen, wenn auch nur kurz, ist hell und klar und

fröhlich, und das Vögelchen ist so flink und so lebhaft, daß es sehr von den

übrigen Bewohnern des Baumgartens absticht.

 

Das tut der Kleinspecht nicht, obgleich er mit seiner schwarzweißroten

Färbung auffallend genug aussieht. Aber er ist ein stilles, bescheidenes Kerlchen,

das meist schweigend an den Stämmen und Ästen entlangrutscht und die

Blutläuse vertilgt und nur ab und zu lockt. Nur wenn er seinem Frauchen den

Hof macht, wird er lebhaft. Dann kichert er schrill und fliegt mit sonderbarem

Geflatter um sie herum, daß er wie ein großer bunter ausländischer

Schmetterling anzusehen ist. In dem toten Ast des alten Winterapfelbaumes hat

er sich seine Nesthöhle gezimmert und bringt dort Jahr für Jahr seine vier bis

fünf Jungen aus. Wenn die beflogen sind, sieht es reizend aus, wenn die Eltern

sie lehren, wie man sich durch das Leben schlägt. Das ist dann ein wunderliches

Gerutsche und Gekrabbel in den Kronen und ein Hin- und Hergeflatter und

Gequieke und Gepiepse den ganzen Tag lang, bis am Abend alle miteinander

wieder ins Astloch schlüpfen.

Ein überaus schnurriger Gesell ist der Vetter des Zwergspechtes, der

Wendehals. Er sieht mit seinem bräunlichen, äußerst fein gestrichelten Gefieder

und dem breiten, schöngebänderten Schwanze gar nicht aus, als ob er zu den

Spechten gehörte, ruft aber ähnlich wie der Rotspecht, der in dem benachbarten

Eichwalde wohnt und ab und zu hier Gastrollen gibt. Aber wenn der Wendehals

an einem Stamme entlangklettert, oder an einem morschen Aste nach Larven

hämmert, dann sieht man es ihm sofort an, wohin er zu rechnen ist. Ganz albern

stellt er sich an, wirbt er um sein Weibchen. Dann spreizt er die Schwingen,

fächert den Schwanz, richtet die Scheitelfedern auf, macht den Hals lang und

dreht und wendet ihn so aberwitzigster Art, daß man meinen sollte, er habe gar

keine Knochen darin.

 

Vielerlei Vögel sind es noch, die in dem Baumgarten leben oder ihn Tag für

Tag besuchen. Da sind die Gartengrasmücke, der Mönch, die Dorngrasmücke

und das Müllerchen, alle vier fleißige Sänger, die in den Weißdornhecken und in

den Stachelbeerbüschen brüten. Dann ist der Gartenspötter noch da, der in dem

Fliederbusche sein kunstvolles Nest hat, das vier rosenrote Eier enthält, ein ganz

emsiger Sänger, und ein sehr beweglicher Vogel, der den ganzen Tag in den

Zweigen umherklettert und laut dabei singt. Sein Verwandter, der

Weidenlaubvogel, ließ sich im ersten Frühling fleißig mit seinem seltsamen

Liedchen vernehmen. Auch später singt er noch genug, doch übertönen ihn die

vielen anderen Sänger ebenso wie die Kohlmeise, die Gartenmeise und die

Blaumeise, die mit ihm die Vorfrühlingssänger waren, wie denn auch das feine

Liedchen des Baumläufers, der wie ein Mäuschen an den Stämmen

emporrutscht, jetzt ganz verschwindet in der Fülle von Lauten.

 

Einer aber, der sogar mitten im Winter hier sang, ist nicht unterzukriegen,

obwohl er der kleinste aller Sänger ist. Das ist der Zaunkönig. Wenn der loslegt,

sei es, daß er sein Liedchen schmettert oder daß er vor einer stromernden Katze

warnt, dann ist er mehr als deutlich zu vernehmen. Viel mehr fällt er auf, als die

Braunelle, die in der Hecke brütet, und das Rotkehlchen, das in einer der vier

Fichten, die in den Ecken des Gartens stehen, sein Nest hat, und am liebsten in

der Frühe oder vor dem Abend sein silbernes Liedchen erschallen läßt, das sich

mit dem lauten und anspruchsvollen Gesange der Nachtigall, der von dem Parke

herüberschallt, zwar nicht an Stärke, wohl aber an Innigkeit wohl messen kann.

Von dort tönt abends und oft die ganze Nacht hindurch auch das weiche, süße

Lied des Gartenrohrsängers, der dem Baumgarten oft einen Besuch abstattet,

hervor und mischt sich mit dem klagenden Rufe der Käuzchen, die manchmal

am hellen Tage dort angeschwebt kommen und sich einen Sperling holen, an

denen es natürlich auch nicht fehlt, sowohl an Hausspatzen, wie an den niedlichen Feldsperlingen.

 

Der schlimmste Räuber nächst den Katzen aber ist der Sperber. Jeden Tag

kommt er an dem Zaune entlang geschwankt, schwingt sich über die Hecke und

geht, ehe sich die Vögel in dem dichten Gezweige bergen können, mit einem

Spatzen, einer Amsel, einem Finken oder einem anderen Vögelchen ab. Zu den

Vögeln, die der Besitzer des Gartens nicht gern sieht, gehören die Dohlen, die

auf dem Turme der alten Kirche horsten, denn sie holen sich von den

Pflaumenbäumen die Tragreiser zum Bau ihrer Nester, plündern später auch die

Kirschen, wobei ihnen Pirol und Kornbeißer helfen, während wintertags der

Dompfaff die Blütenknospen der Bäume verbeißt.

 

Auch dann ist es im Baumgarten nicht still. Meisentrupps, von einem

Buntspechte geführt, fallen ein und säubern die Äste von Frostspannereiern,

Krähen kommen und stellen den Mäusen nach, und ist sonst nichts los, so sorgen

die Sperlinge dafür, daß dort etwas Leben ist. Am allerlustigsten aber geht es im

Baumgarten jetzt zu, wo alle Zweige voller Blüten sind und im Rasen die

goldenen Butterblumen blühen.