Mein buntes Buch, Naturschilderungen
Der Baumgarten.
Die Kohlmeise war es, die den Baumgarten aus dem Winterschlafe brachte. Sie
sang so lange in dem Haselbusche, bis dessen Troddelchen sich reckten und
streckten und goldenen Staub ausschütteten.
Da fühlte sich die Amsel bewogen, die Aprikosen wachzusingen. Es dauerte
eine ganze Weile, ehe ihr das gelang; aber dann entfalteten alle auf einmal ihre
rosenroten Blüten und die Leute, die die Straße entlang kamen, blieben stehen,
lachten mit den Augen und sagten: »Ah!«
Das machte den Buchfinken eifersüchtig und er begann zu schlagen, daß erst
die Knospen an den Kirschbäumen und dann die der Birnbäume aufsprangen
und die Zweige aussahen, als seien sie frisch beschneit, und als der Grünfink zu
schwirren begann und der Girlitz trillerte, ermunterten sich auch die
Pflaumenbäume und die Leute blieben wieder stehen und sagten: »O wie
schön!«
Aber die Apfelbäume rührten sich immer noch nicht, soviel Mühe sich Meise,
Amsel und Fink auch mit ihnen gaben, und Grünfink und Girlitz, Hänfling und
Stieglitz. Es mußte erst das Gartenrotschwänzchen aus dem Süden kommen; das
weckte die Frühäpfel auf, und die späten Sorten schüttelten auch dann noch nicht
den Schlaf ab, sondern warteten, bis der Wendehals da war. Dann aber bedeckten
sie sich mit rosenroten Knospen, zwischen denen die schlohweißen Blüten
leuchteten und abermals blieben die Leute stehen und sagten: »Ach wie
entzückend!«
Mittlerweile war auch das Gras üppig gewachsen und zwischen ihm öffneten
sich Hundert und Aberhundert von goldenen Kettenblumen, so daß die roten und
weißen Taubnesseln gar nicht mehr so zur Geltung kommen konnten, wie bisher.
Sobald die Sonne am Morgen warm schien, öffneten sich ihre Abbilder, eins
nach dem anderen, wandten sich ihr zu und strahlten und glühten gleich ihr, und
nun war der Baumgarten eigentlich erst gänzlich aufgewacht und lebte in lauter
Blüten und Liedern. Um die Stachelbeerbüsche und Johannisbeerstauden
summten die Bienen, über den goldbesternten Rasen flogen Füchse und
Pfauenaugen, und in den herrlich geschmückten Zweigen sang und klang es von
früh bis spät.
Kohlmeise, Amsel und Buchfink, die bislang das größte Wort haben, verschwinden mit ihren Liedern beinah vor denen der übrigen Vögel, so singt
und klingt es in den Wipfeln. Da ist zuerst der Star. In dem Nistkasten, der in
dem höchsten Birnbaume hängt, baut er und wenn er nicht Neststoff einträgt
oder auf Nahrung ausfliegt, dann sitzt er vor seinem Hause, sträubt die
Kehlfedern, klappt mit den Fittigen und quiekt und schnalzt und quinquiliert und
dreht sich und wendet sich, daß sein Gefieder nur so blitzt und so blinkert.
Dann ist der Grünfink da, der in dem Rotdorne brütet und den ganzen Tag
lockt und schwirrt, bis es ihm auf einmal einfällt, daß er noch etwas Besseres
kann, um seine Frau zu belustigen, und dann fliegt er, hin und her taumelnd,
genau so wie eine Fledermaus. Das kann außer ihm nur noch sein kleiner Vetter,
der Girlitz, von dem zwei Pärchen in dem Baumgarten nisten. Es sieht zu putzig
aus, wenn der sein seltsames Geflatter beginnt, bis er wieder auf einem Wipfel
einfällt, lustig mit dem Schwänzchen wippt und fröhlich trillert und das
Gezwitscher der Stieglitze und das Geschwätz der Bluthänflinge übertönt,
obgleich er viel kleiner ist als diese. Dafür sind ihm diese aber an schönen
Farben voraus.
Sie können aber nicht mit dem Gartenrotschwanz wetteifern, dessen
silberklarer Gesang ab und zu laut aus dem Stimmengewirr heraustönt.
Silberweiß ist seine Stirn, kohleschwarz seine Kehle und schön rot seine Brust.
Der allerschönste Vogel in dem ganzen Baumgarten ist es, obgleich der
schwarzweiße Trauerfliegenschnäpper sich auch wohl sehen lassen kann, und
auch hören, denn sein Liedchen, wenn auch nur kurz, ist hell und klar und
fröhlich, und das Vögelchen ist so flink und so lebhaft, daß es sehr von den
übrigen Bewohnern des Baumgartens absticht.
Das tut der Kleinspecht nicht, obgleich er mit seiner schwarzweißroten
Färbung auffallend genug aussieht. Aber er ist ein stilles, bescheidenes Kerlchen,
das meist schweigend an den Stämmen und Ästen entlangrutscht und die
Blutläuse vertilgt und nur ab und zu lockt. Nur wenn er seinem Frauchen den
Hof macht, wird er lebhaft. Dann kichert er schrill und fliegt mit sonderbarem
Geflatter um sie herum, daß er wie ein großer bunter ausländischer
Schmetterling anzusehen ist. In dem toten Ast des alten Winterapfelbaumes hat
er sich seine Nesthöhle gezimmert und bringt dort Jahr für Jahr seine vier bis
fünf Jungen aus. Wenn die beflogen sind, sieht es reizend aus, wenn die Eltern
sie lehren, wie man sich durch das Leben schlägt. Das ist dann ein wunderliches
Gerutsche und Gekrabbel in den Kronen und ein Hin- und Hergeflatter und
Gequieke und Gepiepse den ganzen Tag lang, bis am Abend alle miteinander
wieder ins Astloch schlüpfen.
Ein überaus schnurriger Gesell ist der Vetter des Zwergspechtes, der
Wendehals. Er sieht mit seinem bräunlichen, äußerst fein gestrichelten Gefieder
und dem breiten, schöngebänderten Schwanze gar nicht aus, als ob er zu den
Spechten gehörte, ruft aber ähnlich wie der Rotspecht, der in dem benachbarten
Eichwalde wohnt und ab und zu hier Gastrollen gibt. Aber wenn der Wendehals
an einem Stamme entlangklettert, oder an einem morschen Aste nach Larven
hämmert, dann sieht man es ihm sofort an, wohin er zu rechnen ist. Ganz albern
stellt er sich an, wirbt er um sein Weibchen. Dann spreizt er die Schwingen,
fächert den Schwanz, richtet die Scheitelfedern auf, macht den Hals lang und
dreht und wendet ihn so aberwitzigster Art, daß man meinen sollte, er habe gar
keine Knochen darin.
Vielerlei Vögel sind es noch, die in dem Baumgarten leben oder ihn Tag für
Tag besuchen. Da sind die Gartengrasmücke, der Mönch, die Dorngrasmücke
und das Müllerchen, alle vier fleißige Sänger, die in den Weißdornhecken und in
den Stachelbeerbüschen brüten. Dann ist der Gartenspötter noch da, der in dem
Fliederbusche sein kunstvolles Nest hat, das vier rosenrote Eier enthält, ein ganz
emsiger Sänger, und ein sehr beweglicher Vogel, der den ganzen Tag in den
Zweigen umherklettert und laut dabei singt. Sein Verwandter, der
Weidenlaubvogel, ließ sich im ersten Frühling fleißig mit seinem seltsamen
Liedchen vernehmen. Auch später singt er noch genug, doch übertönen ihn die
vielen anderen Sänger ebenso wie die Kohlmeise, die Gartenmeise und die
Blaumeise, die mit ihm die Vorfrühlingssänger waren, wie denn auch das feine
Liedchen des Baumläufers, der wie ein Mäuschen an den Stämmen
emporrutscht, jetzt ganz verschwindet in der Fülle von Lauten.
Einer aber, der sogar mitten im Winter hier sang, ist nicht unterzukriegen,
obwohl er der kleinste aller Sänger ist. Das ist der Zaunkönig. Wenn der loslegt,
sei es, daß er sein Liedchen schmettert oder daß er vor einer stromernden Katze
warnt, dann ist er mehr als deutlich zu vernehmen. Viel mehr fällt er auf, als die
Braunelle, die in der Hecke brütet, und das Rotkehlchen, das in einer der vier
Fichten, die in den Ecken des Gartens stehen, sein Nest hat, und am liebsten in
der Frühe oder vor dem Abend sein silbernes Liedchen erschallen läßt, das sich
mit dem lauten und anspruchsvollen Gesange der Nachtigall, der von dem Parke
herüberschallt, zwar nicht an Stärke, wohl aber an Innigkeit wohl messen kann.
Von dort tönt abends und oft die ganze Nacht hindurch auch das weiche, süße
Lied des Gartenrohrsängers, der dem Baumgarten oft einen Besuch abstattet,
hervor und mischt sich mit dem klagenden Rufe der Käuzchen, die manchmal
am hellen Tage dort angeschwebt kommen und sich einen Sperling holen, an
denen es natürlich auch nicht fehlt, sowohl an Hausspatzen, wie an den niedlichen Feldsperlingen.
Der schlimmste Räuber nächst den Katzen aber ist der Sperber. Jeden Tag
kommt er an dem Zaune entlang geschwankt, schwingt sich über die Hecke und
geht, ehe sich die Vögel in dem dichten Gezweige bergen können, mit einem
Spatzen, einer Amsel, einem Finken oder einem anderen Vögelchen ab. Zu den
Vögeln, die der Besitzer des Gartens nicht gern sieht, gehören die Dohlen, die
auf dem Turme der alten Kirche horsten, denn sie holen sich von den
Pflaumenbäumen die Tragreiser zum Bau ihrer Nester, plündern später auch die
Kirschen, wobei ihnen Pirol und Kornbeißer helfen, während wintertags der
Dompfaff die Blütenknospen der Bäume verbeißt.
Auch dann ist es im Baumgarten nicht still. Meisentrupps, von einem
Buntspechte geführt, fallen ein und säubern die Äste von Frostspannereiern,
Krähen kommen und stellen den Mäusen nach, und ist sonst nichts los, so sorgen
die Sperlinge dafür, daß dort etwas Leben ist. Am allerlustigsten aber geht es im
Baumgarten jetzt zu, wo alle Zweige voller Blüten sind und im Rasen die
goldenen Butterblumen blühen.