Mein buntes Buch, Naturschilderungen
Der Porst.
An der Quelle, die am Fuße der hohen Geest aus dem anmoorigen Boden
springt, steht ein brauner, blattloser Strauch, über und über mit goldig
schimmernden Blütenkätzchen bedeckt.
Ein Porstbusch ist es. Schon im Spätsommer, als er noch im vollen Laube
stand, hatte er seine Blüten halb fertig; im Herbst und Winter vollendete er sie,
und dann stand er da und wartete auf seinen Frühling. Lange hat er warten
müssen. Die Kolkraben kreisten laut rufend über der Wohld, die Birkhähne
bliesen und trommelten auf den Wiesen, Hasel und Erle blühten auf und blühten
ab; doch erst als der Kranich im Moor in die Trompete stieß und die Birke sich
rührte, durfte der braune Busch seinen tausend Knospen den Willen lassen, und
nun steht er da, umgeben von goldenem Schein und atmet einen strengen und
starken Duft aus, der sich mit dem Hauche des jungen Birkenlaubes und dem
Kiengeruche der sprossenden Kiefern vermischt.
Alle die anderen Porstbüsche, die zwischen den Rinnsalen, die aus der Geest
quellen, stehen, hier einzeln und hoch, von Birken, Weiden, Eichen und Erlen
bedrängt und von gewaltigen Wacholdern und hohen Stechpalmen, dort
niedriger und in Scharen vereinigt, durchwuchert von silbern anblühendem
Wollgrase und lustig sprießendem Riede, haben ebenfalls ihre Kätzchen
erschlossen. Wenn sie aber auch noch so sehr prahlen und prunken, zur
Alleinherrschaft kommen sie hier doch nicht. Denn das Bergmilzkraut ist noch
da, das mit hellblühendem Rasen die Wässerchen umflicht, stolze Dotterblumen
protzen aus saftigem Laub hervor, die Weidenbüsche leuchten von oben bis
unten vor Blütenpracht, und das junge Laub der Birken, vermengt mit zierlichen
Troddelchen, schimmert und flimmert im Morgensonnenlichte.
Einst, als der Wolf hier noch das Hirschkalb hetzte, bei Tage der Adler das
große Wort hatte und bei Nacht der Uhu, herrschte der Porst unumschränkt von
der Geest bis an die Aller. Aber die Bauern brannten ihn nieder, rodeten ihn aus,
schlugen Pfähle ein, zogen Drähte, trieben das Vieh in die Gatter, kalkten das
Land, und nun sind Wiesen und Weiden da, wo ehemals nichts war, als Porst und
Porst und immer wieder nur Porst und hier und da eine Eiche, ein Wacholder, ein
Stechpalmenbusch. Nur an den Seiten der Wiesen und an einigen Gräben hat er
sich noch halten können und zieht braune, goldig leuchtende Streifen durch die
grünen, vom Schaumkraut bläulichweiß überhauchten Flächen. Hinter den Wiesen aber, in der großen Sinke, die von zwei flinken Bächen und einem faulen
Flüßchen überreich mit Wasser versorgt wird, hat der Porst noch die Obergewalt.
Es fehlt dort anfangs nicht an Bäumen und Sträuchern, knorrigen Eichen,
schlanken Birken, stolzen Fichten und krausen Kiefern; aber jetzt, wo der Porst
in Blüte steht, kommen sie nicht zur Geltung, denn die ganze weite, breite, nur
hier und da von einer Krüppelkiefer, einem Erlenhorste, einem Weidenbusche
unterbrochene Fläche ist ausgefüllt von ihm, ist ein einziges goldenes,
glühendes, loderndes Gefilde, erfüllt von tausendfältigem Leben.
Dumpf murren in den Tümpeln die Moorfrösche, hell locken im Riede die
Heerschnepfen, wehleidig klagend taumeln die Kiebitze dahin, und mit
jauchzendem Schrei kreist der Bussard unter den Wolken. Auf dem grauen
Wacholdergerippe sitzt der Raubwürger, schrill rufend, helle Weihen werfen sich
mit gellendem Keckern aus der Luft, der Brachvogel steigt empor und läßt seine
wehmütigen Triller weithin schallen, Kuckuck und Wiedehopf läuten, die
Turteltauben schnurren, und viele kleine und feine Stimmen erklingen, ab und zu
übertönt von den herrischen Fanfaren des Kranichs oder von dem dröhnenden
Basse des Rehbockes, der von einem Menschen Wind bekommen hat und nun
durch den Porst flüchtet, daß der Blütenstaub hinter ihm herwirbelt und die
graue Glockenheide, die braune Sandheide, das grüne Ried und das silberne
Wollgras mit dichtem gelbem Puder verhüllt.
Heute herrscht der Porst hier noch und morgen und übermorgen. Um das
düstere Erlengebüsch frohlockt er und jauchzt aus dem modrigen Birkenwalde
heraus. Aber die Sonne, die ihm nach langem Warten die Schönheit brachte,
wird sie ihm bald nehmen, der Wind streift ihm den goldenen Staub aus den
Kätzchen, der Regen gibt ihm den Rest. Mit verdorrten, fahlen Blüten wird er
dann dastehen; niemand wird nach ihm hinsehen, wenn er sich mit jungem
Laube schmückt, und je voller er sich beblättert, um so unsichtbarer wird er und
verschwindet zwischen der Heide und dem Riede und den Weiden und dem
übrigen Bruchgebüsch als ein Strauch, den keiner sieht und kennt. Im Herbste
wird er dann noch einmal goldgelb und feuerrot leuchten und lodern und im
Winter sich purpurrot aus dem Schnee erheben, um auf den Frühling zu warten;
doch niemand freut sich an ihm.
Hinter den Erlen quillt eine Rauchsäule empor, und noch eine und immer
mehr. Die Bauern brennen den Porst; er steht ihnen im Wege. Hier liegen die
blühenden Büsche zu Tausenden am Boden, da starren sie tot und schwarz aus
dem jungen Grase. Über das Jahr wird der feurige Busch nicht mehr so
unumschränkt hier herrschen; Wiesen und Weiden werden ihn durchziehen. Und noch ein Jahr und abermals eins wird kommen, und aus ist es mit ihm. Nicht
mehr wird der Birkhahn hier balzen, der Kranich trompeten, die Heerschnepfe
meckern.
Verschwunden wird bis auf einige dürftige Reste der Porst sein mit seiner
Pracht und all dem bunten, reichen Leben, das sich in ihm barg.