Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 4 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Der Porst.

 

An der Quelle, die am Fuße der hohen Geest aus dem anmoorigen Boden

springt, steht ein brauner, blattloser Strauch, über und über mit goldig

schimmernden Blütenkätzchen bedeckt.

 

Ein Porstbusch ist es. Schon im Spätsommer, als er noch im vollen Laube

stand, hatte er seine Blüten halb fertig; im Herbst und Winter vollendete er sie,

und dann stand er da und wartete auf seinen Frühling. Lange hat er warten

müssen. Die Kolkraben kreisten laut rufend über der Wohld, die Birkhähne

bliesen und trommelten auf den Wiesen, Hasel und Erle blühten auf und blühten

ab; doch erst als der Kranich im Moor in die Trompete stieß und die Birke sich

rührte, durfte der braune Busch seinen tausend Knospen den Willen lassen, und

nun steht er da, umgeben von goldenem Schein und atmet einen strengen und

starken Duft aus, der sich mit dem Hauche des jungen Birkenlaubes und dem

Kiengeruche der sprossenden Kiefern vermischt.

 

Alle die anderen Porstbüsche, die zwischen den Rinnsalen, die aus der Geest

quellen, stehen, hier einzeln und hoch, von Birken, Weiden, Eichen und Erlen

bedrängt und von gewaltigen Wacholdern und hohen Stechpalmen, dort

niedriger und in Scharen vereinigt, durchwuchert von silbern anblühendem

Wollgrase und lustig sprießendem Riede, haben ebenfalls ihre Kätzchen

erschlossen. Wenn sie aber auch noch so sehr prahlen und prunken, zur

Alleinherrschaft kommen sie hier doch nicht. Denn das Bergmilzkraut ist noch

da, das mit hellblühendem Rasen die Wässerchen umflicht, stolze Dotterblumen

protzen aus saftigem Laub hervor, die Weidenbüsche leuchten von oben bis

unten vor Blütenpracht, und das junge Laub der Birken, vermengt mit zierlichen

Troddelchen, schimmert und flimmert im Morgensonnenlichte.

 

Einst, als der Wolf hier noch das Hirschkalb hetzte, bei Tage der Adler das

große Wort hatte und bei Nacht der Uhu, herrschte der Porst unumschränkt von

der Geest bis an die Aller. Aber die Bauern brannten ihn nieder, rodeten ihn aus,

schlugen Pfähle ein, zogen Drähte, trieben das Vieh in die Gatter, kalkten das

Land, und nun sind Wiesen und Weiden da, wo ehemals nichts war, als Porst und

Porst und immer wieder nur Porst und hier und da eine Eiche, ein Wacholder, ein

Stechpalmenbusch. Nur an den Seiten der Wiesen und an einigen Gräben hat er

sich noch halten können und zieht braune, goldig leuchtende Streifen durch die

grünen, vom Schaumkraut bläulichweiß überhauchten Flächen. Hinter den Wiesen aber, in der großen Sinke, die von zwei flinken Bächen und einem faulen

Flüßchen überreich mit Wasser versorgt wird, hat der Porst noch die Obergewalt.

Es fehlt dort anfangs nicht an Bäumen und Sträuchern, knorrigen Eichen,

schlanken Birken, stolzen Fichten und krausen Kiefern; aber jetzt, wo der Porst

in Blüte steht, kommen sie nicht zur Geltung, denn die ganze weite, breite, nur

hier und da von einer Krüppelkiefer, einem Erlenhorste, einem Weidenbusche

unterbrochene Fläche ist ausgefüllt von ihm, ist ein einziges goldenes,

glühendes, loderndes Gefilde, erfüllt von tausendfältigem Leben.

 

Dumpf murren in den Tümpeln die Moorfrösche, hell locken im Riede die

Heerschnepfen, wehleidig klagend taumeln die Kiebitze dahin, und mit

jauchzendem Schrei kreist der Bussard unter den Wolken. Auf dem grauen

Wacholdergerippe sitzt der Raubwürger, schrill rufend, helle Weihen werfen sich

mit gellendem Keckern aus der Luft, der Brachvogel steigt empor und läßt seine

wehmütigen Triller weithin schallen, Kuckuck und Wiedehopf läuten, die

Turteltauben schnurren, und viele kleine und feine Stimmen erklingen, ab und zu

übertönt von den herrischen Fanfaren des Kranichs oder von dem dröhnenden

Basse des Rehbockes, der von einem Menschen Wind bekommen hat und nun

durch den Porst flüchtet, daß der Blütenstaub hinter ihm herwirbelt und die

graue Glockenheide, die braune Sandheide, das grüne Ried und das silberne

Wollgras mit dichtem gelbem Puder verhüllt.

 

Heute herrscht der Porst hier noch und morgen und übermorgen. Um das

düstere Erlengebüsch frohlockt er und jauchzt aus dem modrigen Birkenwalde

heraus. Aber die Sonne, die ihm nach langem Warten die Schönheit brachte,

wird sie ihm bald nehmen, der Wind streift ihm den goldenen Staub aus den

Kätzchen, der Regen gibt ihm den Rest. Mit verdorrten, fahlen Blüten wird er

dann dastehen; niemand wird nach ihm hinsehen, wenn er sich mit jungem

Laube schmückt, und je voller er sich beblättert, um so unsichtbarer wird er und

verschwindet zwischen der Heide und dem Riede und den Weiden und dem

übrigen Bruchgebüsch als ein Strauch, den keiner sieht und kennt. Im Herbste

wird er dann noch einmal goldgelb und feuerrot leuchten und lodern und im

Winter sich purpurrot aus dem Schnee erheben, um auf den Frühling zu warten;

doch niemand freut sich an ihm.

 

Hinter den Erlen quillt eine Rauchsäule empor, und noch eine und immer

mehr. Die Bauern brennen den Porst; er steht ihnen im Wege. Hier liegen die

blühenden Büsche zu Tausenden am Boden, da starren sie tot und schwarz aus

dem jungen Grase. Über das Jahr wird der feurige Busch nicht mehr so

unumschränkt hier herrschen; Wiesen und Weiden werden ihn durchziehen. Und noch ein Jahr und abermals eins wird kommen, und aus ist es mit ihm. Nicht

mehr wird der Birkhahn hier balzen, der Kranich trompeten, die Heerschnepfe

meckern.

 

Verschwunden wird bis auf einige dürftige Reste der Porst sein mit seiner

Pracht und all dem bunten, reichen Leben, das sich in ihm barg.