Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 15 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Das Bergmoor.

 

Menschengesichter gibt es, hinter deren düsteren Augen und verschlossenen

Lippen wir ein böses Geheimnis ahnen; wir gehen ihnen aus dem Wege.

 

Und wieder gibt es Menschengesichter, ernst aber mit Güte in den Augen, mit

Lippen, die nicht oft und nicht viel reden, mit Geheimnissen, die aber keinen

Hauch von Grausen ausströmen; an solchen Menschen nehmen wir Anteil.

 

So ist der Brocken. Er hat seine Geheimnisse, aber sie sind nicht schrecklicher

Art. Es sind Geheimnisse, wie einsame Menschen von viel Gemüt und gutem

Humor sie in sich hegen, Leute, wie Arnold Böcklin und Wilhelm Busch es

waren, die der gemeinen Menge als schrullenhafte Sonderlinge gelten.

 

Wer kennt ihn von den zweimalhunderttausend Leutchen, die alljährlich zu

Fuß oder mit dem Wagen oder auf der Eisenbahn auf seinen Gipfel klettern?

Nicht Hundert davon sehen mehr von ihm, als die gelben Granitwege zwischen

sturmzerfetzten Fichten, als die Aussicht in das bunte Land, als die

weißgedeckte Tafel im Unterkunftshause mit ihren Flaschenkübeln.

 

Auf gebahnten Wegen geht es hinauf, man ißt und trinkt, bewundert die

Aussicht oder schimpft, ist sie nicht da, schreibt Ansichtskarten, und dann geht

man auf sicheren Steigen hinab in dem stolzen Gefühle, den Brocken kennen

gelernt zu haben. Man hat ihn kennen gelernt, wie einen großen Mann, den man

im Gehrock und hohem Hute aufsuchte und mit dem man zehn Minuten

sprechen durfte.

 

Und das ist gerade das Reizvolle an dem seltsamen Berge, daß ihn so viele

Menschen besuchen, daß aber nur ganz wenige ihn kennen. Ist Pfingsten helles,

warmes Wetter, dann kann es sein, daß dort oben zweimal tausend Menschen

Mittag essen, daß alle Zuwege bunt von bunten Hüten und hellen Kleidern und

laut von Gelächter und Gesang sind; wer aber bescheid weiß, der tritt vom

bezeichneten Pfade und ist dann allein, hört und sieht nichts mehr von dem

Volke der Ausflügler, braucht keinen Singsang und kein Gejodel mehr

auszustehen und sich nicht über Papier, Kartons, Stanniol, Eierschalen und

Flaschenscherben zu ärgern, mit denen die Wegeränder verschandelt sind. Frau

Einsamkeit sieht ihn mit großen, guten Augen an, hängt sich an seinen Arm und

weist ihm die Geheimnisse des Berges, seine großen und kostbaren Schätze,

seine kleinen und feinen Sächelchen, an denen er seine Freude hat.

Seitdem die Bahn bis zu seiner Spitze geht, hat er viele von seinen Schätzen

beiseite geschafft, denn zu arg wütete das unholde Volk dagegen. Jetzt grasen die

Leute die ganze Kuppe ab, hungrig auf Brockenmyrte, wie sie die zierlich

begrünten Ranken der Krähenbeere tauften. Aber sieh dich hier im Moore

einmal um! Du gehst nur auf Brockenmyrte, ganze Rasen bildet sie und darüber

nicken, rosig und weiß, wie die Gesichter von Elfenkinderchen, die lieblichen

Blüten der Rosmarinheide unter den silberweißen Wimpeln des Wollgrases.

Nebenan, wo das Torfmoor verdächtig naß aussieht, rankt die zierliche

Moosbeere und läßt auf haarfeinen Stielchen ihre entzückenden Blümchen,

winzige Abbilder der Türkenbundlilie, erzittern, und daneben steht ein üppiger

Strauch der Zwergbirke. Ist es ein Andenken, das der Berg sich aus jener Zeit

bewahrte, wo das Inlandeis bis tief nach Norddeutschland hineinreichte und

schlitzäugige, schwarzhaarige Jäger dem Mammut Fallgruben bauten und den

Moschusochsen vor den Hunden erlegten? Oder haben reisende Vögel aus dem

Nordlande die Samen hierher verschleppt? Unter der Kleintierwelt des Berges ist

allerlei zu finden, was sonst nur in den Mooren des hohen Nordens oder vor den

Gletschern der Hochalpen lebt, ein blankes Käferchen, ein grauer Falter, eine

Spinne oder eine Milbe.

 

Jetzt, wo die Sonne gegen die wilde Trümmerhalde scheint, die das Moor

umsäumt, lebt das kleine Leben auf. Da surrt und burrt es tausendfältig um die

rötlichgrünen Kugelblüten der Heidelbeeren vor Bienen und Wespen, Fliegen

und Hummeln, die Blöcke wimmeln von plumpen Rüsselkäfern, schlanken

Schnellkäfern. Auf dem tiefen Tümpel, in dem sich die Äste der Zwergweide ihr

goldgrünes Laub spiegeln, huschen Wasserwanzen hin, und am Rande ist ein

Gewimmel eben ausgeschlüpfter Larven des Grasfrosches, eine willkommene

Beute für die Bergmolche, deren himmelblaue Seiten und feuerrote Bäuche

jedesmal aufleuchten, wenn die schlanken Tiere Luft schöpfen. Auf den von

Flechten und Moosen buntgesprenkelten grauen Granitblöcken sonnt sich die

Waldeidechse und zwischen den Heidelbeersträuchern jagen sich liebestolle

Spitzmäuse.

 

Heute wacht der Berg; gestern schlief er, hatte sich die Nebelkappe über den

Kopf gezogen und schnarchte, daß die verwetterten Fichten hin und her

schwankten. Kein Käfer kroch, keine Biene flog und kein Vogel sang. Aber

heute früh, als der Nebel zerriß und die Sonne den Berg so lange streichelte, bis

er ein vergnügtes Gesicht machte, da meldeten sich die Fichtenmeisen überall,

der Fink schlug, die Braunelle zwitscherte, Graudrossel und Schnarre flöteten,

der Laubvogel sang, und da erhob sich auch der Wiesenpieper, stieg ungeschickt

in die Luft und klapperte seinen hölzernen Singsang, und über die Trümmerhalde stieg der Steinschmätzer und quirlte mit viel Geflatter sein Schalksnarrenlied

heraus. Dann, auf einmal, wimmelte die Luft von Mauerseglern. Sie brüten dort

unten in den Städten und lassen sich hier nicht sehen, wenn der Berg sein

Nebelkleid trägt; sobald aber die Sonne auf seine Glatze scheint, sind sie da,

kreischen hungrig und erschrecken die Brockenfahrer, die vom Turme in das

leuchtende Land sehen, mit schallendem Schwingenschlage. Sobald aber der

Wind kälter pfeift, sind sie verschwunden, wie fortgezaubert.

 

Denn der Berg hat seine Launen; er lacht gern, aber er hat doch dicht am

Wasser gebaut. Außerdem ist er ein Freund von Späßen. Hier ist doch Mai,

leuchtender, lachender Mai mit hellgrünen Tannensprossen, jungem

Ebereschenlaub, bienenumschwärmtem Heidelbeergekräut, blütenüberdecktem

Sauerkleerasen, Falterflug, Käfergeschwirre und Vogelgesang. Dicht daneben ist

Winter. Da liegt der Schnee hart und fest zwischen dem wilden Getrümmer, rührt

sich noch keine Fichte, haben die Heidelbeeren noch dünne Zweige, fliegt kein

Falter, kriecht kein Käfer, und hurtig hüpft der Gletschergast im nassen Moose

umher. Daneben aber, wer möchte es glauben, ist Sommer, reichlicher

Frühsommer. Die Heidelbeeren sind abgeblüht, der Sauerklee steht in Frucht, die

Fichten haben lange Triebe. Noch etwas weiter hin, und der Vorfrühling winkt

mit den allerersten Grasspitzchen, winzigen Knöspchen an den Fichtenzweigen

und eben sich erschließenden Heidelbeerblüten.

 

Ach ja, es ist ein sonderbarer Geselle, der Berg. Die Wege und die Bahn hat er

sich gefallen lassen müssen und das Gasthaus und die Wetterbeobachtungsstelle;

mehr gewährt er aber nicht. Hier starren, von Heidelbeergebüsch, Moos und

Farn halb versteckt, gewaltige Mauern, kunstvoll gefugt, und leicht denkt sich

der Wanderer eine Raubritterburg in früheren Zeiten hierhin. Aber dem ist nicht

so gewesen. Die Räuber, die hier wohnten, hatten vier Beine und hießen Bär,

Luchs und Wildkatze, und bis auf die letzte, die unten am Berge noch ihr

heimliches Leben führt, sind sie verschwunden, der eine seit zweihundert, der

andere seit hundert Jahren, und jenes Gemäuer ist der Rest von

Torfarbeiterhäusern und Torfköhlereien. Die Arbeit war zwecklos; der Berg litt

es nicht, daß man seine Moore ausbeutete; er wartete, bis die Torfhaufen

aufgetürmt waren, und dann weichte er sie so ein, bis sie umfielen. Da gab man

es auf.

 

Auch seine Fichten will er so haben, wie es ihm paßt. Und es paßt ihm nicht,

stehen sie in Reihe und Glied, wie die da unten im Forst. Hier und da läßt er sie

ja wachsen, aber gar zu keck dürfen sie nicht werden, denn dann ruft er den

Wind. Der kommt mit Schnee und Rauhreif, und davon packt er den Bäumen so viel auf, bis sie auf die Knie fallen, und wenn er seinen bösen Tag hat, dann wirft

er sie durcheinander, wie Kraut und Rüben, und trampelt mit seinen

Nagelschuhen darauf umher, daß sie tausendweise ihr Leben lassen müssen. Und

dann kommt das tückische Torfmoos an, reckt sich, streckt sich, quillt und

schwillt, überspinnt die toten Stämme, zernagt sie und frißt sie endlich ganz auf,

und da, wo einst Fichte bei Fichte stand, in der die Meisen pfiffen, läßt der

Wiesenpieper über kahlen Moorflächen sein ödes Gesinge erschallen, der

Birkhahn führt im Frühling seinen Minnetanz dort auf und im Frühherbste

schreit hier der edle Hirsch.

 

Wer aber sieht den Birkhahn tanzen und springen und schaut zu, wenn der

Platzhirsch dem Nebenbuhler heiser röhrend entgegenzieht? Wer kennt den

einsamen Hasen, der zwischen den Trümmern der Granitkuppe wohnt, die

unterirdische Gewalten einst sprengten und deren Reste bis nach Wernigerode

und Ilsenburg rollten? Nur wer am Pflanzenwuchse erkennen kann, wo er den

Fuß hinsetzen darf, ohne im Torfschlamm zu versinken, sieht das Reh das junge

Gras äsen und belauscht den Urhahn, der sich im feinen Steingeröll badet,

während die Henne im Heidelbeerbuschwerk ihre Brut den Käferfang lehrt. Er

hat seine Nücken und Tücken, der Berg. Lose aufeinander geschichtet ist das

wilde Trümmerwerk, und hier ist die Torfdecke fest und sicher; daneben reichen

drei Bergstöcke nicht aus, den weichen Schlamm abzuloten. Und darum wird der

große Troß der Brockenfahrer niemals das geheime Leben des Brockens kennen

lernen, sondern sich an den sicheren Wegen genügen lassen und an der Aussicht

und der trefflichen Küche dort oben, und nichts wissen von den geheimen

Schönheiten seiner verschwiegenen Moore.