Mein buntes Buch, Naturschilderungen
Das Bergmoor.
Menschengesichter gibt es, hinter deren düsteren Augen und verschlossenen
Lippen wir ein böses Geheimnis ahnen; wir gehen ihnen aus dem Wege.
Und wieder gibt es Menschengesichter, ernst aber mit Güte in den Augen, mit
Lippen, die nicht oft und nicht viel reden, mit Geheimnissen, die aber keinen
Hauch von Grausen ausströmen; an solchen Menschen nehmen wir Anteil.
So ist der Brocken. Er hat seine Geheimnisse, aber sie sind nicht schrecklicher
Art. Es sind Geheimnisse, wie einsame Menschen von viel Gemüt und gutem
Humor sie in sich hegen, Leute, wie Arnold Böcklin und Wilhelm Busch es
waren, die der gemeinen Menge als schrullenhafte Sonderlinge gelten.
Wer kennt ihn von den zweimalhunderttausend Leutchen, die alljährlich zu
Fuß oder mit dem Wagen oder auf der Eisenbahn auf seinen Gipfel klettern?
Nicht Hundert davon sehen mehr von ihm, als die gelben Granitwege zwischen
sturmzerfetzten Fichten, als die Aussicht in das bunte Land, als die
weißgedeckte Tafel im Unterkunftshause mit ihren Flaschenkübeln.
Auf gebahnten Wegen geht es hinauf, man ißt und trinkt, bewundert die
Aussicht oder schimpft, ist sie nicht da, schreibt Ansichtskarten, und dann geht
man auf sicheren Steigen hinab in dem stolzen Gefühle, den Brocken kennen
gelernt zu haben. Man hat ihn kennen gelernt, wie einen großen Mann, den man
im Gehrock und hohem Hute aufsuchte und mit dem man zehn Minuten
sprechen durfte.
Und das ist gerade das Reizvolle an dem seltsamen Berge, daß ihn so viele
Menschen besuchen, daß aber nur ganz wenige ihn kennen. Ist Pfingsten helles,
warmes Wetter, dann kann es sein, daß dort oben zweimal tausend Menschen
Mittag essen, daß alle Zuwege bunt von bunten Hüten und hellen Kleidern und
laut von Gelächter und Gesang sind; wer aber bescheid weiß, der tritt vom
bezeichneten Pfade und ist dann allein, hört und sieht nichts mehr von dem
Volke der Ausflügler, braucht keinen Singsang und kein Gejodel mehr
auszustehen und sich nicht über Papier, Kartons, Stanniol, Eierschalen und
Flaschenscherben zu ärgern, mit denen die Wegeränder verschandelt sind. Frau
Einsamkeit sieht ihn mit großen, guten Augen an, hängt sich an seinen Arm und
weist ihm die Geheimnisse des Berges, seine großen und kostbaren Schätze,
seine kleinen und feinen Sächelchen, an denen er seine Freude hat.
Seitdem die Bahn bis zu seiner Spitze geht, hat er viele von seinen Schätzen
beiseite geschafft, denn zu arg wütete das unholde Volk dagegen. Jetzt grasen die
Leute die ganze Kuppe ab, hungrig auf Brockenmyrte, wie sie die zierlich
begrünten Ranken der Krähenbeere tauften. Aber sieh dich hier im Moore
einmal um! Du gehst nur auf Brockenmyrte, ganze Rasen bildet sie und darüber
nicken, rosig und weiß, wie die Gesichter von Elfenkinderchen, die lieblichen
Blüten der Rosmarinheide unter den silberweißen Wimpeln des Wollgrases.
Nebenan, wo das Torfmoor verdächtig naß aussieht, rankt die zierliche
Moosbeere und läßt auf haarfeinen Stielchen ihre entzückenden Blümchen,
winzige Abbilder der Türkenbundlilie, erzittern, und daneben steht ein üppiger
Strauch der Zwergbirke. Ist es ein Andenken, das der Berg sich aus jener Zeit
bewahrte, wo das Inlandeis bis tief nach Norddeutschland hineinreichte und
schlitzäugige, schwarzhaarige Jäger dem Mammut Fallgruben bauten und den
Moschusochsen vor den Hunden erlegten? Oder haben reisende Vögel aus dem
Nordlande die Samen hierher verschleppt? Unter der Kleintierwelt des Berges ist
allerlei zu finden, was sonst nur in den Mooren des hohen Nordens oder vor den
Gletschern der Hochalpen lebt, ein blankes Käferchen, ein grauer Falter, eine
Spinne oder eine Milbe.
Jetzt, wo die Sonne gegen die wilde Trümmerhalde scheint, die das Moor
umsäumt, lebt das kleine Leben auf. Da surrt und burrt es tausendfältig um die
rötlichgrünen Kugelblüten der Heidelbeeren vor Bienen und Wespen, Fliegen
und Hummeln, die Blöcke wimmeln von plumpen Rüsselkäfern, schlanken
Schnellkäfern. Auf dem tiefen Tümpel, in dem sich die Äste der Zwergweide ihr
goldgrünes Laub spiegeln, huschen Wasserwanzen hin, und am Rande ist ein
Gewimmel eben ausgeschlüpfter Larven des Grasfrosches, eine willkommene
Beute für die Bergmolche, deren himmelblaue Seiten und feuerrote Bäuche
jedesmal aufleuchten, wenn die schlanken Tiere Luft schöpfen. Auf den von
Flechten und Moosen buntgesprenkelten grauen Granitblöcken sonnt sich die
Waldeidechse und zwischen den Heidelbeersträuchern jagen sich liebestolle
Spitzmäuse.
Heute wacht der Berg; gestern schlief er, hatte sich die Nebelkappe über den
Kopf gezogen und schnarchte, daß die verwetterten Fichten hin und her
schwankten. Kein Käfer kroch, keine Biene flog und kein Vogel sang. Aber
heute früh, als der Nebel zerriß und die Sonne den Berg so lange streichelte, bis
er ein vergnügtes Gesicht machte, da meldeten sich die Fichtenmeisen überall,
der Fink schlug, die Braunelle zwitscherte, Graudrossel und Schnarre flöteten,
der Laubvogel sang, und da erhob sich auch der Wiesenpieper, stieg ungeschickt
in die Luft und klapperte seinen hölzernen Singsang, und über die Trümmerhalde stieg der Steinschmätzer und quirlte mit viel Geflatter sein Schalksnarrenlied
heraus. Dann, auf einmal, wimmelte die Luft von Mauerseglern. Sie brüten dort
unten in den Städten und lassen sich hier nicht sehen, wenn der Berg sein
Nebelkleid trägt; sobald aber die Sonne auf seine Glatze scheint, sind sie da,
kreischen hungrig und erschrecken die Brockenfahrer, die vom Turme in das
leuchtende Land sehen, mit schallendem Schwingenschlage. Sobald aber der
Wind kälter pfeift, sind sie verschwunden, wie fortgezaubert.
Denn der Berg hat seine Launen; er lacht gern, aber er hat doch dicht am
Wasser gebaut. Außerdem ist er ein Freund von Späßen. Hier ist doch Mai,
leuchtender, lachender Mai mit hellgrünen Tannensprossen, jungem
Ebereschenlaub, bienenumschwärmtem Heidelbeergekräut, blütenüberdecktem
Sauerkleerasen, Falterflug, Käfergeschwirre und Vogelgesang. Dicht daneben ist
Winter. Da liegt der Schnee hart und fest zwischen dem wilden Getrümmer, rührt
sich noch keine Fichte, haben die Heidelbeeren noch dünne Zweige, fliegt kein
Falter, kriecht kein Käfer, und hurtig hüpft der Gletschergast im nassen Moose
umher. Daneben aber, wer möchte es glauben, ist Sommer, reichlicher
Frühsommer. Die Heidelbeeren sind abgeblüht, der Sauerklee steht in Frucht, die
Fichten haben lange Triebe. Noch etwas weiter hin, und der Vorfrühling winkt
mit den allerersten Grasspitzchen, winzigen Knöspchen an den Fichtenzweigen
und eben sich erschließenden Heidelbeerblüten.
Ach ja, es ist ein sonderbarer Geselle, der Berg. Die Wege und die Bahn hat er
sich gefallen lassen müssen und das Gasthaus und die Wetterbeobachtungsstelle;
mehr gewährt er aber nicht. Hier starren, von Heidelbeergebüsch, Moos und
Farn halb versteckt, gewaltige Mauern, kunstvoll gefugt, und leicht denkt sich
der Wanderer eine Raubritterburg in früheren Zeiten hierhin. Aber dem ist nicht
so gewesen. Die Räuber, die hier wohnten, hatten vier Beine und hießen Bär,
Luchs und Wildkatze, und bis auf die letzte, die unten am Berge noch ihr
heimliches Leben führt, sind sie verschwunden, der eine seit zweihundert, der
andere seit hundert Jahren, und jenes Gemäuer ist der Rest von
Torfarbeiterhäusern und Torfköhlereien. Die Arbeit war zwecklos; der Berg litt
es nicht, daß man seine Moore ausbeutete; er wartete, bis die Torfhaufen
aufgetürmt waren, und dann weichte er sie so ein, bis sie umfielen. Da gab man
es auf.
Auch seine Fichten will er so haben, wie es ihm paßt. Und es paßt ihm nicht,
stehen sie in Reihe und Glied, wie die da unten im Forst. Hier und da läßt er sie
ja wachsen, aber gar zu keck dürfen sie nicht werden, denn dann ruft er den
Wind. Der kommt mit Schnee und Rauhreif, und davon packt er den Bäumen so viel auf, bis sie auf die Knie fallen, und wenn er seinen bösen Tag hat, dann wirft
er sie durcheinander, wie Kraut und Rüben, und trampelt mit seinen
Nagelschuhen darauf umher, daß sie tausendweise ihr Leben lassen müssen. Und
dann kommt das tückische Torfmoos an, reckt sich, streckt sich, quillt und
schwillt, überspinnt die toten Stämme, zernagt sie und frißt sie endlich ganz auf,
und da, wo einst Fichte bei Fichte stand, in der die Meisen pfiffen, läßt der
Wiesenpieper über kahlen Moorflächen sein ödes Gesinge erschallen, der
Birkhahn führt im Frühling seinen Minnetanz dort auf und im Frühherbste
schreit hier der edle Hirsch.
Wer aber sieht den Birkhahn tanzen und springen und schaut zu, wenn der
Platzhirsch dem Nebenbuhler heiser röhrend entgegenzieht? Wer kennt den
einsamen Hasen, der zwischen den Trümmern der Granitkuppe wohnt, die
unterirdische Gewalten einst sprengten und deren Reste bis nach Wernigerode
und Ilsenburg rollten? Nur wer am Pflanzenwuchse erkennen kann, wo er den
Fuß hinsetzen darf, ohne im Torfschlamm zu versinken, sieht das Reh das junge
Gras äsen und belauscht den Urhahn, der sich im feinen Steingeröll badet,
während die Henne im Heidelbeerbuschwerk ihre Brut den Käferfang lehrt. Er
hat seine Nücken und Tücken, der Berg. Lose aufeinander geschichtet ist das
wilde Trümmerwerk, und hier ist die Torfdecke fest und sicher; daneben reichen
drei Bergstöcke nicht aus, den weichen Schlamm abzuloten. Und darum wird der
große Troß der Brockenfahrer niemals das geheime Leben des Brockens kennen
lernen, sondern sich an den sicheren Wegen genügen lassen und an der Aussicht
und der trefflichen Küche dort oben, und nichts wissen von den geheimen
Schönheiten seiner verschwiegenen Moore.