Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 3 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Die Frühlingsblumen.

 

Mit verdrießlichem Gesichte stand der Tag auf. Nun hat er die mürrische Laune

überwunden und zeigt eine zufriedene Miene.

 

Die gelben Löwenzahnblüten am Raine danken es ihm und öffnen sich, bunte

Schmetterlinge tanzen ausgelassen über die Landstraße, überall flattern Lerchen

aus den lachenden Saaten auf und erfüllen die frische Luft mit fröhlichen

Stimmen.

 

Die Sonne soll uns den Weg weisen. Voll und heiß scheint sie gegen den

Vorwald, dessen Rand dichtes Gebüsch verschleimt, lustig grünender Weißdorn,

fröhlich blühende Schlehen, strahlende Weidenbüsche und von den grauen

Ranken der Waldrebe umsponnener Bergholunder, über und über mit grünlichen

Blütentrauben bedeckt.

 

Hier hüpft und schlüpft es in einem fort und singt und klingt auf mannigfache

Art. Aber wie sich auch Ammer und Laubvogel, Rotkehlchen und Braunelle,

Meise und Fink anstrengen, der Knirps von Zaunkönig überstimmt sie doch alle

mit seinem keck hinausgeschmetterten Liedchen.

 

Das braune Fallaub am Boden ist fast verschwunden unter jungem Grase und

frischen Blüten, weißen und gelben, blauen und roten, bunt durcheinander

gemischt, eine immer schöner als die andere. Aber ob auch die Windröschen so

zierlich, die Waldveilchen so herzig und der Lerchensporn so üppig ist, die

Himmelsschlüssel überragen sie alle an Vornehmheit und Würde.

 

Einen leichten Pfirsichduft entlockt ihnen die Sonne. Er mengt sich mit dem

Geruche der Erde und dem Hauche, der aus den aufbrechenden Knospen quillt,

bis er unter dem Atem des Moschusblümchens verschwindet oder von dem des

Waldmeisters, dessen schwache und doch so kecke Quirle überall das alte Laub

durchbrechen.

 

Es raschelt im Gebüsch; eine Waldmaus springt dahin. Es raschelt im Grase;

eine Eidechse schlüpft von dannen. Im Moose schimmert eine Blindschleiche,

die sich da sonnt, und in dem kleinen Wasserbecken leuchtet es feuerrot und

himmelblau auf. Es sind Bergmolche, die dort emportauchen, um Luft zu

schnappen, und wieder hinabsinken und auf dem Grunde ihre seltsamen,

lächerlichen Minnespiele treiben.

Ein Pfauenauge schwebt vorüber. Ein anderes tanzt darauf zu. Munter wirbelt

das Paar dahin. Ihm folgen zwei Zitronenvögel, ein grünlich weißes Weibchen,

stürmisch von dem goldenen Männchen getrieben. Zwei Krähen stechen sich,

wie Esel quarrend, in der Luft. Zärtlich heult der Täuber, steigt stolz über die

Kronen und klatscht laut die Schwingen gegeneinander, um der Liebsten zu

gefallen. Zu demselben Zwecke trommelt der Specht so unverdrossen, und aus

keinem anderen Grunde fühlt sich der Grünfink bewogen, den Flug der

Fledermaus nachzuäffen.

 

Dort hinten ist eine neue Farbe im Walde. Eine Buche ist es, die an den

untersten Zweigen ihre Knospen geöffnet. Lauter goldgrüne Schmetterlinge

scheinen den silbernen Stamm zu umflattern. Das sieht so wunderschön aus, daß

wir uns hier lagern müssen, um uns in Ruhe daran zu freuen, und an den

Windröschen darunter, den weißen, verschämten, den gelben, kecken, an dem

protzenhaften, gespreizten Aronstab und dem wunderfeinen, zierlichen

Sauerklee, der den moosigen Stumpf mit leuchtenden Blättchen und

schimmernden Blütchen verhüllt.

 

Die Drosseln schlagen, die Finken schmettern, ein Täuber ruft, ein Bussard

schreit aus der Höhe herab, und doch ist es, als wäre es still, friedlich still hier

im Walde. Verstohlen flattert eine Krähe von Ast zu Ast und bricht heimlich

Nestreiser. Ein Eichkätzchen hüpft über den blumigen Erdboden und scharrt

nach Käfern. Zwei helle Tauben schweben heran, blicken lange umher und

lassen sich endlich im Grunde nieder, wo das goldene Milzkraut den Spring rund

umher einfaßt und weiterhin die Lungenblumen versuchen, ihre rosenroten und

himmelblauen Blüten dagegen zur Geltung zu bringen.

 

Die Sonne verfleckt sich, die Blumen verblassen, das Grün verdunkelt sich.

Ein kühler Luftzug kommt über den Berg und bewegt die Wipfel. Die Vögel

verstummen zumeist. Ein Fink schlägt noch; auch er hört auf, und einzig und

allein die Spechtmeise läßt unaufhörlich ihr eintöniges, ermüdendes Geflöte

hören. Wir steigen bergab und wieder bergauf und abermals hinab, bis dahin, wo

ein Wiesental sich öffnet, und da finden wir die Sonne wieder und Vogellieder

und Blumen, soviel Blumen unter den hohen Eichen, daß jedes Fleckchen erfüllt

von ihnen ist. Und damit der Weg nicht zu sehr von dieser Pracht absteche,

haben ihn die Ahornbäume mit goldenen Blütenbüscheln bestreut.

 

Wir müssen wieder rasten, so schön ist es an diesem Ort. Das Moos ist weich

und die Sonne warm, ein Bächlein ist da, das uns allerlei erzählt, und so

kommen und schwinden die Stunden, wie die goldenen Falter, die zwischen den

silbernen Stämmen auftauchen und untergehen. Menschenstimmen, ein wenig zu laut für diesen Tag, treiben uns weiter, durch düsteres Tannicht, durchzittert von

dem Liebesgezwitscher unsichtbarer Goldhähnchen, durch helles Buchenholz,

erfüllt vom Geschmetter der Finken, über eine breite, von Wildfährten

gemusterte Trift, durch enge Stangenörter, wo die Sauen im festen Boden

gebrochen haben, an Buchenjugenden vorbei, deren Vorjahrslaub in der Sonne

wie Feuer lodert.

 

Ohne Plan und Ziel schweifen wir dahin, bis der Tag zur Neige gehen will und

der weite, grüne Teppich von Bärenlauch, der den Hang bedeckt, sein lustiges

Funkeln einstellt und herb und streng aussieht und die weißen Windröschen

ängstliche Gesichter bekommen. Die Dämmerung erwacht und tritt aus den

Dickungen in das hohe Holz, eindringlicher klingt das Lied des Rotkehlchens;

bald wird die Eule rufen. Aber noch einmal beschert uns dieser Frühlingstag ein

kostbares Geschenk. Hier im jungen Stangenort, rechts und links von dem

schmalen Steige, hat er so viel rote und weiße Blumen ausgeschüttet, daß unsere

Augen ganz groß werden. Von allem, was uns dieser Tag bot, ist dieses das

Herrlichste.

 

Schiene die Sonne, flögen die Falter, schimmerten die Stämmchen, nicht so

wunderbar anzusehen wäre dann dieser Zaubergarten wie nun, wo die

Jungbuchen stumpf und hart aus der märchenhaften Blütenfülle herausstreben

und das Summen der Hummeln ein fernes Glockengeläute vortäuscht.

 

Wir stehen und starren und staunen und wissen: immer, nach Jahren noch,

werden wir dieses Tages Ende, dieser Stunde hier und ihrer Gabe dankbar

gedenken.