Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 26 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Die Dornhecke.

 

Es gab einmal eine Zeit, da sah die Feldmark so bunt und kraus aus, wie eine

Federzeichnung von Albrecht Dürer.

 

Jeder Grabenbord hatte sein Dorngestrüpp, jede Böschung ihr Gestrüpp, alle

Teiche und Tümpel waren von Weiden und Erlen eingefaßt, und an

Wildbirnbäumen, Kopfweiden und Pappeln war kein Mangel.

 

Dann kam die Verkoppelung und aus war es mit der ganzen Herrlichkeit. Die

Büsche und Bäume fielen überall unter der Axt, selbst da, wo sie niemand im

Wege standen und keinen Schatten auf den Acker oder in die Wiese warfen.

Kahl und langweilig wurde das Gelände und arm an Vogelsang und Falterflug,

und alle die schönen bunten Blumen, die in dem Gebüsche wuchsen,

verschwanden.

 

Eine einzige Hecke ist in der ganzen weiten, breiten Feldmark noch

übriggeblieben. An der Wetterseite des Hohlweges zieht sie sich entlang und

schützt ihn vor Erdrutsch und Schneeverwehung. Die Schlehe und der Weißdorn

bilden mit Kreuzdorn und Heckenrose ein dichtes Gewirre, dessen Grund von

Brombeeren, Himbeeren und Stachelbeeren besäumt wird, und dazwischen

verschränken sich Nesseln, Disteln, Kletten und andere Stauden zu einem engen

Verhau.

 

Wie ein mürrisches braunblaues Bollwerk steht jetzt die Hecke im

überschneiten Felde. Man sieht es ihr nicht an, wie schön sie im Vorfrühling ist,

wenn die Schlehen sich mit weißen Blüten bedecken, oder später, wenn der

Weißdorn seine schimmernden, starkduftenden Dolden entfaltet, oder hinterher,

brechen an den Rosenbüschen die reizenden Knospen auf. Aber auch wenn die

Büsche selber nicht mehr blühen, bleibt es bis in den Herbst hinein noch bunt

von blauen Glocken, roten Lichtnelken, weißem Labkraut und gelber Goldrute;

wenn diese verwelken, schmücken sich die Zweige mit scharlachrotem und

goldgelbem Laube, und fällt das ab, so funkeln, blitzen und leuchten die

schwarzen, blauen und roten Beeren am kahlen Gezweige.

 

Mit dieser Pracht ist es nun auch fast zu Ende. Die Brombeeren sind

abgefallen bis auf einige, die nicht mehr zur Reife kamen und nun verdorrt an

den Stielen zwischen den eingeschrumpften Blättern hängen. Die Rosen haben

zwar noch viele von den Hagebutten, doch sind sie von dem Nachtfroste verschrumpft und leuchten nicht mehr so herrlich, wie im Spätherbste, und auch

die Mehlfäßchen an dem Weißdorne verloren ihr prächtiges Aussehen und

fangen an, sich zu bräunen. Einzig und allein die Schlehen haben noch die

meisten ihrer blaubereiften Früchte bewahrt, doch werden es von Tag zu Tag

weniger, da Sturm und Regen sie nach und nach von den Zweigen reißen und zu

Boden werfen. Dennoch ist die Hecke immer noch schön. Sie war es eben, wo

sie als braunblaues Bollwerk von dem Schnee abstach, und ist es jetzt erst recht,

denn die Sonne ist durchgekommen, und das verworrene Gezweige blitzt und

schimmert und leuchtet, als bestände es aus Erz.

 

Auch fehlt es nicht an allerlei Leben. Zwar die Grasmücken und Braunellen,

die sommertags hier umherschlüpfen und fleißig singen, sind verzogen, die

Falter starben ab oder sitzen in Todesstarre in ihren Winterverstecken, wie auch

der Laubfrosch, der in der schönen Zeit hier so oft lustig meckert, in seiner

Erdhöhle die bitteren Tage verschläft, und die Eidechse, die im

Sommersonnenscheine hin und her huscht, desgleichen tut; aber alle

Augenblicke schwirrt oder burrt es heran, denn alles kleine Vogelvolk, das über

die Feldmark dahinfliegt, macht hier gern Rast. Feld- und Haussperlinge fallen

in ganzen Flügen ein, Buchfinken und Grünlinge, Stieglitze und Hänflinge,

desgleichen die Goldammern und die plumpen Grauammern, die mit trockenem

Geklapper fortfliegen, wenn ein Mensch den Weg entlangkommt.

 

Ab und zu stellt sich auch anderer Besuch ein. Da sind die wunderschönen

Dompfaffen, die hier immer haltmachen, wenn sie den Wald mit den Obstgärten

des Dorfes vertauschen wollen, oder die Kramtsvögel, die von den höchsten

Zweigen der Schlehdornbüsche Umschau halten, ehe sie zu Felde fallen. Dann

und wann nimmt hier auch der Raubwürger aus Nordland Platz oder eine der

Elstern, die in den hohen Pappeln des Gutes ihr Dornennest haben, oder einige

Meisen suchen ein Weilchen in dem Gezweige nach Raupeneiern und wandern

dann lustig lockend dem Walde oder dem Dorfe zu, und manchmal stöbert auch

ein Eichelhäher da herum und tut sich an den Beeren gütlich, oder eine Krähe

lauert am Boden auf eine Maus.

 

Die wohnen auch um diese Zeit in der Hecke, sowohl die braunen Waldmäuse

wie die schön schwarzgestreiften Brandmäuse und auch die zierlichen

Zwergmäuschen, denn sie finden im Laube allerlei Körner und Samen und dazu

noch die abgefallenen dürren Beeren sowie manchen Käfer und allerlei anderes

kleine Getier, das in dem trockenen Laube den Winter verschläft. Auch Feld-

und Rötelmäuse gibt es dort sowie die dicke Wühlmaus, und deswegen läßt sich

das Wiesel und das Hermelin oft da blicken, um auf sie zu jagen.

Die Sonne ist wieder fortgegangen, der Himmel wird grau, ein Wind macht

sich auf und es beginnt zu dämmern. Da kommt es mit lauten Locktönen

herangeflattert. Die Goldammern sind es. Sie fallen auf den Zweigen ein,

sträuben die gelben Schöpfchen, zucken mit den Schwänzen, zanken und zergen

sich ein wenig und schlüpfen dann tief in das Gebüsch hinein, wo sie noch ein

Weilchen herumrascheln, um dann einzuschlafen. Unter ihnen her schlüpft das

Hermelin und wittert nach ihnen empor, traut sich aber wegen der scharfen

Dornen nicht hinauf und huscht deshalb nach der Strohdieme, um dort auf die

Mausejagd zu gehen. Es beginnt verloren zu schneien. Allmählich fallen die

Flocken dichter, bedecken die Saat und den Sturzacker und bleiben in den

Zweigen der Hecke und auf dem Dürrlaube der Brombeeren hängen, alles

verhüllend, was darunter schläft und atmet.

 

Morgen früh aber, wenn die Sonne kommt, beginnt es da wieder zu leben. Die

Ammern erwachen, putzen ihr Gefieder und fliegen zu Felde. Die Spatzen

kommen an und die Finken, die im Walde geschlafen haben, und so vergeht

keine Stunde, daß auf der Dornhecke nicht irgend welches fröhliche Leben ist,

während ringsum im Felde alles weiß und tot ist.