Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 18 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Der Feldteich.

 

Mitten im Felde liegt ein mäßig großer Teich. Eine doppelte Reihe alter, hohler,

krummer Kopfweiden faßt ihn auf der einen Seite ein, drei mächtige

Schwarzpappeln halten gegenüber Wacht.

 

Ein Drittel des Teiches ist von Schilf, Kalmus, Schwertlilie, Rohr und

Pumpkeule erfüllt, die ein undurchdringliches Dickicht bilden. Vor ihnen

bedecken Mummeln und Nixenblumen den Wasserspiegel, desgleichen

Laichkraut, Schwimmknöterich und Froschbiß. An einer Stelle erheben sich in

Menge die harten, zackigen Blätterbündel der Krebsschere, dunkel gegen den

lichten Teppich von Wasserlinsen abstechend.

 

Allerlei Vogelvolk, das dort reichliche Nahrung findet, bewohnt das Röhricht.

Jahr für Jahr bringt ein Stockentenpaar seine Jungen hier aus. Auch die

Wasserralle brütet hier, dann noch je ein paar Teichhühner und Zwergtaucher.

Ein Rohrammerpaar lebt dort ebenfalls, und vier Arten von den kleinen

Rohrsängern, darunter der sonderbare Schwirrl, der wie eine Heuschrecke

schwirrt, und ein Pärchen des Drosselrohrsängers, der mit hartem, scharfem,

herrischem Rufe alle anderen Stimmen übertönt, sogar das gellende Gemecker

der Laubfrösche und das breite Geplärr der Wasserfrösche.

 

Wenn es Abend wird und die Unken anfangen zu läuten, dann erschallt aus

dem Geröhr ein ganz seltsamer Ton. Er ist nicht leise und ist auch nicht laut, und

wenn es eben scheint, er käme aus dem Wasser, so klingt es gleich darauf, als ob

er aus der Luft ertöne. Ein ganz tiefer, dunkler, unirdischer Laut ist es,

unheimlich zugleich und gemütlich dabei, drohend und zärtlich gleicherweise,

ein verhaltenes, gedämpftes, halblautes »Uh«, das in streng abgemessenen

Pausen hörbar ist.

 

Von den Pappeln meldet das Käuzchen den Abend an; im Weidicht singt das

Blaukehlchen; lauter kiksen die Teichhühner, stärker plärren die Frösche und im

Röhricht schnattern und pantschen die Enten. Da ratschelt es im Schilfe, ein

sonderbarer Vogel stiehlt sich hervor und schleicht am Rande des Röhrichts

schnell und sicher über die Seerosenblätter. Ganz schmal und glatt ist er, und tief

gebückt hält er sich. Ab und zu schnellt sich der Hals lang aus den Schultern

heraus, und der lange, scharfe, spitze Schnabel schnappt irgend eine Beute aus

der Luft oder aus dem Wasser.

Der dumpfe Ton in der Mitte des Dickichts kommt näher und wiederholt sich

häufiger. Es rispelt und krispelt in den harten Halmen, und plötzlich schwebt ein

Vogel, dem gleichend, der jetzt in dem Schilfe verschwindet, herbei, und taucht

ebenfalls dort unter, wo der andere sich verkroch. Dann gibt es ein lautes

Rauschen und Rascheln, wilder, öfter ertönt das dunkle »Uh, uh, uh« und jetzt

zickzacken die beiden Zwergrohrdommeln über den Teich hin, vorne die Henne,

dahinter der Hahn. Mit lautlosem eulenhaftem Fluge schweben sie dahin, jetzt

geradeaus und langsam, nun nach rechts und links sich wendend und hastiger

rudernd, und dann verschwinden sie mit Geraschel in den Pumpkeulen, um

drüben wieder zum Vorschein zu kommen und bald über dem Teiche, bald über

der Wiese ihr geisterhaftes Gaukelspiel fortzusetzen, bis sie dessen müde sind

und der Hunger sie antreibt, sich mit allerlei Larven, Pferdeegeln, Schnecken

und Kaulquappen die Kröpfe zu füllen, und dann, faul und müde, angeklammert

an einem Rohrhalm, zu schlafen.

 

Da hocken sie zwischen den gelben Blättern und sind in ihrer fahlen Farbe

fast unsichtbar. Weckt sie ein verdächtiges Geräusch, so machen sie sich ganz

lang und dünn und richten die Schnäbel steif in die Höhe, und erst, wenn bei der

Suche auf Jungenten der Hund ihnen ganz nahe kommt, schlüpfen sie von

Stengel zu Stengel und verbergen sich im dichtesten Röhricht, und es muß schon

sehr schlimm kommen, lassen sie sich zum Auffliegen bewegen. Denn als reiner

Nachtvogel scheut der Zwergreiher den Flug bei Tage. So spielt sich sein Leben

in aller Heimlichkeit ab, und nicht oft kommt es vor, daß der Jäger ihn zu

Gesicht bekommt und, verblüfft über den ihm unbekannten Vogel, ihn erlegt und

dann nicht weiß, was er aus dem winzigen Reiherchen mit dem Eulengefieder

machen soll. Steht er gar an dem Teiche auf streichende Enten an und vernimmt

den dumpfen Ruf der Zwergdommel, so sieht er sich die Augen nach dem Tiere

aus, das sich so sonderbar verkündet, ohne sich blicken zu lassen, rät auf dieses

und das und bleibt so klug, wie zuvor.

 

Weil der Teich so weit entlegen ist, so kommt der Jäger selten zu ihm, und die

Dommelchen fühlen sich so sicher, daß sie schon am Spätnachmittage fischen

gehen, zumal wenn sie Junge haben. Da, wo das Röhricht am allerdichtesten ist,

steht das wirre, unordentliche Nest auf einer breiten, hohen Riedgrasbülte, gegen

den Himmel durch darüber geknickte Stengel gut vor den scharfen Blicken der

Rohrweihe verborgen, die fast jeden Tag vorübergaukelt. Merkwürdige

Geschöpfe sind die jungen Dommelchen, halb wie Igel, halb wie junge

Krokodile aussehend mit den stacheligen Speilen und dem breiten, kurzen

Schnabel. Immer haben sie Hunger, fortwährend gieren sie, und die Alten

können gar nicht genug Pferdeegel, Kaulquappen, Jungfrösche, Wasserjungferlarven, Schnecken und Gewürm herbeischaffen und ihnen in die

Kröpfe hineinwürgen. Das reichliche Futter setzt aber auch gut an. Die Kleinen

bekommen jeden Tag dickere Bäuche und längere Schnäbel, die

schimmelartigen Daunen fallen aus, die Speile platzen und lassen die Federn

hervorbrechen, und bald verlassen die Jungen das Nest und klettern den Eltern

entgegen, wenn die mit vollen Kröpfen herangeschlüpft kommen.

 

Schließlich naht der Abend heran, an dem die junge Brut sich darauf besinnt,

daß sie nicht nur Zehen zum Klettern, sondern auch Schwingen zum Fliegen

haben, und es beginnt erst ein unbeholfenes Geflatter und Getaumel, bis von

Nacht zu Nacht der Flug der Jungen sicherer und länger wird und sie es den

Alten gleichtun. Dann aber verlassen sie alle den Teich und ziehen erst

zusammen unstet von einem Röhricht zum anderen, um sich schließlich zu teilen

und jeder für sich erst langsam, dann eiliger, Nacht für Nacht dem Süden

zuzurücken, um dort, entweder in den Schilfbrüchen Südeuropas, oder gar in den

Sümpfen Afrikas, den Winter zu verbringen.

 

Im Frühling aber treibt es sie wieder zurück und aus dem Rohrdickichte des

Feldteiches ertönt dann auf das neue ihr dumpfer Ruf, den keiner kennt und den

niemand zu deuten weiß.