Mein buntes Buch, Naturschilderungen
Der Feldteich.
Mitten im Felde liegt ein mäßig großer Teich. Eine doppelte Reihe alter, hohler,
krummer Kopfweiden faßt ihn auf der einen Seite ein, drei mächtige
Schwarzpappeln halten gegenüber Wacht.
Ein Drittel des Teiches ist von Schilf, Kalmus, Schwertlilie, Rohr und
Pumpkeule erfüllt, die ein undurchdringliches Dickicht bilden. Vor ihnen
bedecken Mummeln und Nixenblumen den Wasserspiegel, desgleichen
Laichkraut, Schwimmknöterich und Froschbiß. An einer Stelle erheben sich in
Menge die harten, zackigen Blätterbündel der Krebsschere, dunkel gegen den
lichten Teppich von Wasserlinsen abstechend.
Allerlei Vogelvolk, das dort reichliche Nahrung findet, bewohnt das Röhricht.
Jahr für Jahr bringt ein Stockentenpaar seine Jungen hier aus. Auch die
Wasserralle brütet hier, dann noch je ein paar Teichhühner und Zwergtaucher.
Ein Rohrammerpaar lebt dort ebenfalls, und vier Arten von den kleinen
Rohrsängern, darunter der sonderbare Schwirrl, der wie eine Heuschrecke
schwirrt, und ein Pärchen des Drosselrohrsängers, der mit hartem, scharfem,
herrischem Rufe alle anderen Stimmen übertönt, sogar das gellende Gemecker
der Laubfrösche und das breite Geplärr der Wasserfrösche.
Wenn es Abend wird und die Unken anfangen zu läuten, dann erschallt aus
dem Geröhr ein ganz seltsamer Ton. Er ist nicht leise und ist auch nicht laut, und
wenn es eben scheint, er käme aus dem Wasser, so klingt es gleich darauf, als ob
er aus der Luft ertöne. Ein ganz tiefer, dunkler, unirdischer Laut ist es,
unheimlich zugleich und gemütlich dabei, drohend und zärtlich gleicherweise,
ein verhaltenes, gedämpftes, halblautes »Uh«, das in streng abgemessenen
Pausen hörbar ist.
Von den Pappeln meldet das Käuzchen den Abend an; im Weidicht singt das
Blaukehlchen; lauter kiksen die Teichhühner, stärker plärren die Frösche und im
Röhricht schnattern und pantschen die Enten. Da ratschelt es im Schilfe, ein
sonderbarer Vogel stiehlt sich hervor und schleicht am Rande des Röhrichts
schnell und sicher über die Seerosenblätter. Ganz schmal und glatt ist er, und tief
gebückt hält er sich. Ab und zu schnellt sich der Hals lang aus den Schultern
heraus, und der lange, scharfe, spitze Schnabel schnappt irgend eine Beute aus
der Luft oder aus dem Wasser.
Der dumpfe Ton in der Mitte des Dickichts kommt näher und wiederholt sich
häufiger. Es rispelt und krispelt in den harten Halmen, und plötzlich schwebt ein
Vogel, dem gleichend, der jetzt in dem Schilfe verschwindet, herbei, und taucht
ebenfalls dort unter, wo der andere sich verkroch. Dann gibt es ein lautes
Rauschen und Rascheln, wilder, öfter ertönt das dunkle »Uh, uh, uh« und jetzt
zickzacken die beiden Zwergrohrdommeln über den Teich hin, vorne die Henne,
dahinter der Hahn. Mit lautlosem eulenhaftem Fluge schweben sie dahin, jetzt
geradeaus und langsam, nun nach rechts und links sich wendend und hastiger
rudernd, und dann verschwinden sie mit Geraschel in den Pumpkeulen, um
drüben wieder zum Vorschein zu kommen und bald über dem Teiche, bald über
der Wiese ihr geisterhaftes Gaukelspiel fortzusetzen, bis sie dessen müde sind
und der Hunger sie antreibt, sich mit allerlei Larven, Pferdeegeln, Schnecken
und Kaulquappen die Kröpfe zu füllen, und dann, faul und müde, angeklammert
an einem Rohrhalm, zu schlafen.
Da hocken sie zwischen den gelben Blättern und sind in ihrer fahlen Farbe
fast unsichtbar. Weckt sie ein verdächtiges Geräusch, so machen sie sich ganz
lang und dünn und richten die Schnäbel steif in die Höhe, und erst, wenn bei der
Suche auf Jungenten der Hund ihnen ganz nahe kommt, schlüpfen sie von
Stengel zu Stengel und verbergen sich im dichtesten Röhricht, und es muß schon
sehr schlimm kommen, lassen sie sich zum Auffliegen bewegen. Denn als reiner
Nachtvogel scheut der Zwergreiher den Flug bei Tage. So spielt sich sein Leben
in aller Heimlichkeit ab, und nicht oft kommt es vor, daß der Jäger ihn zu
Gesicht bekommt und, verblüfft über den ihm unbekannten Vogel, ihn erlegt und
dann nicht weiß, was er aus dem winzigen Reiherchen mit dem Eulengefieder
machen soll. Steht er gar an dem Teiche auf streichende Enten an und vernimmt
den dumpfen Ruf der Zwergdommel, so sieht er sich die Augen nach dem Tiere
aus, das sich so sonderbar verkündet, ohne sich blicken zu lassen, rät auf dieses
und das und bleibt so klug, wie zuvor.
Weil der Teich so weit entlegen ist, so kommt der Jäger selten zu ihm, und die
Dommelchen fühlen sich so sicher, daß sie schon am Spätnachmittage fischen
gehen, zumal wenn sie Junge haben. Da, wo das Röhricht am allerdichtesten ist,
steht das wirre, unordentliche Nest auf einer breiten, hohen Riedgrasbülte, gegen
den Himmel durch darüber geknickte Stengel gut vor den scharfen Blicken der
Rohrweihe verborgen, die fast jeden Tag vorübergaukelt. Merkwürdige
Geschöpfe sind die jungen Dommelchen, halb wie Igel, halb wie junge
Krokodile aussehend mit den stacheligen Speilen und dem breiten, kurzen
Schnabel. Immer haben sie Hunger, fortwährend gieren sie, und die Alten
können gar nicht genug Pferdeegel, Kaulquappen, Jungfrösche, Wasserjungferlarven, Schnecken und Gewürm herbeischaffen und ihnen in die
Kröpfe hineinwürgen. Das reichliche Futter setzt aber auch gut an. Die Kleinen
bekommen jeden Tag dickere Bäuche und längere Schnäbel, die
schimmelartigen Daunen fallen aus, die Speile platzen und lassen die Federn
hervorbrechen, und bald verlassen die Jungen das Nest und klettern den Eltern
entgegen, wenn die mit vollen Kröpfen herangeschlüpft kommen.
Schließlich naht der Abend heran, an dem die junge Brut sich darauf besinnt,
daß sie nicht nur Zehen zum Klettern, sondern auch Schwingen zum Fliegen
haben, und es beginnt erst ein unbeholfenes Geflatter und Getaumel, bis von
Nacht zu Nacht der Flug der Jungen sicherer und länger wird und sie es den
Alten gleichtun. Dann aber verlassen sie alle den Teich und ziehen erst
zusammen unstet von einem Röhricht zum anderen, um sich schließlich zu teilen
und jeder für sich erst langsam, dann eiliger, Nacht für Nacht dem Süden
zuzurücken, um dort, entweder in den Schilfbrüchen Südeuropas, oder gar in den
Sümpfen Afrikas, den Winter zu verbringen.
Im Frühling aber treibt es sie wieder zurück und aus dem Rohrdickichte des
Feldteiches ertönt dann auf das neue ihr dumpfer Ruf, den keiner kennt und den
niemand zu deuten weiß.