Mein buntes Buch, Naturschilderungen
Die Schlucht.
Unter der Steilwand des Berges erhebt sich ein Dutzend Klippen in dem
Buchenaufschlag, und darunter liegt ein großer Erlensumpf, in dem sich das
Regenwasser, das von den Felsen hierhin geleitet wird, fängt, um in einer Reihe
von dünnen Wasserfäden wieder zum Vorscheine zu kommen, die sich
allmählich zusammenfinden und ein Bächlein bilden. Im Laufe der Zeit hat es
sich ein tiefes Bett in den Berg gegraben, den Erdboden bis auf den felsigen
Grund fortgewaschen, und so rinnt es nun in einer engen Schlucht mit steilen
Wänden zu Tale, meist flach und dünn, dann und wann aber breite flache
Tümpel oder tiefe Löcher bildend, je nachdem die Rinne sich verbreitert oder
Felszacken sie einengen.
Da aus der Schlucht immer eine feuchte Luft heraussteigt, sind ihre Ränder
dicht mit Farnen bestanden, hohem Straußfarn und Wurmfarn, deren verwelkte
Wedel jetzt wie braune Fächer herabhängen, starrem Rippenfarn, dessen Laub
auch im Winter grün bleibt, und Tüpfelfarn, der ganze Rasen zwischen den
Wurzeln der alten Eichen bildet, die die Schlucht begleiten. Aus den Spalten
ihrer feuchten Wände kommen dichte Büschel winziger Felsenfarne hervor, die
helles und dunkles, gefiedertes und gelapptes Laub tragen, und mit Efeuranken,
Lebermoosgeflechten und Laubmoospolstern die Felswände fast ganz bedecken.
Im Sommer kommt die Sonne wegen der dichtschattenden Eichen und Buchen
nur an ganz wenigen Stellen bis an die Schlucht heran; jetzt aber, da die Wipfel
kahl sind, kann sie sie nur da nicht erreichen, wo die Fichten sich ganz eng um
sie zusammendrängen. Hier, wo die Steilwände auseinandergehen und der
Wasserfaden ein breites Becken mit flachen Ufern gebildet hat, fällt das
Mittagslicht der Wintersonne voll auf das Wässerchen. Die Schneeflocken an
seinen Rändern leuchten nur so und die Eiszapfen an den freien Wurzeln blitzen
und funkeln um die Wette mit den Blättern des Efeus und des Haselwurzes.
So warm scheint die Sonne, daß die Schneeflöhe auf den Schneeflecken lustig
hin und her hüpfen und der Gletschergast, das seltsame, flügellose,
dunkelerzgrüne Wespchen, munter zwischen den Fruchtschirmen des
Brunnenmooses auf und ab springt. Eine kleine Gehäuseschnecke ist unter der
Wirkung der Sonnenwärme aus der Froststarre erwacht; sie kriecht langsam
vorwärts und weidet den Algenüberzug des Gesteins ab. Da kommt unter einem
faulen Farnwedel ein winziges, fast nacktes Schneckchen, das auf dem Hinterleibe einen lächerlich kleinen flachen Deckel trägt, hervorgekrochen. Es
streckt seine Taster in die Luft, bewegt sie hin und her und schleicht dann stracks
auf das andere Schneckchen zu, das, sobald es sich berührt fühlt, sich schleunig
in sein Häuschen zurückzieht. Doch das nützt ihm wenig, denn die Daudebardie
legt sich darüber, raspelt mit ihrer scharfgezähnten Zunge das Häuschen durch
und frißt das Schneckchen bei lebendigem Leibe auf.
In den Sonnenstrahlen, die durch die Wipfel der Fichten fallen, blitzt und
funkelt es unaufhörlich auf und ab. Ein Schwarm von Wintermücken ist es, die
hier ihren Hochzeitstanz aufführen. Den Sommer über haben sie als Larven in
dem faulen Laube am Grunde der Schlucht gelebt, haben sich im Spätherbste zu
Mücken entwickelt und schwärmen nun fröhlich umher. Sie locken den
Zaunkönig an, der eben noch in dem dichten Waldrebengeflechte, das die
lichthungrigen Dornbüsche weiter unten an der Schlucht umspinnt, fürchterlich
lärmte, weil es ihm nicht paßte, daß die Waldmaus da umhersprang und ihm die
Spinnen und Käfer fortfing, die er als sein ausschließliches Eigentum betrachtet.
Nun schlüpft er in der Schlucht von Wurzel zu Wurzel und hascht alle
Augenblicke eine der Mücken. In den Dornbüschen turnt ein
Sumpfmeisenpärchen umher und pickt die Spannereier von der Rinde fort, und
sobald es verschwunden ist, erscheinen mit vergnügtem Gepiepe zwei
Blaumeisen und halten Nachsuche.
Dann ertönt ein leises Ticken, ein Rotkehlchen aus dem Norden, das den
Winter hierzulande warm genug findet und nicht weiter gewandert ist, kommt
angeschnurrt, macht einen Bückling, fängt eine Mücke, trinkt aus dem Tümpel,
sucht nach Gewürm und Schneckchen im Moose und schnurrt von dannen.
Einige Buch- und Bergfinken fallen ein, tränken sich und stieben wieder ab. Eine
Amsel fliegt herbei, wirft mit dem Schnabel geräuschvoll das Vorjahrslaub
durcheinander, erbeutet Regenwürmer und Schnakenmaden und streicht mit
gellendem Gezeter davon, weil der Fuchs aus der Fichtendickung heranschleicht.
Er besucht die Schlucht gern, denn allerlei Mäuse wohnen in ihr, und ab und zu
erwischt er dort auch eine Forelle, die sich von Tümpel zu Tümpel geworfen hat,
um in dem sauerstoffreichen Wasser abzulaichen. Damit tut sie den vielen
Salamanderlarven, die auf dem Grunde der Kölke leben, einen Gefallen, denn
die frisch ausgeschlüpften Forellen sind ihnen ein bequemes Futter. Sie selber
aber fallen zum Teil dem Eisvogel zur Beute, der ab und zu einen Ausflug in die
Schlucht macht, während die Köcherfliegenlarven, die in Menge auf dem
Grunde der Pfützen umherkriechen, der Wasseramsel über die schlechte Zeit
hinweghelfen müssen, wenn der Bach, in den das Bächlein rinnt, durch
Regengüsse oder Schneeschmelze getrübt ist.
Wenn im Vorfrühjahr die Sonne schon mehr Macht hat, blühen die
Haselbüsche auf, die an den Flanken der Schlucht wachsen; über die ganze
Rinne hin leuchtet es von den goldenen Troddelchen und die bemoosten
Felswände werden gelb überpudert. Es dauert dann auch nicht lange, und die
vielen Seidelbaststräucher in den Steinspalten bedecken sich mit rosenroten
Blüten, die blauen Sterne der Leberblümchen erscheinen im Laube, erst wenige
weiße Buschwindröschen, zu denen jeden Tag mehr kommen, und schließlich
auch die gelben, die Goldsternchen des Scharfkrautes, rosig aufblühende und
dann blau werdende Lungenblumen, die zierlichen Simsen, die unheimliche
Schuppenwurz, der bunte Lerchensporn, das winzige Moschusblümchen, und
über sie hin schwirrt und flirrt es von Motten und Fliegen, und im Laube rispelt
und krispelt es von Käfern aller Art, und lustig flattern die Zitronenfalter
zwischen dem Gebüsche umher.
Um diese Zeit kommen auch die Fadenmolche aus ihren Winterlagern
hervorgekrochen, fressen heißhungrig, bis sie fett und dick sind, vertauschen ihre
mißfarbigen Kleider mit bunten Hochzeitsgewändern und bevölkern die flache,
mit faulen Blättern gefüllte Wasserrinne, bis das Laichgeschäft vorüber ist. Ihnen
folgen die Salamander, die zu Hunderten hier zusammenkommen und in den
tieferen Wasserlöchern ihre Brut absetzen, um sich dann wieder über den ganzen
Wald zu verteilen.
Dann aber ist auch die hohe Zeit für die Schlucht vorbei. Die
Vorfrühlingsblumen verwelken, das Laub der Buchen und Eichen verschränkt
sich und schattet so sehr, daß nur noch die Farne, die braune Vogelnestwurz, der
leichenfarbige Fichtenspargel, Pilze und wenige Schattenpflanzen hier gedeihen
und von den Tieren Schnecken und solches Gewürm, das mit halbem Lichte
zufrieden ist und die feuchte Kühle liebt, und das zum Teil erst dann zu vollem
Leben erwacht und sich aus den modrigen Spalten und dem vom Fallaube
verhüllten Schotter nach oben zieht, wenn Schnee das Land bedeckt und
Eiszapfen aus dem Moose heraushängen.