Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 8 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Die Schlucht.

 

Unter der Steilwand des Berges erhebt sich ein Dutzend Klippen in dem

Buchenaufschlag, und darunter liegt ein großer Erlensumpf, in dem sich das

Regenwasser, das von den Felsen hierhin geleitet wird, fängt, um in einer Reihe

von dünnen Wasserfäden wieder zum Vorscheine zu kommen, die sich

allmählich zusammenfinden und ein Bächlein bilden. Im Laufe der Zeit hat es

sich ein tiefes Bett in den Berg gegraben, den Erdboden bis auf den felsigen

Grund fortgewaschen, und so rinnt es nun in einer engen Schlucht mit steilen

Wänden zu Tale, meist flach und dünn, dann und wann aber breite flache

Tümpel oder tiefe Löcher bildend, je nachdem die Rinne sich verbreitert oder

Felszacken sie einengen.

 

Da aus der Schlucht immer eine feuchte Luft heraussteigt, sind ihre Ränder

dicht mit Farnen bestanden, hohem Straußfarn und Wurmfarn, deren verwelkte

Wedel jetzt wie braune Fächer herabhängen, starrem Rippenfarn, dessen Laub

auch im Winter grün bleibt, und Tüpfelfarn, der ganze Rasen zwischen den

Wurzeln der alten Eichen bildet, die die Schlucht begleiten. Aus den Spalten

ihrer feuchten Wände kommen dichte Büschel winziger Felsenfarne hervor, die

helles und dunkles, gefiedertes und gelapptes Laub tragen, und mit Efeuranken,

Lebermoosgeflechten und Laubmoospolstern die Felswände fast ganz bedecken.

 

Im Sommer kommt die Sonne wegen der dichtschattenden Eichen und Buchen

nur an ganz wenigen Stellen bis an die Schlucht heran; jetzt aber, da die Wipfel

kahl sind, kann sie sie nur da nicht erreichen, wo die Fichten sich ganz eng um

sie zusammendrängen. Hier, wo die Steilwände auseinandergehen und der

Wasserfaden ein breites Becken mit flachen Ufern gebildet hat, fällt das

Mittagslicht der Wintersonne voll auf das Wässerchen. Die Schneeflocken an

seinen Rändern leuchten nur so und die Eiszapfen an den freien Wurzeln blitzen

und funkeln um die Wette mit den Blättern des Efeus und des Haselwurzes.

 

So warm scheint die Sonne, daß die Schneeflöhe auf den Schneeflecken lustig

hin und her hüpfen und der Gletschergast, das seltsame, flügellose,

dunkelerzgrüne Wespchen, munter zwischen den Fruchtschirmen des

Brunnenmooses auf und ab springt. Eine kleine Gehäuseschnecke ist unter der

Wirkung der Sonnenwärme aus der Froststarre erwacht; sie kriecht langsam

vorwärts und weidet den Algenüberzug des Gesteins ab. Da kommt unter einem

faulen Farnwedel ein winziges, fast nacktes Schneckchen, das auf dem Hinterleibe einen lächerlich kleinen flachen Deckel trägt, hervorgekrochen. Es

streckt seine Taster in die Luft, bewegt sie hin und her und schleicht dann stracks

auf das andere Schneckchen zu, das, sobald es sich berührt fühlt, sich schleunig

in sein Häuschen zurückzieht. Doch das nützt ihm wenig, denn die Daudebardie

legt sich darüber, raspelt mit ihrer scharfgezähnten Zunge das Häuschen durch

und frißt das Schneckchen bei lebendigem Leibe auf.

 

In den Sonnenstrahlen, die durch die Wipfel der Fichten fallen, blitzt und

funkelt es unaufhörlich auf und ab. Ein Schwarm von Wintermücken ist es, die

hier ihren Hochzeitstanz aufführen. Den Sommer über haben sie als Larven in

dem faulen Laube am Grunde der Schlucht gelebt, haben sich im Spätherbste zu

Mücken entwickelt und schwärmen nun fröhlich umher. Sie locken den

Zaunkönig an, der eben noch in dem dichten Waldrebengeflechte, das die

lichthungrigen Dornbüsche weiter unten an der Schlucht umspinnt, fürchterlich

lärmte, weil es ihm nicht paßte, daß die Waldmaus da umhersprang und ihm die

Spinnen und Käfer fortfing, die er als sein ausschließliches Eigentum betrachtet.

Nun schlüpft er in der Schlucht von Wurzel zu Wurzel und hascht alle

Augenblicke eine der Mücken. In den Dornbüschen turnt ein

Sumpfmeisenpärchen umher und pickt die Spannereier von der Rinde fort, und

sobald es verschwunden ist, erscheinen mit vergnügtem Gepiepe zwei

Blaumeisen und halten Nachsuche.

 

Dann ertönt ein leises Ticken, ein Rotkehlchen aus dem Norden, das den

Winter hierzulande warm genug findet und nicht weiter gewandert ist, kommt

angeschnurrt, macht einen Bückling, fängt eine Mücke, trinkt aus dem Tümpel,

sucht nach Gewürm und Schneckchen im Moose und schnurrt von dannen.

Einige Buch- und Bergfinken fallen ein, tränken sich und stieben wieder ab. Eine

Amsel fliegt herbei, wirft mit dem Schnabel geräuschvoll das Vorjahrslaub

durcheinander, erbeutet Regenwürmer und Schnakenmaden und streicht mit

gellendem Gezeter davon, weil der Fuchs aus der Fichtendickung heranschleicht.

Er besucht die Schlucht gern, denn allerlei Mäuse wohnen in ihr, und ab und zu

erwischt er dort auch eine Forelle, die sich von Tümpel zu Tümpel geworfen hat,

um in dem sauerstoffreichen Wasser abzulaichen. Damit tut sie den vielen

Salamanderlarven, die auf dem Grunde der Kölke leben, einen Gefallen, denn

die frisch ausgeschlüpften Forellen sind ihnen ein bequemes Futter. Sie selber

aber fallen zum Teil dem Eisvogel zur Beute, der ab und zu einen Ausflug in die

Schlucht macht, während die Köcherfliegenlarven, die in Menge auf dem

Grunde der Pfützen umherkriechen, der Wasseramsel über die schlechte Zeit

hinweghelfen müssen, wenn der Bach, in den das Bächlein rinnt, durch

Regengüsse oder Schneeschmelze getrübt ist.

Wenn im Vorfrühjahr die Sonne schon mehr Macht hat, blühen die

Haselbüsche auf, die an den Flanken der Schlucht wachsen; über die ganze

Rinne hin leuchtet es von den goldenen Troddelchen und die bemoosten

Felswände werden gelb überpudert. Es dauert dann auch nicht lange, und die

vielen Seidelbaststräucher in den Steinspalten bedecken sich mit rosenroten

Blüten, die blauen Sterne der Leberblümchen erscheinen im Laube, erst wenige

weiße Buschwindröschen, zu denen jeden Tag mehr kommen, und schließlich

auch die gelben, die Goldsternchen des Scharfkrautes, rosig aufblühende und

dann blau werdende Lungenblumen, die zierlichen Simsen, die unheimliche

Schuppenwurz, der bunte Lerchensporn, das winzige Moschusblümchen, und

über sie hin schwirrt und flirrt es von Motten und Fliegen, und im Laube rispelt

und krispelt es von Käfern aller Art, und lustig flattern die Zitronenfalter

zwischen dem Gebüsche umher.

 

Um diese Zeit kommen auch die Fadenmolche aus ihren Winterlagern

hervorgekrochen, fressen heißhungrig, bis sie fett und dick sind, vertauschen ihre

mißfarbigen Kleider mit bunten Hochzeitsgewändern und bevölkern die flache,

mit faulen Blättern gefüllte Wasserrinne, bis das Laichgeschäft vorüber ist. Ihnen

folgen die Salamander, die zu Hunderten hier zusammenkommen und in den

tieferen Wasserlöchern ihre Brut absetzen, um sich dann wieder über den ganzen

Wald zu verteilen.

 

Dann aber ist auch die hohe Zeit für die Schlucht vorbei. Die

Vorfrühlingsblumen verwelken, das Laub der Buchen und Eichen verschränkt

sich und schattet so sehr, daß nur noch die Farne, die braune Vogelnestwurz, der

leichenfarbige Fichtenspargel, Pilze und wenige Schattenpflanzen hier gedeihen

und von den Tieren Schnecken und solches Gewürm, das mit halbem Lichte

zufrieden ist und die feuchte Kühle liebt, und das zum Teil erst dann zu vollem

Leben erwacht und sich aus den modrigen Spalten und dem vom Fallaube

verhüllten Schotter nach oben zieht, wenn Schnee das Land bedeckt und

Eiszapfen aus dem Moose heraushängen.