Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 2 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Das Genist.

 

Vorgestern sah der Bach rein und klar aus und rann bescheiden zwischen seinen

Ufern dahin.

 

In der Nacht gingen gewaltige Regengüsse in den Bergen nieder und gestern

früh war der Bach trübe und lehmig; er polterte ungestüm dahin, stieg über seine

Ufer und überschwemmte ein gutes Stück der Wiesen.

 

Nun fällt er bereits. Nicht mehr so wild wie gestern strudelt er dahin, führt

nicht so viel Spreu mit sich, und tritt auch schon langsam wieder von den

Wiesen zurück, einen bräunlichen Streifen da hinterlassend, bis wohin gestern

die Vorflut gereicht hatte.

 

Das ist das Genist, ein Sammelsurium von Grummetresten, dürren Stengeln,

trockenen Zweigen, Grasrispen, Fruchtkapseln, Rindenstücken, Wurzeln,

Samenkörnern, Blättern, Beeren, Käferflügeln, Schneckenhäusern,

Puppenhüllen, Kerbtierleichen, Steinchen, Federn, Haaren, Moosflöckchen,

Muschelschalen, Knochen und hunderterlei anderen Dingen, teils aus dem

Haushalte der Natur herstammend, teils aus Trümmern von Gegenständen

bestehend, die der Mensch anfertigte.

 

Ganze Mengen von Grasblättern und Wurzeln sind in den Weidenbüschen

hängen geblieben, um deren Zweige die Flut sie fest herumgewickelt hat. Nun

hängen sie da wie die Reste verwitterter, zerschlissener Wimpel und flattern im

Winde. Dunkelköpfige graue Vögelchen, Sumpfmeisen und Weidenmeisen,

schlüpfen daran herum und pflücken heraus, was sich in dem Gewirre an

Körnern und Kleingetier gerettet hat.

 

An der Vorflutmarke aber, wo der Bach feineres Genist als ununterbrochenen

Streifen abgesetzt hat, sind die Krähen dabei, herauszusuchen, was ihnen gut zu

fressen dünkt, die schwarzen Rabenkrähen und die zur Hälfte aschgrauen

Nebelkrähen aus Ostland, ferner eine Anzahl der blanken Saatkrähen sowie

einige Dohlen. Auch etliche Staare, die infolge der milden Witterung vorläufig

hiergeblieben sind, stöbern dort umher, desgleichen zwei Bergbachstelzen und

einige nordische Pieper, die eigentlich weiter zum Süden reisen wollten, aber

wegen der Stürme der letzten Tage diese Absicht aufgeschoben haben.

 

Sie finden alle überreiche Nahrung, denn es krimmelt und wimmelt nur so aus

dem halbnassen Geniste hervor, zumal da jetzt die Mittagssonne so hell scheint und das Gespreu abtrocknet und anwärmt. Überall schlüpfen schwarze Laufkäfer

aller möglichen Gattungen und der verschiedensten Größe hervor und streben

dem trockenen Lande zu, dazwischen sind grünliche und hier und da ein

gleißend kupferroter, der hier sonst nicht vorkommt und den das Wasser aus den

Bergen mitgerissen hat, winzige, die wie blanker Stahl aussehen, bräunliche mit

gelben Flecken, rote mit schwarzer Kreuzzeichnung, und ein gelblicher,

grüngezierter, rund wie ein Marienkäferchen, dem man es nicht ansieht, daß er

zu den Laufkäfern gehört.

 

Dann sind Halbflügler da, größere, glänzend schwarze, kupfrige, grünliche

und blaue, kleinere, die gelbrot und blau gemustert sind, andere mit roten

Halsschildern, und unzählige ganz winzige, die an schönen Abenden gern über

den Landstraßen schwirren und den Radfahrern verhaßt sind, weil sie ihnen in

die Augen fliegen und sie durch ihren beißenden Mundsaft zum Tränen bringen.

Ferner gibt es noch größere und kleine Mistkäfer, stattliche und unglaublich

winzige Rüßler, Blattkäfer, Erdflöhe, die kaum sichtbaren Haarflügler, seltsame

Ameisenkäfer, Stutzkäfer, blank wie Erz, Borkenkäfer, Schnellkäfer und wer

weiß noch welche Käferarten, solche, die hier in der Ebene leben, andere aus

dem Hügellande da hinten und wieder andere oben aus dem Gebirge.

 

Die drei Sammler, die dort eifrig an der Arbeit sind, das Genist durchzusieben

und ganze Mengen von Kleinkäfern in ihre Gläser zu füllen, werden zu Hause

beim Aussuchen manches sehr seltene Stück finden, ebenso wie der andere

Sammler, der die Rückstände nach Schneckenhäusern durchsiebt, denn die

liegen zu Tausenden hier. Da sind einzelne Weinbergschnecken, rote, gelbe,

braune, gesprenkelte und gestreifte große Schnirkelschnecken mit weißen oder

braunen Mundsäumen, kleinere, bräunliche mit seltsam gefalteten Öffnungen,

spitze Schließmundschnecken, viele Arten von Moospuppen, darunter ganz

seltene Arten, halb und ganz durchsichtige Hyalinen, Vitrinen und

Dauderbardien, winzige Schneckchen mit Haaren, Rillen und Stacheln, die

häufigen Bernsteinschnecken und allerlei große und kleine Posthörner und

andere Wasserschnecken, mit Kiemen atmende kleine Deckelschnecken,

darunter eine nadeldünne, braunrote, glänzende, die auf dem Lande lebt und sehr

selten ist, ferner ein weißes, bleiches, zartes und kleines Schneckchen, das kaum

anders als auf diese Weise gefunden wird, weil es eine unterirdische

Lebensweise führt, noch kleinere Deckelschnecken aus den Quelltümpeln des

Gebirges und das noch viel kleinere schneeweiße Ohrschneckchen, das wie ein

Grassamenkorn aussieht. Auch kleine Müschelchen finden sich vor und ab und

zu Nacktschnecken, besonders eine kleine Verwandte der Ackerschnecke, die

wie ein junger Blutegel anzusehen ist.

In solchen Unmengen setzt das Hochwasser mehrere Male im Jahre die

Schneckenhäuser und Muschelschalen hier ab, daß der Boden rechts und links

von dem Bache viel kalkhaltiger und fruchtbarer ist als weiterhin. Auch hat er

eine ganz andere Pflanzenwelt, denn das Wasser führt aus dem Gebirge eine

Masse von Samen solcher Gewächse mit, die hier in der Ebene nicht

vorkommen. In den dürren Stengeln, die das Wasser mitführt, in den

Grasbüscheln, Rindenfetzen und Holzstücken findet sich noch manches

lebensfähige Ei, manches Fliegentönnchen, manche Larve oder Puppe, die im

Frühling auskommen, und so siedelt sich an der Grenze der Flutmarke den Bach

entlang allerlei kleines Leben an, das von Rechts wegen der Ebene nicht

angehört.

 

Die meisten Menschen gehen gleichgültig an dem Streifen von Spreu vorüber,

den das Wasser hier angespült und zurückgelassen hat, ohne zu ahnen, welche

Bedeutung er hat. Wenn sie sich aber einmal bückten, eine Handvoll von dem

Geniste aufnähmen, es auseinanderzupften und alles das betrachteten, woraus es

besteht, so würden sie staunen über die Fülle von Leben, das darin verborgen ist.