Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 28 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Die Strohdieme.

 

Mitten im kahlen, verschneiten Felde steht die Dieme groß und breit da, und so

protzig, als sei sie stolz auf die weiße Haube, die ihr der letzte Schneefall verehrt

hat.

 

Hundert Schritte von ihr führt der Weg entlang, der von der Vorstadt nach dem

Walde führt, und auf dem tagtäglich viele Menschen hin und her gehen. Kaum

einer von ihnen sieht nach ihr hin. Was ist denn auch weiter daran zu sehen? Es

ist ja nur ein Haufen von gedroschenem Stroh.

 

Das ist wohl wahr. Aber sie ist doch mehr, als nichts und weiter nichts denn

ein Haufen toten Strohes. Sie ist eine Herberge und Schlafstätte für vielerlei

Getier, das da entweder sein heimliches Leben führt oder ohne Besinnung die

harte Zeit verträumt, bis im Frühling, wenn die Dieme abgebaut wird, die Sonne

das, was unter ihr schläft, aufweckt.

 

Schon im Vorherbste, als die Dieme eben gerichtet war, und die ersten rauhen

Winde und kalten Güsse über das Land gingen, rettete sich alles, dem es auf dem

Felde zu kalt und zu zugig wurde, zu ihr hin, große und kleine Laufkäfer,

Fliegen und Wespen, Kurzflügler und Ohrwürmer, Raupen und Eulenfalter,

Asseln und Tausendfüße, Spinnen und Milben, Springschwänze und Erdflöhe.

Sie alle krochen unter die unterste Strohschicht, krabbelten dort noch eine Weile

umher und fielen, als der Frost einsetzte, in Schlaf.

 

Zu gleicher Zeit kamen die Mäuse angerückt, rötlichgraue, schlanke

Waldmäuse, die schönen zimtbraunen, auf dem Rücken mit einem schwarzen

Aalstrich geschmückten Brandmäuse, die zierlichen Zwergmäuse, die plumpen,

kurzschwänzigen Feldmäuse. Sogar Ackerspitzmäuse stellten sich ein, denn Fraß

für ihre spitzen Zähne boten die vielen schlafenden Kerbtiere zur Genüge, auch

wurde mehr als eine kranke und schwache Maus ihre Beute.

 

Vor der Dieme liegt ein mächtiger Haufen Kaff, den die Dreschmaschine unter

sich ließ, und der zu einem guten Teil aus Unkrautsamen besteht. Da war

anfangs Tag für Tag ein lustiges Leben; Haus- und Feldspatzen, Gold- und

Grauammern, Hänflinge und Grünlinge, Buchfinken und Haubenlerchen gaben

sich dort ein Stelldichein. Das lockte dann den Sperber, der alle paar Tage

angestrichen kam, um die Dieme herumschwenkte und mit einem Vogel in den

Griffen dem Walde zuflog. Späterhin löste ihn der Merlin, der Zwergfalke aus Lappland, ab. Wie ein Blitz war er zwischen den Finken und Ammern, und

gleich darauf fußte er auf einem Grenzsteine und kröpfte seine Beute, ohne sich

um die Menschen zu kümmern, die hundert Schritte bei ihm vorübergingen.

 

Gestern, als der Nordostwind aus dem Holze herausheulte und Schlackschnee

über das Feld schmiß, war es still und öde bei der Dieme. Ab und zu ließ sich

eine Krähe auf dem Rande des Daches nieder, spähte hinab, ob sich nicht eine

Maus blicken ließ, und flog mißmutig weiter. Heute, wo die Sonne hell am

blauen Himmel steht und das leichtverschneite Land bescheint, ist allerlei Leben

bei der Strohburg. Bald hier, bald da huscht eine Maus hervor, sonnt sich ein

Weilchen und schlüpft wieder in ihr Loch, wenn der Schatten einer Krähe auf

den Schnee fällt oder ein Trupp Spatzen herangebraust kommt. Eine dicke

Waldmaus, die von der Dieme nach dem Kaffhaufen will, paßt nicht auf, und die

graue Krähe, die schon eine Weile gelauert hat, packt zu, faßt sie und streicht mit

ihr fort, verfolgt von zwei Rabenkrähen, die ihr hungrig quarrend den Raub

abzujagen suchen.

 

In der dünnen Schneeschicht am Fuße der Dieme sind allerlei Spuren sichtbar.

Über Nacht ist der Fuchs, der in dem eine Meile weit entfernten Forst seinen

Bau hat, hier gewesen; deutlich zeigt der Schnee seine Spur. Dann sind die

zierlichen Eindrücke des Wieselchens da zu sehen, ferner die Spuren von Katze

und Hund. Sie alle sind auf Mäusejagd gewesen. Sogar den Igel hat der Hunger

aus seinem Unterschlupf in der Dornenhecke herausgetrieben; seine Spur führt

rund um die Dieme hin. Die schöngeperlte Feder, die an einem dürren

Unkrautstengel hängengeblieben ist, stammt von der Schleiereule, die

nächtlicherweile vom Kirchturme aus der Dieme einen Besuch gemacht hat, wo

sie mit dem Kauze zusammentraf, der vom Walde herkam und der die große

Flügelfeder verlor, die dort im Schnee liegt. Auch ein paar Rehe haben hier

herumgetreten, den Schnee vor dem Kaffhaufen geplätzt und das ausgewachsene

Getreide abgeäst.

 

Die Goldammern, die eben auf dem Kaffhaufen herumsuchten, wo ein Hund

oder der Fuchs nach Mäusen gescharrt hat, stieben plötzlich empor und hasten

davon, und auch das Haubenlerchenpaar, das vor der Dieme umhertrippelte,

flattert von dannen, denn von der Hecke her kommt ein schlankes, schneeweißes

Tier mit blanken, schwarzen Augen angehüpft, das Hermelin. Nach fünf bis

sechs Sprüngen macht es jedesmal halt, richtet sich auf, äugt umher und rennt

dann weiter.

 

Jetzt ist es bei der Dieme angelangt, findet mit seinen Spürborsten sogleich

heraus, wo es bequem einschleichen kann, und fort ist es. Nun wird Todesschrecken unter den vielen Mäusen herrschen, die in der Dieme wohnen.

Das wird ein banges Geflitze und Gekrabbel sein und ein ängstliches Gerenne

und Gerutsche. Schon ist das weiße Mörderchen wieder da; hochaufgerichtet

sitzt es und hält eine noch mit den Hinterfüßen zappelnde Brandmaus zwischen

den scharfen Zähnchen. Einen Augenblick sieht es sich um, dann hüpft es mit

seiner Beute der Dornhecke am Feldgraben zu, wo es gerade noch rechtzeitig

anlangt, um der Krähe zu entgehen, die danach aus der Luft herunterstößt. Vor

Schreck hat es aber die Maus fallen lassen, mit der die Krähe nun abfliegt. Kaum

hat sie die Maus hinabgewürgt, da streicht sie mit wütendem Geplärre der Dieme

zu, auf der sich ein heller Raufußbussard niedergelassen hat; es paßt ihr nicht,

daß er dort auf Mäuse lauert. Schnell sind noch drei andere Krähen da und

schnarren den gutmütigen Fremdling so an, daß er es für besser hält, sich von

dannen zu begeben.

 

Im Frühling, wenn der Bauer Strohmangel hat und die Dieme abbaut, werden

die Mäuse nach allen Ecken und Enden auseinanderflüchten. Viele von ihnen

werden die Hunde greifen, andere die Knechte totschlagen; die meisten aber

werden entkommen. Dann wird die Dieme auch ihr schlimmstes Geheimnis

offenbaren. Anderthalbhundert schrecklich abgemagerte Frösche und Kröten

werden die Leute dann vorfinden, die der Iltis, der sich an der einen Seite des

Strohberges eins seiner Winterlager gewühlt hat, im Herbste zusammenschleppte

und hier aufspeicherte für schlechte Zeiten, nachdem er jedes Stück durch einen

Biß in das Kreuz gelähmt hatte. Nur wenn tagelanger kalter Regen ihn festhält,

frißt er davon, und so quälen sich die unglücklichen Tiere viele Monate

zwischen Leben und Tod hin.

 

Einige hundert Menschen gehen täglich an der Dieme vorbei. Kaum einer von

ihnen wirft einen Blick danach hin und keiner weiß, wie vielerlei Leben sich in

ihr und um sie abspielt, stilles, friedliches Leben, bittere Not und schreckliches

Elend.