Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Hermann Löns · Kapitel 9 von 30

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Mein buntes Buch, Naturschilderungen

Die Heide.

 

Im Spätherbst, als das rosenrote Seidenkleid der Heide immer mehr verschoß,

wurden die Stadtleute ihr untreu.

 

Wochenlang waren sie bei ihr zu Gast gewesen, waren auf und ab gezogen in

ihrem Bereiche, hatten ganze Arme voller rosiger Heidsträuße mitgenommen,

hatten auf das überschwenglichste von ihr geschwärmt und waren dann

fortgeblieben.

 

Sie wußten nicht, wie schön die Heide spät im Herbst ist, wenn ihr

bräunliches Kleid mit silbernen Perlchen bestickt ist, wenn die

Moorhalmbüschel wie helle Flammen leuchten, die Brunkelstauden feuerrot

glühen und die Hängebirken wie goldene Springbrunnen auf die dunklen

Jungföhren herabrieseln.

 

Die Leute meinen, tot und leer und farblos sei es dann dort. Sie wissen nichts

von den knallroten Pilzen, die im seidengrünen Moose prahlen, von den blanken

Beeren an den bunten Brombeerbüschen, von den goldgelben

Faulbaumsträuchern und den glühroten Espen vor den düsteren Fichten, von den

mit purpurnem Riedgrase besäumten, blau blitzenden Torfgruben und von dem

lustigen Leben, das zwitschernd und trillernd, pfeifend und kreischend über alle

die bunte Pracht hinwegzieht.

 

Sie ahnen es auch nicht, wie herrlich die Heide selbst dann noch ist, wenn die

Birken ihren goldenen Schmuck verlieren und die Eichen ihr bronzenes Laub

fahren lassen müssen. Viel farbiger als der Buchenwald ist wintertags die Heide,

sei es, daß der Schnee sie verhüllt, von dem dann die ernsten Föhren, die

unheimlichen Wacholder und die silberstämmigen, dunkelästigen Birken sich

feierlich abheben, oder daß Rauhreif ihr ein zartes Spitzenkleid schenkt, das die

Farben der Bäume und Büsche weicher und feiner macht, und das in der Sonne

wunderbar glimmert und schimmert. Sogar dann, wenn der Nordweststurm seine

zornigsten Lieder singt und die Sonne blutrot in gespenstigen Wolken hinter den

blauen Wäldern untertaucht, hat die Heide Schönheiten, die andere Landschaften

nicht darbieten. Aber nicht viele Menschen wissen das.

 

Und jetzt, da die Zeit herankommt, daß die Heide sich zum Frühlingsfeste

rüstet, nun sie ihr fröhlichstes Kleid anlegt, da bleibt sie allein für sich, denn die

Menschen in der Stadt haben keine Kunde davon, wie lieblich sie ist in ihrer Bräutlichkeit. Wie ein stilles, halb verlegenes, halb schalkhaftes Lächeln in

einem schönen, ernsten Frauengesicht ist das Aufwachen des Frühlings im

Heidlande, langsam bereitet es sich vor, fast unmerklich tritt es in Erscheinung

durch schüchtern sprießende Gräser, verschämt hervorbrechende Blättchen,

zaghaft sich öffnende Blüten, bis nach und nach die Büsche und Bäume sich voll

begrünen und jede Wiese ein einziges Blumenbeet ist.

 

Über der wilden Wohld, die geheimnisvoll und dunkel hinter den Wiesen

bollwerkt, kreisen die Kolkraben und rufen laut. Da recken die Erlen am

Forellenbach ihre Troddeln und schütten Goldstaub auf die Wellen. In den hohen

Föhren jagt der Schwarzspecht mit gellendem Jauchzen sein Weibchen von

Stamm zu Stamm. Da werden die Bommelchen am Haselbusch lang und länger,

bis sie wie Gold in der Sonne leuchten. Der Tauber ruckst auf dem Hornzacken

der alten Eiche. Da öffnen die Kuhblumen am Graben ihre stolzen Blüten. Vor

Tau und Tag schlägt der Birkhahn im Bruche die Trommel, der Kranich

trompetet, die Heerschnepfe meckert, und nun platzen an den kahlen

Porstbüschen die braunen Kätzchen auf, das ganze weite Bruch umzieht sich mit

einem goldrot glühenden Geloder, und auf den angrünenden Wiesen entzünden

die Weidenbüsche helle Freudenfeuer.

 

Jetzt rühren sich auch die Birken. Sie schmücken sich mit smaragdgrünen

Blättchen und behängen sich mit langen Troddeln, und in wenigen Tagen geht

ein betäubender Juchtenduft vor dem lauen Winde her, gemischt mit dem

strengen Geruch des blühenden Porstes. Auch die Föhren und Fichten färben

sich freudiger, die Erlen brechen auf und schließlich lassen sich sogar die Eichen

rühren und umgeben ihre knorrigen Zweige mit goldenen Flittern. Nun beginnt

ein Jubeln, Singen und Pfeifen, das von Tag zu Tag stärker wird. In den Wäldern

schlagen die Finken, pfeifen die Stare, flöten die Drosseln, Laubvogel und

Rotkehlchen singen ihre süßen Weisen, die Meisen läuten, die Pieper schmettern,

der Grünspecht kichert, der Buntspecht trommelt, die Weihen werfen sich laut

keckernd aus der Luft, die Kiebitze rufen und taumeln toll vor Lebenslust umher,

und unter den lichten Wolken am hohen Himmel zieht der Bussard jauchzend

seine schönen Kreise.

 

Auch in dem Dörfchen, das unter den hohen Heidbergen fast ganz versteckt

zwischen seinen Hofeichen liegt, ist der Frühling eingekehrt. Von jedem Giebel

pfeifen die Stare, in allen blühenden Bäumen schmettern die Finken, in den

Fliederbüschen schwatzen die Sperlinge, auf der Gasse jagen sich zwitschernd

die Bachstelzen, und am Mühlenkolke singt die Nachtigall. Über dem Dorf aber

auf der hohen Geest, wo der Wind am schärfsten weht, wird es nun erst Frühling. Einzelne Birken sind ganz kahl, andre wollen sich just begrünen, und nur ganz

wenige schaukeln schon ihre Blütenkätzchen. Aber immer mehr Heidlerchen

hängen in der Luft und dudeln ihre lieben Lieder hinab, von Tag zu Tag färbt

sich das Heidkraut frischer, schmücken sich die mürrischen Wacholderbüsche

mit mehr jungen Trieben, verjüngt sich das Torfmoos im Quellsumpf und

umzieht sich sein Abfluß mit silbernen Wollgrasschäfchen und goldgelben

Milzkrautblüten, und hin und her fliegen die Hänflinge, lustig zwitschernd.

 

Endlich flötet der Pfingstvogel in den hohen Birken bei dem alten Schafstall,

in der Wiese stelzt der Storch umher, grüne Käfer fliegen blitzend und

schimmernd über den gelben Sandweg, die Morgenrotfalter taumeln über die

Wiesen, die vom Schaumkraut weiß überhaucht sind, an den Föhren und Fichten

springen gelb und rot die Blütenzapfen auf und sprießen neue Triebe, und ganz

und gar hat sich nun der Frühling die Heide erobert von den kahlen Höhen an bis

tief in das Moor hinein, wo an den Torfgruben die Rosmarinheide ihre

rosenroten Glöckchen entfaltet und auf den Gräbern silbernglänzendes Gras

flutet. Das ganze Land ist verjüngt, überall ist frisches, junges Laub und buntes

Geblüm, darüber hin zieht ein kräftiger Duft, und kein Fleck ist da, wo nicht ein

Vogellied erschallt von der Frühe an, wenn die Birkhähne blasen und trommeln,

bis zur Abendzeit, wenn die Nachtschwalbe mit gellendem Pfiff dahinschwebt

und laut die Fittiche zusammenknallt.

 

Dann ist die Heide lustiger als zu einer andern Zeit, so voll von Leben, so bunt

von Blumen, so reich an Farben, daß auch ihre ernsten Menschen fröhlicher

werden müssen. Rauscht doch das Birkenlaub so schelmisch im Wind, summen

doch selbst die brummigen Föhren zufriedener als je, flattert es allerorts weiß

und bunt von flinken Faltern und ist die von Kienduft durchtränkte Luft erfüllt

von Lerchengetriller und Piepergeschmetter, daß der Mensch helläugig werden

muß, auch wenn er bei sengender Sonnenglut im Moor in schwerer Mühe den

Torf gewinnen muß; denn ohne daß er es weiß, machen die leise zitternden

weißen Wollgrasflocken, die silbern blitzenden Birkenstämme und die goldenen

Blüten an den Ginsterbüschen sein Herz leicht und heiter.

 

Von all der Pracht aber wissen die Menschen in der Stadt nichts; sonst würden

sie nicht in überfüllten Anlagen und lärmdurchtönten Wirtschaftsgärten

Erholung suchen, die dort nicht zu finden ist, sondern ihren Sonntag in der Heide

verbringen, in der lachenden, lustigen, liederreichen Heide.