Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 10 von 24

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Das österreichische Antlitz

Peter Altenberg

 

Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags dahinwandelt, an

den äußeren Rändern des bürgerlichen Lebens? Dirnenlokale, Freudenhäuser,

Boheme-Spelunken, Varietees, Kabaretts. Bei Menschen, die der brutalen

Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit, dem gedankenlosen Vergnügen der Satten

dienen. Bei Menschen, die aufgebraucht, genossen, verachtet werden und die er

anbetet. Dort schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und

zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen Sänger von der

Newsky-Russotine-Truppe, denen er seine Seele hingab, dort war die spanische

Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls seine Seele hingab, das Aschanti-

Mädchen Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele hingab, dann die

Schwestern Nagel, welche wienerische Lieder singen, dann die Leopoldine, die

Gusti, die Anna, die Helene, die Gabriele, denen er immer wieder und wieder

seine Seele hingegeben hat.

 

In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das Gläserklirren, Kreischen,

Lachen und Lärmen eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit seinen sanften

Schritten und mit seinem sanften Lächeln durch den Tumult, und der Reihe nach

grüßen ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen. »Servus Altenberg! … O, Peter –

wie geht's dir? …« Sie grüßen ihn nicht wie einen Habitué, nicht wie eine

geschätzte Kundschaft, sondern wie einen Freund, oder richtiger, wie man in

einem Verein etwa ein Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und hochachtungsvoll.

Vertraulich, weil er ja dazugehört, und hochachtungsvoll, weil es ein

Ehrenmitglied ist.

 

Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben oder Kärntnerstraße. Spät

nachts. Er disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom Standplatz hören

zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, lächeln. Dann sagt einer von ihnen mit

tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von Altenberg …« Um sich vor uns damit

auszuzeichnen, daß er ihn kennt. Die anderen wiederholen es, intim und

respektvoll. Es ist beinahe eine Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, weil er

glaubt, es gäbe einen Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo … Er lächelt,

salutiert: »Hab' die Ehre, Herr von Altenberg.«

 

Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber sitzen, Gemüse und Blumen

verkaufen. Er geht mitten in dem Gewühl umher, atmet den Duft von Erdbeeren,

Reseda, Levkoien, von Spinatblättern, Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des aufgehenden Tages und des frischbesprengten Straßenstaubes; sucht mit den

Augen, liebkost mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten

grünen Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die vierzehn-

und fünfzehnjährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: »Grüaß' Ihna

God, Herr von Altenberg …«

 

Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an Terrain

gewinne. Er hat das selbst einmal geschrieben, und es drückt sein Wesen

vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig Jahre alt. Das ist ein Abschnitt, um

manches zu überdenken und sich mancher Dinge zu besinnen, und ich lese seine

Bücher.

 

Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen einmal gesagt hat; eine Sängerin

oder Tänzerin, vielleicht auch nur eine, die durch die American Bars und

Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, jedenfalls eine von den vielen,

denen er seine Seele hingegeben hat: »Votre lettre … je comprends, que vous me

comprenez … c'est tout ce qu'il nous faut … c'est plus!«

 

Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der Geliebten im Kaffeehaus die

Geliebte erwartet, die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel setzte sich so,

daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte, und ich hielt es für sehr

zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte, es war halb acht

Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf Uhr zu warten. Wir saßen da und warteten.

Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in ihm Hoffnungen, und ich sagte

jedesmal zu ihm: ›Es ist nicht möglich, sie kann es noch nicht sein, bedenke

doch, es ist nicht möglich!‹ Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf

nach mir um: ›Kommt sie oder kommt sie nicht?!‹ – ›Sie kommt, sie kommt …‹

erwiderte ich. Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten

auf meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir doch die

Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um zehn Uhr begann er zu jammern. Da sagte

ich zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange ist?! Man muß sich

beherrschen!‹ Er hielt nichts auf Beherrschung und jammerte …!«

 

Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens begannen die Vögel leise

zu piepsen, andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen. Es begann

im Gehirn wie mit einem rollenden Steinchen, riß alle Hoffnungsfreudigkeit mit,

die Lebensleichtigkeiten, wurde zur zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit,

dem Tag zu genügen, und der unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein lauer

Sturm brauste in den Baumwipfeln vor meinem Fenster …!« Und dann der

Schluß: »Das Singen der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, Ansätze zu

Melodien sind vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schicklichste Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhängen …«

 

Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: »Es gibt drei Märsche, die in

Musik umgewandelte Todeskühnheit und Blutdunst sind: Lorrainemarsch,

Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. Sie müssen mit einer kurzen und

schrecklichen Entschlossenheit gespielt werden! – – Die Instrumente mögen

direkt in den Tod gehen! Besonders kleine Trommel und Klarinette seien

Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man muß die Bataillone gleichsam sehen,

die den Selbsterhaltungstrieb hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! Eine

schreckliche Krankheit hat das Gehirn, das Nervensystem ergriffen: ›Du oder

ich, Hund!‹ Sonst nichts!«

 

Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: »Also Arterienverkalkung

höchsten Grades – –. Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir gesagt hat:

›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen jemanden so glücklich gemacht hat wie

Sie!‹ – – Die Bergwiesen in R. werden duften und leuchten, besonders nach

Regen am Abend. Niemals ist jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich.

– – Enkelin, süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, in dich gekehrte, immer

spürtest du es: ›Mein Großpapa versteht mich besser als alle –.‹ Ich möchte dich

anflehen aus dem Grabe: ›Warte auf einen, der dich so, so verstünde wie dein

verstorbener Großvater! Aber du wirst ihn nicht erwarten können.‹ – – – Amen –

– Arterienverkalkung höchsten Grades – – Lebet wohl!«

 

Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, eine eigentümliche Beziehung

ist zwischen diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe, Birke, Platane,

Esche; weiße Bogenlampe und kühler Auen Nachtduft. Etwas abseits vom

Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie Brackwasser. Eine wundervolle

Mischung ist es, welche uns heiter macht und leicht. So unbedenklich sitze ich

und lausche. Niemanden beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie

Signorina Maria. Eine wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die

Mandolinen gebaut sind, wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter

glitzern! Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren zarten

Blätterfingern bebt.«

 

Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen Predigten, Ansprachen und

Dichtungen. Manche sind wie stählerne Projektile, so fest in sich geschlossen, so

vollendet und präzise in ihrer Form; und sie dringen einem wie Projektile in die

Brust; man ist getroffen und blutet an ihnen. Manche sind wie Kristalle und

Edelsteine, funkelnd in allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes,

strahlend von eingefangenen Sonnenstrahlen und blitzend von einem

geheimnisvollen inneren Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch des Sommers, schwellend und süß, und voll Duft nach Laub und Gärten.

Ich lese alle diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus

ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam mit einer heftigen Gebärde

hingeschleuderten Satzformen, die so viel Plastik haben und so viel malerische

Kraft. Diese Sprache ist wunderbar persönlich und erinnert an keine andere. Nur

hie und da, ganz leise, mahnt irgendein Klang an den Sprechton von Andersen.

Und wenn man es weiß, daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt und

die französische Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man das weiß, merkt

man, daß die Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das graziöse Pathos

französischer Konversationskünste gehört hat, und daß davon ein schwaches

Echo in seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert diese Sprache an

nichts. Wenn er sagt: »Sterben fürs Vaterland! Ex!« … wenn er sagt: »So ist es!

Schweige, Rekrut des Lebens!« … oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« … oder:

»Siehe! Diese Herrliche, Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr Sedan in sich.

Sie wird sich verfetten! Helas – –«; wenn er dies sagt, dann ist das wie lauter

kleine neue Empfindungen, die er gemacht hat. Es ist, als ob man ihn reden

hörte; als sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden,

abschnappenden, pointierten Schlußwendungen unmittelbar aus der Hast und

Aufregung seines Denkens und seines Temperaments. In seiner Form ist etwas

Zwingendes; diese scheinbar asthmatische Beredsamkeit, dieses Klopfen aller

Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende Prägnanz wirkt verführerisch

und lockt zur Kopie. Aber er allein nennt diese Echtheit sein eigen. Er hat vor

sein erstes Buch das Motto gesetzt: »Mon verre n'est pas grand, mais je bois

dans mon verre!« Mit der Zeit trinken freilich auch manche andere aus diesem

Glas. Aber das macht nichts.

 

Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, als er anfing. Damals war er

etwa dreißig Jahre alt und reif und fertig. Er ist nicht anders geworden seither,

und was man künstlerische Entwicklung nennt, liegt nicht in seinem Wesen. Er

wird niemals ein großes Werk schaffen, langsam komponieren und bauen, wird

niemals die Fäden irgendeiner Handlung spinnen, knüpfen und lösen, niemals in

seiner Phantasie Gestalten und Schicksale erschaffen. Denn er trägt nicht wie

andere Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück – einen »Fetzen«, würde er

sagen – mit sich nach Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem Leben, um es

bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, zu erhöhen und sein ganzes Ich

darein zu verweben. Er sieht das Leben wie ein einziges, furchtbares und

herrliches Schauspiel vor sich abrollen und hat keine Zeit, etwas zu versäumen,

indem er sich mit sich selbst und mit einem Werk einschlösse. Er ist von diesem

Schauspiel in solchem Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen Moment vom Platze weicht. Ihm enthüllt sich die Tiefe der Welt in Worten, die

Vorübergehende sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen einer Dirne.

Ihm öffnen sich die schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer eines

enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau auf eine

erblühende richtet. Er sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«, und empfindet

unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, unermeßliche Möglichkeiten des

Daseins. Er wird andächtig und ergriffen von dem rosigen gesunden Körper

eines Kindes, erbebt vor den hellen unbeirrten Augen einer Dreizehnjährigen als

vor etwas Göttlichem. Es ist seine innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und

zu schauen und sich schauend am Leben zu erzücken oder zu kränken. Und es ist

seine innerste Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben

richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, die von seinem Entzücken auf eine

rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal wieder Schmähbriefe, in

denen ein erstickender Zorn ins Stammeln gerät. Er wird immer nur diese

kleinen Prosastücke schreiben; alle seine Bücher enthalten nur solche kleine

Prosastücke, und die folgenden Bücher, die er noch erscheinen lassen mag,

werden auch nichts anderes enthalten. Aber unter ihnen sind viele kleine

Meisterwerke. In diesen wohnt eine ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn

über die Jahre hinwegtragen zu Generationen, die erst noch kommen. Denn

Altenberg besitzt eine wunderbare Macht. Während andere mit der Gewalt eines

langen Atems Werke schreiben, die man morgen schon vergessen hat, kann er

mit seinem kurzen Atem Dinge sagen, die einfach unvergeßlich sind.

 

Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, in den Varietees, in den

Boheme-Cafés und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an Terrain

gewinne. Es sind seine eigenen Worte. Freilich ist das der Wunsch so ziemlich

aller Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die Dichter betonen es nur nicht

immer ausdrücklich, streben bloß bewußt oder unbewußt danach, zur Erreichung

dieses Zieles etwas beizutragen. Die Priester wieder predigen und verkündigen

es unaufhörlich und wissen Rezepte, die unfehlbar dazu verhelfen, daß die Seele

an Terrain gewinne. Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er gibt

Rezepte, er überredet und schreit das Leben an, kanzelt es ab wie ein Priester

und wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos, überwältigt in die

Arme wie ein Künstler.

 

Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine junge Tänzerin voll Verve in jeder

Bewegung oder einen Collie von echter Rasse oder ein Tiffany-Glas oder eine

frische Wiesenblume und ruft mit geschnürter Stimme, zitternd vor

Begeisterung: »Das ist das Höchste! Das Hö-ö-öchste!!« In dieser Sekunde ist es

ihm wirklich das Höchste. Als habe das Leben eine neue Überraschung, irgendeine neue Aufmerksamkeit für Altenberg bereitgehalten, habe ihm diese

Gabe plötzlich dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun fürstlich

beschenkt, als sei er vor allen anderen begnadet. Es ist aber auch, als umfasse er

in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum des Daseins.

 

Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick ist sie die einzige, an die er

seine Seele hingibt. »Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er. Jedes andere Antlitz

verlöscht in ihm, versinkt, und es existiert nur dieses eine. Dieses ist ihm für

jetzt die Erfüllung seines Traumes von Frauenschönheit; dieses ist ihm für jetzt

die höchste Meisterleistung der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß,

wiederum ein lobendes Schreiben, einen enthusiastischen Dankbrief an das

Leben zu richten. Er hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft nur für eine

halbe Stunde hingegeben; aber er hat sie immer ganz hingegeben, ohne

Vorbehalt, und als täte er es zum erstenmal.

 

Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen kaufen, und sagt ihnen:

Glaubt nicht, daß ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf habt! Beachtet, wie

herrlich schön dieses Mädchen ist. Nehmt sie nicht im brutalen Heißhunger eurer

Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei die freche Gesinnung hegt, ihr werdet

durch sie besudelt. Beachtet ihre Traurigkeit und ihre Heiterkeit; beachtet ihr

Schicksal. Seid nicht wie Tiere! Die jungen Leute denken bei sich: er ist

verrückt! Aber sie schlagen einen andern Ton gegen die Mädchen an. Die Seele

des Menschen hat an Terrain gewonnen.

 

Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele ältere sitzen an seinem Tisch

und hören ihm zu. Viele haben sich im Laufe der Jahre nacheinander seiner

bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen, konnten nicht existieren ohne seinen

Zuspruch, ohne seine milden Reden, ohne seine Wutanfälle und tobenden

Beschimpfungen. Verwöhnte Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über seine

Bücher und über gesellschaftlichen Zwang hinweg nach ihm, begehren seine

persönliche Nähe, seine Worte, spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit,

eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, irgendein Labsal oder eine

Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen, die

stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, die Kutscher, die

Schutzmänner, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt ihnen: Hütet eure

Verdauung! Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er sagt ihnen: Die einzige

Perversität, die es gibt, ist, seine Lebensenergien zu schwächen und zu

vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn natürlich nicht, aber sie

verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er Güte für sie hat, und sie lieben ihn

auch. Sie lächeln, wenn er seine langen Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken die Achseln, aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht

los von ihm. Wie das Grubenpferd im Germinal das andere eben von den Wiesen

ins Bergwerk hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und an seinem frischen

Geruch die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese Leute, die im

Alkoholdampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch und Dunst ihrer Welt

eingeschlossen sind, an ihm etwas von der Unschuld, die ihnen verloren ging,

wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr kennen, und freuen sich, wenn er

kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.

 

Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka im Nachtasyl oder wie in der

Macht der Finsternis der alte Akim. Er ist hier heimisch und kommt doch von

wo anders her. Er wurzelt hier, und doch brennt in ihm eine Flamme, die nicht an

diesen Lichtern hier unten entzündet worden ist. Er ist unter all den

Erwachsenen und Beladenen und vom Dasein Entstellten vollkommen wie ein

Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen, schauen einander an und lächeln, wenn

sie ihn wie ein Kind gegen das Leben eifern und streiten hören; und sie lächeln

noch einmal, wenn sie merken, wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten

dieses Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich seiner bedient. Die breite

Menge der Gebildeten ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung,

verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für verrückt oder für einen, der

sich zum Narren hergibt, wohl auch für gemeingefährlich, jedenfalls für sehr

verkommen. Im Kabarett Fledermaus erzählt Dr. Egon Friedell Altenberg-

Anekdoten. So oft er beginnt: »Es ist mir beschieden, im Leben des Dichters

Altenberg dieselbe Rolle zu spielen, die Eckermann im Leben Goethes gespielt

hat«, brüllt das Publikum und meint, damit sei nun Altenberg gebührend

verhöhnt worden. Es gilt ihnen schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell sagt: Der

Dichter Altenberg. Denn sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen

Dichter zu nennen. Sie brüllen auch zu den Anekdoten und ahnen nicht, wie

glänzend diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Friedell mit

seinen Altenberg-Geschichten immer erregt, ist gewissermaßen eine falsche,

eine mißverständliche Heiterkeit. Denn die Leute verstehen nicht, wie der ganze

Wert dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten nur darin besteht, daß aus

ihnen die rührende und einzigartige Gestalt Altenbergs lebendig hervortritt, daß

durch sie das Wesen Altenbergs mit einem klaren ungemein psychologischen

Humor beleuchtet und manchmal verklärt wird. Die Leute sehen ihn von

weitem. Sie sehen seine Werke aus der Entfernung ihres bürgerlichen und an

vermorschte Wahrheiten geklammerten Standpunktes, genau so wie sie seine

Person von weitem sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen vorbeigeht,

oder wenn er eben im Saale ist, während Dr. Friedell von ihm spricht. Sie meinen dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er sähe wüst aus,

vernachlässigt und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit welcher Sorgfalt

diese weiche, den Körper kaum beschwerende Kleidung ausgewählt ist; wissen

nicht, was für ein gepflegtes, weißes, durchleuchtetes Antlitz er hat, was für

feine beseelte Züge, was für schöne strahlende Augen; sie wissen nicht, daß er

die schmalsten vornehmsten Alabasterhände hat, und daß seine Stimme sanft

und gesanglich klingt und edel.

 

Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags dahinwandelt,

am äußern Rand des bürgerlichen Lebens, an den Grenzlinien, wo das

Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die sonst als unumstößlich gelten,

zweifelhaft werden! Er ist jetzt fünfzig Jahre alt, ist in diesem heutigen Wien

eine der interessantesten, subtilsten und ergreifendsten Existenzen, ist für alle

Wissenden in Europa ein geliebter und bewunderter Dichter, in dem großen

geistigen Orchester ein Instrument, dessen besonderer Klang durchdringend und

aus tausend Stimmen kenntlich bleibt, … und für das Amüsierpublikum vom

Maxim, vom Café Central und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, ein

ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber wird man

Altenberg-Erinnerungen schreiben und Altenberg-Biographien. Die dann diese

Bücher lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses Original verstanden,

verehrt und gefeiert, und sie werden sagen: Schade, daß wir ihn nicht mehr

gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und verehrt. Eines Tages wird

jemand beweisen, daß draußen, an den äußern Rändern des Alltags, durch das

Wirken Altenbergs die Seele des Menschen an Terrain gewonnen habe. Dieser

Beweis wird gelingen, weil es einfach wahr ist. Nur heute würde das niemand

glauben wollen.