Das österreichische Antlitz
Peter Altenberg
Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags dahinwandelt, an
den äußeren Rändern des bürgerlichen Lebens? Dirnenlokale, Freudenhäuser,
Boheme-Spelunken, Varietees, Kabaretts. Bei Menschen, die der brutalen
Neugierde, der stumpfen Lustbarkeit, dem gedankenlosen Vergnügen der Satten
dienen. Bei Menschen, die aufgebraucht, genossen, verachtet werden und die er
anbetet. Dort schwelgt er in subtilen Wonnen, vergeht in Anfällen feiner und
zärtlicher Verzweiflung. Dort waren die moskowitischen Sänger von der
Newsky-Russotine-Truppe, denen er seine Seele hingab, dort war die spanische
Tänzerin Carmen Aguileras, der er gleichfalls seine Seele hingab, das Aschanti-
Mädchen Nah Bâdúh, an das er ebenfalls seine Seele hingab, dann die
Schwestern Nagel, welche wienerische Lieder singen, dann die Leopoldine, die
Gusti, die Anna, die Helene, die Gabriele, denen er immer wieder und wieder
seine Seele hingegeben hat.
In die tobende Musik, in den Bierdunst, in das Gläserklirren, Kreischen,
Lachen und Lärmen eines Nachtcafés tritt er ein, geht mit seinen sanften
Schritten und mit seinem sanften Lächeln durch den Tumult, und der Reihe nach
grüßen ihn zehn, zwölf, zwanzig Mädchen. »Servus Altenberg! … O, Peter –
wie geht's dir? …« Sie grüßen ihn nicht wie einen Habitué, nicht wie eine
geschätzte Kundschaft, sondern wie einen Freund, oder richtiger, wie man in
einem Verein etwa ein Ehrenmitglied begrüßt. Vertraulich und hochachtungsvoll.
Vertraulich, weil er ja dazugehört, und hochachtungsvoll, weil es ein
Ehrenmitglied ist.
Man steht mit ihm an einer Straßenecke. Graben oder Kärntnerstraße. Spät
nachts. Er disputiert, regt sich auf, schreit. Die Kutscher vom Standplatz hören
zu, treten näher heran, bilden einen Kreis, lächeln. Dann sagt einer von ihnen mit
tiefem Baß: »Hab' die Ehre, Herr von Altenberg …« Um sich vor uns damit
auszuzeichnen, daß er ihn kennt. Die anderen wiederholen es, intim und
respektvoll. Es ist beinahe eine Ovation. Der Schutzmann kommt herbei, weil er
glaubt, es gäbe einen Auflauf. Seine Mienen sagen: ach soo … Er lächelt,
salutiert: »Hab' die Ehre, Herr von Altenberg.«
Drei Uhr früh am Hof, wo die Marktweiber sitzen, Gemüse und Blumen
verkaufen. Er geht mitten in dem Gewühl umher, atmet den Duft von Erdbeeren,
Reseda, Levkoien, von Spinatblättern, Artischocken, Zuckererbsen; den Geruch des aufgehenden Tages und des frischbesprengten Straßenstaubes; sucht mit den
Augen, liebkost mit den Augen die taufeuchten Blumen, die aufgetürmten
grünen Gemüseberge und die hübschen Töchter der Marktweiber, die vierzehn-
und fünfzehnjährigen. Die Mütter und die Töchter nicken ihm zu: »Grüaß' Ihna
God, Herr von Altenberg …«
Peter Altenberg erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an Terrain
gewinne. Er hat das selbst einmal geschrieben, und es drückt sein Wesen
vortrefflich aus. Er wird jetzt fünfzig Jahre alt. Das ist ein Abschnitt, um
manches zu überdenken und sich mancher Dinge zu besinnen, und ich lese seine
Bücher.
Ich lese, was ihm eine von den Spanierinnen einmal gesagt hat; eine Sängerin
oder Tänzerin, vielleicht auch nur eine, die durch die American Bars und
Chantant-Promenoirs von Europa zigeunert, jedenfalls eine von den vielen,
denen er seine Seele hingegeben hat: »Votre lettre … je comprends, que vous me
comprenez … c'est tout ce qu'il nous faut … c'est plus!«
Ich lese, wie er zusammen mit dem Pudel der Geliebten im Kaffeehaus die
Geliebte erwartet, die aus dem Theater kommen soll: »Der Pudel setzte sich so,
daß er die Eingangstür im Auge behalten konnte, und ich hielt es für sehr
zweckmäßig, wenn auch ein wenig übertrieben, denn, bitte, es war halb acht
Uhr, und wir hatten bis viertel zwölf Uhr zu warten. Wir saßen da und warteten.
Jeder vorüberrauschende Wagen erweckte in ihm Hoffnungen, und ich sagte
jedesmal zu ihm: ›Es ist nicht möglich, sie kann es noch nicht sein, bedenke
doch, es ist nicht möglich!‹ Er war direkt krank vor Sehnsucht, wandte den Kopf
nach mir um: ›Kommt sie oder kommt sie nicht?!‹ – ›Sie kommt, sie kommt …‹
erwiderte ich. Einmal gab er den Posten auf, kam zu mir heran, legte die Pfoten
auf meine Knie, und ich küßte ihn. Wie wenn er zu mir sagte: ›Sage mir doch die
Wahrheit, ich kann alles hören!‹ Um zehn Uhr begann er zu jammern. Da sagte
ich zu ihm: ›Ja, glaubst du, mein Lieber, daß mir nicht bange ist?! Man muß sich
beherrschen!‹ Er hielt nichts auf Beherrschung und jammerte …!«
Ich lese das Hotelzimmer: »Um drei Uhr morgens begannen die Vögel leise
zu piepsen, andeutungsweise. Meine Sorgen wuchsen und wuchsen. Es begann
im Gehirn wie mit einem rollenden Steinchen, riß alle Hoffnungsfreudigkeit mit,
die Lebensleichtigkeiten, wurde zur zerstörenden Lawine, begrub die Fähigkeit,
dem Tag zu genügen, und der unerbittlichen gebieterischen Stunde! Ein lauer
Sturm brauste in den Baumwipfeln vor meinem Fenster …!« Und dann der
Schluß: »Das Singen der Vögel in den Baumkronen wird deutlicher, Ansätze zu
Melodien sind vorhanden. Laue Stürme bringen Wiesengeruch. Es wäre die schicklichste Stunde, sich am Fensterkreuze aufzuhängen …«
Ich lese die kleine Dichtung von den Märschen: »Es gibt drei Märsche, die in
Musik umgewandelte Todeskühnheit und Blutdunst sind: Lorrainemarsch,
Sternenbannermarsch, Einzug der Gladiatoren. Sie müssen mit einer kurzen und
schrecklichen Entschlossenheit gespielt werden! – – Die Instrumente mögen
direkt in den Tod gehen! Besonders kleine Trommel und Klarinette seien
Helden! Sterben fürs Vaterland! Ex! Man muß die Bataillone gleichsam sehen,
die den Selbsterhaltungstrieb hinter sich zurücklassen! Vor, vor, vor! Eine
schreckliche Krankheit hat das Gehirn, das Nervensystem ergriffen: ›Du oder
ich, Hund!‹ Sonst nichts!«
Dann aus dem Tagebuch eines Großvaters: »Also Arterienverkalkung
höchsten Grades – –. Die junge Frau wird leben, leben, die zu mir gesagt hat:
›Ich glaube nicht, daß mein Erscheinen jemanden so glücklich gemacht hat wie
Sie!‹ – – Die Bergwiesen in R. werden duften und leuchten, besonders nach
Regen am Abend. Niemals ist jemand so begeistert vor ihnen gestanden wie ich.
– – Enkelin, süße, bescheidene, allzu zarte, verlegene, in dich gekehrte, immer
spürtest du es: ›Mein Großpapa versteht mich besser als alle –.‹ Ich möchte dich
anflehen aus dem Grabe: ›Warte auf einen, der dich so, so verstünde wie dein
verstorbener Großvater! Aber du wirst ihn nicht erwarten können.‹ – – – Amen –
– Arterienverkalkung höchsten Grades – – Lebet wohl!«
Dann das Café de l'Opera im Prater: »Jawohl, eine eigentümliche Beziehung
ist zwischen diesen Dingen: Herr, Dame; Mandolinengezirpe, Birke, Platane,
Esche; weiße Bogenlampe und kühler Auen Nachtduft. Etwas abseits vom
Leben ist es. Es schleicht nicht dahin wie Brackwasser. Eine wundervolle
Mischung ist es, welche uns heiter macht und leicht. So unbedenklich sitze ich
und lausche. Niemanden beneide ich. Eine Rose kaufe ich und schenke sie
Signorina Maria. Eine wundervolle Zigarette zünde ich mir an. Wie lieblich die
Mandolinen gebaut sind, wie hohle tönende Birnen! Wie die Birkenblätter
glitzern! Wie ruhig die Platane steht. Und wie die Esche mit ihren zarten
Blätterfingern bebt.«
Ich lese all diese kleinen Werke, diese kleinen Predigten, Ansprachen und
Dichtungen. Manche sind wie stählerne Projektile, so fest in sich geschlossen, so
vollendet und präzise in ihrer Form; und sie dringen einem wie Projektile in die
Brust; man ist getroffen und blutet an ihnen. Manche sind wie Kristalle und
Edelsteine, funkelnd in allen farbigen Reflexen des farbigen Lebenslichtes,
strahlend von eingefangenen Sonnenstrahlen und blitzend von einem
geheimnisvollen inneren Feuer. Manche sind wie reife Früchte, warm vom Hauch des Sommers, schwellend und süß, und voll Duft nach Laub und Gärten.
Ich lese alle diese kleinen Werke, und sie sind entzückend in dem Rhythmus
ihrer Sprache, in ihrem Tempo, in ihren gleichsam mit einer heftigen Gebärde
hingeschleuderten Satzformen, die so viel Plastik haben und so viel malerische
Kraft. Diese Sprache ist wunderbar persönlich und erinnert an keine andere. Nur
hie und da, ganz leise, mahnt irgendein Klang an den Sprechton von Andersen.
Und wenn man es weiß, daß Altenbergs Vater für Victor Hugo geschwärmt und
die französische Kultur fanatisch geliebt hat, aber nur wenn man das weiß, merkt
man, daß die Jugend dieses Dichters oft den Schwung und das graziöse Pathos
französischer Konversationskünste gehört hat, und daß davon ein schwaches
Echo in seiner Rhetorik vernehmlich wird. Sonst aber erinnert diese Sprache an
nichts. Wenn er sagt: »Sterben fürs Vaterland! Ex!« … wenn er sagt: »So ist es!
Schweige, Rekrut des Lebens!« … oder: »Basta! Wozu Ereignisse?« … oder:
»Siehe! Diese Herrliche, Jugendliche, in purpurrotem Samt hat ihr Sedan in sich.
Sie wird sich verfetten! Helas – –«; wenn er dies sagt, dann ist das wie lauter
kleine neue Empfindungen, die er gemacht hat. Es ist, als ob man ihn reden
hörte; als sprängen diese Ausrufe, diese verkapselten federnden,
abschnappenden, pointierten Schlußwendungen unmittelbar aus der Hast und
Aufregung seines Denkens und seines Temperaments. In seiner Form ist etwas
Zwingendes; diese scheinbar asthmatische Beredsamkeit, dieses Klopfen aller
Pulsadern in seiner Prosa, diese kurze, schnalzende Prägnanz wirkt verführerisch
und lockt zur Kopie. Aber er allein nennt diese Echtheit sein eigen. Er hat vor
sein erstes Buch das Motto gesetzt: »Mon verre n'est pas grand, mais je bois
dans mon verre!« Mit der Zeit trinken freilich auch manche andere aus diesem
Glas. Aber das macht nichts.
Er wählte dieses Motto von Alfred de Musset, als er anfing. Damals war er
etwa dreißig Jahre alt und reif und fertig. Er ist nicht anders geworden seither,
und was man künstlerische Entwicklung nennt, liegt nicht in seinem Wesen. Er
wird niemals ein großes Werk schaffen, langsam komponieren und bauen, wird
niemals die Fäden irgendeiner Handlung spinnen, knüpfen und lösen, niemals in
seiner Phantasie Gestalten und Schicksale erschaffen. Denn er trägt nicht wie
andere Künstler einen Teil des Lebens, ein Stück – einen »Fetzen«, würde er
sagen – mit sich nach Hause, reißt nicht irgendein Stück aus dem Leben, um es
bei sich zu verarbeiten, um es zu verändern, zu erhöhen und sein ganzes Ich
darein zu verweben. Er sieht das Leben wie ein einziges, furchtbares und
herrliches Schauspiel vor sich abrollen und hat keine Zeit, etwas zu versäumen,
indem er sich mit sich selbst und mit einem Werk einschlösse. Er ist von diesem
Schauspiel in solchem Maße erschüttert, gefesselt, berauscht, daß er keinen Moment vom Platze weicht. Ihm enthüllt sich die Tiefe der Welt in Worten, die
Vorübergehende sprechen, in dem Auflachen oder im Erbleichen einer Dirne.
Ihm öffnen sich die schwarzen Abgründe der Tragik im Seufzer eines
enttäuschten Jünglings, in dem Blick, den eine gealterte Frau auf eine
erblühende richtet. Er sagt: »Goldgelber, wunderbarer Chinatee«, und empfindet
unermeßliche Fernen, exotische Landschaften, unermeßliche Möglichkeiten des
Daseins. Er wird andächtig und ergriffen von dem rosigen gesunden Körper
eines Kindes, erbebt vor den hellen unbeirrten Augen einer Dreizehnjährigen als
vor etwas Göttlichem. Es ist seine innerste Notwendigkeit, still dazusitzen und
zu schauen und sich schauend am Leben zu erzücken oder zu kränken. Und es ist
seine innerste Notwendigkeit, daß er dann diese kurzen Briefe an das Leben
richtet. Manchmal Anerkennungsschreiben, die von seinem Entzücken auf eine
rührende Weise ganz durchtränkt sind. Manchmal wieder Schmähbriefe, in
denen ein erstickender Zorn ins Stammeln gerät. Er wird immer nur diese
kleinen Prosastücke schreiben; alle seine Bücher enthalten nur solche kleine
Prosastücke, und die folgenden Bücher, die er noch erscheinen lassen mag,
werden auch nichts anderes enthalten. Aber unter ihnen sind viele kleine
Meisterwerke. In diesen wohnt eine ungemeine Flugkraft, und sie werden ihn
über die Jahre hinwegtragen zu Generationen, die erst noch kommen. Denn
Altenberg besitzt eine wunderbare Macht. Während andere mit der Gewalt eines
langen Atems Werke schreiben, die man morgen schon vergessen hat, kann er
mit seinem kurzen Atem Dinge sagen, die einfach unvergeßlich sind.
Er sitzt in den Dirnenlokalen, in den Freudenhäusern, in den Varietees, in den
Boheme-Cafés und erwünscht es sich, daß die Seele des Menschen an Terrain
gewinne. Es sind seine eigenen Worte. Freilich ist das der Wunsch so ziemlich
aller Dichter, nebenbei auch aller Priester. Die Dichter betonen es nur nicht
immer ausdrücklich, streben bloß bewußt oder unbewußt danach, zur Erreichung
dieses Zieles etwas beizutragen. Die Priester wieder predigen und verkündigen
es unaufhörlich und wissen Rezepte, die unfehlbar dazu verhelfen, daß die Seele
an Terrain gewinne. Altenberg tut beides. Er predigt, und er dichtet; er gibt
Rezepte, er überredet und schreit das Leben an, kanzelt es ab wie ein Priester
und wirft sich ihm dann wieder bedingungslos, fassungslos, überwältigt in die
Arme wie ein Künstler.
Er sieht eine Akrobatin, einen Fechter, eine junge Tänzerin voll Verve in jeder
Bewegung oder einen Collie von echter Rasse oder ein Tiffany-Glas oder eine
frische Wiesenblume und ruft mit geschnürter Stimme, zitternd vor
Begeisterung: »Das ist das Höchste! Das Hö-ö-öchste!!« In dieser Sekunde ist es
ihm wirklich das Höchste. Als habe das Leben eine neue Überraschung, irgendeine neue Aufmerksamkeit für Altenberg bereitgehalten, habe ihm diese
Gabe plötzlich dargereicht, um ihn zu entzücken, und als sei er nun fürstlich
beschenkt, als sei er vor allen anderen begnadet. Es ist aber auch, als umfasse er
in dieser einen Sekunde wiederum den ganzen Reichtum des Daseins.
Er sieht eine Frau, und in diesem Augenblick ist sie die einzige, an die er
seine Seele hingibt. »Ich habe das Antlitz gesehen«, sagt er. Jedes andere Antlitz
verlöscht in ihm, versinkt, und es existiert nur dieses eine. Dieses ist ihm für
jetzt die Erfüllung seines Traumes von Frauenschönheit; dieses ist ihm für jetzt
die höchste Meisterleistung der schaffenden Natur und ist ihm ein Anlaß,
wiederum ein lobendes Schreiben, einen enthusiastischen Dankbrief an das
Leben zu richten. Er hat seine Seele oft nur für wenige Tage, oft nur für eine
halbe Stunde hingegeben; aber er hat sie immer ganz hingegeben, ohne
Vorbehalt, und als täte er es zum erstenmal.
Er sitzt bei den jungen Männern, die sich Mädchen kaufen, und sagt ihnen:
Glaubt nicht, daß ihr jetzt alle Rechte über dieses Geschöpf habt! Beachtet, wie
herrlich schön dieses Mädchen ist. Nehmt sie nicht im brutalen Heißhunger eurer
Sinne. Nehmt sie nicht so, daß ihr dabei die freche Gesinnung hegt, ihr werdet
durch sie besudelt. Beachtet ihre Traurigkeit und ihre Heiterkeit; beachtet ihr
Schicksal. Seid nicht wie Tiere! Die jungen Leute denken bei sich: er ist
verrückt! Aber sie schlagen einen andern Ton gegen die Mädchen an. Die Seele
des Menschen hat an Terrain gewonnen.
Viele junge Männer drängen sich zu ihm; viele ältere sitzen an seinem Tisch
und hören ihm zu. Viele haben sich im Laufe der Jahre nacheinander seiner
bemächtigt, haben ihn nicht losgelassen, konnten nicht existieren ohne seinen
Zuspruch, ohne seine milden Reden, ohne seine Wutanfälle und tobenden
Beschimpfungen. Verwöhnte Frauen, sehnsüchtige Mädchen langen über seine
Bücher und über gesellschaftlichen Zwang hinweg nach ihm, begehren seine
persönliche Nähe, seine Worte, spüren in ihm eine unbekannte neue Zärtlichkeit,
eine wunschlose Anbetung, irgendeine Befreiung, irgendein Labsal oder eine
Aufklärung. Die Leute in den Nachtlokalen, die Freudenmädchen, die
stumpfsinnigen Trinker und Genießer, die Kellner, die Kutscher, die
Schutzmänner, die Wirte, alle sprechen mit ihm. Er sagt ihnen: Hütet eure
Verdauung! Habet Ehrfurcht vor eurem Schlaf! Er sagt ihnen: Die einzige
Perversität, die es gibt, ist, seine Lebensenergien zu schwächen und zu
vermindern! Alle diese Menschen verstehen ihn natürlich nicht, aber sie
verstehen, daß er sie irgendwie liebt, daß er Güte für sie hat, und sie lieben ihn
auch. Sie lächeln, wenn er seine langen Reden hält, sie blinzeln einander an, sie zucken die Achseln, aber sie lassen nicht ab, ihm zuzuhören, sie kommen nicht
los von ihm. Wie das Grubenpferd im Germinal das andere eben von den Wiesen
ins Bergwerk hinuntergelassene junge Tier beschnuppert und an seinem frischen
Geruch die freie Luft und die Sonne ahnt, so wittern diese Leute, die im
Alkoholdampf, im Lärm, in der Nachtmusik, im Rausch und Dunst ihrer Welt
eingeschlossen sind, an ihm etwas von der Unschuld, die ihnen verloren ging,
wittern an ihm die Poesie, die sie nicht mehr kennen, und freuen sich, wenn er
kommt, und grüßen ihn, wenn er geht.
Er ist in dieser Welt etwa wie der Pilger Luka im Nachtasyl oder wie in der
Macht der Finsternis der alte Akim. Er ist hier heimisch und kommt doch von
wo anders her. Er wurzelt hier, und doch brennt in ihm eine Flamme, die nicht an
diesen Lichtern hier unten entzündet worden ist. Er ist unter all den
Erwachsenen und Beladenen und vom Dasein Entstellten vollkommen wie ein
Kind. Seine Freunde, die ihn begreifen, schauen einander an und lächeln, wenn
sie ihn wie ein Kind gegen das Leben eifern und streiten hören; und sie lächeln
noch einmal, wenn sie merken, wie vielfältig er doch wieder den Wirklichkeiten
dieses Lebens verstrickt ist, und wie naiv er sich seiner bedient. Die breite
Menge der Gebildeten ergötzt sich an seiner wunderlichen Erscheinung,
verspottet seine kleinen Meisterwerke, hält ihn für verrückt oder für einen, der
sich zum Narren hergibt, wohl auch für gemeingefährlich, jedenfalls für sehr
verkommen. Im Kabarett Fledermaus erzählt Dr. Egon Friedell Altenberg-
Anekdoten. So oft er beginnt: »Es ist mir beschieden, im Leben des Dichters
Altenberg dieselbe Rolle zu spielen, die Eckermann im Leben Goethes gespielt
hat«, brüllt das Publikum und meint, damit sei nun Altenberg gebührend
verhöhnt worden. Es gilt ihnen schon als ein Witz, daß der Dr. Friedell sagt: Der
Dichter Altenberg. Denn sie meinen, es sei im Ernst ganz unmöglich, ihn einen
Dichter zu nennen. Sie brüllen auch zu den Anekdoten und ahnen nicht, wie
glänzend diese erfunden sind. Die stürmische Heiterkeit, welche Dr. Friedell mit
seinen Altenberg-Geschichten immer erregt, ist gewissermaßen eine falsche,
eine mißverständliche Heiterkeit. Denn die Leute verstehen nicht, wie der ganze
Wert dieser ausgezeichneten kleinen Geschichten nur darin besteht, daß aus
ihnen die rührende und einzigartige Gestalt Altenbergs lebendig hervortritt, daß
durch sie das Wesen Altenbergs mit einem klaren ungemein psychologischen
Humor beleuchtet und manchmal verklärt wird. Die Leute sehen ihn von
weitem. Sie sehen seine Werke aus der Entfernung ihres bürgerlichen und an
vermorschte Wahrheiten geklammerten Standpunktes, genau so wie sie seine
Person von weitem sehen, wenn er zufällig auf der Straße an ihnen vorbeigeht,
oder wenn er eben im Saale ist, während Dr. Friedell von ihm spricht. Sie meinen dann ja auch, nachdem sie ihn begafft haben, er sähe wüst aus,
vernachlässigt und beinahe zerlumpt. Und wissen nicht, mit welcher Sorgfalt
diese weiche, den Körper kaum beschwerende Kleidung ausgewählt ist; wissen
nicht, was für ein gepflegtes, weißes, durchleuchtetes Antlitz er hat, was für
feine beseelte Züge, was für schöne strahlende Augen; sie wissen nicht, daß er
die schmalsten vornehmsten Alabasterhände hat, und daß seine Stimme sanft
und gesanglich klingt und edel.
Ist es nicht merkwürdig, wie er so an der Peripherie des Alltags dahinwandelt,
am äußern Rand des bürgerlichen Lebens, an den Grenzlinien, wo das
Wohlgeordnete sich löst, wo viele Dinge, die sonst als unumstößlich gelten,
zweifelhaft werden! Er ist jetzt fünfzig Jahre alt, ist in diesem heutigen Wien
eine der interessantesten, subtilsten und ergreifendsten Existenzen, ist für alle
Wissenden in Europa ein geliebter und bewunderter Dichter, in dem großen
geistigen Orchester ein Instrument, dessen besonderer Klang durchdringend und
aus tausend Stimmen kenntlich bleibt, … und für das Amüsierpublikum vom
Maxim, vom Café Central und vom Kabarett Fledermaus eine Kuriosität, ein
ridiküles Schaustück neugierigen Bürgersleuten. Eines Tages aber wird man
Altenberg-Erinnerungen schreiben und Altenberg-Biographien. Die dann diese
Bücher lesen, werden glauben, ganz Wien habe dieses Original verstanden,
verehrt und gefeiert, und sie werden sagen: Schade, daß wir ihn nicht mehr
gekannt haben, wir hätten ihn ebenso gefeiert und verehrt. Eines Tages wird
jemand beweisen, daß draußen, an den äußern Rändern des Alltags, durch das
Wirken Altenbergs die Seele des Menschen an Terrain gewonnen habe. Dieser
Beweis wird gelingen, weil es einfach wahr ist. Nur heute würde das niemand
glauben wollen.