Das österreichische Antlitz
Aristokraten-Vorstellung
Der Wagen rollt durch das Augartentor und sogleich fühlt man sich ein wenig
gehoben. Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren? Da gibt es
denn einfach eine vornehme Stimmung, von der gemeinen Straße abbiegen und
über diesen fürstlichen Kies dahinfahren zu dürfen. Schade, daß kein
Schnarrposten da ist. Der könnte ein bißchen schreien, und das würde das
Selbstgefühl ungemein steigern. Aber das sind überschwengliche, vermessene
Träume, gefördert durch die Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst die große
Antichambre, dann schnappt man rasch wieder zusammen. Ein hoher Saal mit
Kronleuchtern, Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und Rot, die offiziellen Farben
in den Palästen. Das Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft
beschämender Weise. Hier sind Gemächer, Appartements. Und Lakaien. Ein
solcher Schwarm von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch
ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht einmal auf der Bühne. Denn
welches Theater hätte so viele und so präsentable Komparsen? Galonierte
prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern. Es ist wirklich
herzerfreuend, wie gesund und wohlgenährt diese wackeren Männer aussehen.
Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind und streng dabei; die Gebärden von
ungeheurem Stolz haben, und die einem trotzdem beim Ablegen des
Winterrockes behilflich sind. Man merkt sofort: hier muß man sich geehrt
fühlen.
Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl, geehrt zu sein, unstreitig das
angenehmste. Und wenn man diese bescheidene Behauptung nur einigermaßen
als wahr hinnehmen will, dann ist das Rätsel solcher Vorstellungen gelöst. Das
Rätsel nämlich, daß man solche Vorstellungen wie Ereignisse ersten Ranges
traktiert, daß man sich zu ihnen drängt, sich die Billette aus der Hand reißt und
sich schlechterdings für deklassiert hält, wenn man nicht mit dabei gewesen ist.
Es gibt Vorstellungen, in denen man sich gerührt, Vorstellungen, in denen man
sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen, in denen man sich belustigt oder begeistert,
Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt fühlt. Aber Vorstellungen, in
denen man sich ununterbrochen geehrt fühlen muß, darf oder kann, gehören
doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt den Zuschauerraum, und gleich am
Eingang steht ein Graf, der die Kartenabgabe überwacht. Zu viel Ehre! Man
versucht, in seine Sitzreihe zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen,
zwei Gardekapitäne, um uns durchzulassen, eine Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel der Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen Prinzen zur Rechten,
eine Reichsfreifrau zur Linken, einen Fürsten vor sich und hinten einen Marquis.
Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur Rechten plaudert mit der
Reichsfreifrau zu deiner Linken, so laut und so ungeniert, als ob du gar nicht da,
als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst du, ob du nun willst oder nicht, du
hörst es und bist hochgeehrt. Kein Zweifel.
Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise zu erwähnen. Wer
wird vom Geld sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder Krämer, der sichs
sauer werden läßt, kann es besitzen. Hier gilt vor allem die Wohltätigkeit, und
was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten als tadellos frommen
Zweck geweiht. Wenn adelige Leute lebende Bilder stehen und sich gegen
Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im Augarten – ein zwar nicht allen,
aber doch allen zahlenden Menschen gewidmeter Erlustigungsort wird, dann,
bitte, nur keine plebejischen Anwandlungen. Daß Aristokraten keine gelernten
Künstler sind, muß man im voraus wissen; daß sie nur über eine standesgemäße
Begabung verfügen, darauf muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim Wurstl
kann's halt nicht sein. Aber: ein Theater, wo lauter Fürsten und Grafen und
Komtessen und Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was,
Himmelherrgott!
Und – Himmelherrgott – es ist auch was! Schon der Zuschauerraum, dieses
ganze vornehme, wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte Auditorium bietet
genug und genug. Wollte man die Kronen der hier versammelten Herrschaften
auf ein Häuferl schichten, das gäbe eine nette, funkelnde Pyramide, die bis zur
Decke reichen würde. Schwerlich vermöchte es diese Erwägung, auf einen
Südsee-Insulaner sonderlich zu wirken. Aber ein zivilisierter Mensch fühlt sich
immerhin von Ehrfurcht ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein nicht alles
tut: An einem anderen Ort zum Beispiel möchte man sich schrecklich entrüsten,
wenn die Leute so schreien, wenn sie einander über zwanzig Köpfe hinweg
anreden, sich »Grüß' dich« oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil es aber
Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen, hält man's für ungenierte
Noblesse, fühlt sich eingeschüchtert von diesen Menschen, die durch ihre
ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen geben, daß sie immer und überall
»unter sich« sind, und daß, wer nicht dazu gehört, einfach nicht als anwesend
gilt. Das Bewußtsein und seine Helfer, die Kleider, die Uniformen, die Juwelen:
es ist kinderleicht, eine Frau als eine Fürstin zu erkennen, wenn sie ein Diadem
in den Haaren trägt, das eine Million wert sein mag. Man breite ein Kopftuch
über diesen Schmuck, ein gewöhnliches, kleines Kopftuch, und das nette,
zutrauliche Gesicht eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar aussieht, muß man erst umdrehen, um
hinten an seiner Kämmererspange zu merken, daß er »wer« ist. In Zivil würde
man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften Zügen, mit seiner alltäglichen, ein
wenig farblosen Wohlgenährtheit und mit seinem Zwicker für einen
Magistratsbeamten nehmen. Jener alte Mann dort, dessen weißer Bart ebenso
ungepflegt als ehrwürdig ist, dem die Backen schlaff und wie ermüdet
niederhängen, dem die Nase zum Mund hereinhängt, dem die Schultern hängen,
und die Kleider am Leibe: – genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen so
belanglos hat mein Mathematik-Professor ausgesehen. Jener Herr aber ist ein
Fürst. Fürstliche Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke Frau. Dünn
wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher wie eine Gelse, hat ein nettes, schmales
Gesicht, kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen, und man würde
sie treuherzig für ein niedliches Kammerzöfchen halten, das zu hüpfen gewöhnt
ist, sooft die Klingel tönt; wenn man nicht wüßte, daß man sie Frau Gräfin
ansprechen muß. Da sind junge Herren, die so glatt frisiert sind und so
windspielhaft von Wuchs, wie feine Kellner in einem feinen Hotel. Haben so
gutmütig junge, gedankenlos hübsche und sauber gewaschene Gesichter wie
feine Kellner und sind Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere, mit
herrischen Mienen, scharfgerissene Profile, Nasen von einer Krümmung, die
sich heutzutage nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen.
Stolzgeschwungene Lippen. Und gleich sagen die Leute: Da sieht man die
Rasse! Da zeigt sich die Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in Hernals
und in Ottakring ein paar junge Burschen einfangen, angehende Fiaker, bei
denen nur die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß sie nicht wie Grafen
aussehen. Selbst aus der Tempelgasse ließen sich Duplikate herbeischaffen. Nur
daß es dann freilich mit anderer Betonung hieße: Da sieht man die Rasse! Da
zeigt sich die Abkunft!
Einen gänzlich Fremden – man brauchte ihn gar nicht von den Südsee-Inseln
herzunehmen – könnte die Vorstellung nicht im mindesten interessieren. Weder
das Publikum, da er unsere Uniformen und Ehrenzeichen nicht zu erkennen
vermöchte, noch die Gaben der Bühne, da ja die stolzen Namen seinem Ohr
unvertraut und gleichgültig wären, die Namen, ohne die beinahe alle Akteure
ihren Reiz verlieren müßten. Wir aber haben die Zusammenhänge, haben alle die
Relativitäten, die das Amüsement solcher Theaterspielerei ausmachen. Und
mondainen Leuten mag es schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die sonst
hoch über ihnen hausen, einmal als befangene, ehrgeizige Komödianten vor sich
zu sehen.
Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten dort oben auf den Brettern. Die Aufregung ist so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie jede ehrliche Regung
sympathisch ist. Da war ein Engel in dem ersten Bild. Eine reizende kleine
Komteß hatte nichts weiter zu tun, als in der vorgeschriebenen Stellung ruhig
dazusitzen, indes die anderen musizierten. Aber wie gelähmt war sie vor
Befangenheit, wurde rot und röter unter der ungewohnten Schminke, und man
mußte gerührt werden, wenn man das schöne Kind ansah. In diesem ersten Bild
war übrigens die Darstellerin der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als
ob's von Holbein gemalt worden sei, mit einem weltentrückten Ernst in den
Augen und einem frommen, strengen Harm auf den eingefallenen Wangen. Noch
einer fiel mir im zweiten Bild auf: der Pierrot. Ein schöner, feingeschnittener
Kopf. So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte Züge, daß man an die
wunderbaren Pierrots denken mußte, die Willette gezeichnet hat. Dieses Bild
brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein Halbdutzend winziger
Prinzessinnen und Komtessen und, das muß wahr sein, sie haben wie die kleinen
Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's doch, wie an den Kindern gewisse
Unterschiede am schärfsten merkbar wurden. Wie die einen nämlich, von ihrer
Angst, von ihrer Befangenheit und von ihrem Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr
automatisch sich rührten, indessen die anderen mit einer großartigen
Gleichgültigkeit, mit absoluter Ruhe ihre Schritte und Knickse taten,
unbekümmert, ob's gut sei oder schlecht, und als dächten sie: hier tanzt die
Prinzessin Mimi – das genügt! Es waren dann im Schubert-Bild ein paar
niedliche Mädchen zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der unsere
Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt. Und ein blonder Jüngling war bei
ihnen, von der Schlankheit und federnden Grazie russischer Windspiele, dazu
mit Augen, die so vergißmeinnichtblau schimmerten wie Schubertsche Lieder.
Die Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger – und die Wohltätigkeit ist
wohltätig genug, seine Kunst zu schirmen. So wie er jedoch müßte der Bellac im
Burgtheater aussehen, und im »Probepfeil« der Krasinski sollte sich eine solche
Maske nehmen und ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen Sturm.
Weniger empfehlenswert für die Burg wären die spanischen Messerhelden, die
man hernach zu sehen bekam, und die spanische Donna, die an der Leiche des
gemordeten Liebsten ein so gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich
nebensächliche Verzweiflung agierte. Dann aber kam das letzte Bild, wo in der
Tiefe des Ozeans der bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat« als Neptun auf dem
Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit mit dem Pikkönig hatte, wo auf dem
Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von pausbackiger Feschheit der
Wassermajestät zur Seite stand, wo ein Hofnarr so hochmütig und schlecht
gelaunt sein glattes, junges Antlitz in Falten zog, als sei er beim Demel oder im
Café Pucher, wo ein Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit posierten, die ein fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz der Seele verleiht, wo
inmitten der Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der prachtvoll
spielte, der aber mit all seiner Musik die Dissonanz zwischen seinem Frack und
den Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen vermochte, und wo endlich
– auch im Frack – Alfred Grünfeld kam, um mit Schuberts silbern tönender
»Forelle« der fürnehmen Mummerei ein willkommenes Ende zu bereiten.
Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten Karussels veranstalten.
Niemand vermag ihnen das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des Sattels
und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher Kostüme werden sie uns Schauspiele
geben können, die nur der Adel zu geben vermag, werden eine künstlerische, ja,
gewiß eine berauschende Augenweide bieten, für die man ihnen wird danken
müssen. Der Mensch, auch der vom Baron aufwärts, sollte immer nur das tun,
wozu er Talent hat. Das Komödiespielen aber, das jetzt im Schwang ist, bleibt
doch stets ein arges Dilettieren, das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös
wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen und von seinen
Geschmacksmängeln nichts verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte man
sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer Vorstellung, in die ihr nur euren
Snobismus mitnehmt? Und fühlt denn der Snobismus selbst sich nicht beschämt,
da jeder Bürgerliche doch empfinden muß, bei einem Haustheater zu sein, in
einem Hause, dessen Insassen euch sonst nie einlassen würden, und die in eurer
Gegenwart fortfahren, sich untereinander zu vergnügen. Aber den Snobismus
scheint das gar nicht zu genieren. Den Aristokraten scheint es Spaß zu machen,
wenn die Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis wird. Die öffentliche
Meinung dienert im Kartell vor dero leutselig Pläsier, und da schließlich doch
ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß man die Dinge gehen lassen,
wie sie gehen. Es ist nicht das Schlimmste, es ist nicht das Wichtigste, und die
Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen.