Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 5 von 24

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Das österreichische Antlitz

Aristokraten-Vorstellung

 

Der Wagen rollt durch das Augartentor und sogleich fühlt man sich ein wenig

gehoben. Wer hat auch sonst Erlaubnis, hier hereinzukutschieren? Da gibt es

denn einfach eine vornehme Stimmung, von der gemeinen Straße abbiegen und

über diesen fürstlichen Kies dahinfahren zu dürfen. Schade, daß kein

Schnarrposten da ist. Der könnte ein bißchen schreien, und das würde das

Selbstgefühl ungemein steigern. Aber das sind überschwengliche, vermessene

Träume, gefördert durch die Einsamkeit des Coupees. Betritt man erst die große

Antichambre, dann schnappt man rasch wieder zusammen. Ein hoher Saal mit

Kronleuchtern, Spiegeln, Teppichen. Weiß, Gold und Rot, die offiziellen Farben

in den Palästen. Das Wort Zimmer schrumpft auf ein Nichts; in wahrhaft

beschämender Weise. Hier sind Gemächer, Appartements. Und Lakaien. Ein

solcher Schwarm von Lakaien, wie er sich nur in verschwenderisch

ausstaffierten Romanen zu finden pflegt. Nicht einmal auf der Bühne. Denn

welches Theater hätte so viele und so präsentable Komparsen? Galonierte

prächtige Lakaien mit galonierten, prächtigen Gesichtern. Es ist wirklich

herzerfreuend, wie gesund und wohlgenährt diese wackeren Männer aussehen.

Lakaien, mit einem Wort, die höflich sind und streng dabei; die Gebärden von

ungeheurem Stolz haben, und die einem trotzdem beim Ablegen des

Winterrockes behilflich sind. Man merkt sofort: hier muß man sich geehrt

fühlen.

 

Von allen Gefühlen, die es gibt, ist das Gefühl, geehrt zu sein, unstreitig das

angenehmste. Und wenn man diese bescheidene Behauptung nur einigermaßen

als wahr hinnehmen will, dann ist das Rätsel solcher Vorstellungen gelöst. Das

Rätsel nämlich, daß man solche Vorstellungen wie Ereignisse ersten Ranges

traktiert, daß man sich zu ihnen drängt, sich die Billette aus der Hand reißt und

sich schlechterdings für deklassiert hält, wenn man nicht mit dabei gewesen ist.

Es gibt Vorstellungen, in denen man sich gerührt, Vorstellungen, in denen man

sich aufgeregt fühlt, Vorstellungen, in denen man sich belustigt oder begeistert,

Vorstellungen, in denen man sich gelangweilt fühlt. Aber Vorstellungen, in

denen man sich ununterbrochen geehrt fühlen muß, darf oder kann, gehören

doch zu den seltenen Genüssen. Man betritt den Zuschauerraum, und gleich am

Eingang steht ein Graf, der die Kartenabgabe überwacht. Zu viel Ehre! Man

versucht, in seine Sitzreihe zu gelangen, und es erheben sich drei Komtessen,

zwei Gardekapitäne, um uns durchzulassen, eine Altgräfin und zwei Prinzen. Zu viel, zu viel der Gnade! Man setzt sich nieder und hat einen Prinzen zur Rechten,

eine Reichsfreifrau zur Linken, einen Fürsten vor sich und hinten einen Marquis.

Wie angenehm das ist! Und der Prinz zur Rechten plaudert mit der

Reichsfreifrau zu deiner Linken, so laut und so ungeniert, als ob du gar nicht da,

als ob du einfach Luft wärst. Jedes Wort hörst du, ob du nun willst oder nicht, du

hörst es und bist hochgeehrt. Kein Zweifel.

 

Es wäre nun ganz abscheulich, die hohen Eintrittspreise zu erwähnen. Wer

wird vom Geld sprechen? Was ist das überhaupt: Geld? Jeder Krämer, der sichs

sauer werden läßt, kann es besitzen. Hier gilt vor allem die Wohltätigkeit, und

was der Abend bringt, ist gewiß einem ebenso guten als tadellos frommen

Zweck geweiht. Wenn adelige Leute lebende Bilder stehen und sich gegen

Entree anschauen lassen, wenn dieser Saal im Augarten – ein zwar nicht allen,

aber doch allen zahlenden Menschen gewidmeter Erlustigungsort wird, dann,

bitte, nur keine plebejischen Anwandlungen. Daß Aristokraten keine gelernten

Künstler sind, muß man im voraus wissen; daß sie nur über eine standesgemäße

Begabung verfügen, darauf muß man gefaßt sein. So amüsant wie beim Wurstl

kann's halt nicht sein. Aber: ein Theater, wo lauter Fürsten und Grafen und

Komtessen und Prinzessinnen Komödie spielen, das ist doch was,

Himmelherrgott!

 

Und – Himmelherrgott – es ist auch was! Schon der Zuschauerraum, dieses

ganze vornehme, wenn auch reichlich bürgerlich gesprenkelte Auditorium bietet

genug und genug. Wollte man die Kronen der hier versammelten Herrschaften

auf ein Häuferl schichten, das gäbe eine nette, funkelnde Pyramide, die bis zur

Decke reichen würde. Schwerlich vermöchte es diese Erwägung, auf einen

Südsee-Insulaner sonderlich zu wirken. Aber ein zivilisierter Mensch fühlt sich

immerhin von Ehrfurcht ergriffen. Was das Wissen, das Bewußtsein nicht alles

tut: An einem anderen Ort zum Beispiel möchte man sich schrecklich entrüsten,

wenn die Leute so schreien, wenn sie einander über zwanzig Köpfe hinweg

anreden, sich »Grüß' dich« oder »Servus« zuschmettern wollten. Weil es aber

Aristokraten sind, die so knallende Gespräche führen, hält man's für ungenierte

Noblesse, fühlt sich eingeschüchtert von diesen Menschen, die durch ihre

ungeheuer hörbare Konversation zu erkennen geben, daß sie immer und überall

»unter sich« sind, und daß, wer nicht dazu gehört, einfach nicht als anwesend

gilt. Das Bewußtsein und seine Helfer, die Kleider, die Uniformen, die Juwelen:

es ist kinderleicht, eine Frau als eine Fürstin zu erkennen, wenn sie ein Diadem

in den Haaren trägt, das eine Million wert sein mag. Man breite ein Kopftuch

über diesen Schmuck, ein gewöhnliches, kleines Kopftuch, und das nette,

zutrauliche Gesicht eines Wäschermädels ist fertig. Diesen kleinen Offizier, der trotz seiner Uniform so unscheinbar aussieht, muß man erst umdrehen, um

hinten an seiner Kämmererspange zu merken, daß er »wer« ist. In Zivil würde

man ihn mit seinen gewöhnlich-ernsthaften Zügen, mit seiner alltäglichen, ein

wenig farblosen Wohlgenährtheit und mit seinem Zwicker für einen

Magistratsbeamten nehmen. Jener alte Mann dort, dessen weißer Bart ebenso

ungepflegt als ehrwürdig ist, dem die Backen schlaff und wie ermüdet

niederhängen, dem die Nase zum Mund hereinhängt, dem die Schultern hängen,

und die Kleider am Leibe: – genau so, so betrübt und erschöpft und im ganzen so

belanglos hat mein Mathematik-Professor ausgesehen. Jener Herr aber ist ein

Fürst. Fürstliche Gnaden, Durchlaucht. Da ist eine liebe, schlanke Frau. Dünn

wie eine Gelse. Fliegt im Saal umher wie eine Gelse, hat ein nettes, schmales

Gesicht, kurzsichtige Augen, ein schnippisches Stumpfnäschen, und man würde

sie treuherzig für ein niedliches Kammerzöfchen halten, das zu hüpfen gewöhnt

ist, sooft die Klingel tönt; wenn man nicht wüßte, daß man sie Frau Gräfin

ansprechen muß. Da sind junge Herren, die so glatt frisiert sind und so

windspielhaft von Wuchs, wie feine Kellner in einem feinen Hotel. Haben so

gutmütig junge, gedankenlos hübsche und sauber gewaschene Gesichter wie

feine Kellner und sind Majoratserben, Prinzen, Pagen. Da sind andere, mit

herrischen Mienen, scharfgerissene Profile, Nasen von einer Krümmung, die

sich heutzutage nur ein Graf erlauben kann. Glühende Augen.

Stolzgeschwungene Lippen. Und gleich sagen die Leute: Da sieht man die

Rasse! Da zeigt sich die Abkunft! Aber mit Leichtigkeit könnte man in Hernals

und in Ottakring ein paar junge Burschen einfangen, angehende Fiaker, bei

denen nur die mangelhafte Kleidung schuld daran ist, daß sie nicht wie Grafen

aussehen. Selbst aus der Tempelgasse ließen sich Duplikate herbeischaffen. Nur

daß es dann freilich mit anderer Betonung hieße: Da sieht man die Rasse! Da

zeigt sich die Abkunft!

 

Einen gänzlich Fremden – man brauchte ihn gar nicht von den Südsee-Inseln

herzunehmen – könnte die Vorstellung nicht im mindesten interessieren. Weder

das Publikum, da er unsere Uniformen und Ehrenzeichen nicht zu erkennen

vermöchte, noch die Gaben der Bühne, da ja die stolzen Namen seinem Ohr

unvertraut und gleichgültig wären, die Namen, ohne die beinahe alle Akteure

ihren Reiz verlieren müßten. Wir aber haben die Zusammenhänge, haben alle die

Relativitäten, die das Amüsement solcher Theaterspielerei ausmachen. Und

mondainen Leuten mag es schon ein Hauptspaß sein, die Herrschaften, die sonst

hoch über ihnen hausen, einmal als befangene, ehrgeizige Komödianten vor sich

zu sehen.

 

Befangen aber und ehrgeizig sind die meisten dort oben auf den Brettern. Die Aufregung ist so ungeheuer, daß sie sympathisch wird, wie jede ehrliche Regung

sympathisch ist. Da war ein Engel in dem ersten Bild. Eine reizende kleine

Komteß hatte nichts weiter zu tun, als in der vorgeschriebenen Stellung ruhig

dazusitzen, indes die anderen musizierten. Aber wie gelähmt war sie vor

Befangenheit, wurde rot und röter unter der ungewohnten Schminke, und man

mußte gerührt werden, wenn man das schöne Kind ansah. In diesem ersten Bild

war übrigens die Darstellerin der heiligen Cäcilie vortrefflich. Ein Antlitz, als

ob's von Holbein gemalt worden sei, mit einem weltentrückten Ernst in den

Augen und einem frommen, strengen Harm auf den eingefallenen Wangen. Noch

einer fiel mir im zweiten Bild auf: der Pierrot. Ein schöner, feingeschnittener

Kopf. So geisterhaft beschattete, gleichsam gehöhlte Züge, daß man an die

wunderbaren Pierrots denken mußte, die Willette gezeichnet hat. Dieses Bild

brachte ein bewegliches Kindermenuett. Ein Halbdutzend winziger

Prinzessinnen und Komtessen und, das muß wahr sein, sie haben wie die kleinen

Ladstöcke getanzt. Aber lustig war's doch, wie an den Kindern gewisse

Unterschiede am schärfsten merkbar wurden. Wie die einen nämlich, von ihrer

Angst, von ihrer Befangenheit und von ihrem Ehrgeiz hypnotisiert, nur mehr

automatisch sich rührten, indessen die anderen mit einer großartigen

Gleichgültigkeit, mit absoluter Ruhe ihre Schritte und Knickse taten,

unbekümmert, ob's gut sei oder schlecht, und als dächten sie: hier tanzt die

Prinzessin Mimi – das genügt! Es waren dann im Schubert-Bild ein paar

niedliche Mädchen zu sehen, von einem kleinbürgerlichen Typus, der unsere

Vertraulichkeit nicht gar zu sehr entfernt. Und ein blonder Jüngling war bei

ihnen, von der Schlankheit und federnden Grazie russischer Windspiele, dazu

mit Augen, die so vergißmeinnichtblau schimmerten wie Schubertsche Lieder.

Die Schubertschen Lieder aber sang ein Sänger – und die Wohltätigkeit ist

wohltätig genug, seine Kunst zu schirmen. So wie er jedoch müßte der Bellac im

Burgtheater aussehen, und im »Probepfeil« der Krasinski sollte sich eine solche

Maske nehmen und ein Schubertlied als Einlage singen. Das gäbe einen Sturm.

Weniger empfehlenswert für die Burg wären die spanischen Messerhelden, die

man hernach zu sehen bekam, und die spanische Donna, die an der Leiche des

gemordeten Liebsten ein so gemütliches Entsetzen, eine so gänzlich

nebensächliche Verzweiflung agierte. Dann aber kam das letzte Bild, wo in der

Tiefe des Ozeans der bärtige Freiherr mit dem »Jägerg'müat« als Neptun auf dem

Throne saß und eine frappante Ähnlichkeit mit dem Pikkönig hatte, wo auf dem

Meeresgrund ein weiblicher Leibhusar von pausbackiger Feschheit der

Wassermajestät zur Seite stand, wo ein Hofnarr so hochmütig und schlecht

gelaunt sein glattes, junges Antlitz in Falten zog, als sei er beim Demel oder im

Café Pucher, wo ein Vierteldutzend adelige Frauen mit all der Sicherheit posierten, die ein fabelhafter Perlen- und Diamantenschatz der Seele verleiht, wo

inmitten der Meeresgötter ein befrackter Baßgeiger erschien, der prachtvoll

spielte, der aber mit all seiner Musik die Dissonanz zwischen seinem Frack und

den Märchengewändern der übrigen nicht aufzulösen vermochte, und wo endlich

– auch im Frack – Alfred Grünfeld kam, um mit Schuberts silbern tönender

»Forelle« der fürnehmen Mummerei ein willkommenes Ende zu bereiten.

 

Man möchte vorschlagen: lasset die Aristokraten Karussels veranstalten.

Niemand vermag ihnen das gleichzutun. Zu Pferde, in allen Künsten des Sattels

und der Zügel, im Glanz ererbter herrlicher Kostüme werden sie uns Schauspiele

geben können, die nur der Adel zu geben vermag, werden eine künstlerische, ja,

gewiß eine berauschende Augenweide bieten, für die man ihnen wird danken

müssen. Der Mensch, auch der vom Baron aufwärts, sollte immer nur das tun,

wozu er Talent hat. Das Komödiespielen aber, das jetzt im Schwang ist, bleibt

doch stets ein arges Dilettieren, das durch die vielen edlen Namen nur prätentiös

wird, von seinen Mängeln aber, von seinen menschlichen und von seinen

Geschmacksmängeln nichts verliert. Den namenlosen Zuschauern möchte man

sagen: Habt ihr denn wirklich so viel von einer Vorstellung, in die ihr nur euren

Snobismus mitnehmt? Und fühlt denn der Snobismus selbst sich nicht beschämt,

da jeder Bürgerliche doch empfinden muß, bei einem Haustheater zu sein, in

einem Hause, dessen Insassen euch sonst nie einlassen würden, und die in eurer

Gegenwart fortfahren, sich untereinander zu vergnügen. Aber den Snobismus

scheint das gar nicht zu genieren. Den Aristokraten scheint es Spaß zu machen,

wenn die Unzulänglichkeit ein gesellschaftliches Ereignis wird. Die öffentliche

Meinung dienert im Kartell vor dero leutselig Pläsier, und da schließlich doch

ein bißchen Geld an fromme Vereine kommt, muß man die Dinge gehen lassen,

wie sie gehen. Es ist nicht das Schlimmste, es ist nicht das Wichtigste, und die

Mehrzahl der Menschen hat andere Sorgen.