Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 7 von 24

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Das österreichische Antlitz

Stalehner

 

Das hundertjährige Stalehnerwirtshaus wurde niedergerissen, und ein neues

aufgebaut. Denn die Zeit schreitet vorwärts. Ein Kapitel Hernalserischer

Daseinswonne ist damit zu Ende. Wiener Liedersänger, Komiker,

Lokalschriftsteller und allerlei andere Vergnügungskünstler haben da draußen

den Kehraus gefeiert, den Abschied von einem Stück Urwüchsigkeit, das nun in

der allgemein großstädtischen Banalität aufgehen wird. Es war ein Schluß mit

Jubel.

 

Immer, wenn sie so ein altes Wiener Freudennest demolieren, staubt aus dem

Schutt des bröckelnden Mauerwerks der Schwarm bekannter Worte empor: die

Wiener Gemütlichkeit …, der Wiener Hamur …, die schöne, liebe, alte Zeit …

Es ist, als wenn wir unter Menschen lebten, die wirklich allweil fidel sind, und

nur traurig werden, wenn man ihnen einmal ein altes Wirtshaus zusperrt. Man

muß sagen, daß uns bessere Häuser schon verschwunden sind, ehrwürdigere und

wertvollere, als der Stalehner. Die neue junge Stadt ist über sie

hinausgewachsen, und wir haben ihrer vergessen. Wir werden auch den

Stalehner verschmerzen.

 

Ein Nekrolog gebührt ihm freilich. Denn er war berühmt und schaut auf eine

große Vergangenheit zurück. Er hat seine Rolle gespielt in der Sittengeschichte

von Wien, und sein Einfluß ist manchmal in dieser Stadt sehr fühlbar gewesen.

Stalehner, das war nicht bloß ein Wirtshaus, sondern auch eine Art

Weltanschauung. Das Wirtshaus haben sie jetzt niedergerissen, die Stalehner-

Weltanschauung wird vielleicht bestehen bleiben. Vielleicht.

 

Stalehner … schon der Name hat etwas unnachahmlich Echtes, ist wie

geschaffen zur Straßenberühmtheit. Der wienerische Dialekt schwingt auf

diesem Namen wie ein Wäschermädel auf einer Praterhutschen. Es ist ein

Fiakerparfüm darin, und ein Schnalzen, das aus den »enteren« Gründen kommt.

Wir haben ein paar solcher köstlichen Wirtsnamen, deren bloßer Klang schon

eine ganze Stimmung gibt. Weigl zum Beispiel mit dem gequetschten,

wienerisch breitgedrückten »ei«, so daß es sich anhört wie ein wohliger

Schnaufer. Oder Gschwandner … was ja wie ein Walzertakt schleudert. Nichts

aber hört sich so behaglich an wie Stalehner mit diesem offenen, ein wenig

frechen und gellenden Wiener a der ersten Silbe und dem Schleifen durch die

Nase der beiden anderen: »lehner«. Behaglich und leichtsinnig.

Wir kennen den Namen jetzt schon über hundert Jahre. Und es sind viele,

viele Wiener Früchteln und Wiener Kinder beim Stalehner draußen berühmt

geworden. Die einen durch ihren Gesang, durch ihr Kunstpfeifen und durch

ihren Mutterwitz, die anderen durch ihre Freigebigkeit, durch ihr »Aufdrahn«

und durch ihr Trinken. Vom Standpunkt des Schanktisches aus muß man schon

sagen: es war eine große Zeit. Aber, wer denkt denn heute der fröhlichen Schar!

Weiß jemand noch was von der Judenpeppi, die so besonders talentvoll gepascht

hat, wenn der Gruber das picksüße Hölzel spielte? Man weiß ja auch vom

Gruber nichts mehr. Lieber Gott, es gibt so viele Gruber. Und diese beiden, der

Meister auf dem Picksüßen und die Judenpeppi, haben in den fünfziger Jahren

gelebt.

 

Vor ihnen mag es in dieser Heurigenseligkeit noch andere Götter gegeben

haben. Aber sie sind vergessen und verschollen, wie man des Weins, nachdem

man ihn genossen hat, vergißt. Der Boden hier ist reich. Er gibt in jedem Jahre

eine neue Lese; und in jeder Generation neue Originale. Weinstöcke und

Menschen, in denen die Kraft und der Übermut dieser Scholle aufgesammelt

waren, sind hier herum immer frisch nachgewachsen. Derart ist ja denn auch der

Anfang gewesen, daß der erste Stalehner ein Weinbauer war, der da draußen in

dem winzigen Dörfchen Hernals das Leutgeben hatte, und alljährlich, wenn

seine Trauben gekeltert waren, den Buschen aussteckte. In ihren kleinen,

niedrigen Häuseln saßen sie dort nebeneinander, am Ufer des Alsbachs, der

damals noch in seinem offenen grünen Bett zum Stroheck hinunterfloß. Zum

Stalehner gingen dann die Harfenisten und Natursänger, die feschen Mädeln, die

sich aufs Paschen verstanden, und die Fiaker brachten dort ihre Kavaliere

hinaus, um ihnen draußen zu zeigen, daß sie nicht nur kutschieren, sondern auch

dudeln und – trinken können.

 

So ist nach und nach der Stalehner die Grenzstelle geworden, an der sich die

Blüte des Wiener Hochadels mit der Weinblüte des Wiener Volkes begegnete,

die Grenze, an der sich beide in sanfter, singender Berauschtheit einander

vermählten. Der Stalehner war die Stätte, an der die gräflichen Instinkte unserer

Fiaker und die fiakerischen Triebe unserer Grafen einander in die Arme sanken.

Es war, wie gesagt, eine große Zeit.

 

Wir wissen ja nichts mehr von den fünfziger Jahren. Da könnte sich ein

Lokalchronist einmal ein Verdienst erwerben, wenn er die Geschichte des

Hauses Stalehner erforschen und aufschreiben wollte. Tut er es nur halbwegs

gut, und wird vom verjährten Weindunst, der ihm aus den vergangenen Zeiten

aufsteigt, nicht betäubt, so daß er nun etwa selber in Duliähgejauchz ausbricht, dann muß ihm ein lebensvolles, farbiges Spiegelbild der Stadt Wien gelingen.

Unser Erinnern weiß nur von dem Rausch der achtziger Jahre, jener Zeit, in der

unsere Prinzen noch fröhlicher waren. Vom Glanz der Fiakermilli und der

Turfkarolin, die zwischen der Freudenau und den Stalehnerischen Gefilden einst

hochberühmt gewesen sind. Vom Bratfisch, der letzten romantischen Gestalt

unter den Fiakern. Und daß der Ziehrer draußen die ersten Erfolge hatte, mit

seinen ersten Walzern, in denen ja ein Echo von jenem hernalserischen

Händeklatschen leise wiederklingt.

 

Hernals … Wenn man von der Laimgruben bis zum Liechtental, und im

weiteren Bogen von der Schwarzen Westen bis zum Krottenbach die

verschiedenen Abschattierungen der Wiener Art betrachtet, wird man finden,

daß Hernals etwas Besonderes ist: ein herbes Wienertum, weniger lyrisch, dafür

aber unbändiger, mehr ins Randalierende und kreischend Grelle. Weniger

anmutig und sanft, sondern von ausfahrenden Temperamenten feuriger und

wilder gemacht. Es ist die Stelle, an der sich die Wiener Art zum Proletarischen

absenkt, die Stelle, an der sie am leichtesten und am häufigsten verpöbelt. Es ist

der Boden, auf dem die Schalanthers wachsen.

 

Gerade dieser Schalantherboden aber bringt die Menschen hervor, die den

absoluten Willen zur Freude haben. Ihr Talent zum Vergnügen ist so groß, daß es

alle anderen Gaben in ihnen aufsaugt. Der Leichtsinn in ihnen ist so stark, daß er

sie dauernder berauscht als der Wein, den sie trinken; daß er ihnen glänzender

und täuschender als der Wein die Sorgen des Daseins und seinen Ernst verhüllt.

Die wienerische Fähigkeit, lustig zu sein, wird nirgendwo mit solcher Heftigkeit

geübt wie hier, so entschlossen, so über alle Ursachen hinaus, und mit einer

solchen Zuversicht in die altwienerischen Ausdrucksmittel des Fröhlichseins:

Händeklatschen, Singen, Schnalzen, Pfeifen. Diese Hernalser Gegend, die nicht

so anmutig ist wie andere Wiener Gegenden, die auch nicht anmutig war, als

man noch vom Stalehner bis zu der Kirche mit dem Kalvarienberg hinsehen

konnte, und der Blick nur Felder, Felder, Obstgärten und Weingelände

überschaute, diese Gegend hat doch immer etwas Anlockendes gehabt: ihre

kleinen Heurigenstuben, ihre Wirtshausgärten, in die man einkehrte auf der

Wanderung zum Dornbacher Wald hinaus, oder auf dem Heimweg von dort in

die Stadt zurück. In diesen winzigen verrauchten Stuben und in diesen

primitiven Gärten war die singende, jauchzende Verführung. Dort lockte der

Wein, den die Bauern zogen, dort der Gesang der Burschen, und dort die

freigebige Üppigkeit der Weiber. In Grinzing, in Heiligenstadt, am Fuß des

Nußberges gab es von jeher und gibt es noch immer Heurigenschenken, zu

denen die Leute pilgern. Aber solch einen Schwung hat die Sache niemals gehabt. Solch einen Schmiß, daß die Nobelwelt herankarossiert kam, um sich

aus dem Urwuchs des Volkstümlichen aufzufrischen und aufzufärben, hat es auf

die Dauer nur beim Stalehner in Hernals gegeben.

 

Steht man vor dem Stalehnerhause, dann merkt man von außen schon, daß

seine Zeit erfüllt ist. Das neue Niveau der Straße, die hier vorbeiführt, die nicht

mehr nach dem Alsbach heißt, sondern nach dem ausgestorbenen

Grafengeschlecht der Jörger, das hier in Hernals einst reich begütert gewesen ist,

das Niveau dieser Straße hat man längst gehoben, und nun scheint es, als wäre

das Stalehnerhaus sachte in die Erde versunken. Inwendig hat es den veralteten

Reiz eines nach und nach adaptierten Vergnügungsnestes, hat diesen alten,

immer ein wenig schmutzig aussehenden, immer von alkoholischen

Kellerdünsten erfüllten Hof. Der langgestreckte Garten wurde zur Hälfte

verbaut. Da ist ein Ballsaal aufgeführt worden, und den muß man

durchschreiten, ehe man zum Garten und zur Sommerbühne kommt. All das ist

vorstadtmäßig verschachtelt, ineinander verschränkt, Winkelwerk, malerisch und

heimlig. All das zeigt den langsamen, Jahrzehnte währenden Aufschwung des

Hauses, all das erzählt hier von dem immer mehr und mehr wachsenden Zulauf,

von dem immer mehr steigenden Menschenandrang, dem Raum geschaffen

werden mußte und Unterkommen. All das hier spricht von einer bedächtigen und

langsam wienerisch-schlendernden Unternehmungslust und von einem stetig

sich häufenden Wohlstand. Diese Gastzimmer, dieser Ballsaal, diese

Gartenbühne zeigen vorstadtmäßige Begriffe von Luxus, Ausstattung und

Eleganz.

 

Und da haftet nun die Fröhlichkeit, der Leichtsinn, die Debauche und der

Übermut von drei, vier Generationen an diesen alten Wänden. Diese alten

Zimmer, in denen der Weingeruch säuerlich geworden ist, haben die

gutgelaunten Stunden von drei, vier Generationen mit angeschaut. Haben das

Jauchzen von jungen Mädchen gehört, die heute längst dahin sind, wie die

Blätter vergangener Sommerszeiten. Sie haben die naiven Kunststücke und die

verführerischen Gemütlichkeitskniffe von drei, vier Fiakergenerationen mit

angeschaut, haben den Gesang vernommen, der es hier jahrzehntelang

allabendlich zur Decke hinaufschmetterte, daß der Wiener nicht untergeht, daß

wir keine Traurigkeit nicht spüren lassen; und ein feiner Widerklang des einst so

zwingenden Estam-tam scheint hier noch nachzudröhnen. Während man hier

umherwandert, erwachen viele alte Wiener Lieder, die von diesen Räumen aus

durch die ganze Stadt fegten, Lieder, deren Melodie schmeichlerisch war und

schmiegsam, schaukelnd und wiegend, Lieder, die von Sorglosigkeit, von

weinseligem Glück, von auftrotzendem Was-liegt-denn-dran-Humor sangen. Wenn man hier umhergeht, fühlt man sich angehaucht vom leichten Atem

wienerischer Harmlosigkeit, von einer weichen, hinschmelzenden Güte, die an

sich selbst kaput geht. Aber auch von einer erotischen Glut, die hier ins Toben

kam, von einer Lebenskraft, die hier Betäubung suchte. In diesem Saal rauscht

es noch von Walzern. Aber anders, wilder, trunkener als in dem Hietzinger

Dommeyersaal, der ja jetzt auch bald verschwindet. Dort draußen in Hietzing,

wo die ersten Lanner- und Straußwalzer geboren wurden, liegt über der Kaiser

Franz-Architektur des Saales ein merkwürdiger, stiller Glanz von Vornehmheit.

Hier eine Stimmung von süßer Pöbelei. Hier stampfte die Orgie der Fiakerbälle

und riß junge Vorstadtmädchen und routinierte Ringstraßenkokotten,

Hausmeisterburschen und Edelknaben, Fiaker und Prinzen in ihrem Wirbel mit

sich fort. »Beim Gschwander, Stalehner … da lernt ma si kehner …«

 

Schluß mit Jubel. Was da draußen war, ist wenigstens echt gewesen, ist

organisch dem Erdreich entwachsen, und hatte die innere Notwendigkeit alles

dessen, was auf natürliche Weise entsteht. Was da draußen war, ist mit der

Erinnerung an fröhliche Wiener Tage innig verknüpft, ist dem wehmütigen

Gedächtnis an die sprühende Jugendlaune der Kronprinzenzeit innig gesellt, ist

vielleicht für lange, lange Jahre das letzte Kapitel wienerischer Leichtherzigkeit.

Mit der Zeit freilich kam von außen manches falsche Element hinzu. Es kam die

Nachäfferei, die das Ursprüngliche sich anschminken möchte, seine Farben

fälscht und übertreibt. Es kam der Snobismus. Denn auch einen Stalehner-

Snobismus hat es gegeben, der sich in die Manieren fiakerischer Lebenslust

hineinschmiß und sich drin rekelte, wie er sich in die bequemen Polster unserer

Fiakerwagen hochnasig hineinschmeißt und sich darin spreizt. Es kam auch die

korrumpierende Wirkung, daß die »schlichten Leute aus dem Volk« da draußen

ihre Schlichtheit mit Affektation zur Schau stellten, daß sie ohne Naivität ihre

Urwüchsigkeit posierten und also, gleich den Schlierseer Bauern, auf eine nicht

mehr ganz frische, nicht mehr ganz ursprüngliche Art die Komödianten ihrer

eigenen Natur wurden. Schluß mit Jubel. Das alte Stalehner-Wirtshaus hat uns

die ins Hernalserische gerückte Weltanschauung der Wiener dargestellt, wie uns

der Stelzer in Rodaun die kalksburgisch gefärbte Wiener Weltanschauung bietet.

Das alte Stalehner-Haus ist ein Stück Geschichte, ein Stück Kultur von Wien,

war eine Charaktereigenschaft dieser ewig-anmutigen Stadt, die aber doch in

ihrem Wesen mehr ist als immer nur fidel und lustig, wie manche Leute glauben

oder glauben machen wollen.