Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 22 von 24

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Das österreichische Antlitz

Kaisermanöver

 

Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist.

 

Hinaus, die morgenstille Dorfstraße entlang, die vom ländlichen Geruch

brennenden Reisigs durchflogen wird. Der Tag ist an der Sonne noch nicht warm

geworden, und sein junges Atmen weht kühl über das erwachende Gelände. Auf

dem dunklen Grün der Hochlandwiesen schreitet man über Moorgrund, wo das

perlenbesäte Gras unter den Füßen glitzert, schreitet über die hellfarbigen

Teppiche blühender Buchweizenfelder den Hügel hinan, wo junge Lärchen wie

auf Vorposten stehen. Weithin überschaut man hier das Tal: in der Tiefe überall

weißblinkende Ortschaften, winzige Häuser, gleich umhergestreuten Steinen auf

einer riesenhaften Matte. In schwarzblauen Schatten steigen die Bergwälder von

den Felsen nieder. Aber hinter grauen Wolken birgt sich die Brentagruppe noch

mit ihren Gletschern, des Adamello und des Ortlers aufragende Schneegipfel, als

habe die Natur zum Sommerfest dieses Tages noch nicht aufgeräumt und halte

die Prunkstücke dieser Landschaft einstweilen unter Schutzdecken.

 

Irgend ein dumpfer Ton schlägt an, als ob in der Ferne ein Böttcherhammer

niederfiele. Noch einmal, dann wieder. Mit dem Feldstecher suchen die Augen

alle Höhen und Tiefen ab. Ganz weit, weit weg funkt ein gelber Schimmer auf,

nicht stärker als ein verlöschendes Streichholz. Und wieder der dumpfe Ton. Die

Kanonen eröffnen das Gefecht. Plötzlich andere Geräusche. Wie schwaches

Peitschenknallen, wie das Bersten auffliegender Eierschalen, wie das Knittern

von starkem Papier. Infanterie im Schnellfeuer. Dazwischen ein lautes,

überraschendes Pochen, ungeduldig, als ob jemand voll Zorn an eine Tür

klopfen würde: die Maschinengewehre. Das Pochen reißt ab, setzt wieder ein.

Und nichts zu sehen, als in den Feldern oder am meilenfernen Waldrand das

Aufblitzen der Säbel. In einer unermeßlichen Ruhe verharrt die Landschaft, in

einer majestätischen Gleichgültigkeit gegen den Kampf, der sie in ihren

Schrunden und Falten durchwühlt, in ihren Mulden und Gräben. Dort unten, tief

in den Wäldern, in schmalen Gebirgspässen, am Rande unwegsamer Schluchten,

auf engen Brücken, die hoch über wilden Sturzbächen schweben, bricht jetzt der

Kampf los; um des Reiches Pforten.

 

Man sollte sich's einbilden können, daß es ein wirklicher Krieg ist. Sollte das

hitzige Fieber spüren, das in den Stunden vor einer großen Entscheidung über

die Menschen hinpeitscht. Sollte die Schauer jener ungeheuren, verführerischen Feindseligkeit genießen, die aus den tierischen Wurzeln unserer Art

empordampft. Dann aufwachen, wie aus einem glühenden Traum, und sich an

der spielerischen Wirklichkeit beschwichtigen: Gedankenmanöver … Vielleicht,

daß von den Soldaten einer, anschleichend in der Schützenlinie, am Boden

liegend, im Schnellfeuer, berauscht von seiner Jugend, von der eigenen

Kampfgebärde und vom Knall des eigenen Gewehrs, für Sekunden in das

siedende Bad dieser Einbildung stürzt, für Sekunden in dieses Traumes

flammende Tiefen hinabtaucht. Im nächsten Augenblick aber reißt es ihn gewiß

schon wieder aus dem Abgrund solcher Schwärmerei empor zum harmlosen

Bewußtsein des harmlosen Kampfspieles. Denn es gibt eben Dinge, die sich auf

Befehl nicht vorstellen, die sich nicht manövrieren lassen: Todesgefahr und

Sterbensahnung, Blutrauch und in Ackerschollen hingekrümmte Verzweiflung,

und die furchtbare Schicksalsatmosphäre, die über den Schlachtfeldern sich

breitet.

 

Ein Schauspiel. Künftiger, oder niemals kommender Ereignisse vorberechnete

Gebärde. Erdichtetes, wohl ausgedachtes, künstlerisch komponiertes Geschehen,

dargestellt unter freiem Himmel von fünfzigtausend Akteuren. Ein Schauspiel in

drei Tagen, in drei Aufzügen, wenn man will. Sorgfältig gesteigert, mit

prachtvollen Massenszenen, mit unzähligen dekorativen Episoden, und mit

einem einzigen Zuschauer, dessen Beifall ersehnt wird, dessen Gegenwart, wie

ein ruheloser Pulsschlag in all den Massen, die sich hier bewegen, fühlbar ist,

dessen Dasein Aufregung, Gespanntheit, Anstraffen der Nerven ringsumher

verbreitet, und Prunk und Glanz und hohes Erwarten: der Kaiser.

 

Anschaulicher als sonst jemals tritt hier der militärisch-monarchische

Gedanke in die Erscheinung, wird in dem kleinen Ort hier – vom bürgerlichen

Großstadtwirbel nicht mehr verhüllt – greifbar nahe, wird gleichsam ohne

störende Nebengeräusche reiner vernehmlich. Das unübersehbar große

Regierungsnetz, das ein ganzes Reich zusammenhält, ist hier auf einmal zu

übersehen, ist dichtmaschiger, so daß man herantreten und sein sinnreiches

Gewebe bewundern kann. Das geringe Dorf ist zum Auszug der

staatsgebietenden Mächte geworden, gibt den Extrakt der herrschenden

Gewalten. Schon äußerlich. Die Einwohner, das, was man die »Bevölkerung«

nennt, ist wie verschwunden, ist an die Wand gedrängt, in die Winkel

verscheucht, unsichtbar neben dem Glanz, der jetzt in diesen Hütten wohnt. Tür

an Tür: der Kaiser, die Erzherzoge, die Generale, Minister, Statthalter, Polizei.

Und Militär, Militär, Militär. Überall, auf den Straßen, vor den Schenken, auf

den Feldern, in den Torbogen, an den Brunnen steht einer vor dem anderen in

Ehrfurcht, in Strammheit, in erstarrendem Gehorchen. Überall wird nur befohlen und Gehorsam geleistet. Überall gibt es nur Vorgesetzte und Untergebene. Alle

Klassenunterschiede, alle Vorrechte stellen sich in greller Sichtbarkeit dar. Einer

freien Arbeit lebend, hat man sie gelegentlich wohl vergessen: hat, unter höher

gewölbten Horizonten dahinwandelnd, manche dieser Dinge für verschollen, für

erledigt, für nicht mehr diskutierbar gehalten. Da wird es einem seltsam zumute

während dieser drei Tage, die man hier in einer Atmosphäre voll Disziplin, voll

Ergebenheit, voll Devotion verbringt, in konzentrischen Kreisen sich dreht, auf

denen Rang und Stand, und Geburt und Charge verzeichnet sind, wo jeder mit

den äußeren Abzeichen und Signalen seines Wertes umhergeht, wo Lohn und

Strafe sofort vollzogen, erteilt und im Augenblick fühlbar werden. So nach und

nach aber findet man sich angezogen vom großartigen Hokuspokus des

Herrschens, fühlt sich fasziniert von der erlauchten Magie des Menschenfanges,

und bewundert ihre tiefe Psychologie, ihre uralte Weisheit. Und dann braucht

man sich's gar nicht mehr einbilden zu wollen, daß es ein wirklicher Krieg ist,

hat dem Waffenspiel einen anderen Sinn gefunden, wenn man am nächsten

Morgen hinauswandert ins Gelände. Da wird eben die Krone des Werkes

gezeigt, die höchste Vollendung der Idee: wie sich die Tausende darbringen, wie

sie dereinst ihr Sein und Leben einsetzen werden. Die Hauptprobe der äußersten

Hingebung. Die Hauptprobe jener Treue, die in der Volkshymne »Gut und Blut«

verspricht: Kaisermanöver.

 

Kanonengebrüll am zweiten Tag in der Frühe. Ganz nahe dem kaiserlichen

Hauptquartier. Schwere nasse Wolkenvorhänge hüllen die Berge ein. Wolken

ziehen am Waldsaum hin, und in der Tiefe des Tales deckt weißdampfender

Nebel alle Dörfer und Fluren. Unten vollzieht der anrückende »Feind«, vom

Wetterschleier verborgen, seinen Vormarsch. An die Sonne von Austerlitz denkt

man, aber die Sonne scheint Zitate aus der Geschichte nicht anzuwenden und

zeigt sich nicht. Auf der Anhöhe vor dem Dorf steht die Artillerie. Der

Feuerblitz fährt aus den Kanonen, ein Donnerschlag, den man in der

Magengrube, in den Eingeweiden wahrnimmt, der den ganzen Körper gleichsam

durchzuckt. Das Echo reißt ungeheure Schallfetzen von den Bergen, die der

Wind zerbläst. Aus den Wolkennebeln ein Knattern wie das Anfahren eines

Motorrades. Mühsam nur erkennt man drüben im schütteren Gehölz das

Landesschützenregiment. Langsam, geduckt, mit schleichenden Jägerschritten

vorgehend, feuern sie, werfen sich zu Boden, in die Regenlachen, feuern. Jetzt,

dicht vor der Anhöhe, auf der die Kanonen stehen, rückt in Schwarmlinie die

Infanterie vor, erwidert die Gewehrsalven, deckt das Abreiten der Batterie:

Rückzug. Nach einer kurzen Weile ist die Artillerie verschwunden. »Feuer

einstellen.« Jeder Mann wiederholt es, ein langgezogener Aufschrei fliegt über die Felder. Und jetzt kommt die feindliche Macht von überallher heran, stürmt,

aus dem Talnebel hervorbrechend, die Hügel hinauf, wälzt sich über die

gewundenen Bergwege, und plötzlich wieder das Pochen, laut, eilig, zornig. Die

Maschinengewehre, die den Verfolger noch aufhalten sollen. Kein anderes

Schlachtgeräusch ist wie dieses alarmierend, trägt so beredsam den Charakter

des schnellen Eingreifens, der furchtbaren Aggressivität.

 

Es regnet in Strömen. Seit Stunden regnet es. Scharf, kalt, und der Wind

schleudert einem die dichten Strahlen ins Gesicht, zerrt die Wolken bis auf den

Boden herab, wühlt die Schollen auf, peitscht einen mit eisiger Wassernagaika.

Auf dem freien Platz vor dem Hauptquartier hält der Kaiser zu Pferd. Vor ihm in

ihren weißen Mänteln die sechs Gardereiter, das Gesicht zu ihm gewendet. Ein

wenig abseits das Gefolge. Generalstäbler, die fremden Attachés, Adjutanten.

Weiter weg die Lakaien mit den Reservepferden. Vom Unwetter werden die

Tiere nervös. Ihr lautes Wiehern tönt herüber, ihr ungeduldiges Schnauben.

Niemand rührt sich dort, wo der Kaiser unbeweglich im Regensturm aushält.

Stunde um Stunde erblickt man ihn so; querfeldein galoppierend zu einem

anderen Standplatz, an feuernden Batterien vorbei, sein Pferd parierend, sieht

diesen Greis, der leicht in seinem Sattel nur so zu federn scheint, und für den es

den Hochlandsorkan, den Wolkenbruch, die Kälte offenbar nicht gibt. Wie er

dann endlich einreitet, gefolgt vom Schwarm seiner erschöpften Suite, sieht

man, wie ihm unter der schwer nassen Kappe das Wasser die weißen Haare an

den Kopf klebt, wie es ihm von der Stirne, vom Bart und von den Wangen

herabläuft, aber auch, wie er, frisch und rot überhaucht, lächelt, als sei das alles

gar nichts. Die fünfundsiebzig Jahre, die fünf Morgenstunden zu Pferd und das

Wetter … gar nichts.

 

Schluß. Dritter Tag, dritter und letzter Aufzug. Man will ganz zeitlich fort,

nichts versäumen, aber ehe die Sonne noch aufgeht, bebt das Haus. Auf der

Wiese drüben schießen die Kanonen. Es ist, als ob das ganze Gebäude von einer

Riesenfaust dröhnende Stöße bekäme. Der Fußboden zittert, die Fenster

schüttern. Schlag auf Schlag. Plötzlich, dicht vor dem Tore das helle Krachen der

Gewehre. Und rückwärts über den Hof, übers Dach hinweg das Pochen der

Maxims. Hinaus ins Freie. Adjutanten rasen vorbei. Motorräder preschen die

Mendelstraße hinauf, und in der Luft ein schallendes, verfliegendes »aaa …«

Das Hurrarufen stürmender Truppen. Saphirblau ist der Himmel, alles in

goldenen Glanz getaucht, in Sonnenfröhlichkeit und Reinheit, die Wälder, die

Wiesen, die funkelnden Kirchturmspitzen, die Berggipfel. Und von den

schimmernden Neuschneefeldern der Brentagruppe lösen sich die letzten weißen

Flockenwolken. Ein festlicher Abschluß. Wie ein Salutschießen dröhnt der Donner der Schlacht, die sich jetzt voll entfaltet. Auf der breiten Terrainwelle,

die sich zwischen Romeno und Sarnonico wölbt, stürmen die Regimenter in

breiten, formierten Fronten gegeneinander. Mitten zwischen die beiden Parteien

fliegt ein glitzernder, goldfunkelnder, prachtblitzender Schwarm die Wiese

hinauf, sammelt sich oben, nimmt Stellung: die kaiserliche Suite. Das

Gewehrfeuer prasselt und schnattert und knattert, die Gebirgsbatterien pochen,

die Haubitzen zerreißen das Firmament mit ihrem Krachen, und das Echo tobt an

den Felswänden. Wie kleine farbige Tüchlein flattern die entrollten Fahnen über

den Bataillonen. Da bricht aus dem Tann, der den Hintergrund abschließt, mit

Hurra ein neues Regiment hervor. Es ist der Höhepunkt. Der Kaiser inmitten

dreier Fronten, umgeben von formierten Regimentern. Regimentern auf seinem

ganzen Rückweg, den er von Cavareno nach Romeno zu nehmen hat, all das mit

meisterlicher Regiekunst auf den letzten Augenblick hin, auf den Schlußeffekt

gruppiert. Ein scharfer Hornruf jetzt. Das Feuern verstummt allmählich, das

Echo besänftigt sich und verhallt, und brausend klingt das Einschlagen der

Musikbanden herüber: »Gott erhalte …« Der Kaiser reitet die Fronten ab. Mit

Trommelwirbel übernimmt eine Truppe von der anderen das Kaiserlied, immer

weiter, immer entfernter, Generalmarsch … Trommeln, dann feierlich die

Volkshymne … zuletzt nur ein leises metallisches Klingen. Der Kaiser reitet ins

Hauptquartier zurück.

 

Rasch jetzt die Straße hinauf, heimwärts nach Bozen. Wie durch einen

heiteren Soldatensonntag fährt man dahin. Singende Soldaten, lachende,

sonnengebräunte Gesichter, Gesichter, denen das tiefe Atemschöpfen der

Beruhigung etwas Zufriedenes und Befreites gibt. Überall liegen sie im Gras,

rasten am Wegrand, rauchen, essen und singen. Wenn man sich's einbilden

könnte, daß es ein wirklicher Krieg war und daß es nun Frieden ist, seit einer

Stunde …

 

Während der Drahtseilwaggon von der Mendel ins Kalterertal hinuntergleitet,

wie in freier Luft hinab zu schweben scheint, rauscht der ganze Berg und klingt

von Musik. Und in Sankt Anton unten, auf dem kleinen Bahnsteig, erzählen die

Leute, daß der große Krieg im fernen Asien zu Ende, der Friede zwischen

Rußland und Japan geschlossen sei. Laurins Rosengarten steht im Glühen der

Abendsonne. Vom Bozener Dom her läuten die Glocken, und man hat den

Traum, daß diese schöne Welt eine ruhige Stunde genießt.