Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 18 von 24

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Das österreichische Antlitz

Radetzky

 

In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky. Sein Klang hat etwas

Couragiertes. Er tönt wie heller Trommelschlag, und eine Trompete schmettert

dazu. Der Name ist unter uns wie ein lebendiges Wesen; scheint für sich allein

ein eigenes Dasein zu führen. Der ihn getragen, der ihn berühmt gemacht, der

ihm so viel Lebenslicht verliehen hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot.

 

Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine Gestalt. Alle Gestalten dieser Art

sind uns in weite Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine Feldherren. Vier

Dezennien Friede, Aufwachsen und Absterben von Generationen, und keinen

sahen wir, der durch den Dampf und Donner der Schlachtfelder seinen Willen

trägt, der dann heimkehrt, in seinem Aug' den Glanz des Sieges, den dunklen

Schein vergossenen Blutes, und um seinen Mund den eisernen Zug vollbrachter

Taten. Wir haben solche Männer nicht erlebt. Da ist, in weiter Ferne, nur diese

Gestalt, deren Menschliches fast schon zu zerfließen beginnt, sich in Volkslied

und Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit sich in ein Emblem wandelt, zum

Motto wird, zum Ausruf, zum Feldzeichen.

 

Sein Menschliches … »… ein kleiner Mann mit einem unbeschreiblich

ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.« Graf Schönfeld, der als

Ordonnanzoffizier bei ihm war, schildert ihn so. Und wie aufmerksam man auch

die Bildnisse, die von ihm da sind, betrachten mag, man findet nicht mehr. Ein

altes Soldatenantlitz, gesammelt und ruhig. Ein österreichisches Gesicht, das

unter dem Schimmer der Gemütlichkeit alles birgt, was an Härte, an Schwung

oder Geist von anderen Mienen sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache

Greisenantlitz an und verklärt es in dem Gedanken an sein Schicksal. Die

militärischen Gelehrten können seine Begabung messen, das, was sein

Feldherrengenie war, was wir nicht verstehen, was wir als ein Gegebenes

hinnehmen und nach dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal können wir

erfassen, dieses ungewöhnliche, fast ungeheure Schicksal; können die Größe

seiner Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines Wesens, der noch heute

anhält.

 

Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt. Das ist schon Schicksal. Wie es

ja ein Schicksal ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in eine friedsame Welt zu

kommen. Auch unserem Zeitalter sind sicherlich Feldherrn geboren worden,

Genies vielleicht. Warum sollen wir daran zweifeln? Sie wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden demnächst sterben, und niemand weiß von ihnen. Sie

hätten glanzvolle Siege erfochten, aber da niemand kämpfte, konnten sie weder

fechten noch siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht verbraucht

werden. Einen großen Schauspieler, der niemals spielen, einen genialen Maler,

der niemals malen darf, können wir uns nicht denken. Aber einen großen

Krieger, der niemals Krieg führen darf, müssen wir uns vorstellen können.

Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich zu werden; und der seine

Unsterblichkeit muß hindorren sehen.

 

Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm klirrte. Er hat noch gegen

den letzten Feind des alten Österreich gekämpft, gegen die Türken. Und er hat

gegen den ersten Gegner des neuen Österreich Krieg geführt, gegen die Italiener.

Er hat, als junger Offizier, den jähen Stoß des jungen Bonaparte erlebt, hat es

miterlebt, wie der neuerstandene Franzosenfeldherr in Italien einbrach, die

österreichische Armee überrannte, und er hat dann auf diesen selben

Schlachtfeldern der Lombardei die österreichische Armee zum Siege geführt,

lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen verrauscht und verblaßt war.

 

Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des Schützen zur Welt gekommen.

War's eine Vorbedeutung, dann hat sie sich wunderbar erfüllt. Denn kaum ein

anderer ist vom Schicksal so aufgespart worden wie er. Sein Ruhm beginnt, wo

das Leben der meisten Menschen längst zu Ende ist; seine größten Taten heben

erst an, wo das Tun anderer Menschen längst kraftlos geworden. Er hat siebzehn

Feldzüge mitgemacht, wurde in vielen Schlachten verwundet, hat mit einer

Tapferkeit gefochten, die selbst in den tapferen, an Bravour so reichen

Napoleon-Jahren Aufsehen erregte. Aber wäre er damals gefallen, nur die

Regimentsgeschichte hätte seinen Namen bewahrt. Er hat in den dreißig

Friedensjahren, die auf Waterloo folgten, den österreichischen Truppendienst

reformiert, daß Russen und Preußen daran ein Muster nahmen. Aber wäre er als

ein Achtzigjähriger gestorben, nur die Kriegswissenschaft hätte ihn gekannt.

 

Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant nach Olmütz, glaubt sein

Lebensabend sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten Ruhestand

sich nähere. Und ist drei Jahre später in Mailand. Wird dort siebzig und achtzig

Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl Alberts ganz Oberitalien insurgieren,

sagt der einundachtzigjährige Radetzky: »Ich werde das Blut beweinen, das

fließen muß, aber ich werde es vergießen!«

 

Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er siegt in Schlachten, die wie in

einem Jugendrausch geschlagen werden, siegt bei Verona, Curtatone, Santa

Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf bezwingt er die Piemontesen und sagt bei Novara, in das Kampfgewühl schauend: »Gott sei Dank, sie laufen!« Dem

Adjutanten, den er dann zu Viktor Emanuel sendet, mit der Botschaft, er

bewillige dem geschlagenen König eine Unterredung, sagt er lächelnd: »Er darf

schon ein bisserl Wind machen …« Auch für den, der nicht militärisch fühlt, der

nur aufs Menschliche blickt, hat dieser kämpfende Greis einen

unbeschreiblichen Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen wäre.

 

In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und Viktor Emanuel zusammen.

Um ungestört sich zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. Rings im

Kreise stehen die Suiten und schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit einer

Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein Kammerdiener, der Karl, der

das lose Maul hat, und der sich ungeniert zu den Offizieren gesellt: »Wenn er nur

nicht nachgibt, der Alte! Hab's ihm heute beim Anziehen noch eigens

eingeschärft.«

 

Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, als Siebenundachtzigjähriger,

schreibt er seiner Tochter aus Verona jenen merkwürdigen Brief, der anhebt:

»Den siebenten Ball, sehr zahlreich und animiert … Die Herzogin von Parma

tanzte bis drei Uhr sehr munter, die Toiletten der Damen sehr gesucht und

elegant … den Kotillon tanzten etliche fünfzig Paare …« Jenen beispiellosen

Brief, in dem es wenige Zeilen nach dem Ballbericht heißt: »Zehn tote Soldaten

mit ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen …« (wurden in Mailand

gefunden). Jenen Brief, der mit den Worten schließt: »Wenn meine Anträge

genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt – dann wehe Mailand!«

 

Als er dann – 1857 – die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhält, sendet

er seiner Tochter eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts und schreibt dazu:

»Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift mit der geplatzten Bombe …« Er hat

zweiundsiebzig Dienstjahre hinter sich, ist einundneunzig Jahre alt, und nennt

seinen Rücktritt, wie man etwa ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: eine

»geplatzte Bombe«.

 

Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine das Blut … aber ich werde es

vergießen.« Der nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier

erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind machen …« Der auf ein und derselben

Briefseite einen Ball beschreibt, die Toiletten der Damen kritisiert, und zuletzt

das »wehe Mailand« hinsetzt. In all dem ist eine österreichische Mischung von

Größe und Gemütlichkeit, von Härte und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität,

die dem Kammerdiener gestattet, sich's einzubilden, er habe, wenn über Krieg

und Frieden entschieden wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer

Art ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, von allem Pathos ferne Manier, mit der dieser Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten unter seinen

Offizieren: »der Alte!« nennen darf, ohne daß der Respekt, ohne daß die

Verehrung dabei Schaden leidet.

 

Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. Ein Militärdienst, der

unter Kaiser Josef II. anhebt und unter Franz Josef endigt. Eine Vitalität, die im

höchsten Greisenalter ihre höchste Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe

planvoll wirkendes Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, ihn von den

Türkenkriegen her durch alle napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende

Zeit geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener Revolution, im Abfall und

Aufstand der Provinzen, die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig

geglaubter Greis überraschend seine Siege erringt, scheint er die Kraft des alten,

für hinfällig und marastisch erklärten Österreich zu verkörpern und zu beweisen.

 

Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine Art klingen weiter bei den

österreichischen Soldaten, bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch. Nicht viele

wissen, daß Johann Strauß, der Vater, ihn gedichtet hat. Niemand fragt danach,

ob ihn überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie eine österreichische Melodie,

aus dem Lande selbst entstanden, und ihm so natürlich, wie nur irgendein

Bodenwuchs. Radetzky scheint darin, beinahe körperlich, fortzuleben, in farbige

Töne aufgelöst, scheint darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner Energie,

seiner Tapferkeit und seinem Talent zur Popularität. Ein hinreißend mutiger

Schritt wie von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn hunderttausend

junge Menschen in hunderttausendfacher Jugendfröhlichkeit einherkämen. Das

Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, Übermut, Siegesjauchzen,

dazwischen, wie ein Echo aus der Ferne, das zappelnde Modulieren italienischer

Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und der Glanz des Ruhms schimmert in dieser

Melodie.

 

Immer aber scheint sie den einen Namen in uns aufzuwecken und zu

wiederholen: Radetzky. Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen, scheint für

sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der Mann, der ihn einst getragen, der

ihm so viel Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot. Mit

diesem Namen aber ist es so, als höre man noch ein Herz darin schlagen.