Das österreichische Antlitz
Radetzky
In dem Namen ist eine große Kraft: Radetzky. Sein Klang hat etwas
Couragiertes. Er tönt wie heller Trommelschlag, und eine Trompete schmettert
dazu. Der Name ist unter uns wie ein lebendiges Wesen; scheint für sich allein
ein eigenes Dasein zu führen. Der ihn getragen, der ihn berühmt gemacht, der
ihm so viel Lebenslicht verliehen hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot.
Ein Feldherr. In weite Ferne rückt uns seine Gestalt. Alle Gestalten dieser Art
sind uns in weite Fernen gerückt. Unsere Zeit kennt keine Feldherren. Vier
Dezennien Friede, Aufwachsen und Absterben von Generationen, und keinen
sahen wir, der durch den Dampf und Donner der Schlachtfelder seinen Willen
trägt, der dann heimkehrt, in seinem Aug' den Glanz des Sieges, den dunklen
Schein vergossenen Blutes, und um seinen Mund den eisernen Zug vollbrachter
Taten. Wir haben solche Männer nicht erlebt. Da ist, in weiter Ferne, nur diese
Gestalt, deren Menschliches fast schon zu zerfließen beginnt, sich in Volkslied
und Dichtung auflöst, deren Leibhaftigkeit sich in ein Emblem wandelt, zum
Motto wird, zum Ausruf, zum Feldzeichen.
Sein Menschliches … »… ein kleiner Mann mit einem unbeschreiblich
ruhigen, wohlwollenden Gesichtsausdruck.« Graf Schönfeld, der als
Ordonnanzoffizier bei ihm war, schildert ihn so. Und wie aufmerksam man auch
die Bildnisse, die von ihm da sind, betrachten mag, man findet nicht mehr. Ein
altes Soldatenantlitz, gesammelt und ruhig. Ein österreichisches Gesicht, das
unter dem Schimmer der Gemütlichkeit alles birgt, was an Härte, an Schwung
oder Geist von anderen Mienen sonst zu lesen wäre. Man schaut dies einfache
Greisenantlitz an und verklärt es in dem Gedanken an sein Schicksal. Die
militärischen Gelehrten können seine Begabung messen, das, was sein
Feldherrengenie war, was wir nicht verstehen, was wir als ein Gegebenes
hinnehmen und nach dem Erfolg bewerten. Sein Menschenschicksal können wir
erfassen, dieses ungewöhnliche, fast ungeheure Schicksal; können die Größe
seiner Persönlichkeit verstehen, und den Zauber seines Wesens, der noch heute
anhält.
Er kam als Krieger in eine kriegerische Welt. Das ist schon Schicksal. Wie es
ja ein Schicksal ist, ein schlimmes freilich, als Krieger in eine friedsame Welt zu
kommen. Auch unserem Zeitalter sind sicherlich Feldherrn geboren worden,
Genies vielleicht. Warum sollen wir daran zweifeln? Sie wuchsen auf, wurden alt, starben, oder werden demnächst sterben, und niemand weiß von ihnen. Sie
hätten glanzvolle Siege erfochten, aber da niemand kämpfte, konnten sie weder
fechten noch siegen. Ihr Los war, in Bereitschaft sein und nicht verbraucht
werden. Einen großen Schauspieler, der niemals spielen, einen genialen Maler,
der niemals malen darf, können wir uns nicht denken. Aber einen großen
Krieger, der niemals Krieg führen darf, müssen wir uns vorstellen können.
Einen, der in sich die Fähigkeit weiß, unsterblich zu werden; und der seine
Unsterblichkeit muß hindorren sehen.
Radetzky kam in eine Welt, die vom Waffenlärm klirrte. Er hat noch gegen
den letzten Feind des alten Österreich gekämpft, gegen die Türken. Und er hat
gegen den ersten Gegner des neuen Österreich Krieg geführt, gegen die Italiener.
Er hat, als junger Offizier, den jähen Stoß des jungen Bonaparte erlebt, hat es
miterlebt, wie der neuerstandene Franzosenfeldherr in Italien einbrach, die
österreichische Armee überrannte, und er hat dann auf diesen selben
Schlachtfeldern der Lombardei die österreichische Armee zum Siege geführt,
lange, lange, nachdem das Napoleon-Märchen verrauscht und verblaßt war.
Es wird erzählt, Radetzky sei im Zeichen des Schützen zur Welt gekommen.
War's eine Vorbedeutung, dann hat sie sich wunderbar erfüllt. Denn kaum ein
anderer ist vom Schicksal so aufgespart worden wie er. Sein Ruhm beginnt, wo
das Leben der meisten Menschen längst zu Ende ist; seine größten Taten heben
erst an, wo das Tun anderer Menschen längst kraftlos geworden. Er hat siebzehn
Feldzüge mitgemacht, wurde in vielen Schlachten verwundet, hat mit einer
Tapferkeit gefochten, die selbst in den tapferen, an Bravour so reichen
Napoleon-Jahren Aufsehen erregte. Aber wäre er damals gefallen, nur die
Regimentsgeschichte hätte seinen Namen bewahrt. Er hat in den dreißig
Friedensjahren, die auf Waterloo folgten, den österreichischen Truppendienst
reformiert, daß Russen und Preußen daran ein Muster nahmen. Aber wäre er als
ein Achtzigjähriger gestorben, nur die Kriegswissenschaft hätte ihn gekannt.
Mit dreiundsechzig Jahren geht er als Kommandant nach Olmütz, glaubt sein
Lebensabend sei nun angebrochen, meint, daß er dem wohlverdienten Ruhestand
sich nähere. Und ist drei Jahre später in Mailand. Wird dort siebzig und achtzig
Jahre alt. Und wie dann die Agenten Karl Alberts ganz Oberitalien insurgieren,
sagt der einundachtzigjährige Radetzky: »Ich werde das Blut beweinen, das
fließen muß, aber ich werde es vergießen!«
Ein Jahr nachher vergießt er dieses Blut. Er siegt in Schlachten, die wie in
einem Jugendrausch geschlagen werden, siegt bei Verona, Curtatone, Santa
Lucia und Custozza. Noch ein Jahr darauf bezwingt er die Piemontesen und sagt bei Novara, in das Kampfgewühl schauend: »Gott sei Dank, sie laufen!« Dem
Adjutanten, den er dann zu Viktor Emanuel sendet, mit der Botschaft, er
bewillige dem geschlagenen König eine Unterredung, sagt er lächelnd: »Er darf
schon ein bisserl Wind machen …« Auch für den, der nicht militärisch fühlt, der
nur aufs Menschliche blickt, hat dieser kämpfende Greis einen
unbeschreiblichen Zauber, hätte ihn, selbst wenn er unterlegen wäre.
In einem Bauerngehöft kommen Radetzky und Viktor Emanuel zusammen.
Um ungestört sich zu besprechen, steigen sie auf einen Düngerhaufen. Rings im
Kreise stehen die Suiten und schauen zu. Und wie Radetzky einmal mit einer
Gebärde der Ungeduld sich abwendet, murrt sein Kammerdiener, der Karl, der
das lose Maul hat, und der sich ungeniert zu den Offizieren gesellt: »Wenn er nur
nicht nachgibt, der Alte! Hab's ihm heute beim Anziehen noch eigens
eingeschärft.«
Er gab nicht nach. Wieder ein Lustrum später, als Siebenundachtzigjähriger,
schreibt er seiner Tochter aus Verona jenen merkwürdigen Brief, der anhebt:
»Den siebenten Ball, sehr zahlreich und animiert … Die Herzogin von Parma
tanzte bis drei Uhr sehr munter, die Toiletten der Damen sehr gesucht und
elegant … den Kotillon tanzten etliche fünfzig Paare …« Jenen beispiellosen
Brief, in dem es wenige Zeilen nach dem Ballbericht heißt: »Zehn tote Soldaten
mit ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen …« (wurden in Mailand
gefunden). Jenen Brief, der mit den Worten schließt: »Wenn meine Anträge
genehmigt, Mailand außer Gesetz gestellt – dann wehe Mailand!«
Als er dann – 1857 – die erbetene Versetzung in den Ruhestand erhält, sendet
er seiner Tochter eine Kopie des kaiserlichen Handbilletts und schreibt dazu:
»Anliegend schicke ich Dir eine Abschrift mit der geplatzten Bombe …« Er hat
zweiundsiebzig Dienstjahre hinter sich, ist einundneunzig Jahre alt, und nennt
seinen Rücktritt, wie man etwa ein unerwartetes, verfrühtes Ereignis nennt: eine
»geplatzte Bombe«.
Züge: Der Mann, der spricht: »Ich beweine das Blut … aber ich werde es
vergießen.« Der nach dem Sieg von Novara dem jungen Ordonanzoffizier
erlaubt: »Er darf schon ein bisserl Wind machen …« Der auf ein und derselben
Briefseite einen Ball beschreibt, die Toiletten der Damen kritisiert, und zuletzt
das »wehe Mailand« hinsetzt. In all dem ist eine österreichische Mischung von
Größe und Gemütlichkeit, von Härte und liebenswürdiger Anmut. Die Jovialität,
die dem Kammerdiener gestattet, sich's einzubilden, er habe, wenn über Krieg
und Frieden entschieden wird, auch was dreinzureden, ist von österreichischer
Art ebenso tief gefärbt, wie die unfeierliche, von allem Pathos ferne Manier, mit der dieser Kammerdiener den siegreichen Feldherrn mitten unter seinen
Offizieren: »der Alte!« nennen darf, ohne daß der Respekt, ohne daß die
Verehrung dabei Schaden leidet.
Ein österreichisches Soldatenleben, wie kein anderes. Ein Militärdienst, der
unter Kaiser Josef II. anhebt und unter Franz Josef endigt. Eine Vitalität, die im
höchsten Greisenalter ihre höchste Leistung vollbringt. Ein besonderes, beinahe
planvoll wirkendes Schicksal, das diesen Feldherrn aufspart, ihn von den
Türkenkriegen her durch alle napoleonischen Blutbäder in eine neu anbrechende
Zeit geleitet, daß er, mitten im Sturm der Wiener Revolution, im Abfall und
Aufstand der Provinzen, die Habsburger rette. Und wie er als hinfällig
geglaubter Greis überraschend seine Siege erringt, scheint er die Kraft des alten,
für hinfällig und marastisch erklärten Österreich zu verkörpern und zu beweisen.
Das Wesen dieses Mannes, sein Geist und seine Art klingen weiter bei den
österreichischen Soldaten, bei dem ganzen Volk. Radetzky-Marsch. Nicht viele
wissen, daß Johann Strauß, der Vater, ihn gedichtet hat. Niemand fragt danach,
ob ihn überhaupt ein einzelner ersann. Es ist wie eine österreichische Melodie,
aus dem Lande selbst entstanden, und ihm so natürlich, wie nur irgendein
Bodenwuchs. Radetzky scheint darin, beinahe körperlich, fortzuleben, in farbige
Töne aufgelöst, scheint darin zu atmen und zu sprechen, mit seiner Energie,
seiner Tapferkeit und seinem Talent zur Popularität. Ein hinreißend mutiger
Schritt wie von vorrückenden Regimentern ist darin, wie wenn hunderttausend
junge Menschen in hunderttausendfacher Jugendfröhlichkeit einherkämen. Das
Rauschen heroischen Kampfes ist in diesen Klängen, Übermut, Siegesjauchzen,
dazwischen, wie ein Echo aus der Ferne, das zappelnde Modulieren italienischer
Dudelsäcke und Lederpfeifen. Und der Glanz des Ruhms schimmert in dieser
Melodie.
Immer aber scheint sie den einen Namen in uns aufzuwecken und zu
wiederholen: Radetzky. Der ist unter uns wie ein lebendiges Wesen, scheint für
sich allein ein eigenes Dasein zu führen. Der Mann, der ihn einst getragen, der
ihm so viel Daseinskraft gegeben hat, ist nun ein halbes Jahrhundert tot. Mit
diesem Namen aber ist es so, als höre man noch ein Herz darin schlagen.