Das österreichische Antlitz
Fünfkreuzertanz
Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz geführt. Sie war mir schon früher
beim Ringelspiel aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich augenblicklich auf
ein Pferd schwang, mit so viel Entschlossenheit, als wollte sie sagen: Von der
Arbeit zum Vergnügen, das muß eben sein! Dann nahm sie sich in der
verwaschenen Bluse und dem weißen Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar genug
aus. Und wie das Ringeln anfing, schaute jedermann nach ihr, weil ihr hübsches
Gesicht und ihre ganze Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen, so tiefe
Versunkenheit aussprach, so viel körperliche Hingabe und dabei so
überraschenden Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein fühlte, daß die
anderen Leute für sie nicht existierten. Später, als ich sie dann wiedersah, war sie
freilich nicht mehr allein.
Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer wahrhaft tobenden Stimme von
der Dame ohne Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da blieb ich denn
im Menschenschwarme stehen, um zu hören, wie der Mann seine immerhin
schwierige Sache verfechten werde; und hier erblickte ich die Reiterin von
früher wieder. Sie hing jetzt am Arme ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter
gelehnt, während er, die Soldatenmütze weit zurückgeschoben, mit seinem
jungen Antlitz, gläubig lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne Unterleib
emporblickte. Ein Dritter kam herzu, und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter.
Nur schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt im Prater herumgehe. Es
ergab sich jedoch, daß es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe sozusagen.
Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, denn er machte keine Späße; er sah
auch gar nicht danach aus, als sei er zu Scherzen aufgelegt, und er war offenbar
noch zu schüchtern, um laut zu allem Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er
sich einstweilen damit, sich an die einzelnen zu wenden und ihnen ganz privatim
die Vorteile auseinanderzusetzen, die der Besuch der Bude ihnen bringen würde.
Dabei sprach er sehr leise, und wenn auch mit enormer Wichtigkeit, so doch
sichtlich verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls sehr befangen an. Nie
habe ich drei Leute in solcher Verlegenheit und so ratlos beisammen gesehen.
Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser heillosen Situation und war auf den
Ausgang beinah ängstlich gespannt. Die Reiterin aber führte die Geschichte
rücksichtslos zu Ende, indem sie ihren Burschen an der Hand nahm und
wegging. Ganz einfach. Da folgte ich den beiden, die jetzt rasch dahinschritten,
neugierig, das Vergnügungsprogramm dieses entschlossenen Mädchens kennen zu lernen. Sie eilten zum Tanz.
Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden im Prater bei diesen
Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; oder manchmal für einen Augenblick nur
stehengeblieben, um auf das Gewühl da drinnen zu schauen, mit jenem
flüchtigen töricht-überlegenen Lächeln, das man gewöhnlich für die Freuden der
Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich wäre ich auch heute wieder
vorbeigegangen, wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte, zu sehen, ob sie
auch so leidenschaftlich tanzen werde, wie sie sich ringeln ließ, so hingegeben
und so versunken.
Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand ich im Saal, schaute in das
dichte Getümmel, blickte in den großen, schmucklosen Raum umher und redete
mir ein, daß mich die raucherfüllte Luft bedrücke, daß mir der Kleiderdunst
lästig sei, der aufwirbelnde Staub, der scharfe Biergeruch, der Tumult so vieler
schreiender Stimmen, das unbarmherzige Tosen der Blechmusik, und daß ich in
zwei Minuten gehen werde.
Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der Wirbel hatte sie verschlungen.
Aber es fand sich Ersatz genug. Gleich das erste Paar, das sich für meinen
irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte mich im Nu. Sie tanzten langsam,
einen schönen, sicheren Sechsschritt und hielten sich dabei umarmt, vielmehr sie
hatten einander um den Hals gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide waren
hochrot im Gesicht, der Schweiß lief ihnen über die Stirn, des Mädchens Haare
hatten sich gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten immerzu die
Wangen gegeneinandergepreßt, beinahe Mund an Mund, und glitten dahin, wie
in einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit schier etwas
Feierliches ausging. Ein zweites Paar kam wiegend und sacht sich drehend
einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, und er beinahe riesenhaft, aber
schlank, mit einem Flaumbart. Und sie reichte ihm kaum bis zur Brust, lag in
seinen Armen mit einem grenzenlosen Vertrauen, die Augen geschlossen, wie
schlafend, und er sah hoch über sie hinweg, warf tapfere Blicke umher, und
nahm sich aus, als rette er sein Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen
zwei, deren Mienen nicht wahrgenommen werden konnten, so blitzschnell
drehten sie sich, so fabelhaft rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich in
einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer Art von rhythmischer Tobsucht
zu befinden, in die sie durch die Musik gebracht wurden. Sie kamen bald darauf
nochmals zum Vorschein, offenbar hatten sie so geschwind den ganzen Saal
durchmessen. Sie, eine kleine, dicke, nicht mehr ganz jugendliche Person. Er, ein
baumlanger Kerl, im Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich tief herabbücken, seine Dame um die Taille zu fassen, und so, in dieser anscheinend
qualvollen Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung glich, schwang
er sich wie ein gepeitschter Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen sie plötzlich,
wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen, benommenen Mienen, nach
einer Sekunde aber sprangen sie wieder auf und wirbelten mit derselben,
unbegreiflichen Schnelligkeit weiter. Noch einige Male kamen sie also
angesaust, und es war auffallend, wie wenig sie sich in solchen Pausen
umeinander scherten, da sie doch, tanzend, so begeistert zusammenhielten. Wie
nach einer Krankheit saßen sie da, machten verstörte Augen, bis es sie wiederum
ergriff und emporriß. Ein Pärchen erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es
sehr künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, bald geradeaus nach
vorwärts, bald zurück. Dabei hatte sie ein gänzlich mißlungenes Gesicht, darin,
wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus nichts klappen wollte, weder
Mund noch Augen. Und er war ein bißchen schief von Wuchs, hatte einen
ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig, und seine geringfügige Nase nahm
sich unter einer dicken Hornbrille sehr gedemütigt aus. Aber beiden konnte man
die Anständigkeit sogleich anmerken, und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und
fleißig, versäumten keine Figur, ließen sich keine Nachlässigkeit zuschulden
kommen und hatten eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr gedrücktes
Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser gingen zwei andere zu Werke, die mit
ruckweisen Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe weit
zurückgebogen, daß sie einander beständig ins Antlitz schauen konnten. Und
beständig lachten sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen von einem Mund zum
andern ginge. Dabei sagten sie kein Wort, redeten nur mit den lachenden Augen,
und das war wie ein Spiel fröhlicher Kinder.
Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene Hingabe an die
Freude, und diesem tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche
Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen und entfacht von ein paar
Walzertakten und etlichen Trommelschlägen. Und die erwachende Sinneslust
schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs nieder. Vielmehr wurde all das
Begehren, davon die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige gerückt, da es so
aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit sich äußerte. Was hier die Arme
umeinanderschlang, das liebte sich, gleichviel, ob vorher schon oder jetzt erst,
aber es gab keine andere Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten
mitsammen, weil sie sich liebten, und sie liebten sich, weil sie mitsammen
tanzten.
Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen neben mir. Artilleristen.
Der eine von ihnen, aufragend und in der Fülle seiner Kraft, »schön wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden Siegeraugen. Der andere
schwächlich, von der Uniform fast erdrückt, und mit verprügelten Mienen. Ein
hübsches blondes Mädchen sprang ihnen entgegen, flog mit ausgebreiteten
Armen auf den schönen Burschen zu und küßte ihn, munter, herzlich, vergnügt.
Er ließ sichs gefallen und meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem gibst
d' a a Bußl!« Sie zögerte keinen Moment, lächelte, stellte sich auf die
Zehenspitzen und küßte den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der Schöne sie
zum Tanze führe. Der aber schaute gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war
nicht in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern umfangen.
Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene Melodie, die sich zufrieden im
Kreise um sich selbst drehte, dann wieder innehielt, um sich gleich wieder
gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt waren die Großstadtkinder und die
vom Lande Zugereisten deutlich zu unterscheiden. Für die einen war's eben nur
wieder ein Walzer, die anderen aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten
kirchweihmäßig zu wiegen, in jener ernsthaften Ruhe, mit der die Bauern den
Tanz als eine feierliche Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand schien unter
mancher Uniform jetzt sichtbar zu werden. Ein Juchschrei flog da und dort
empor, der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, Händeklatschen, mühevolle
Verschlingungen. Heimatkunst, in bescheidener Munterkeit verrichtet.
Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden und liebenden
Jugendseligkeit regt sich der Wunsch, hier nicht als Fremder stehen zu müssen,
nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu schauen, die in
Ursprünglichkeit und ungebrochener Lust genießen, nicht in Grübelei und
nachdenklichem Zögern den Inhalt froher Stunden zu messen, sondern Anteil
nehmen zu können, besinnungslos und ohne Rückhalt. Und da erträumt sich die
Phantasie einen jungen Menschen, der, in allen Finessen des Geistes, des
Wissens und der Kultur geschmeidig, dennoch so viel Schnellkraft sich bewahrt,
daß er den Subtilen gelegentlich entwischt, seinen Lebensunband hierher zu
tragen, der untertaucht in diesem dampfenden Tumult einfältiger Urtriebe, und
dann neugebadet zurückkehrt zu den anderen, die nur beziehungsweise Wehmut
kennen und vieldeutige Sentimentalität.
Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich meine Bekannte vom
Ringelspiel wieder. Sie walzt jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches Gesicht ist
dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck von Versunkenheit wie vorhin,
da sie auf dem hölzernen Schaukelpferd saß. Hier aber fällt sie gar nicht auf,
denn hier gleicht sie völlig den anderen, denen das Leben und die Jugend noch
so überaus einfach geblieben: Man arbeitet erst und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe Feste.