Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 6 von 24

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Das österreichische Antlitz

Fünfkreuzertanz

 

Ein Liebespaar hat mich zum Fünfkreuzertanz geführt. Sie war mir schon früher

beim Ringelspiel aufgefallen, wo sie rasch eintrat und sich augenblicklich auf

ein Pferd schwang, mit so viel Entschlossenheit, als wollte sie sagen: Von der

Arbeit zum Vergnügen, das muß eben sein! Dann nahm sie sich in der

verwaschenen Bluse und dem weißen Kopftuch, hoch zu Roß, sonderbar genug

aus. Und wie das Ringeln anfing, schaute jedermann nach ihr, weil ihr hübsches

Gesicht und ihre ganze Haltung solch ein leidenschaftliches Genießen, so tiefe

Versunkenheit aussprach, so viel körperliche Hingabe und dabei so

überraschenden Ernst. Man merkte, daß sie sich vollständig allein fühlte, daß die

anderen Leute für sie nicht existierten. Später, als ich sie dann wiedersah, war sie

freilich nicht mehr allein.

 

Ich vernahm, wie ein Budenausrufer mit einer wahrhaft tobenden Stimme von

der Dame ohne Unterleib behauptete, sie sei das süße Mädel. Da blieb ich denn

im Menschenschwarme stehen, um zu hören, wie der Mann seine immerhin

schwierige Sache verfechten werde; und hier erblickte ich die Reiterin von

früher wieder. Sie hing jetzt am Arme ihres Liebsten, den Kopf an seine Schulter

gelehnt, während er, die Soldatenmütze weit zurückgeschoben, mit seinem

jungen Antlitz, gläubig lächelnd, zu dem Ausrufer und zur Dame ohne Unterleib

emporblickte. Ein Dritter kam herzu, und ich meinte zuerst, es sei ein Bekannter.

Nur schien es mir sonderbar, daß der Mann barhaupt im Prater herumgehe. Es

ergab sich jedoch, daß es gleichfalls ein Ausrufer war, ein Gehilfe sozusagen.

Eigentlich aber noch ein blutiger Anfänger, denn er machte keine Späße; er sah

auch gar nicht danach aus, als sei er zu Scherzen aufgelegt, und er war offenbar

noch zu schüchtern, um laut zu allem Volk zu sprechen. Deshalb begnügte er

sich einstweilen damit, sich an die einzelnen zu wenden und ihnen ganz privatim

die Vorteile auseinanderzusetzen, die der Besuch der Bude ihnen bringen würde.

Dabei sprach er sehr leise, und wenn auch mit enormer Wichtigkeit, so doch

sichtlich verschämt. Das Liebespaar hörte ihn ebenfalls sehr befangen an. Nie

habe ich drei Leute in solcher Verlegenheit und so ratlos beisammen gesehen.

Unwillkürlich nahm ich Anteil an dieser heillosen Situation und war auf den

Ausgang beinah ängstlich gespannt. Die Reiterin aber führte die Geschichte

rücksichtslos zu Ende, indem sie ihren Burschen an der Hand nahm und

wegging. Ganz einfach. Da folgte ich den beiden, die jetzt rasch dahinschritten,

neugierig, das Vergnügungsprogramm dieses entschlossenen Mädchens kennen zu lernen. Sie eilten zum Tanz.

 

Unzähligemal bin ich an schönen Sommerabenden im Prater bei diesen

Fünfkreuzerbällen vorübergegangen; oder manchmal für einen Augenblick nur

stehengeblieben, um auf das Gewühl da drinnen zu schauen, mit jenem

flüchtigen töricht-überlegenen Lächeln, das man gewöhnlich für die Freuden der

Einfachen bereit hat. Wahrscheinlich wäre ich auch heute wieder

vorbeigegangen, wenn mich nicht die Lust angewandelt hätte, zu sehen, ob sie

auch so leidenschaftlich tanzen werde, wie sie sich ringeln ließ, so hingegeben

und so versunken.

 

Unsicher und mit dem gewissen Lächeln stand ich im Saal, schaute in das

dichte Getümmel, blickte in den großen, schmucklosen Raum umher und redete

mir ein, daß mich die raucherfüllte Luft bedrücke, daß mir der Kleiderdunst

lästig sei, der aufwirbelnde Staub, der scharfe Biergeruch, der Tumult so vieler

schreiender Stimmen, das unbarmherzige Tosen der Blechmusik, und daß ich in

zwei Minuten gehen werde.

 

Meine Liebesleute suchte ich vergebens. Der Wirbel hatte sie verschlungen.

Aber es fand sich Ersatz genug. Gleich das erste Paar, das sich für meinen

irrenden Blick aus der Menge löste, fesselte mich im Nu. Sie tanzten langsam,

einen schönen, sicheren Sechsschritt und hielten sich dabei umarmt, vielmehr sie

hatten einander um den Hals gefaßt und drückten Wange an Wange. Beide waren

hochrot im Gesicht, der Schweiß lief ihnen über die Stirn, des Mädchens Haare

hatten sich gelöst, aber sie achteten dessen nicht. Sie hielten immerzu die

Wangen gegeneinandergepreßt, beinahe Mund an Mund, und glitten dahin, wie

in einer tiefen Erregung, so daß von ihrer Unbekümmertheit schier etwas

Feierliches ausging. Ein zweites Paar kam wiegend und sacht sich drehend

einher. Sie ganz frisch und goldblond und zart, und er beinahe riesenhaft, aber

schlank, mit einem Flaumbart. Und sie reichte ihm kaum bis zur Brust, lag in

seinen Armen mit einem grenzenlosen Vertrauen, die Augen geschlossen, wie

schlafend, und er sah hoch über sie hinweg, warf tapfere Blicke umher, und

nahm sich aus, als rette er sein Glück aus tausend Gefahren. Dann aber kamen

zwei, deren Mienen nicht wahrgenommen werden konnten, so blitzschnell

drehten sie sich, so fabelhaft rasch sprangen sie vorüber. Sie schienen sich in

einem Anfall von äußerster Raserei, ja in einer Art von rhythmischer Tobsucht

zu befinden, in die sie durch die Musik gebracht wurden. Sie kamen bald darauf

nochmals zum Vorschein, offenbar hatten sie so geschwind den ganzen Saal

durchmessen. Sie, eine kleine, dicke, nicht mehr ganz jugendliche Person. Er, ein

baumlanger Kerl, im Ruderleibchen und grauen Rock. Er mußte sich tief herabbücken, seine Dame um die Taille zu fassen, und so, in dieser anscheinend

qualvollen Haltung, die einer andauernden, devoten Verbeugung glich, schwang

er sich wie ein gepeitschter Kreisel. Ganz in meiner Nähe fielen sie plötzlich,

wie hingeschleudert, auf eine Bank, mit todblassen, benommenen Mienen, nach

einer Sekunde aber sprangen sie wieder auf und wirbelten mit derselben,

unbegreiflichen Schnelligkeit weiter. Noch einige Male kamen sie also

angesaust, und es war auffallend, wie wenig sie sich in solchen Pausen

umeinander scherten, da sie doch, tanzend, so begeistert zusammenhielten. Wie

nach einer Krankheit saßen sie da, machten verstörte Augen, bis es sie wiederum

ergriff und emporriß. Ein Pärchen erzwang sich die Aufmerksamkeit, weil es

sehr künstlich tanzte; bald nach rechts, bald nach links, bald geradeaus nach

vorwärts, bald zurück. Dabei hatte sie ein gänzlich mißlungenes Gesicht, darin,

wie bei einem geborstenen Schränkchen, durchaus nichts klappen wollte, weder

Mund noch Augen. Und er war ein bißchen schief von Wuchs, hatte einen

ärmlichen, farblosen Bart, schielte ein wenig, und seine geringfügige Nase nahm

sich unter einer dicken Hornbrille sehr gedemütigt aus. Aber beiden konnte man

die Anständigkeit sogleich anmerken, und so tanzten sie auch: treu, ehrlich und

fleißig, versäumten keine Figur, ließen sich keine Nachlässigkeit zuschulden

kommen und hatten eine sachliche Freude des Gelingens, in der ihr gedrücktes

Selbstbewußtsein frei wurde. Sorgloser gingen zwei andere zu Werke, die mit

ruckweisen Drehungen im Tanze sich schwangen; die Köpfe weit

zurückgebogen, daß sie einander beständig ins Antlitz schauen konnten. Und

beständig lachten sie, als ob ein prächtiger Scherz ihnen von einem Mund zum

andern ginge. Dabei sagten sie kein Wort, redeten nur mit den lachenden Augen,

und das war wie ein Spiel fröhlicher Kinder.

 

Überhaupt war in allen diese kindergleiche, vollkommene Hingabe an die

Freude, und diesem tanzenden Gewühl entströmte eine unaussprechliche

Glückseligkeit, mühelos verlockt, hingerissen und entfacht von ein paar

Walzertakten und etlichen Trommelschlägen. Und die erwachende Sinneslust

schlug die Harmlosigkeit hier keineswegs nieder. Vielmehr wurde all das

Begehren, davon die Atmosphäre bebte, ins Unschuldige gerückt, da es so

aufrichtig und mit solcher Selbstverständlichkeit sich äußerte. Was hier die Arme

umeinanderschlang, das liebte sich, gleichviel, ob vorher schon oder jetzt erst,

aber es gab keine andere Veranlassung zum Tanz als die Liebe. Sie tanzten

mitsammen, weil sie sich liebten, und sie liebten sich, weil sie mitsammen

tanzten.

 

Zwei Soldaten waren hereingekommen und standen neben mir. Artilleristen.

Der eine von ihnen, aufragend und in der Fülle seiner Kraft, »schön wie ein junger Gott«, mit blauen, fröhlich leuchtenden Siegeraugen. Der andere

schwächlich, von der Uniform fast erdrückt, und mit verprügelten Mienen. Ein

hübsches blondes Mädchen sprang ihnen entgegen, flog mit ausgebreiteten

Armen auf den schönen Burschen zu und küßte ihn, munter, herzlich, vergnügt.

Er ließ sichs gefallen und meinte nur, auf den Kameraden deutend: »Dem gibst

d' a a Bußl!« Sie zögerte keinen Moment, lächelte, stellte sich auf die

Zehenspitzen und küßte den Verprügelten. Dann wartete sie, daß der Schöne sie

zum Tanze führe. Der aber schaute gelassen umher, achtete ihrer kaum. Er war

nicht in der Geberlaune. So ließ sie sich denn vom andern umfangen.

 

Ein Ländler begann, eine kleine, bescheidene Melodie, die sich zufrieden im

Kreise um sich selbst drehte, dann wieder innehielt, um sich gleich wieder

gutgelaunt weiterzuschwingen. Und jetzt waren die Großstadtkinder und die

vom Lande Zugereisten deutlich zu unterscheiden. Für die einen war's eben nur

wieder ein Walzer, die anderen aber fingen an, sich in kleinen Gehschritten

kirchweihmäßig zu wiegen, in jener ernsthaften Ruhe, mit der die Bauern den

Tanz als eine feierliche Arbeit traktieren, und das Bauerng'wand schien unter

mancher Uniform jetzt sichtbar zu werden. Ein Juchschrei flog da und dort

empor, der Erinnerung an das ferne Dorf entstiegen, Händeklatschen, mühevolle

Verschlingungen. Heimatkunst, in bescheidener Munterkeit verrichtet.

 

Inmitten dieser stampfenden, jubelnden, lachenden und liebenden

Jugendseligkeit regt sich der Wunsch, hier nicht als Fremder stehen zu müssen,

nicht wie nach fremden Tieren auf diejenigen zu schauen, die in

Ursprünglichkeit und ungebrochener Lust genießen, nicht in Grübelei und

nachdenklichem Zögern den Inhalt froher Stunden zu messen, sondern Anteil

nehmen zu können, besinnungslos und ohne Rückhalt. Und da erträumt sich die

Phantasie einen jungen Menschen, der, in allen Finessen des Geistes, des

Wissens und der Kultur geschmeidig, dennoch so viel Schnellkraft sich bewahrt,

daß er den Subtilen gelegentlich entwischt, seinen Lebensunband hierher zu

tragen, der untertaucht in diesem dampfenden Tumult einfältiger Urtriebe, und

dann neugebadet zurückkehrt zu den anderen, die nur beziehungsweise Wehmut

kennen und vieldeutige Sentimentalität.

 

Schon dem Ausgange zugewendet, erblicke ich meine Bekannte vom

Ringelspiel wieder. Sie walzt jetzt mit ihrem Burschen, ihr hübsches Gesicht ist

dunkelrot geworden und hat denselben Ausdruck von Versunkenheit wie vorhin,

da sie auf dem hölzernen Schaukelpferd saß. Hier aber fällt sie gar nicht auf,

denn hier gleicht sie völlig den anderen, denen das Leben und die Jugend noch

so überaus einfach geblieben: Man arbeitet erst und geht dann tanzen. Saure Wochen, frohe Feste.