Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 19 von 24

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Das österreichische Antlitz

Thronrede

 

Das sind nun wieder sechs Jahre her, seit der Thron zuletzt hier aufgerichtet

ward, wie heute, in diesem alten Prunksaal, damit der Kaiser von seinem

Herrschersitz aus so feierlich zum Reichsrat spreche. Eine Formalität. Aber sie

bedeutet so viel. Ist das äußere Zeichen einer Idee, die ihren Tiefsinn und ihren

Pomp nicht anders mitteilen kann, als durch feierliche äußere Zeichen. Daß

weiße Straußenfedern den Baldachin zu des Kaisers Häupten krönen, spricht

vom Wappenschmuck, ritterlicher Helmzier von einst. In der Gegenwart

heraldisch beredsame Vergangenheit. Daß die Garde dasteht, den Säbel gezückt,

eine Formalität; aber das äußere Zeichen einer Idee. Daß der Mann zur Rechten

des Thrones in seinen Händen das blanke Reichsschwert hält, während der

Kaiser spricht, eine Formalität. Denkt man der Stadt, die jetzt im Drang des

geschäftigen Tages tausendfältig da draußen diesen Saal umbraust, denkt man

über die Stadt hinaus, weit in die Ferne, zu anderen Städten, zu den Provinzen,

millionenfach bevölkert und belebt, und öffnet sein Auge dann dem Bilde

wieder, das dieser Saal hier bietet, dann ist dieser ganze Raum hier die Szene

einer bedeutenden und erhabenen Handlung, ist erfüllt von Sinn und Bedeutung,

jede Geste schwer von Inhalt, beredsam durch die Kraft des langsam

Gewordenen, beladen von Erinnerung, von Vergangenheit ganzer Völker,

bedeckt von den Spuren verjährter Kämpfe um Recht und Vorrecht. Man kann

menschliches Gepränge belächeln, kann für sich den äußeren Glanz eines

Schauspiels mit einem ironischen Wischer auslöschen und sich damit das

Blinzeln geblendeter Augen sparen. Aber es zeigt von wenig Witz, so witzig zu

sein. Und von wenig Lebensgefühl, die Schönheit solcher Lebensfülle zu

verkennen.

 

Man braucht, um von großem Schicksal angerührt zu werden, nur den Kaiser

anzuschauen. Braucht nicht erst den Prunk, der ihn ernst, starr und groß umgibt,

bis zur lebendigsten Beredsamkeit aufzulösen. Man braucht nur den Kaiser

anzusehen, um die historische Kraft dieser Stunde zu empfinden. Wie vieles ist

geschehen, seit er – ein Jüngling von achtzehn Jahren – zum erstenmal auf

diesem Thron saß. Und wie vieles liegt vor uns, jetzt, da er hier zu den Vertretern

des Volkes redet. Das alte Österreich versank unter seinen Schritten. Unter

seinen Schritten entstand ein neues Österreich, ersteht jetzt wieder ein neues.

 

Unbewegt und hoch über jedem Niveau, auf dem man noch nach Wirkung strebt, klingt seine Stimme. Unnahbar für Zustimmung und Beifall. Dennoch

kommt ein Wort, das auf einmal die Distanz zwischen den versammelten

Menschen hier und dem einsam über allen Thronenden kürzt: »Wenn mir in

meiner frühen Jugend die Aufgabe ward …« Das Wort Jugend schlägt warm zu

uns heran, und mit einer flüchtigen Betroffenheit, mit einer rasch hinhuschenden

Ergriffenheit hört man den Kaiser von seiner Jugend sprechen. Den alten Kaiser,

der dort auf dem Thron sitzt, ganz wenig in sich versunken, schneeweiß, unter

seinem grünbefederten Generalshut. Dann wieder ein Wort: »Durch die Gnade

der Vorsehung war es mir beschieden, zwei Generationen meiner Völker zu

führen.« Von seiner Jugend und von seinem Alter spricht der Kaiser. Fürsten auf

dem Throne haben sonst nicht Jugend und nicht Alter, haben in ihren Worten

keinen Anklang an persönliche und irdische Dinge, sondern stehen da als

Repräsentanten eines Prinzips mehr denn als Menschen. Diese Worte aber sind

menschlich, persönlich, irdisch. Es ist, als ob sich der Kaiser in ihnen tiefer zu

den anderen Menschen herabneigen würde, als käme er ihnen, die da um seinen

Thron geschart sind, in diesen Worten näher.

 

In diesem Kreis, in dem er einst auf seinem Kaisersitz der Jüngste gewesen,

ist er der Älteste heute. Mögen auch etliche im Saale sein, die der Jahre um

einige mehr zählen als er. Dennoch ist er der Älteste. Denn die anderen haben

ihre Jugend, ihre von aller Verantwortung leichte Jugend gehabt, aus einer

zwanglosen Tiefe erst später aufsteigend, und im Aufsteigen die Kräfte übend

für die Höhe. Er aber ist als Jüngling schon da oben gestanden. Wie viele hat er

im Besitz der Macht gesehen, die er ihnen anvertraute. Und wie viele brachen

unter der Last, die auf ihre Schultern gelegt war, zusammen. Wie viele sind hier

aufrecht an des Thrones Stufen gestanden, als seine Ratgeber und ersten Diener,

und sanken erschöpft darnieder, während er dort oben ausharrt und frisch bleibt.

Als er zum erstenmal hier zu dem neuen Parlament sprach, stand Schmerling da,

in voller Mannesblüte. Schmerling … wie aus verschollenen Fernen klingt dieser

Name heute nur noch leise zu uns herüber. Namen: Graf Beust, dann

Schwarzenberg, Pretis, Hohenwart, Taaffe. Einst war das Gegenwart, Leben,

Wirklichkeit. Jetzt liegt es wie Erinnerungsschutt unter den Schritten der neuen

Männer. Doch unter dem Baldachin, der wie einst seinen fürstlichen

Federschmuck zur Decke hebt, thront über den neuen Männern der alte Kaiser.

 

Einst ist er hier der Jüngste gewesen, war inmitten seiner Räte wie ihr Sohn,

und sie standen vor ihm wie väterliche Freunde. Jetzt treten alle, die hier im

Saale sind, wie seine Söhne zu ihm heran, und er ist wie ein Vater über allen. Da

sind die neuen Abgeordneten, die das neue Wahlrecht hergebracht hat. So viel

Jugend, so viel Frische und erste Manneskraft war selten noch in einem Parlament, in einem österreichischen Parlament noch niemals beisammen.

Männer von dreißig bis fünfzig. Die an die Sechzig gehen, sind wenige unter

ihnen. Früher war's eine Versammlung von Grauköpfen, jetzt sind die grauen

Haare selten. Die Minister fast alle knapp über fünfzig; ungefähr in dem Alter, in

dem jetzt der Kronprinz wäre, wenn er noch lebte. Beinahe alle, die hier des

Kaisers Wort vernehmen, die seine Regierung führen, die in seiner

Gesetzgebung mitreden, wurden geboren, wuchsen auf, wurden Jünglinge,

Männer, während er auf seinem Throne saß. Während er die Krone trug und die

Bürde des Herrschens, zogen Geschlechter auf Geschlechter an ihm vorbei. Die

Generation, die er vorfand, als er das Zepter ergriff, schwand dahin und liegt

jetzt in ihren Gräbern. Und die Generation, die zum Dasein erwachte, als er

schon ein Menschenalter in diesem Dasein die Völkerschicksale lenkte, tritt jetzt

zu ihm heran wie ein Geschlecht von Söhnen. Diejenigen aber, die mit ihm

zugleich ins Leben kamen, sind fast alle schon schlafen gegangen, und was von

ihnen die Augen noch offen hat, ist müde. Er aber ist unermüdlich. Einen nach

den anderen hat er in diesen letzten Jahren zum Ausrasten beurlaubt, mit

freundlichem Dank verabschiedet, mit guten Wünschen für den Ruhestand.

Kaum einer oder zwei sind noch bei ihm, die von jeher mit ihm Schritt gehalten.

Er entbehrt die langgewohnten Weggenossen und bedarf für sich selbst keiner

Rast. Hier im Saale ist einer, der gestützt werden muß wie ein Greis. Über ein

Jahrzehnt ist er jünger als der Kaiser, schlürft die Wonne des Herrschens seit drei

Lustren erst, und schon hat ihn die malmende Schwere der Macht gebrochen.

Verwüstet von Würden, verbraucht vom Regieren, zersplittert, erlahmt und

verwelkt auf der Höhe hat der Kaiser viele gesehen. Und schreitet selber

aufrecht durch den langen Saal, sprengt hoch zu Roß über weite Manöverfelder.

Er, der zwei Generationen seiner Völker geführt hat.

 

Wüßte man, wie er jetzt über das menschliche Treiben denkt, das er fast

sechzig Jahre lang von der Höhe des Thrones herab betrachtet. Wüßte man, wie

er über menschliches Herrschen denkt, das er fast sechzig Jahre lang geübt hat,

gehüllt in den ältesten Purpur Europas. Und mit welchem Gefühl er die

Wandelbilder seines Lebens in der Erinnerung überschaut, wieviel von seinem

Ich er als Gegenwart, wieviel als Geschichte empfindet. »In meiner frühen

Jugend …« Mit fernem Dämmerschein winkt Alt-Österreich aus diesen Worten.

Und ein unermeßliches Schicksal tritt aus ihnen hervor.

 

Feierliche Thronrede. Diesmal historisch und menschlich feierlich zugleich.

Denn die jungen Menschen, die hier standen, werden sich in späten Jahren der

Stunde noch erinnern, da sie den alten Kaiser sahen, das freundliche, lebenslang

uns allen vertraute und gewohnte Antlitz, schneeweißen Bartes unter dem Generalshut, diese feine Fürstengestalt, umwittert von dem Hauch großartiger,

tragischer und seltener Erlebnisse. Und wie er in dieser Stunde, nahe am

sechzigsten Jahre seiner Reiche, der neuen Zeit die Pforten öffnete, wie er milde,

abendlich leuchtende Worte von seiner Jugend und von seinem Alter sprach,

konnte man für Augenblicke tiefer in diese unerreichbare, fern über alle

hinschwebende Stimme hineinhorchen.