Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 8 von 24

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Das österreichische Antlitz

Beim Brady

 

Der prächtige Titel »Wintergarten« ist natürlich eine Übertreibung. In

Wirklichkeit spricht auch kein Mensch von Bradys Wintergarten, sondern alle

Welt sagt einfach: beim Brady. An einen Garten erinnert übrigens nur die

ziemlich geschmacklose Staketendekoration der Wände, dann ein wenig falscher

Efeu und kunstlos gefälschtes Weinlaub. Sonst aber ist man hier beinahe wie in

einer Spelunke. Und das mag eben der Hauptreiz an diesem »Wintergarten« sein,

daß er wie ein Beisel aussieht. Denn wenn es irgendwo recht schäbig ist, dann

sagt man in Wien noch lange nicht: hier ist's schäbig. Vielmehr findet man eine

versöhnliche Bezeichnung dafür, und jedem, der sich über mangelnde Pracht,

über fehlenden Komfort, über nasse Tischtücher und schlechte Luft beklagt, wird

geantwortet: Ja, aber gemütlich ist's. Beim Brady ist es also gemütlich. Damit ist

zugleich auch die Summe aller seiner Eigenschaften gezogen. Es läßt sich weiter

nichts hinzufügen. Höchstens, daß es in Wien sonst nirgends so gemütlich ist,

wie eben beim Brady. Und das ist allerdings sehr bemerkenswert. Die

wienerische Gemütlichkeit, wie wir sie nur mehr noch aus abgedroschenen

Liedern kennen, oder aus den Schilderungen der gewissen ältesten Leute, diese

grundlos fröhliche, ziellose, an der eigenen Lebenslust entzündete, sorgenfreie,

naive, singende und jauchzende Wiener Gemütlichkeit findet man jetzt nur hier.

Aus den anderen Vergnügungslokalen, aus dem übrigen großen modernen Wien

ist sie ja verschwunden. Vielleicht, daß man sie hie und da in irgendeinem

versteckten Vorstadtwirtshaus noch treffen kann. Das ist aber sehr ungewiß. Die

Zeiten sind vorbei. Und wenn man zum Brady geht, dann ist der Weg dahin

schon wie ein Spaziergang in die Vergangenheit. Ein enges Gäßchen, das vom

gemütlichen Franziskanerplatz unter einem schmalen Schwibbogen abbiegt, das

sich windschief bei jedem Schritt anderswohin zu wenden scheint. Eine jener

Gassen mit so enorm hohen Häusern, daß der Himmel droben nur wie eine

schmale, helle Linie aussieht; und wenn hier unten einmal zwei Wagen einander

begegnen, dann darf kein Fußgänger vorbei, weil er das bißchen Platz, das zum

Ausweichen nötig ist, verstellen könnte. Das uralte, beinahe schon vergessene

Wien. Was beim Brady geschieht, ist rasch erzählt. Eine Salonkapelle spielt; und

wenn sie aufhört, dann singt ein Männerquartett zur Begleitung einer

Ziehharmonika, einer Geige und einer Gitarre. Haben die vier Männer ihr

Stücklein heruntergejodelt, dann kommt wieder die Salonkapelle dran. Ohne

Pause. Und so ist denn der rauchige kleine Saal immerzu von Musik erfüllt. Daran scheint freilich nichts Besonderes zu sein, und man wird es noch nicht

begreifen, wie nur ein mäßiges Orchester und vier Natursänger solchen Zulauf

finden können. Denn der schlaue Brady ist nicht mehr da. Ein kleiner, leidlich

hübscher, flotter Kerl mit einer angenehmen Pleinairstimme, war er sein eigener

Star. Trug den Leuten seine fiakerisch-lustigen und sentimentalen Lieder vor und

hatte jeden Abend zu dem geschäftlichen Profit den persönlichen Erfolg. Dann

nahm er Abschied, als ein kluger Mann auf der Höhe seines Ruhmes, zog sich

ins Privatleben zurück, vielleicht nur, um fortan zeitlicher schlafen gehen zu

können, und erlaubte bloß, daß der Glanz seines Namens auch ferner des

Nachfolgers Bude erleuchte. Unberühmte Leute, die man nicht näher kennt noch

sieht, halten die Weinstube weiter. Ein Geschäftsführer ist da, in einem

schwarzen Salonrock, ein dünner Mensch, der aussieht wie ein Meßner, der

umhergeht und den Gästen guten Abend wünscht. Gesungen hat er noch nie,

hübsch ist er auch nicht, kurzum, der Brady ist noch nicht ersetzt. Aber die gute

Laune, die er hier eingerichtet hat, ist noch nicht verdampft; sie liegt hier noch

immer in der Luft. Und wenn man hereinkommt, wird man fröhlich, man weiß

nicht wie und man weiß nicht warum.

 

Schuld daran sind aber doch zunächst die Musikanten. Die von der

Salonkapelle, und die vier Natursänger, die zur Geige, zur Gitarre und zur

Ziehharmonika jodeln. Gewöhnlich gibt es ja nichts, was einen Menschen so

traurig machen könnte, wie ein bezahlter Lustigmacher. Die armen Teufel, die

beim öffentlichen Vergnügen bedienstet sind, versehen ihre Funktionen fast

immer mit solcher Wehmut, daß einen bei ihrem Anblick der Menschheit ganzer

Jammer anfaßt. Unter allen Professionals sind ja die Professionals der Heiterkeit

die trübseligsten. Beim Brady ist das anders. Die Salonkapelle scheint gar nicht

der Gäste wegen zu spielen, sondern nur ihrem Dirigenten zuliebe. Wenn der die

Geige ansetzt und seinen Musikanten das Zeichen gibt, ist es, als wollten ein

paar Freunde unter einem lustigen Rädelsführer einen Spaß anzetteln. Die

zigeunerisch schmachtenden Primgeiger, die in posierter Ekstase vor unseren

Augen zu vergehen scheinen, die kennen wir ja zum Überdruß. Daß aber dieser

blitzlustige schwarze Bursche, der immerfort lacht, wenn er geigt, ein Poseur ist,

glaube ich nicht. Er unterhält sich ganz einfach, wenn er eine Operettenmelodie

spielt. Und weil er so animiert ist, singt er den Text gleich mit dazu, wiegt sich

und tanzt ein bißchen dabei und schaut mit schwarzen, lachenden Augen und mit

weißen, blinkenden Zähnen im Saal umher. Ferner könnte man auch die

Natursänger für Gäste halten, die freiwillig zum allgemeinen Amusement

beitragen. Sie sehen aus wie kleine Geschäftsleute, Fiaker, Fleischhauer, Greisler

etwa, die ihr Sonntagsgewand angezogen haben und sich einen lustigen Abend machen wollen. Dick sind sie alle zusammen, und eigentlich nicht mehr ganz

jung; aber einer fröhlicher als der andere. Der mit dem blonden Schnurrbart hat

geradezu jubelnde Augen, ein fideler Leichtsinn spricht aus seinen Zügen und

sein ganzes Wesen hat etwas Urwüchsiges, etwas Schnalzendes, dem man nicht

widersteht. Der Jodler unter ihnen, der so hoch »überschlagen« kann, sieht

spaßig aus. Er hat nicht nur die schönste Stimme, er gleicht auch wirklich einem

singenden Vogel. Die Nase steht ihm spitz und hoch wie ein aufgesperrter

Meisenschnabel dicht überm Mund. Dann kneift er auch die kleinen Augen so

bedenklich zusammen, als belausche er sich; und wenn er sich einmal mit einem

Triller an das Publikum wendet, zieht er ein Gesicht, als ob er einen schwierigen

Fall zu explizieren hätte. Der dritte ist der Ironiker unter ihnen, temperamentvoll,

aber gezügelt, schaut immer drein, als ob er nach einer Antwort suche, ist aber

nie um zwanzig verlegen. Der vierte ist der Dickste; wahrscheinlich auch der

Gutmütigste. Nur manchmal simuliert er Anfälle von Gesangstobsucht. Dann ist

es drollig, wie dieser kleine Koloß zu brüllen anfängt und sich geberdet, als

könne er die Lustigkeit in seiner Brust nicht länger bändigen.

 

Nun darf man aber nicht glauben, daß diese vier Sänger und der Kapellmeister

etwa zu den besonderen Talenten gehören. Jeder von ihnen ist in jedem

Augenblick zu ersetzen. Wenn einer nur ein wirklicher Wiener ist, wirklich

lustig, und dabei ein bißchen singen kann, vermag er ihren Platz einzunehmen.

Manchmal stellt sich auch von den Gästen einer zu ihnen und macht's geradeso

wie sie. Und es ist eben ihr Reiz, daß sie so gar keine Künstler sind, sondern nur

Wiener. Das gibt dem ganzen Brady seine Wirkung, daß hier eben sonst nichts

vorgeht, als daß die Wiener auf ihre Weise fidel sein wollen. Anderswo will man

essen oder trinken oder sich an Produktionen kritisch ergötzen. Hier will und soll

kein Mensch etwas anderes als heiter sein. Die Gäste, die Musikanten, die

Sänger; es geht alles in einem. Und wie da junge Prinzen, Offiziere, alte

Lebemänner, Kommis, Bürgersleute, Kutscher und »kleine Mädchen«

beisammensitzen und singen, ist es, als sei man hier in einer ganz kleinen Stadt,

deren Einwohner eine besonders beschaffene Familie bilden, oder als fände man

hier den Auszug aller wienerischen Art. Hier wird einem unaufhörlich in die

Ohren gesungen, daß wir »zum Trübsalblasen nicht auf Erden sind«, hier hört

man jeden Moment die unbestreitbare Tatsache vertont und betont, daß man »'s

Geld auf dera Welt net fressen kann« und hier ist der Ort, wo diese

Behauptungen nicht verlogen klingen, wo sich nichts in uns gegen solch billige

Weltanschauung sträubt. Der einzige Ort, an dem man sich ohne Widerstand

überreden läßt: »Drah'n m'r um und drah'n m'r auf – es liegt nix dran!« Vielleicht

wirkt der Brady auch deshalb so zwingend, weil die Leute hier, ob sie gleich fast alle betrunken sind, sich nett benehmen. Betrunken ist, für einzelne wenigstens,

gewiß nicht zu viel gesagt; allein hier lernt man den richtigen, anmutigen Sinn

des guten Wortes: Angeheitert.

 

Angeheitert ist jeder. Man wird es vom Wein, man wird es von dem Gelächter

ringsumher, von dieser Atmosphäre unbekümmerter, übermütiger Fröhlichkeit.

Angeheitert wird man von diesem Kapellmeister, der die Geige streicht, als gäbe

es nichts Lustigeres in der ganzen Welt als Geigenspielen. Angeheitert von den

Sängern, die einem lachend zujubeln: Es liegt nix dran. Angeheitert von dem

Jodler, der den Meisenschnabel aufsperrt; sogar von dem feierlichen Meßner, der

herumgeht und immerfort »Guten Abend!« wünscht. Da springt ein Lebemann

plötzlich auf, drückt sich den Zylinder schief in die Stirn, hebt die Frackschöße

und tanzt Cancan, da er augenscheinlich Paris nicht vergessen kann. Er geniert

sich nicht, und alle applaudieren, feuern ihn an und sind im Nu gut bekannt mit

ihm. Ein ernster Mensch, der wie ein Oberlehrer aussieht, oder wie ein kleiner

Beamter, und der bisher still vor seinem Glas gesessen, fährt in die Höh', stürmt

das Podium, drängt den Kapellmeister zur Seite und beginnt zu dirigieren. Wer

weiß, vielleicht verwirklicht er hier zum erstenmal einen Lebenstraum. Irgendwo

in einer Ecke hebt eine elegante junge Dame zu singen an: »Wann der Auerhahn

…«, eine glockenreine, helle Stimme. Sofort ist einer von den Natursängern

dabei, jodelt die zweite Stimme, und die Geige, die Gitarre, die Ziehharmonika

spielen die Begleitung. Vor einem Tisch im Kreis seiner Freunde und ihrer

Mädchen ist ein junger Kavalier aufgestanden. Ein frisches, bildhübsches,

aufgeregtes Pagengesicht, die Augen funkeln ihm, er sprüht vor Jugend und

Lebenslust, hält einen Toast an alle Anwesenden, und wird nicht fertig. Ein alter

Herr entzückt sich mit einemmal an einer Offenbachmelodie, wird sichtlich von

Erinnerungen befallen und wiegt sich auf seinem Sessel hin und her. Ein Mann,

den man für einen Viehhändler halten darf, zecht mit einer großen Blonden, die

aussieht, wie eine von den strotzenden Rubensweibern aus einem seiner

Bohnenkönigsfeste. Und dann fällt dem rothalsigen dicken Viehhändler

unversehens ein, daß man noblerweise nicht zweimal aus demselben Becher

trinken kann, und er zerschmettert jedes Glas, nachdem er es geleert hat,

gleichmütig, gelassen, wie selbstverständlich, und die blonde Rubensdame lacht,

wenn ihr der Champagner ins Gesicht oder auf das Kleid spritzt. In einer anderen

Ecke sitzen kümmerliche Menschen. Wie sehr sie sich auch mit Ringen und

Goldketten behängen, sie bleiben armselig; graue einfältige Gesichter;

Spießbürger, offenbar aus der Provinz; die Frauen nach einer verschollenen,

unwahrscheinlich gewordenen Mode gekleidet. Zur Freude nicht geboren, zu

jedem Vergnügen talentlos, starren sie mit sachlichem Ernst auf das Getriebe. Dann aber geht es wie eine große Freudenwelle plötzlich über alle Köpfe.

Plötzlich beginnen alle miteinander zu singen, die Kellner sogar, und selbst die

Provinzler singen mit.

 

Das ist nun vielleicht sehr stumpfsinnig, es ist albern, wenn man will, und

sicherlich ist es sinnlos. Ein Berliner Freund, den ich neulich zum Brady führte,

ließ sich den ewig nüchternen Kopf nicht benebeln, fand, daß die ganze Sache

der großstädtischen Pracht entbehre, daß die Ventilation zu wünschen übriglasse,

und daß überhaupt die Geschichte »bezeichnend« für Wien sei. Er hat allerdings

recht, aber ahnungslos wie diese Berliner nun einmal unserer Stadt

gegenüberstehen, auf ganz andere Art, als er denken mochte. Es ist freilich

bezeichnend für Wien, daß es nur hier einen Brady geben kann, und nirgends

anderswo, daß hier die Leute zusammenkommen, um zu singen und lustig zu

sein, daß sie sich dabei betrinken und trotzdem manierlich bleiben, daß

Aristokraten und Spießer, Offiziere und Kommis, Fiaker und Hofräte hier Tisch

an Tisch sitzen, Wiener Lieder anhören und kopfüber in die Banalität der

Gassenhauerweisheit tauchen, ihre Sorgen vergessen, und in die Hände

klatschen: Drah'n m'r um und drah'n m'r auf! Sie ist kindisch diese Zuversicht,

aber kindlich auch, und deswegen so wohltuend: Es liegt nix d'ran!