Das österreichische Antlitz
»Gewehr Heraus!«
Wie ein hoher fürstlicher Saal ist der innere Burgplatz. Wundervolle Stille
umfängt einen, wenn man aus dem Straßenlärm hereinkommt und es ist, als sei
man hier in der imposanten Leere einer herrschaftlichen Antichambre. Man
spaziert umher, verrastet Aug' und Sinne an der vornehmen Ruhe dieser Mauern,
wird langsam und ganz unmerklich von einer ehrfürchtigen Stimmung
beschlichen. Das Kaiser Franz-Denkmal steht da, wie ein einsames Zierstück in
einem ausgeräumten Prunkgemach. Überall Strenge, steinerner Ernst. Nur die
Uhr auf dem First des Amalien-Traktes blickt auf die eingeschüchterten
Untertanen herab wie ein rundes freundliches Antlitz.
Als kleiner Junge habe ich mich hier oft herumgeschlichen. Alle kleinen
Jungen in Wien tun das. Hier ist die Kaiserwache. Da steht die Fahne, lehnen an
schwarzgelber Barriere die Flinten, und besonders: da sitzen auf einer langen,
die graue Burgmauer hinlaufenden Bank die Soldaten, daß man sie in aller Muße
betrachten mag, was ja in jenen guten Tagen ein unerschöpflicher Genuß ist. Der
Offizier promeniert, die goldene Feldbinde um den Leib, vor der Wachstube, und
man beneidet ihn sehr. Der Mann am Posten geht, das Gewehr geschultert,
aufmerksam auf und ab. Alle warten. Der schöne, stille Platz ist wie von
atemloser Erwartung erfüllt, und von gespannter Neugierde.
Einmal war ich mutiger und trat zu dem Posten, um ihn genauer zu betrachten.
Er stand dicht vor der Fahne und ich ganz nahe vor ihm und bestaunte ihn in
seiner Rüstung und in seiner herrlichen Strammheit. Hatte nur ein wenig Angst,
er würde mich wegjagen oder gar einsperren. Wich aber doch nicht vom Fleck.
Er schob mit einem Achselzucken das Gewehr zurecht, reckte sich kerzengerade
auf, blinzelte mit stumpfem Blick seitwärts in die Höhe. Ein sonngebräunter,
pausbackiger, eisenfester Bauernbursch. Plötzlich stieß er ein hirnerschütterndes
Geschrei aus. Gänzlich unvermittelt. Ich sah nur, daß sein breites Gesicht im Nu
völlig auseinanderging, daß sein Mund sich auftat, wie ein ungeheurer schwarzer
Rachen, aus dem dieses schreckliche Gebrüll hervordonnerte. Entsetzt war ich
zurückgesprungen, und in der blitzartigen Überlegung der ersten Sekunde meinte
ich, er sei aus heiler Haut rasend geworden, oder weil der Mann es vielleicht
nicht ertragen könne, angeschaut zu werden, sei nun durch meine Schuld ein
toller Schmerz in ihm erwacht und entreiße ihm diese gellenden Töne, davon der
ganze Platz widerhallte: Ge…wäh…rähr…rrrr…a…aus! Dann aber, als die anderen Soldaten eilig nach ihren Waffen sprangen, sich in Reih und Glied
stellten, der Offizier den blitzenden Säbel aus der Scheide holte, und als die
Trommeln zu wirbeln begannen, merkte ich, daß alles in Ordnung sei. Und
gaffte überwältigt dem goldenen Wagen nach, der majestätisch zum Tor
hinausfuhr.
Viel mehr als den Wagen, dessen Radspeichen vergoldet sind, kriegt man ja
auch sonst nicht zu sehen. Höchstens, daß noch des gleichfalls goldgeschirrten
Leibjägers weißer Federbusch, der so stolz im Winde flattert, als Augenweide
gelten kann, und daß man sich der prachtvollen Pferde freut, die im Laufen so
nobel mit dem Kopf nicken. Dann ist alles wieder vorüber. Der Trommelwirbel
verklingt, der Schnarrposten schweigt beruhigt, die Soldaten sitzen wieder
harmlos da. Es ist nichts vorgefallen, und man kann auch keinen weiteren
Eindruck mit nach Hause nehmen, als daß die Mächtigen dieser Erde nicht über
die Straße können, ohne daß sich vor ihnen ein helles Geschrei und ein
gewaltiger Lärm erhebt.
Dennoch: auch der Erwachsene, auch der Aufgeklärte, auch der weiß Gott wie
Gescheite kann sich der Wirkung dieser Szene nie entziehen. Er wird jedesmal,
immer und immer wieder aufs neue gefangen genommen, wie von einem
unwiderstehlichen Effekt. Man geht gleichgültig über den Franzensplatz, ohne
Laune, ohne den Zauber seiner Stimmung diesmal zu spüren. Da auf einmal der
langgezogene Ruf: »Gewehr heraus!« Aufgeregtes, eiliges Zuspringen der
Soldaten. In der nächsten Sekunde das Einschlagen der Trommel. Der Offizier
präsentiert grüßend den Säbel. Noch sieht man nicht, wen er grüßt. Aber er grüßt
feierlich in die leere Luft, und das Wirbeln des Tambours prasselt über den Platz.
Überallhin schaut man sich um. Plötzlich, von irgend einer Seite her jagt der
Wagen, umhüllt vom festlichen Dröhnen dieser Ehrenbezeugung heran. Ein
wehender Federbusch, goldfunkelnde Räder, vielleicht sogar am kristallenen
Kupeefenster ein weißer Handschuh. Und schon werden hohe Torflügel
geschlossen. Vorüber. Man hat den Kaiser selbst nicht gesehen, aber doch den
Glanz seiner Nähe, hat doch von kaiserlicher Macht einen flüchtigen Hauch
verspürt. Zum deutlichsten Wahrzeichen seiner Herrschaft wird einem nun die
Torwache. Abgesandte sind es, von allen Truppen hierhergeschickt, zu des
Kaisers Wohnung, um in Waffen unter seinen Fenstern auf der Hut zu sein. Und
kommt er nach Hause, und fährt er aus, sowie sie nur seiner ansichtig werden,
treten sie hervor, grüßen ihn mit kriegerischem Zuruf und Trommelschall,
melden: Wir sind da!
Viele ernsthafte Leute gibt es, die sonst niemals Maulaffen feilhalten, und die sich doch manchmal dazu verleiten lassen, wenn sie über den Franzensplatz
gehen. Sie warten ein paar Minuten. Aufs Geratewohl. Spähen umher, verweilen
noch ein paar Minuten und sind dann gänzlich der allgemeinen, ruhevollen und
großartigen Spannung, die hier herrscht, verfallen. Schauen überall nach
Vorzeichen aus, lugen zu den Fenstern empor. Dort im Torbogen schüttelt ein
Burggendarm den Kopf, daß der üppige Roßschweif auf seinem Helm zu wallen
und zu zittern beginnt. Hat er was bemerkt? Oben in den Fenstern lüften hie und
da die Garden den Vorhang, daß ihre scharlachroten goldbetreßten Röcke
sichtbar werden und die blinkende Hellebarde in ihrem Arm … Noch nicht?
Dann steigt die neugierige Spannung bis zum heftigen Wunsch: das Ereignis
möge endlich eintreten. Zu allen Stunden kann man hier Menschen finden, die
zögernd vor der Burgwache stehen, die Soldaten anschauen, und von ihnen
erwarten, daß sie »Gewehr heraus!« schreien.
Die besonderen Anlässe gar nicht eingerechnet. Wenn eine feierliche Auffahrt
die Wache fortwährend ins Gewehr nötigt. Dann füllen die alten Staatskarossen
den Platz, Prunkwagen, die in kühngeschweiften Federn schaukeln. Drei, vier
Lakaien in Allongeperücken hinten drauf. Als seien die prächtigen,
herrschaftlichen Zeiten des Rokoko wiedergekehrt. Da tritt der Ruf des
Schnarrpostens zurück, wird bei solch blendender Ausstattung nur zu einem
stützenden Nebeneffekt, fügt sich harmonisch in die erhöhte Stimmung und sorgt
dafür, daß derlei Schauspiel nicht als völlig lautlose Pantomime vor der
staunenden Menge sich zutrage. Oder wenn ein toter Prinz eingebracht wird,
nächtlicherweise bei Fackelschein, wie es Brauch ist, und ihn bei dieser
trübseligen Heimkehr in das Haus der Väter der Postenruf empfängt. Dann ist
das »Gewehr heraus!«, das unheimlich, wie ein Klageton durch die Finsternis
dringt, eben von so pointierter Wirkung, daß es sich von selbst begreift.
Sonst aber: mag es unverständlich scheinen oder töricht, in der
überkommenen Lust an höfischem und kirchlichem Gepränge liegen, oder an
dem hier herrschenden Geschmack, der dekorative Zeremonien liebt. Niemals
versagt diese Wirkung. Man könnte ein Theaterstück schreiben, das auf jeder
Wiener Bühne einschlagen müßte: »Der Kaiser kommt«. Und es braucht weiter
keine Handlung zu haben, als daß halt der Kaiser kommt. Man muß den Kaiser
auch gar nicht einmal sehen, und es wäre dennoch ein großer Erfolg. Sieht man
ihn im Leben ja auch nur selten. Jeder Mensch könnte dieses Stück schreiben,
denn es ist durchaus nicht notwendig, daß irgend etwas anderes sich zuträgt, als
leise, sorgfältig arrangierte, behutsam gesteigerte Vorzeichen. Es erübrigt nur, sie
der Wirklichkeit abzulauschen. Allerdings wäre die herrliche Kulisse dazu
erforderlich, die zum Beispiel der äußere Burgplatz abgibt, wo die Stadt ehrfurchtsvoll vor der Burg zurückweicht und mit ihren Häusern in einem
ungeheuren Kreise die kaiserliche Wohnung nur von ferne umgibt. Dann
draußen vor dem Franzenstor auf der Ringstraße der Soldat. Ganz von weitem,
von der Mariahilferstraße her, ein winkender Sicherheitsmann. Er hat den
Hofwagen zuerst erblickt. Der Soldat wartet, bis auch er den weißen Federbusch
schimmern sieht. Dann schnell einen Druck auf die elektrische Klingel, die in
der Säule verborgen angebracht ist, und jetzt drinnen auf dem grünen Platz jubelt
der Posten sein »Gewehr heraus!« zum Reiterstandbild des Erzherzogs Karl
empor, als habe er jetzt eine Vision, oder als fühle er sich gedrängt, dem Sieger
von Aspern eine plötzliche Huldigung darzubringen. Dann das gewöhnliche,
aufgeregte und ratlose Laufen der alarmierten Passanten, nach allen Richtungen
hin, weil sie ja doch nicht wissen können, von welcher Seite der Einzug
stattfindet. Dann Trommelwirbel, der die allgemeine Erregung nur noch
vermehrt, da sich für ihn weit und breit kein Anlaß zeigt. Dann der Säbelsalut
des Offiziers, und nun rollt die Equipage blitzschnell vorüber. Nun rufen sie
auch schon auf dem inneren Burghof ins Gewehr.
Es ist aber doch vielleicht besser, diese Szene nicht zu schreiben. Von den
technischen Aufführungsschwierigkeiten ganz zu schweigen. Würde sie
trotzdem geschrieben, dann müßte sie für alle Bühnen verboten werden. Denn
sie könnte nur Illusionen zerstören, den Eindruck, den die Wirklichkeit übt, in
bedenklicher Weise abschwächen. Wenn man sich jetzt vom Gewehrruf ergriffen
fühlt, wenn das Rühren der Trommeln einem unwillkürlich jähe Ehrfurcht
einwirbelt, wenn man beinahe Bereitwilligkeit zur Devotion in sich verspürt
angesichts dieser feierlichen Begrüßung, und zuletzt entblößten Hauptes dem
vorübersausenden Hofwagen nachblickt, dann zeigt man nachher keine Lust,
sein Empfinden zu korrigieren. Man hat mitten auf seinem Wege durch die
Alltäglichkeit des Lebens einen wunderbar dramatischen und prächtigen
Moment genossen, sich ihm gern hingegeben, ja sogar daran tätigen Anteil
genommen. Und hat man auch nur einen zufälligen, gänzlich nebensächlichen
Komparsen vorgestellt, so bewundert man doch völlig aus seinen ästhetischen
Instinkten heraus die glänzende, unübertreffliche Regie, deren dekorative Kunst
ebenso groß ist, wie ihre psychologische Weisheit.