Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 16 von 24

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Das österreichische Antlitz

Das Wirtshaus von Österreich

 

Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch den lang hingestreckten Lärm der

Mariahilferstraße; durch diese Stromschnellen des Mittelstandes, der hier in

hunderttausend Alltäglichkeiten uns umschäumt. Draußen bei den letzten

Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich aufginge. Da öffnet sich das Land,

da wird der Himmel weit; von ferne schimmern die Höhen des Wienerwaldes

und durch die Luft weht der Atem des Mai. Seitab der Straße, jenseits der

Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu uns herauf. Über das Schloß hinaus

prangt die feierliche Anmut der Gloriette am Firmament. Wir fahren durch das

stille, noble Hietzing. Blühende Gärten, Sommerpaläste aus den Tagen der Maria

Theresia, Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter hinaus durch Lainz

und Speising, alte Bauerhütten und neue Cottagevillen. Wir fahren am

Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine Ortschaft Mauer, dann noch

eine enge gewundene Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der Flieder

duftet. Auf der Graskuppe droben rasten die Pferde ein wenig. Nun sind wir den

Bergen nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder zu uns her. Vor uns in

der Tiefe, an die ersten Hügel geschmiegt, weißblinkend das Dorf Rodaun.

 

Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende Auffahrt. Fiaker, Equipagen,

Automobile, Kutschierwagen. Beinahe wie vor dem Lusthaus im Prater oder vor

dem Pavillon d'Armenonville im Bois de Boulogne. Dies ist nichts als ein altes

Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein

paar behagliche altmodische Stuben, allerlei neuer Zubau an Veranden und

Terrassen. Ein Garten, der den Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt.

Dreißig Wirtschaften gibt es im Wienerwald, die schöner und lieblicher gelegen

sind als diese hier. Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig anderen hier

herum an Reiz übertroffen. Hier ist auch kein Ausgangspunkt, hier führt kein

Weg zu populären Landpartien. Man kommt eben nur heraus, um beim Stelzer

zu sein. Der ganze Garten schwirrt von eleganten Menschen. Alle sitzen da unter

den blühenden Kastanienbäumen und trinken Kaffee, sitzen dann im oberen

Garten und soupieren.

 

Kleine Buben in Uniform, von Vater und Mutter, von Schwestern und Tanten

umgeben und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade, ihre

Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, zwölfjährige Buberln, fünfzehnjährige,

sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr wie die Theresianisten angezogen. Österreichischer Offiziersrock, silberne Litzen am Kragen, österreichische

Offizierskappen. Brave, saubere Gesichter, die manchmal die Züge bekannter

Familien tragen. Der Kleine da mag ein Liechtenstein, der andere hier ein

Auersperg sein, der hübsche Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben

werden nebenan in der Jesuitenschule erzogen. Fünfzig Schritte vom Stelzer

liegt das Kalksburger Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, die jetzt schon so

offiziell und so österreichisch aussehen.

 

Kalksburg … in dieser Küche wird der österreichische Geist zubereitet, wird

gemischt und gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In die Jesuitenschule gehen

alle, die geboren sind, dieses Land zu regieren. Katholische Verhaltenheit, Kunst

des Lavierens, innerliches Gebundensein, Technik der kleinen Lüge und der

feingesponnenen Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und Gehorsam,

Andacht, Aberglaube, Snobismus, Weisheit und Mißtrauen, Liebe zu allem

Hergebrachten, Widerstand und Tücke gegen alles Neue, und noch viele andere

Dinge werden hier in die Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei uns sogleich

begreift und erkennt, wenn man nur »Kalksburg« sagt. Hier wuchsen die Gegner

Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister des Kaisers Franz, die

Diplomaten des Kaisers Ferdinand, die Ratgeber, Botschafter und Statthalter

Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen sie ihren Weg.

 

Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. Hier ward, in der Kalksburger

Jesuitenschule, der staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger

Monarchie vom Deutschen Reich löste, der nach Achtundvierzig die Reaktion

verhängte, der auf den lombardischen Schlachtfeldern unser Blut vergoß, der

gegen das protestantische Preußen trieb und uns zu Königgrätz brachte. Hier

wird das pfaffenbeherrschte, christlich-soziale Österreich jetzt machtvoll wieder

aufgerichtet. In dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser Adel für Rom

und seine Kirche gerüstet.

 

Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre Eltern herausgefahren

kommen, um sie zu besuchen, dann werden sie zum Stelzer geführt. Es ist ihr

erster Weg. Dann sitzen sie hier im Garten und essen Gefrorenes und haben

liebe, saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen wohlwollend dabei, schauen zu,

wie es den Kindern schmeckt, und denken der eigenen Jugend: Kalksburg, die

Jesuitenschule, die Uniform und die Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben

werden aufwachsen, werden dann zur Universität oder auf die Orientalische

Akademie gehen, oder sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern dienen.

Dann werden sie mit ihrer ersten Geliebten, mit einem hübschen Ballettmädel,

oder mit einer herzigen Choristin, oder mit einer französischen Varieteedame im Fiaker fahren. Über die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß vorbei,

durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, zum Stelzer. Sie werden irgendeiner

Botschaft attachiert sein, in Buenos Aires oder in Peking, sie werden in die

Statthalterei eintreten, bei irgendeiner Bezirkshauptmannschaft in der Provinz,

oder sie werden in einem Ministerium arbeiten; und wenn sie dann im Frühling

auf Urlaub nach Wien kommen, werden sie wieder im Fiaker zum Stelzer fahren.

Sie werden irgendeine Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich im

Wonnemond, vor dem Derby jedenfalls, mit ihrer Frau beim Stelzer sehen

lassen. Dann kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg zu den Jesuiten in

die Schule müssen, und die kleinen Buben führt man dann wieder in den

Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen zu ihrer Erholung vom Studium.

Sie werden Hofräte und Sektionschefs und Generale und Leibgardekapitäns, und

wenn man an linden Frühsommerabenden unter freiem Himmel »nachtmahlen«

will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren, dann ist es wieder zum Stelzer. Denn

man ist konservativ und treu. Seinem Gott, seinem Kaiser, seinen Jesuiten,

seinem gewohnten Weg und seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und

Exzellenzen und Statthalter und Gouverneure, halten die Schnüre der großen

Politik in der Hand, haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, mit

fremden Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier oder mit einem

Börsenbaron; Angelegenheiten, die man vorerst ganz vertraulich, ganz privat

behandeln muß und ganz gemütlich. Da gibt man solch einer Konferenz, in der

manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen entschieden wird, den

harmlosen Charakter eines Soupergespräches, den Anschein zufälliger

Begegnung, und man plaudert beim Stelzer draußen in einem Gartenzelt, wenn's

Sommer ist, oder in einer der behaglichen Altwiener Stuben, wenn ringsum der

Schnee auf den Bergen liegt.

 

In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit Photographien. Prinzen und

Prinzessinnen, ungarische Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische

Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte Tenoristen, populäre Komiker. Eine

Galerie, die verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder ins Gedächtnis

bringt, und Gesichter zeigt, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren des

vorigen Säkulums lebendig und bekannt gewesen; Gesichter, die heute lebendig

und bekannt sind. Auf jedem Bild Unterschrift und Widmung an den Wirt. In

diesen Stuben sind Geheimnisse der Monarchie besprochen worden, diese

Wände haben den Klatsch der großen Gesellschaft gehört und das Flüstern

galanter, vornehmer Abenteuer.

 

Der schmale Weg vom Kloster her hat die Leute zuerst zum Stelzer gebracht.

Kloster und Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen sind die Kokotten gekommen, mit den

Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge der großen Bankhäuser; es

kamen die Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam die prunkvolle Finanzwelt,

die Künstler kamen, das Theater, einfach alle.

 

In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, ist ganz Österreich beisammen.

Österreichs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Männer, die das Land

regiert haben, die es regieren und die es einst regieren werden. Alle zusammen

sind sie Schulkameraden von Kalksburg her. Das sitzt hier beieinander, jetzt, wie

in den Tagen des Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des

Sechsundsechzigerkrieges, wie in den Jahren Radetzkys, wie im Vormärz, als

Kaiser Ferdinand noch regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus wie damals und

denkt nicht viel anders, als man immer schon gedacht hat. Kennt sich

untereinander, ist wie eine große Familie; und der Frühling duftet wie einst.

 

Wir fahren heim. In den Gärten singen die Amseln, über die jungen Saaten

zuckt der Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt das kaiserliche Wien

vor den berauschten Blicken. Dunst und Staub schwebt über der Stadt wie ein

feiner hellgrauer Schleier, aus dem die Turmspitzen in der Abendsonne funkeln.

Unübersehbar und mächtig ruht die Stadt in der Ebene, verschwindet am fernen

Horizont, als breite sie sich über das ganze Land hin. Wir schauen zurück in das

Tal, das wir verlassen, sehen die weiße Front des Klosters aus den Baumwipfeln

des alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an den Fuß der Berge schmiegen.

Dort unten haben wir den Extrakt dieser Heimatswelt geschaut, haben ihr

Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift aller Kapitel ihrer Geschichte und

ihrer Romane.

 

Und die Pferde traben.