Das österreichische Antlitz
Das Wirtshaus von Österreich
Wir fahren zum Stelzer nach Rodaun. Durch den lang hingestreckten Lärm der
Mariahilferstraße; durch diese Stromschnellen des Mittelstandes, der hier in
hunderttausend Alltäglichkeiten uns umschäumt. Draußen bei den letzten
Häusern ist es dann, als ob eine Türe plötzlich aufginge. Da öffnet sich das Land,
da wird der Himmel weit; von ferne schimmern die Höhen des Wienerwaldes
und durch die Luft weht der Atem des Mai. Seitab der Straße, jenseits der
Wiesensenkung lächelt Schönbrunn zu uns herauf. Über das Schloß hinaus
prangt die feierliche Anmut der Gloriette am Firmament. Wir fahren durch das
stille, noble Hietzing. Blühende Gärten, Sommerpaläste aus den Tagen der Maria
Theresia, Biedermeierhäuschen und blühende Gärten. Weiter hinaus durch Lainz
und Speising, alte Bauerhütten und neue Cottagevillen. Wir fahren am
Rosenhügel vorüber, dann hinunter in die kleine Ortschaft Mauer, dann noch
eine enge gewundene Straße bergan, zwischen Gärten, in denen der Flieder
duftet. Auf der Graskuppe droben rasten die Pferde ein wenig. Nun sind wir den
Bergen nahe. Der Wind trägt den Laubgeruch der Wälder zu uns her. Vor uns in
der Tiefe, an die ersten Hügel geschmiegt, weißblinkend das Dorf Rodaun.
Drunten, beim Stelzer eine wirr drängende Auffahrt. Fiaker, Equipagen,
Automobile, Kutschierwagen. Beinahe wie vor dem Lusthaus im Prater oder vor
dem Pavillon d'Armenonville im Bois de Boulogne. Dies ist nichts als ein altes
Wirtshaus. Eine ländliche Diele, im Stil der Kaiser-Franz-Zeit wienerisch; ein
paar behagliche altmodische Stuben, allerlei neuer Zubau an Veranden und
Terrassen. Ein Garten, der den Hügel erklettert, daran das Haus sich lehnt.
Dreißig Wirtschaften gibt es im Wienerwald, die schöner und lieblicher gelegen
sind als diese hier. Die Gegend ist reizend, aber sie wird von dreißig anderen hier
herum an Reiz übertroffen. Hier ist auch kein Ausgangspunkt, hier führt kein
Weg zu populären Landpartien. Man kommt eben nur heraus, um beim Stelzer
zu sein. Der ganze Garten schwirrt von eleganten Menschen. Alle sitzen da unter
den blühenden Kastanienbäumen und trinken Kaffee, sitzen dann im oberen
Garten und soupieren.
Kleine Buben in Uniform, von Vater und Mutter, von Schwestern und Tanten
umgeben und umzärtelt, verschlingen gierig ihre Eisschokolade, ihre
Erdbeercreme und Kuchen. Zehnjährige, zwölfjährige Buberln, fünfzehnjährige,
sechszehnjährige Burschen. Sie sind ungefähr wie die Theresianisten angezogen. Österreichischer Offiziersrock, silberne Litzen am Kragen, österreichische
Offizierskappen. Brave, saubere Gesichter, die manchmal die Züge bekannter
Familien tragen. Der Kleine da mag ein Liechtenstein, der andere hier ein
Auersperg sein, der hübsche Pagenkopf dort ein Taxis. Diese kleinen Buben
werden nebenan in der Jesuitenschule erzogen. Fünfzig Schritte vom Stelzer
liegt das Kalksburger Kloster, darin diese Kinder aufwachsen, die jetzt schon so
offiziell und so österreichisch aussehen.
Kalksburg … in dieser Küche wird der österreichische Geist zubereitet, wird
gemischt und gewürzt, gedämpft und abgebrüht. In die Jesuitenschule gehen
alle, die geboren sind, dieses Land zu regieren. Katholische Verhaltenheit, Kunst
des Lavierens, innerliches Gebundensein, Technik der kleinen Lüge und der
feingesponnenen Intrigen, Demut und Beschränktheit, Stolz und Gehorsam,
Andacht, Aberglaube, Snobismus, Weisheit und Mißtrauen, Liebe zu allem
Hergebrachten, Widerstand und Tücke gegen alles Neue, und noch viele andere
Dinge werden hier in die Menschen gepflanzt, Dinge, die man bei uns sogleich
begreift und erkennt, wenn man nur »Kalksburg« sagt. Hier wuchsen die Gegner
Josefs des Zweiten auf, hier wurden die Minister des Kaisers Franz, die
Diplomaten des Kaisers Ferdinand, die Ratgeber, Botschafter und Statthalter
Franz Josefs erzogen. Von hier aus nahmen sie ihren Weg.
Und ihr erster Weg war immer zum Stelzer. Hier ward, in der Kalksburger
Jesuitenschule, der staatsmännische Geist gebildet, der die Habsburger
Monarchie vom Deutschen Reich löste, der nach Achtundvierzig die Reaktion
verhängte, der auf den lombardischen Schlachtfeldern unser Blut vergoß, der
gegen das protestantische Preußen trieb und uns zu Königgrätz brachte. Hier
wird das pfaffenbeherrschte, christlich-soziale Österreich jetzt machtvoll wieder
aufgerichtet. In dieser Waffenschmiede der Jesuiten wird unser Adel für Rom
und seine Kirche gerüstet.
Aber wenn sie noch kleine Buben sind, und ihre Eltern herausgefahren
kommen, um sie zu besuchen, dann werden sie zum Stelzer geführt. Es ist ihr
erster Weg. Dann sitzen sie hier im Garten und essen Gefrorenes und haben
liebe, saubere, brave Gesichter. Die Väter sitzen wohlwollend dabei, schauen zu,
wie es den Kindern schmeckt, und denken der eigenen Jugend: Kalksburg, die
Jesuitenschule, die Uniform und die Jause beim Stelzer. Diese kleinen Buben
werden aufwachsen, werden dann zur Universität oder auf die Orientalische
Akademie gehen, oder sie werden bei den Windischgrätz-Dragonern dienen.
Dann werden sie mit ihrer ersten Geliebten, mit einem hübschen Ballettmädel,
oder mit einer herzigen Choristin, oder mit einer französischen Varieteedame im Fiaker fahren. Über die Mariahilferstraße, am Schönbrunner Schloß vorbei,
durch Hietzing und Mauer nach Rodaun, zum Stelzer. Sie werden irgendeiner
Botschaft attachiert sein, in Buenos Aires oder in Peking, sie werden in die
Statthalterei eintreten, bei irgendeiner Bezirkshauptmannschaft in der Provinz,
oder sie werden in einem Ministerium arbeiten; und wenn sie dann im Frühling
auf Urlaub nach Wien kommen, werden sie wieder im Fiaker zum Stelzer fahren.
Sie werden irgendeine Prinzeß oder eine Komtesse heiraten und sich im
Wonnemond, vor dem Derby jedenfalls, mit ihrer Frau beim Stelzer sehen
lassen. Dann kriegen sie Kinder, die wieder nach Kalksburg zu den Jesuiten in
die Schule müssen, und die kleinen Buben führt man dann wieder in den
Gasthausgarten her, damit sie Gefrorenes essen zu ihrer Erholung vom Studium.
Sie werden Hofräte und Sektionschefs und Generale und Leibgardekapitäns, und
wenn man an linden Frühsommerabenden unter freiem Himmel »nachtmahlen«
will, oder zum Kaffee ins Grüne fahren, dann ist es wieder zum Stelzer. Denn
man ist konservativ und treu. Seinem Gott, seinem Kaiser, seinen Jesuiten,
seinem gewohnten Weg und seinem Wirtshaus. Sie werden Minister und
Exzellenzen und Statthalter und Gouverneure, halten die Schnüre der großen
Politik in der Hand, haben feine und delikate Geschäfte auszuführen, mit
fremden Diplomaten, mit irgendeinem Parlamentarier oder mit einem
Börsenbaron; Angelegenheiten, die man vorerst ganz vertraulich, ganz privat
behandeln muß und ganz gemütlich. Da gibt man solch einer Konferenz, in der
manchmal das Schicksal Österreichs ein bißchen entschieden wird, den
harmlosen Charakter eines Soupergespräches, den Anschein zufälliger
Begegnung, und man plaudert beim Stelzer draußen in einem Gartenzelt, wenn's
Sommer ist, oder in einer der behaglichen Altwiener Stuben, wenn ringsum der
Schnee auf den Bergen liegt.
In diesen Stuben sind die Wände bedeckt mit Photographien. Prinzen und
Prinzessinnen, ungarische Magnaten, polnische Schlachzizen, wienerische
Geldfürsten, Theaterköniginnen, berühmte Tenoristen, populäre Komiker. Eine
Galerie, die verschollenen Ruhm und versunkene Macht wieder ins Gedächtnis
bringt, und Gesichter zeigt, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren des
vorigen Säkulums lebendig und bekannt gewesen; Gesichter, die heute lebendig
und bekannt sind. Auf jedem Bild Unterschrift und Widmung an den Wirt. In
diesen Stuben sind Geheimnisse der Monarchie besprochen worden, diese
Wände haben den Klatsch der großen Gesellschaft gehört und das Flüstern
galanter, vornehmer Abenteuer.
Der schmale Weg vom Kloster her hat die Leute zuerst zum Stelzer gebracht.
Kloster und Wirtshaus, Kirche und Lustbarkeit, das ist eine uralte katholische Nachbarschaft. Mit den Adeligen sind die Kokotten gekommen, mit den
Kokotten die reichen Bürgersöhne, die Sprößlinge der großen Bankhäuser; es
kamen die Fabrikantenfamilien vom Grund, es kam die prunkvolle Finanzwelt,
die Künstler kamen, das Theater, einfach alle.
In diesem Garten, der von Menschen schwirrt, ist ganz Österreich beisammen.
Österreichs Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Männer, die das Land
regiert haben, die es regieren und die es einst regieren werden. Alle zusammen
sind sie Schulkameraden von Kalksburg her. Das sitzt hier beieinander, jetzt, wie
in den Tagen des Kronprinzen Rudolf, wie in den Tagen des
Sechsundsechzigerkrieges, wie in den Jahren Radetzkys, wie im Vormärz, als
Kaiser Ferdinand noch regierte. Das plaudert wie einst, sieht aus wie damals und
denkt nicht viel anders, als man immer schon gedacht hat. Kennt sich
untereinander, ist wie eine große Familie; und der Frühling duftet wie einst.
Wir fahren heim. In den Gärten singen die Amseln, über die jungen Saaten
zuckt der Schwalbenflug dahin. Oben auf der Anhöhe liegt das kaiserliche Wien
vor den berauschten Blicken. Dunst und Staub schwebt über der Stadt wie ein
feiner hellgrauer Schleier, aus dem die Turmspitzen in der Abendsonne funkeln.
Unübersehbar und mächtig ruht die Stadt in der Ebene, verschwindet am fernen
Horizont, als breite sie sich über das ganze Land hin. Wir schauen zurück in das
Tal, das wir verlassen, sehen die weiße Front des Klosters aus den Baumwipfeln
des alten Parks schimmern, sehen Rodaun sich an den Fuß der Berge schmiegen.
Dort unten haben wir den Extrakt dieser Heimatswelt geschaut, haben ihr
Inhaltsverzeichnis gelesen, die Überschrift aller Kapitel ihrer Geschichte und
ihrer Romane.
Und die Pferde traben.