Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 15 von 24

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Das österreichische Antlitz

Mauerbach

 

 

Am Laudonpark vorbei führt die schöne, sanft ansteigende Waldstaße nach

Mauerbach. Gleich an ihrem Anfang steht das alte Laudonschloß mitten in

einem stillen dunkeln Weiher. Man soll hier nicht vorbei, ohne diesen ruhevollen

Herrensitz zu betrachten. Ein wenig neidisch wird man freilich, wenn man da so

um die Mauern streicht und zu den hohen Fenstern emporblickt und dabei sich

ausmalt, wie ganz wunderbar es sein muß, so mit allem Luxus und behaglicher

Vornehmheit eingebettet sein inmitten des Waldes, umbuscht und umgrünt von

einem Getümmel blühenden Strauchwerks und himmelragender Bäume. Auf

dem stillen Weiher ziehen lichte Schwäne ihre Bahn, hellgrün belaubte Weiden

lassen ihre Zweige in das Wasser niedersinken, und die Quadern des Schlosses

spiegeln sich darin. Es ist ein Bau im Stil der Maria Theresienzeit. Anmutig und

feierlich, und mit einem Zug ins Heroische. Daß man erst über eine steinerne

Brücke gehen muß, um an das Tor zu gelangen, gibt dem Schloß das Aussehen

einer Veste. So bauten die großen Soldaten vergangener Epochen. Immer, auch

wenn sie sich zur Ruhe setzen, tun sie, als ob sie sich verschanzen wollten.

 

Der Feldmarschall Laudon ist in Weidlingau noch sehr populär. Seine

Nachkommen leben in dem schönen Schloß, das er ihnen hinterließ. Er selbst

aber liegt draußen im Walde begraben. Neulich habe ich ihn sogar mitten durch

die Hauptstraße reiten sehen, umgeben von seinem Stabe, im weißen

Waffenrock, das Goldene Vließ auf der Brust und hinterher ein Schwarm

türkischer Gefangener. Voran kamen zwei Herolde in altdeutscher Tracht. Und

auf seinem Zuge ließ sich der Generalfeldmarschall photographieren. Das Ganze

war ein Sängerfest, und der Mummenschanz nahm sich auf sonniger Straße

hübsch genug aus. Namentlich der Feldmarschall Laudon, von einem schlanken

jungen Mann mit Würde dargestellt, erschien hier wie ein alter Bekannter. Er

glich aufs Haar dem Laudon auf dem Wirtshausschild, was für beide, für den

gemalten wie für den kostümierten Generalissimus, als ein voller Beweis ihrer

historischen Echtheit gelten darf.

 

An diesem festlichen Tage fuhr ich, dem etwas langwierigen und lauten

Männergesang zu entwischen, wieder einmal die Straße nach Mauerbach. Dort

draußen kann man ja auch Sonntags im Freien sich ergehen, der frischen Luft

genießen, ohne allzuvielen Menschen zu begegnen. Der große Schwarm hält sich

eben dicht an der Bahnstrecke, und in dieses friedliche Seitental kommen nur wenige.

 

Ein schmaler weißer Streifen, zieht die Waldstraße durch die schöne grüne

Welt. Berge ringsumher, sanfte, freundliche Berge, einer zärtlich immer an den

anderen gelehnt. Und breite, fröhliche Wiesenflächen, auf denen einsame Erlen

ihre Äste breiten. Hier und da eine alleinstehende Eiche, die aussieht, als sei sie

mit den anderen Bäumen verfeindet und halte sich nun trotzig abseits von ihnen.

Oder ein paar zarte junge Birken mitten auf einer Wiese, als sei es ihnen im

Walde zu langweilig geworden, und als wollten sie nur eben ein bißchen

spazierengehen. Und der weiße Wegstreifen vor dir läuft immerzu ins Grüne

hinein, bergauf, bergab, wie unsere Sehnsucht, die sommerlich ins Freie strebt.

 

Man blickt zurück und findet sich völlig eingeschlossen von der Lieblichkeit

der Wienerwald-Landschaft, in der so viel Eichendorffsche Stimmung ruht. O

Täler weit, o Höhen! Wie nah ist man hier doch der Stadt, oder wie fern von ihr?

Man weiß es nicht. Es können viele, viele Meilen sein, so still ist es da, und so

unberührt ist die Flur. Nicht einmal der Wind trägt das lärmende Wanderlied der

Eisenbahnzüge bis hierher. Nur Amselrufe, Finkenschlag und Lerchengesang,

und das helle Zirpen der Grillen, das von den Wiesen aufsteigt wie der tönend

gewordene Atem der blühenden Erde. Lange wird dieser Frieden nicht mehr

dauern. Dann kommt die Bahn. Die »Wienerwald«-Bahn, wie man sie heute

schon nennt, die von Hütteldorf über Judenau nach Tulln-Herzogenburg führen

soll. Dann wird auch das jungfräuliche, wenig besiedelte Mauerbachtal, das jetzt

so hübsch außer der Welt liegt, von Lärm und Unrast und Neugier erfüllt sein.

Schlag' noch einmal die Bogen um mich, du grünes Zelt!

 

Dann freilich wird auch das kleine Mauerbach für die sogenannten weitesten

Kreise entdeckt werden. Und man wird finden, daß es ein seltsamer und

sehenswerter Ort ist. Maler werden hierher kommen und das alte

Karthäuserkloster malen, und die Pfründner, die jetzt darinnen wohnen, wird

man auf Bildern sehen, die den Armenhausbildern von Gotthard Kuehl gleichen

werden. Und man wird bemerken, daß Mauerbach geradeso schön ist, wie die

vielgerühmte Beguinage in Brügge, und ebenso vom Zauber einer wunderbaren,

wehmütig lieblichen Stimmung übergossen, wie die stillen Stätten verrastender

Greise in Holland.

 

Schon der abschüssige Dorfplatz in Mauerbach ist von einer merkwürdigen

Schönheit. Die große uralte Linde, die in seiner Mitte steht, und das tief

gelegene, farbige Portal, das den Eingang zur Karthause bildet. Verwachsene

Fresken zieren den kühnen Steinbogen dieses Durchlasses, der eine Vedute auf

den weiten Vorhof eröffnet. Es ist wie der Eingang zu einer Burg. Hinter dem vergitterten Fenster, das wie ein einziges Auge aus dem verwitterten Gemäuer

blickt, mag einmal der Torwart ausgespäht haben. Jetzt sitzen die alten Frauen

und Männer hier in der Sonne, oder rings um die Linde, oder sie kauern am Zaun

der kleinen Vorgärten und schauen die Straße hinunter, die aus dem Gewühl des

Lebens hierher zu ihrer Einsamkeit führt.

 

Über den weiten Vorhof, in dem die Hühner und Gänse ihre Prozessionen

halten, kommt man zum Kloster. Ein Wassergraben, durch den der Mauerbach

rinnt, wehrt den Zugang und erinnert wieder an eine Festung. Weiter unten steht

auch ein runder, spitzbedachter verwitterter Turm mit kleinen Schießscharten.

Die Karthäuser mögen sich gegen alle Zufälle vorgesehen haben. Denn es war

eben doch nicht ganz gemütlich hier, mitten im Wald, vor vier- oder fünfhundert

Jahren, und die »Wienerwaldbahn« ruhte damals noch tiefer im Zeitenschoße als

jetzt. Die Pfründner natürlich haben dem Bollwerk eine andere Bestimmung

anphantasiert. Sie nennen ihn den Hungerturm und behaupten, man habe sündige

Mönche da hineingesperrt und sie elend darin versterben lassen, und natürlich

gibt es einige, die wissen wollen, daß es in dem alten Turm spuke.

 

Durch schöne breite Gänge spaziert man in dem Kloster umher. Kreuzgänge,

in denen es angenehm kühl ist, in denen die Schritte auf den Steinfliesen hallen,

und wo das geschnitzte Holzwerk an den Türrahmen nachgedunkelt und

tiefbraun geworden ist. Schlafsaal – Krankensaal – liest man jetzt, wo früher

Refektorium oder Bibliothek gewesen. Dann die Kirche. Sie ist klein, aber hoch,

und hat einen prunkvollen Altar mit einem mächtigen Bild darüber; rechts und

links zwei überlebensgroße, in Gold und reichen Farben prangende Holzstatuen.

Hier ist auch das Grabmal Friedrichs des Schönen, der die Karthause einst

gegründet hat. Draußen im Garten wird die Stelle gezeigt, an der Friedrich im

Walde sich verirrte und das Gelöbnis tat, wenn Gott ihn aus der Wildnis führe,

hier ein Kloster zu erbauen. Und Gott rettete den schönen jungen Herzog. Und

der »bonus dux« wie die Grabschrift ihn nennt, hielt seinem Schöpfer, was er

versprochen. Lange hat er in dieser Kirche geschlafen, hinter diesem roten

Marmorstein, der heute noch sein Lob kündet. Als dann Josef II. das Kloster

aufhob und zu einem Armenhaus verwandelte, wurde auch der Stifter von den

Mönchen hinweggenommen und anderswo gebettet. Ich glaube, zu St. Stephan

in Wien, oder im Stift zu Heiligenkreuz.

 

Die Kirche aber ward zu groß befunden für die Armenhäusler, und so führte

man in der Mitte eine Mauer auf, ließ das vordere Hauptschiff als Kapelle

bestehen und teilte die rückwärtige Hälfte in mehrere Stockwerke, so daß jetzt

zwei Schlafsäle übereinander den Raum einnehmen, den früher das Orgelemporium hatte. In dem obersten Saale sind alte Frauen. Da ist es denn für

sie beinahe wie im Himmel selbst, denn sie sehen durch die Fenster geradeaus in

die Kirche herunter, können von ihrem Bette aus den Hochaltar erblicken, die

Messe hören, und der sanft schütternde Klang der Orgel dringt bis herauf in ihre

Stube. Wenn sie aber morgens die Augen aufschlagen, dann haben sie gleich

eine ganze Engelsschar über ihrem Haupt. Weil nämlich die prächtige

Kirchendecke mit ihren Gemälden und ihren Stuckverzierungen hier unversehrt

geblieben, genießen sie diesen Luxus, der ja in Armenstuben selten und

sonderbar genug ist. Wo aber die Wand an die Kirchendecke stößt, schneidet sie

freilich recht unbekümmert die ganze Herrlichkeit entzwei. Und da fährt nun ein

Engel zum Zimmer herein, der halben Leibes noch in der Kirche drüben steckt.

Ein anderer wieder ist noch mit den Beinen hier innen, während er mit Kopf und

Armen voran in die Kirche strebt, und nimmt sich aus, als sei er hier gefangen

und eben mit allen Kräften bemüht, zu entschlüpfen.

 

Es ist ein merkwürdiger Raum, dieser Schlafsaal armer, alter Frauen, dessen

Dielen Weichholz sind und dessen Plafond an fürstliche Prachtgemächer

erinnert. Welch eine ergreifende Atmosphäre! Wie nah am Tode und am Ende

aller Dinge fühlt man sich hier! Wie viel verbrauchtes Leben, vollendetes

Schicksal, überstandene Sorge, wie viel Hoffnungslosigkeit und Trauer,

müdgeweinte Enttäuschung, wie viel endgültiges, demütigendes Verzichten, wie

viel Abschiedsschmerz atmet hier, wo die Menschen nichts mehr zu tun haben,

als auf ihr Stündlein zu warten!

 

Da sitzen die alten Frauen vor den Fenstern und schauen in die Kirche

hinunter, mit stillen, erloschenen Blicken, die so bewegungslos und so

undurchdringlich sind. Oder sie hocken auf ihren Betten und verstricken den

Sommertag, oder wirtschaften mit einem enormen Aufgebot selbsttäuschender

Wichtigkeit in allerlei Kleinkram.

 

Wie das Alter ertragen wird, kann man hier merken auf Schritt und Tritt. Wie

die einen gelassen sind und beschwichtigt, die anderen in beständiger

Aufregung, andere verzweifelt, andere beschämt und verschüchtert, andere

wieder fröhlich. Sie alle zusammen aber recht egoistisch und zur Verträglichkeit

wenig geneigt. Dort geht ein Greis über den Hof, trägt stolz seine Medaillen und

raucht lächelnd sein Pfeifchen. Zwei andere aber stoßen sich an, blicken ihm

spöttisch nach und beschwatzen ihn. Oder eine alte Frau verläßt eine Gruppe.

Sofort finden sich die übrigen zusammen, ziehen über sie los, so ungeniert, daß

die Davongelaufene es noch hören muß. Aber sie ist es gewohnt, kümmert sich

nicht darum und macht es offenbar, wenn es die Gelegenheit gibt, auch nicht anders.

 

Beruhigt sind die Menschen auch hier noch nicht. Das kommt doch wohl erst,

wenn jeder für sich im Schrein liegt, wo niemand ihn sieht, und wo er

niemanden mehr beobachten, beneiden und bereden kann. »Was man da alles

hört …« sagt eine kleine alte Frau zu einem Greis, der ihr aufmerksam lauscht.

»Gestern hat die Huber mit der Berger g'stritten, weil der Meyer ihr zurückg'sagt

hat …« Und ihr vergilbtes, kraftloses Gesicht leuchtet vor Vergnügen, so

interessante Neuigkeiten zu berichten. Erstaunt betrachte ich sie, wie sie auf dem

Platz unter der Linde stehen, alle beide ganz versunken in ihrem Gespräch. Ein

paar Schritte weiter hinauf, und man überblickt die Karthause, wie sie

eingebettet, im tiefen Wald, mitten in den Bergen hier einsam liegt. Da glaubt

man, hier ist die Ruhe, und hier steht alles Leben und alles Geschehen stille. Und

auf einmal sagt jemand: »Was man da alles hört!« In Mauerbach …