Das österreichische Antlitz
Elisabeth
Jetzt ist uns ihre Existenz fast schon wie etwas Unwirkliches, ihre Gestalt
schwebend wie die Gestalten eines Traumes, und auf ihr Schicksal blicken wir
kaum noch wie auf ein gelebtes Dasein, sondern wie auf eine Dichtung. Das
rührt von der tiefsten Seelenkraft dieser Frau her, die alle Wirklichkeit immer ins
Erhabene emporzwang. Das rührt davon her, daß ihr Wesen vom Geschick
freilich verwundet, aber niemals bestaubt werden konnte. Was auch rings um sie
her an Verheißungen hindorrte, ihr eigener Sinn ist nicht welk geworden. Was
auch vor ihr an teuren Gütern in Trümmer sank, es vermochte nicht, ihr den Weg
zu sich selbst zu verrammeln. Dieses unbegreiflich hohe Hinwegschreiten über
das äußere Leben macht es, daß ihr Dasein jetzt einer Legende gleicht.
Es fängt mit dem strahlenden Glück an, läuft aus sonniger Pracht in dunkle
Trauer und endigt in grauenhaftem Tod. Momente aus ihrem Leben: die
stürmisch geliebte Kaiserbraut, die in Wien einzog, so lieblich, daß sie nicht bloß
die erste, sondern die schönste Frau des Reiches war. Die schönste Kaiserin an
einem lachenden, frohgelaunten Hof, in einem lachenden, frohgelaunten Wien.
Dann ihre Krönung zur Königin von Ungarn, bejubelt, wie seit den Tagen der
Maria Theresia keine Monarchin mehr bejubelt wurde. Dann ein langsames
Hinweggleiten aus all dem Glanz. Einsam und einsamer auf weiten Reisen.
Dann der Tag von Mayerling. Das jähe Hinstürzen jeglicher Zukunftshoffnung.
Dann wieder tiefe Einsamkeit in fernen Ländern. Der Traum vom Griechentum
in dem weißen Schloß auf Korfu. Ein unerfüllter Traum. Das Schloß blieb
verlassen. Wandern, wandern, wandern. An den Gestaden südlicher Meere,
durch kleine Städte Italiens. Unerkannt, unscheinbar in ihren Trauerkleidern,
versteckt und den Zudrang der Menschen meidend. Jahre. Dann am Genfer See
das schnelle, aus Mörderhand empfangene Sterben.
Die Kaiserin … Sie ist uns lange schon entschwebt, war uns eine Gestalt, die
irgendwo ihr Dasein hoch über dem Dasein anderer Menschen ins Weite trug.
Nur manchmal drang eine Kunde von ihr bis zu uns herüber, nur manchmal kam
ein Klang aus ihrer Welt zu uns herangeweht. Und wunderbar, wie feines Ahnen
in den Instinkten der Menge liegt, daß man aus so fernen Fernen die Kaiserin
verstand, daß man ihr Suchen nach Schönheit und Ruhe begriff, daß man
banalere Vorstellungen vom Walten einer Kaiserin still beiseite legte und mit
ahnungsvoller Ehrfurcht eine Menschlichkeit bewunderte, die über den höchsten irdischen Rang hinaus höheren Graden noch sehnsüchtig entgegenstrebte. Die
Kaiserin. Auch dieses Wort ist durch Elisabeth zarter, märchenhafter,
unwirklicher, gleichsam dichterischer geworden.
Wir haben Bilder aus ihrer Jugendzeit. Denn ein anderes Antlitz als das ihrer
blühenden Jugend hat sie dem Volke niemals im Bilde gezeigt. Aber indem wir
diese Bilder jetzt betrachten, wissen wir, daß keines ihr wirkliches Wesen
enthüllt. Dieses edel schmale Gesicht sehen wir, die Anmut ihrer
geschwungenen Lippen, die dunkle Tiefe ihrer Augen. Doch wir sehen, daß alle
Maler die Prinzessin Elisabeth malen wollten, die Kaiserin Elisabeth. Und daß
keiner es vermocht hat, Elisabeth zu malen. Wir sehen, daß dieses Antlitz etwas
noch verbirgt, ein Unaufgefundenes, ein Verhehltes, ein Verschlossenes: sein
Bestes. Die Züge sind da, aber was diese Züge zur Einheit verschmilzt, was sie
beseelt, das ist nicht da. An die leere Stelle tritt ein offizieller Ausdruck:
Kaiserin. Die Lebendigkeit dieses Gesichtes, seine zarteste, intimste
Lebendigkeit hat keiner von den Malern gegeben. Vielleicht auch, weil keiner sie
erfassen konnte.
So ist ihr Wesen auch dem einfacher Zugreifenden nicht erfaßlich gewesen.
Nicht in geraden, handlichen Worten ließ es sich sagen. Etwa: sie ist heiter
gewesen, oder melancholisch, oder freigeistig, oder fromm, oder demütig, oder
stolz, gütig oder voll Energie. Sie war am Ende zu sehr alles zusammen, heiter
und melancholisch, freigeistig und fromm, demütig und stolz und gütig und voll
Energie und noch vieles andere dazu. Sie war viel zu sehr alles zusammen, als
daß man dem Volke eine Formel hätte darreichen können: so und so ist deine
Kaiserin. Kann sein, man hätte sagen dürfen: sie ist fürstlich. Aber die Begriffe,
die vom Fürstlichsein umgehen, sind durch andere Beispiele entstanden und
gewertet worden. Es hätte Mißverständnisse gegeben.
Mancherlei Erbe trug sie in ihrem königlichen Blut. Die Wittelsbacher
vermochten es oft, ihr fürstliches Vergnügen künstlerisch zu veredeln, hatten die
Gabe, in geistigen Genüssen zu schwelgen, ja zu prassen wie andere in Genüssen
des Leibes, hatten oft diese stürmende Seele, die sich selbst zerarbeitet. Zu ihren
Urmüttern zählte Therese Kunigunde, des Polenkönigs Sobieski stolze und
wildschöne Tochter, die das Reiten und Jagen liebte und das Bücherlesen, und
dem höfischen Zeremoniell sich ewig widersetzte. Sie war des Kurfürsten Max
Emanuel Gattin. Elisabeths Vater war der Herzog Max, den seine Sehnsucht in
den Orient trieb. Es war die große Reise seines Lebens. Und sein Traum vom
Reisen war der Orient. Ein Dichter, wie König Ludwig I., ein besserer vielleicht.
Mindestens ein sehr kultivierter Dilettant, der historische Novellen aus der Renaissancezeit schrieb. Königliche Prunkliebe und bürgerliche Einfachheit ist
bei den Wittelsbachern. Aber am Ende mag man alle Gaben, die das Bayernhaus
zu vererben hat, noch so sehr durchsuchen, noch so sehr durcheinandermischen,
die wundervolle Zartheit, die geheimnistiefe Kraft, die in der Kaiserin Elisabeth
gelebt hat, entschleiert sich und erklärt sich damit nicht.
Was wissen wir auch von ihr? Daß sie in ihrer Jugend die adelige Kunst des
Reitens geliebt und geübt hat. Daß ihr Körper gestählt und geschmeidig war und
daß ihr Gang eine musikalische Schönheit besaß, die aus solcher Meisterschaft
herkam. Daß sie den Zauber einer unberührten Natur, Bergwälder und
Meeresufer inniger verehrte als den Tumult mondäner Amüsements. Daß keine
Eitelkeit und keine Hoffart in ihr war, die sie getrieben hätten, sich am
lärmenden Zuruf der Massen zu ergötzen. Daß es sie zu quälen schien, sich
selbst als Schaustück der Menge hinzustellen. Daß sie dafür auf einsamen
Spaziergängen aus dem Homer sich vorlesen ließ und in späten Jahren noch
anfing, Griechisch zu lernen, um des Gedichtes Schönheit aus dem Urtext näher
zu begreifen. Daß sie den Dichter, der das »Buch der Lieder« geschrieben,
verehrte und ihm zu Korfu ein Denkmal gesetzt hat. Daß sie den Schmerz um
ihren einzigen Sohn von Land zu Land, von Gestade zu Gestade ruhelos
umhergetragen, ihren Kummer vor den Blicken der Welt verbarg, wie sie stets
ihr schönstes Fühlen vor profanen Augen verborgen gehalten. Wenn wir nur
dieses, was wir wissen, nehmen, ihr Wesen damit zu umspannen, dann haben wir
eine große Seele, ein Frauenherz von einer Reinheit, einen Frauensinn von einer
Tiefe, daß sie als eine lichte Gestalt unserem Gedächtnis bleiben müßte, auch
wenn sie nicht die Kaiserin gewesen wäre.
Daß sie's gewesen ist, scheint mir von unermeßbarem Wert. Denn sie hat mehr
gewirkt als eine Kaiserin, die prunkvoll durch alle Straßen fährt, auf allen Festen
glänzt, sich überall huldvoll und gnädig dem Volke neigt und die Mode des
Landes wie das gesellige Wohltätigkeitsgeschäft regiert. Sie hat dieser Zeit die
Fürstin gegeben, hat als einzige auf eine lautlose, unwillkürliche und
vollkommen menschliche Art gezeigt, was eine Fürstin ist. Sie hat ein Hochmaß
von Weiblichkeit in unsere Zeit hineingestellt, das kostbarer ist als alles, was wir
an erdichteten weiblichen Idealgestalten besitzen.
Und sonderbar: Wie unser Erinnern sich lebhafter der Kaiserin zuwendet, da
merken wir, daß wir im Eigentlichen nur wenig von ihr wissen, uns nicht
vermessen dürfen, sie zu kennen, sondern daß es weit mehr die Ahnung von
ihrem reichen Wesen ist, die uns bezwingt. Ein Leben, aus weiter Ferne
angeschaut. Still und hoch dahinfunkelnd, vom Schimmer des seligsten Glückes umflossen und vom Glanz einer erlesenen Tragik umleuchtet. Nur leise
Andeutungen haben wir, um ihr Inneres zu erraten, nur das Echo vom Echo ihrer
Worte, nur den Hauch, der von ihrem Wandel ausging, nur verwehte Klänge
ihrer Lebensmelodie. Der Spiegel der Volksseele hat nur ein schwaches,
undeutliches Bild dieser hohen Frau aufgefangen, und man bestaunt es wie das
Antlitz eines Märchens. Diese Gestalt ist wie aus lauter dünnen Schleiern
gewoben, fließend, ungreifbar, unwirklich beinahe, und ist uns doch eingeprägt
wie mit einem Stempel.
So wenig braucht es, einen guten und seltenen Menschen zu erkennen. Sei er
noch so verborgen, so hat sein Wesen doch einen Duft von solch feiner Kraft,
daß man seine Gegenwart empfindet wie die Gegenwart im Grase verborgener
Blumen. Sei er noch so entfernt, so ist er doch in eine Atmosphäre gehüllt, die
leuchtet wie ein Gestirn am dunkeln Himmel.