Das österreichische Antlitz

Felix Salten · Kapitel 14 von 24

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Das österreichische Antlitz

Menagerie in Schönbrunn

 

Vor wenigen Jahren gab es fünf oder sechs junge Bären in Schönbrunn. Herzige

kleine Dinger, die in ihrem frischen Wollpelz aussahen, als trügen sie zu weite

Hosen. Alle schienen sie, mit ihren fröhlichen Ohren, mit den weichen, hilflosen

und doch so geschickten Bewegungen, und mit den listig schmunzelnden

Schnauzen wie geborene Komiker. Man hatte die ganze Gesellschaft in einen

Zwinger gesteckt; da spielten sie, rauften miteinander, kugelten und balgten sich.

Es war die richtige Kinderstube. Wie dann die Leute anfingen, sie zu füttern,

wurden die kleinen Bären gewerbsmäßige Bettler; saßen beständig

nebeneinander am Gitter, jammerten und stöhnten, als müßten sie Hungers

sterben, wenn sich von den Vorübergehenden niemand ihrer erbarmte. Und je

mehr Zulauf sie hatten, desto herzbrechender wurden die Klagen, die sie

anhoben. Noch mit dem Bissen im Maul fuhren sie fort zu wimmern, daß die

Mildtätigkeit nur ja nicht erlahme und keiner denke, so vieler Kummer sei mit

geringem Almosen gestillt. Durch ihren Erfolg verlockt, begannen die

japanischen Bären gegenüber ein Konkurrenzgeschäft und stimmten ein

originelles Flennen an, das geradezu Aufsehen erregte. Es war ein ganz dünnes,

zimpferliches Weinen, tremolierend, atemlos, und boshaft, wie von jemandem,

der friert und der sich ärgert. Aber dieses Ehepaar hatte auf die Dauer kein

Glück, denn es war ein düsteres Familiengemälde, das sich hier bot. Der Mann,

ein ausgemachter Heuchler, schlug seine Frau in aller Wehmut, so oft sie einen

Brocken erhaschte. Wimmernd und wehklagend mißhandelte er seine Gefährtin

und nahm gerührt alles für sich allein.

 

Dann kam ein Wolf in die Menagerie. Der saß eines Tages hinter Schloß und

Riegel und festen Eisenstäben und war sehr unglücklich. Denn er war ein Wolf,

der einst bessere Tage gesehen hatte. In seiner Jugend war er irgendwo bei einer

guten Frau wie der Hund im Haus behandelt worden. Das ist enorm viel für

einen Wolf, und er konnte der glücklichen Zeit nicht vergessen. Die Behörde war

eingeschritten, und in ihrer unerschöpflichen Weisheit hatte sie entdeckt, ein

Wolf sei ein reißendes Tier. Also vertilgen oder ihn vorschriftsmäßig

unterbringen. All seine Sanftheit half nichts; es half nicht, daß er gehorsam auf

jeden Ruf herbeigelaufen kam, nicht, daß er mit bestrickender

Liebenswürdigkeit wedelte, nicht, daß er – an gekochtes Futter gewöhnt – das

blutige Fleisch verschmähte, es half nicht, daß er sich streicheln ließ und zärtlich

die Hand zu lecken verstand; er wurde als reißendes Tier eingesperrt. Es war einfach ein Justizmord. Dazu gab man ihm einen ungezähmten Gefährten.

Offenbar um einen ordentlichen Wolf aus ihm zu machen. Er blieb sanft. Er

duldete die Bisse und Schläge seines Zellengenossen und konnte nur weinen.

Der Kaiser hat ihn einmal auf einem Morgenspaziergang jammern gehört, fand

ihn blutig und hilflos und befahl, daß der gute Wolf vom bösen befreit werde.

 

Dann gab es einen weißen großen Kakadu in Schönbrunn, der ein Simulant

war. Hatte er Zuschauer, begann er sofort mit seiner Komödie. Er besaß eine

kunstvolle Art, langsam und mit vielen Umständen seine Kette um Hals und

Kopf zu winden und sie außerdem an der Kletterstange zu verwickeln, so daß es

den Anschein hatte, als habe er sich unversehens stranguliert. Hing er endlich in

der selbstgedrehten Schlinge, dann erhob er mit einemmal ein gottsjämmerliches

Schreien und Kreischen, schlug mit den Flügeln, als stünde sein qualvolles Ende

bevor. Immer saß irgendwer diesen gellenden Hilferufen auf und lief nach dem

Wärter. Die Zurückgebliebenen bedachten indessen erregt, ob der arme Vogel

wohl so lange noch leben könne. Wenn er aber merkte, daß nun die Spannung

ihren Gipfel erreicht habe, oder wenn ihm jemand beistehen wollte, zog er

plötzlich den Kopf aus der verschlungenen Kette, schwang sich auf seine

Sprosse und schaute ganz still und ruhig umher, als sei nichts geschehen.

 

Dann gab es einen Löwen, der sich gemütlich ans Gitter preßte und sich die

Mähne krauen ließ. Nach einer Weile aber fuhr er mit erschrecklichem Fauchen

herum, schlug mit den Tatzen nach dem freundlichen Wärter und benahm sich so

recht als ein großer Herr, der treue Dienste mit grausamer Undankbarkeit lohnt.

 

Früher bin ich alle Tage in den Schönbrunner Garten gegangen und am

liebsten bei den Tieren gewesen. Die vielen großen und kleinen Tragödien, die

sich hier abspielen, all die lustigen Zwischenfälle, die drolligen Episoden, diese

verschiedenartigen Äußerungen und Anzeigen einer zwar deutlich

wahrnehmbaren, für uns aber unverständlichen und geheimnisvollen Vernunft

können stundenlang aufregen oder erheitern. Jetzt sind die Bären erwachsen, und

nur ein einziger kleiner Kerl wohnt in der Kinderstube von damals. Die

japanische Konkurrenz hat sich beruhigt und führt ein ziemlich friedliches

Dasein. Der arme Wolf wird immer noch nicht müde, seine Unschuld zu

beteuern; begrüßt jeden mit demütiger Gebärde und sitzt den ganzen Tag mit

sehnsüchtigen Augen da. Heute wissen ja alle, daß er zahm, lieb und

ungefährlich ist. Trotzdem muß er hinter Gitterstäben bleiben; nur weil er ein

Wolf ist. Aus keiner anderen Ursache. Und so mancher bissige Hund läuft frei

umher, wird geachtet und geehrt. Aber wer kann eingewurzelte Vorurteile

besiegen? Da gibt es denn nichts Verfehlteres im Leben als einen Wolf, der mit den Wölfen nicht heulen will.

 

Der Kakadu ist noch derselbe Schwindler und foppt die Leute, so oft es ihm

gefällt. Dem Löwen aber hat man, wie es scheint, seine Herrenlaunen

abgewöhnt. Geduckt sind alle diese Tiere durch ihre lange Gefangenschaft.

Ihnen allen ist die Menschenfurcht von den Mienen zu lesen. Aber verändert

sind sie in ihrem Wesen nicht. Manchmal revoltieren sie, und solche

Augenblicke, in denen ihre wirkliche Natur hervorbricht, sind von einer

wunderbaren Gewalt.

 

An sommerstillen Abenden, wenn die Löwen unruhig in ihrem Käfig

umherlaufen oder stehen bleiben, das Haupt tief herabgesenkt, aufmerksam

witternd; wenn der Königstiger sich erhebt und die ungenützte Kraft in seinen

Flanken zittert; und wenn sie dann alle ihr Gebrüll beginnen, das wie ein

schmerzliches Stöhnen und Blasen sich anhört, dann fallen die anderen Tiere ein,

und dann ist es ein mächtiger Chor der Gefangenen. Und es ist von einem

sonderbaren Reiz, die Stimmen aller Länder und Zonen hier auf einem einzigen

Platz zu vernehmen. Die Löwen der afrikanischen Wüste, die Tiger aus den

Dschungeln Indiens, den Schrei der Pardelkatzen aus Brasilien, das Brummen

der nordamerikanischen Bären, die wilden Trompetenstöße der Elefanten,

tropisches und arktisches Getier, als ob sie aus allen Weltteilen ihre erbitterten

Klagen erheben wollten gegen eine drückende, ungerechte und quälende

Herrschaft.

 

Versöhnlicher hört sich das in der großen Volière an, in diesem hellen,

belebten Saal, in dem die Vogelstimmen aus allen Wäldern der Erde

ineinanderklingen. Von einer beständigen, fröhlichen Musik ist das freundliche

Gelaß erfüllt. Tausendfache Melodien tausendfach ineinander verschlungen,

Töne von einer märchenhaften Reinheit, ein Gesang von so schallendem Jubel,

daß man sich von linder, tröstlicher Heiterkeit unwiderstehlich ergriffen fühlt.

Staunend betrachtet man hier die wundersamsten Launen der schaffenden Natur.

Winzige Vögel, die in der Farbenglut ihres Gefieders aussehen wie lebendiges

Geschmeide. Prunkvolle, majestätische Tiere wieder mit richtigen Kronen auf

dem stolzen Haupt; Tiere von heraldischer Würde, und dann wieder tolle,

groteske Einfälle, Karikaturen, beschämte Existenzen, äußerste Plumpheit und

himmliche Anmut; märchenhaft holde Gebilde und höhnische Verzerrungen, und

beinahe mit frommen Gedanken findet man sich einer Kraft gegenüber, die mit

sorglosem Gleichmut solch höchste Vollendung der Schönheit und so erbärmlich

mißlungene Versuche nebeneinander bietet. Merkwürdige Vögel lernt man hier

kennen, mit lyrisch-zärtlichen Namen wie die Diamant-Amandine; mit Namen aus Tausendundeiner Nacht, wie den Vogel Bülbül, von dem manche Leute

glauben, daß er gar nicht existiert. Hier hüpft er gar zierlich in seinem Bauer

umher und ist der Nachbar des echten Pirol. Gegenüber jedoch wohnt einer, der

wie eine kleine gelbe Krähe aussieht. Gelb mit schwarzen Kopfflecken,

schwarzen Schwingenfedern. Er hat ein scheues, schweigsames Wesen und

heißt: Der schwefelgelbe Tyrann.

 

In der Volière wird der Zwang, den die gefangenen Tiere erleiden, am

wenigsten kenntlich. Aber draußen, die Adler und Geier, die in ihren Käfigen

sitzen und mit kummervollen Augen ins Weite schauen, die ihre Schwingen

breiten und sie wieder langsam, gleich als ob sie seufzen würden,

zusammenfalten, die sehen wirklich aus wie gefesselte Helden, und sie können

einen manchmal arg verstimmen. Ein Kind sagte neulich: »Ich weiß jetzt, Vater,

wie die Adler aussehen, und du kannst sie schon wieder fliegen lassen.« Wir

wissen auch, wie Löwen und Tiger aussehen, und lassen sie doch nicht laufen.

Aber das ist, abgesehen vom Schaden, den sie stiften würden, eher zu begreifen.

Denn die Menschen empfinden es als einen Reiz, gebändigte Wildheit zu

beschauen, gefesselte Riesen anzugaffen und an wehrlos gemachter Kraft sich zu

weiden. Jeder hat schon bei sich, vor dem Zwinger, erwogen, »was der Löwe tun

würde«, wenn man ihn plötzlich freiließe. Ich hab' mich niemals dazu vermocht,

ihm was Schlimmes zuzutrauen, ob ich gleich all die blutigen Dinge, die ihm

nachgesagt werden, nicht im mindesten bezweifle. So oft ich ihn aber sehe,

erscheint er mir sanft, anmutig, harmlos und besser als sein Ruf. Selbst wenn er

brüllt, sieht er nicht wild aus, sondern eher, als sei ihm bedenklich übel. Und im

übrigen ist der Löwe in unserem Bewußtsein schon mehr ein Klischee geworden

als ein lebendiges Wesen, eine Art dekoratives Gebilde, das ein jeder von allen

möglichen Wappen her kennt, von Brücken und Denkmälern, so daß man

glauben möchte, er werde in den Menagerien nur gehalten, damit er seine

Existenz beweise. Sicherlich denken die Leute in Afrika anders darüber … Nur

im Königstiger läßt sich der Feind erkennen. Doch wenn er in seiner engen Zelle

die prachtvollen Glieder zum Sprung reckt, wenn er die verlangenden

Körperkräfte an den Eisenwänden verrast, dann fühlt man Mitleid mit ihm und

wünschte, diese Tiere, in denen der Trieb nach Freiheit nimmer schläft, möchten

wenigstens in ein größeres Gehege gebracht werden. Es ist eine alte und, wie ich

glaube, falsche Menagerietradition, die Raubtiere so eng als möglich zu halten

und den Rindern, den Schafen und anderem gutmütigen, an den Stall gewöhnten

Zeug weiten Spielraum zu lassen. Würde man Löwen, Tiger, Leoparden, Bären

und Füchse in große Gehäuse bringen, wir könnten ihren Anblick zehnfach

genießen und ein Schauspiel der herrlichsten Bewegungen würde sich entfalten.

Der gleiche Brauch bewährt sich ja im Affenhaus, vor dem die großen und die

kleinen Kinder sich amüsieren. Im Grunde aber ist es doch ein recht

melancholischer Spaß, den man mit diesen kränklichen, boshaften und lächerlich

menschengleichen Geschöpfen hat. Wie gehässige, misanthropisch

ausgesonnene Karikaturen, wie gespenstische Zerrbilder und böse Träume

wirken sie auf die Dauer. Es ist, wenn man einen Affen betrachtet, als habe ein

Mensch durch Krankheit oder durch verruchten Zauber den Gebrauch seiner

Gaben verloren, als falle er in den tierischen Urstand zurück. Und während alle

Schamlosigkeiten des Körpers die Übermacht gewinnen, quält er sich ab, diesem

Jammer zu entwischen, bleibt mit menschlichen Mienen und tierischen

Gebärden an der fürchterlichen Grenze zwischen Mensch und Vieh. Diese

Versuche, die ihn uns wieder nähern sollen, wirken wie fast alle Vergeblichkeiten

aufs erste freilich komisch. Die Leute möchten vor Lachen rasend werden, wenn

so ein kleiner Mandrill einen Spiegel in die Hand kriegt und sich über das

Wunder nicht zu fassen weiß. Und das Amüsement kennt keine Schranken, wenn

ein Affe all das nachzuahmen sucht, was ihm einer aus dem Publikum vorzeigt.

Da wirkt der tiefe Ernst solcher Bemühungen und ihre Fruchtlosigkeit lächerlich.

Aber wer einmal nur einen kranken Affen gesehen, wer diesen flehenden,

kummervollen Menschenblick geschaut hat, diese dunkeln, klugen Augen, die in

Tränen schwimmen, diese vergrämten, greisenhaften und so verzweifelt

kinderähnlichen Züge, der wird ein atavistisches Grauen bei ihnen nicht mehr

los. In Wirklichkeit possierlich sind nur jene Tiere, die man ohne Befangenheit

betrachten kann. Tiere, von denen uns weite Distanzen und Zwischenstufen

trennen. Ein Drahtgitter aber ist noch keine ausreichende Scheidewand. Und es

dient beim Affenhaus nur dazu, gelegentliche Verwechslungen und Irrtümer

hintanzuhalten.