Weihnachtslicht

Alfred Mignon · Kapitel 12 von 20

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Weihnachtslicht

Die Wirtin im Karawanenhof

[Sie trägt einen Schlüsselbund oder einen Krug]

Als Wirtin bin ich Geschäftsfrau

aber kein Unmensch.

Noch nie habe ich jemand

vor die Türe gewiesen.

Auch die jungen Leute

sind bei mir untergekommen.

Das ist doch klar.

Aber in einem Nest wie Betlehem

gibt es eben keinen größeren Gasthof.

Wer kommt hier schon durch?

Mit privaten Quartieren war es

zu der Zeit auch Essig.

Alles belegt.

Auch die orientalische Gastfreundschaft

kann keine Betten vergeben,

die sie nicht hat.

Ihr habt davon gehört,

dass die Volkszählung

nach Sippen durchgeführt worden ist.

Über das System kann man streiten,

aber Befehle von Rom

sind nun mal Befehle.

Es war eine kleine

Völkerwanderung damals.

Die kargen Gegenden,

aus denen Leute abgewandert sind,

mußten für kurze Zeit

alle aufnehmen,

die von dort stammten.

Die Davidsstadt hatte

viele Sprößlinge

in die Welt entlassen.

Jetzt sollten die alle

zur Erfassung hier antanzen.

Also blieb für

die beiden aus Galiläa nur

eine Notunterkunft

zwischen den Tieren.

Für die paar Tage war das

schon zumutbar.

Auf dem Weg hierher waren sie

teilweise schlechter untergebracht

als bei mir.

Außerdem hätten sie zu Hause

das Kind auch nicht viel besser

versorgen können.

Sicher, in einer Krippe hätte es

dort nicht liegen müssen.

Aber das ist noch nicht das Schlimmste,

was einem zustoßen kann.

Tut doch nicht so,

als wäre euch das nicht passiert,

den König der Welt

zu übersehen.

Die meisten Kinder,

die in diese Welt

hineingeboren werden,

sind mehr Last als Freude,

auch bei euch heute.

Überall heißt es:

Das Boot ist voll.

Kein Platz in der Herberge.

Werft uns nicht vor,

wir hätten den Sohn Gottes

unangemessen behandelt.

Jeden Tag sterben

in eurer Welt

40.000 Kinder Gottes an den Begleiterscheinungen

der Armut.

Wie könnt ihr

mit dieser brutalen Wirklichkeit

leben?

Habt ihr mehr Platz

in euren Herzen

und Häusern

für die Unbehausten und Bedürftigen?

Aber werfen wir uns

nicht gegenseitig etwas vor.

Schauen wir lieber danach aus,

wer uns die Lasten abnimmt,

die wir allein

nicht tragen können.