Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 11 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 9

 

Über dem Haus des Sudmanns lag still und sternenhell die Osternacht. Nur die

Ache rauschte; sonst kein Laut in der ganzen Runde; denn der Eine, der in dieser

Nacht zu dem kleinen Hause gegangen kam, wandelte auf unhörbaren Sohlen; er

pochte an die verschlossene Tür — sie öffnete sich nicht vor ihm, und dennoch

trat er ein.

In der Stube erwachte das Weib; ein leises Stöhnen hatte sie geweckt. Sie

lauschte — und da hörte sie es wieder. Es war das Kind.

„Katzi, was hast du?“ fragte sie. Aber das Kind gab keine Antwort. Sepha war

am Abend so schwach gewesen, daß sie sich nicht auf den Füßen erhalten

konnte. Und jetzt mit einmal hatte sie Kraft. Mit stammelndem Laut sprang sie

aus dem Bett. „Polzer!“ rief sie — in ihrem Schreck hatte sie ganz vergessen,

daß Wolfrat außer Hause war. Mit zitternden Händen tastete sie in der Finsternis

nach dem Feuerzeug; nur matte Funken brachte sie aus dem Stein, und der

Zunder wollte nicht brennen. „Mein Gott, mein Gott, hätt ich mich doch nit

schlafen gelegt!“ jammerte sie. Bis lange vor Mitternacht hatte sie wach

gesessen, dann war die Natur stärker geworden als ihr Wille. Gittli wollte die

ganze Nacht bei dem Kinde bleiben, aber Sepha selbst hatte das Mädchen zur

Ruhe geschickt. Das ‚Katzi‘ schien gut und fest zu schlummern. Freilich, es war

ein böser Tag gewesen, der vorausgegangen, und bedrückten Herzens hatte Seph

ihren Mann das Haus für die Nacht verlassen sehen; sie merkte es ihm auch an,

daß er nicht gerne ging. Wär’ es nur nicht um die paar Heller gewesen, die es zu

verdienen gab! Als er, schon den Hut auf dem Kopf, noch einmal die Hand über

die Stirn des Kindes strich, da sagte er: „Gib dich, Seph, morgen soll’s besser

sein!“ Seine Stimme hatte wohl gezittert, und dennoch hatte sein Wort

zuversichtlich geklungen. Vielleicht wußte er ein stärkendes Kraut oder eine

heilsame Wurzel, die er von der Bergfahrt mit heimbringen wollte — vielleicht

die Nieswurz, die Wurzel der Schneerose. Von ihr hatte auch Gittli schon

gesprochen.

Endlich war es der Seph gelungen, Licht zu machen. Mit der flackernden

Kerze leuchtete sie über das Bett und erschrak bis ins innerste Herz. Das Gesicht

des Kindes kam ihr so verwandelt vor, als wäre das nicht mehr ihr eigen Kind,

sondern ein fremdes. Sie taumelte zur Kammertür und stieß sie auf. „Gittli!

Gittli!“

Das Mädchen antwortete schlaftrunken.

„Ich tu dich bitten, steh auf,“ sagte Seph mit tonloser Stimme, „das Kindl ist

so viel ungut!“

Barfuß, das rote Röckl überwerfend, erschien Gittli unter der Tür.

„Da schau: mein Kindl, mein Kindl, mein Kindl!“ schluchzte Seph und hielt

die Leuchte über das Bett.

Gittli beugte sich über das Kind und faßte sanft seine Ärmchen, die mit

geballten Fäusten nach aufwärts lagen. „Mimmidatzi,“ flüsterte sie mit süßer

Zärtlichkeit, „Mimmidatzi, kennst du mich nimmer? Schau, die Dittibas ist bei

dir!“ Eine Weile wartete sie vergebens auf Antwort. Dann rief sie noch einmal,

alle Angst ihres Herzens in der Stimme: „Mimmidatzi!“

Ein kaum merkliches Zucken ging über das Gesicht des Kindes, ein leises

Stöhnen, nicht wie in Schmerz, sondern wie in weher Sehnsucht quoll aus dem

regungslosen, leicht geöffneten Mund; aber der kleine Körper rührte sich nicht,

das Köpfchen, umringelt von goldblondem Gelock, lag starr auf die Seite

geneigt, und unter den zarten, halbgesunkenen Lidern blickten die einst so

schelmisch leuchtenden Augen unbeweglich hervor, ohne Glanz und Leben.

„Mein Schatzi, mein liebs, was hast du denn?“ stammelte Gittli und schaute,

die Wangen von Tränen überronnen, mit einem hilflosen, angstvollen Blick in

Sephas Gesicht.

„Mein Gott, mein Gott, wär nur der Polzer daheim!“ jammerte das Weib und

sank neben dem Bett in die Knie. „Wenn er nur daheim geblieben wär! Mein

Gott! Was tu ich denn? Mein Kindl, mein Kindl! Ich weiß mir keinen Rat, ich

weiß mir nimmer zu helfen! Was tu ich denn?“

„Schwährin, bleib, bleib! Ich lauf und hol den Bader!“ schluchzte Gittli. Und

wie sie stand, barfuß, im dünnen Röckl, rannte sie davon.

Sie achtete auf dem Wege nicht der spitzen Steine, die sich schmerzend in ihre

Sohlen drückten, nicht der Frische der Nacht, die sie schauern machte; sie rannte

nur und rannte, bis sie keuchend auf dem Marktplatz das Haus erreichte, in dem

der Bader wohnte. Wie von Sinnen schlug sie an der Tür den Klöppel,

immerfort, so lange, bis im Obergeschoß ein Fenster geöffnet wurde.

„Wollt Ihr aufhören oder nit! Was ist denn das für ein Lärm in der Nacht?“ rief

eine Männerstimme herunter.

„Ach, ich bitt Euch, wir haben ein krankes Kind daheim!“ schluchzte Gittli

mit aufgehobenen Händen. „Kommt doch, kommt, ich bitt Euch gar schön, ich

bitt, bitt, bitt!“

„Wer bist du denn?“

„Die Gittli bin ich, die Schwester vom Sudmann Polzer.“

„Sooo?“ Der Name, den Gittli genannt, gab dem Bader zu denken. Ja, hätte sie den guten Einfall gehabt, hinaufzurufen: ich bin Zenza, die Tochter des

reichen Eggebauern — dann hätte sie was erlebt, wie der Bader gesprungen

wäre! „Sooo? Also ja, geh nur heim, und sag, ich komm schon, sobald es Tag

wird.“

Klirrend schloß sich das Fenster. Gittli stand wie betäubt und griff mit beiden

Händen an ihren Kopf. War es denn möglich? Ein Kind — solch ein süßes,

herziges Ding! Und es gab einen Menschen, der sich nicht die Seel aus dem

Leibe lief, um zu helfen!

Helfen? Helfen? Wer jetzt? Wer? Pater Eusebius? Der hatte das Bübl des

Klostervogtes wieder gesund gemacht. Gittli rannte, und atemlos erreichte sie

die Klosterpforte. Die Glocke läutete schrill, denn mit dem ganzen Gewicht des

Körpers hatte sich Gittli an den Strang gehängt.

„Pater Eusebius? Wo ist der gute Pater Eusebius?“ schluchzte sie, als sich das

vergitterte Fenster öffnete.

„Ein Dirnlein? In der Nacht?“ staunte der Pförtner. „Was willst du vom

Pater?“

„Wir haben ein krankes Kind daheim, der Pater Eusebius soll ihm helfen. Ach,

guter Frater Pförtner, ich bitt Euch, bitt Euch —“

„O du mein Gott, Kind, den Pater, den holst du heut nimmer. Der ist seit zwei

Tagen in der Bartholomäer Klause.“

Gittli mußte sich an die Mauer stützen, um nicht umzusinken.

„Aber sag, was fehlt dem Kind?“

„Es rührt sich nimmer und sieht nimmer. Und kennt mich nimmer. Ach, Frater

Pförtner, so ein liebes, gutes Kind!“

„Mußt nit weinen, Mädel, der liebe Gott wird schon helfen! Und — wart ein

Weil!“ Das Gesicht hinter dem Gitter verschwand, dann streckte sich eine Hand

heraus mit einer kleinen Flasche. „Nimm, Dirnlein, nimm! Es ist das Beste, was

ich hab: Oleum Sancti Quirini vom Kloster Tegernsee.“

Gittli griff zu mit beiden Händen.

„Reibe dem Kind die Stirn damit ein, und die Schläfe, und die Pulsadern an

den Händen, und die Stelle, wo das Herz schlägt, und bete dazu drei Vaterunser!

Das hilft. Das hat schon vielen Tausenden geholfen. Und jetzt geh, Dirnlein!

Gelobt sei Jesus Christus!“

„Amen!“ stammelte Gittli. Es war ein Laut voll heißen Dankes. Und

schluchzend flog sie davon, aber sie weinte nicht mehr in Schmerz, sie weinte

vor Freude. Was sie in Händen hielt und an ihr Herz drückte, war die sichere

Rettung: geweihtes, heiliges Öl! Immer und immer wiederholte sie Wort um

Wort: „Die Stirn, die Schläfe, die Adern, und wo das Herz schlägt!“ Und damit

sie nur ja mit dem Beten nicht zu kurz käme, fing sie jetzt schon an, während sie rannte und rannte: „Vater unser, der du bist im Himmel —“

Erschöpft, keines Wortes mächtig, erreichte sie das Haus.

Sepha kam ihr entgegen, das Gesicht verstört, kalkweiß und von Zähren

überronnen. „Kommt er? Kommt er?“

Gittli schüttelte den Kopf; sprechen konnte sie noch nicht; doch während sie

die eine Hand auf die fliegende Brust drückte, drängte sie mit der andern schon

die Flasche in Sephas Hände.

„Mein Gott, Gittli, so red doch,“ jammerte das Weib, „schau, die Angst bringt

mich um!“

„Nimm — nimm — das muß ihm helfen! Das hat schon tausend, tausend Mal

geholfen, hat er gesagt. Vater unser, der du bist im Himmel —“ Und betend sank

sie neben dem Bette nieder, in dem das Kind noch lag, wie sie es verlassen hatte.

„Aber Gittli, so red doch, wie soll’s denn helfen, was soll ich denn machen

damit?“

Mehr mit Zeichen als mit Worten wiederholte Gittli den Rat, den ihr der Frater

Pförtner gegeben. Neben dem Bette kniend, mit tränenerstickter Stimme betend,

hielt sie das flackernde Talglicht, während Sepha tat, was der Mönch geraten.

Mit zitternden Händen, unter Weinen und zärtlichem Stammeln entblößte die

Mutter das Kind, das vor ihr lag wie eine vom Stengel gefallene Blüte. Ein

zartes, holdes Körperchen, rund und weiß, wie aus Wachs gebosselt, aber alle

Glieder gefesselt von starrem Krampf.

Endlich richtete Sepha sich tief atmend auf; alles war geschehen, was

geschehen mußte. Sie legte die Kissen zurecht und breitete sorglich wieder die

warme Decke über das Kind, das unempfindlich schien für alles, was mit ihm

geschah.

„Meinst du, Gittli, es hilft?“

„Ja, ja, es muß helfen!“

„Der liebe Herrgott soll’s geben! Wär nur der Polzer daheim!“

Nun saßen sie, Sepha und Gittli, die eine zu Häupten, die andere zu Füßen des

Kindes, Stunde um Stunde, leise betend und des Wunders harrend, das sie mit

Zuversicht erhofften.

Einmal streckte sich das Kind unter leisem Stöhnen, und die verkrampften

Fäustchen schlugen seitwärts.

„Gittli!“ stammelte das Weib.

„Tu dich nimmer sorgen! Es hilft, schau, es hilft schon. Weißt, er wehrt sich

halt, der Krank, weil er spürt, daß er fort muß.“

Wieder saßen sie, betend und wartend. Auf leisen Sohlen schlich die Nacht

davon, und durch die Fenster fiel der graue Dämmerschein des erwachenden

Ostermorgens.

Seph atmete auf. „Jetzt wird der Polzer doch bald kommen?“

Gittli nickte; die Hände im Schoß gefaltet, saß sie, keinen Blick vom Gesicht

des Kindes verwendend.

Wieder einmal befühlte Sepha die kleinen, starr geschlossenen Hände. Sie

erschrak. „Gittli! Ich weiß nit — das Kindl wird so kalt! Da, greif her! Was

meinst du denn?“ Ihre Augen waren starr geöffnet, und ihre Stimme zitterte vor

Angst.

Gittli umschloß mit beiden Händen die kalten, wachsbleichen Fäustchen des

Kindes. Sie konnte nicht sprechen. Bang erschrocken schaute sie zu Sepha auf.

„Was meinst du,“ stammelte das Weib, „wenn ich ihm Tücher warmen tät?“

„Ja, ja!“

Sepha zerrte einen Arm voll Leinenzeug aus einer Truhe, stürzte in die Küche,

machte Feuer und preßte das Leinen in eine irdene Schüssel, um es an der Glut

zu wärmen. Schluchzend riß sie die Haustür auf; der helle Glanz des

Ostermorgens leuchtete ihr entgegen. Sie taumelte auf der Schwelle, raffte sich

auf und rannte auf die Straße, um auszuschauen, ob ihr Mann nicht käme.

Nichts, nichts, so weit ihre brennenden Blicke reichten.

„Mein Gott, mein Gott, wär er nur daheim geblieben!“ stammelte sie und

wankte zurück.

In der Stube kniete Gittli vor dem Bett, des Kindes kalte Finger behauchend,

die zwischen ihren Händen lagen. Sie wurden nicht wärmer. „Seph, Seph!“ rief

sie in quälender Angst und wollte zur Tür. Doch während sie sich erhob, schien

es ihr, als hätte das Kind sein Köpfchen bewegt. Sie hatte recht gesehen. Ein

leises Zucken ging über die Augenlider, und der kleine Mund bewegte sich, als

wollt’ er sprechen.

„Mimmidatzi!“ schluchzte Gittli in neu erwachtem, freudigem Hoffen und

warf sich auf die Knie.

Da hob das Kind ein wenig die Ärmchen und tastete mit gespreizten Fingern

in die Luft. Gittli meinte, das Kind suche ihre Hände. „Ja, ja, mein Schatzi, das

Handerl geben, gelt?“ flüsterte sie in heißer Zärtlichkeit, die beiden Hände des

Kindes fassend. „Dittibas geht nit fort, nein, schau, ich bin bei dir! Kennst du

mich nimmer, Schatzi?“

Es legte sich auf das bleiche Mündlein wie ein sanftes, müdes Lächeln; ein

seufzender Atemzug, dann streckte sich das Körperchen, und durch die kalten

Finger rann noch ein leises Zittern.

Jetzt kam die Mutter mit den warmen Tüchern gerannt. „Seph, Seph!“ rief ihr

Gittli mit stammelnder Freude entgegen. „Besser geht’s, besser! Es kennt mich

schon wieder, und wie ich mit ihm geredet hab, da hat es mich angelacht. Schau

nur, Seph, schau nur, es lachet noch allweil!“

„O du lieber, lieber Herrgott!“ lallte Sepha. Die Freude benahm ihr fast die

Stimme.

Nun griffen sie alle beide zu mit fliegenden Händen und hüllten das Kind von

den Füßen bis an den Hals in die warmen Tücher; und wenn die Tücher zu

erkühlen begannen, wurden sie wieder ersetzt durch andere, warme.

Und immer lächelte das Kind; nur war das kleine Gesicht so weiß wie Schnee,

und der geschlossene Mund war anzusehen, als hätt’ er sich verwandelt in ein

blasses Veilchen.

Stunde um Stunde verging. Und immer lächelte das Kind.

„Ich mein’, es schlaft!“ flüsterte Gittli. Und dann plötzlich kam ihr ein

Gedanke: „Seph, ich lauf ins Kloster hinauf. Meinst du nit, es wär gut, wenn ein

Pater beten tät?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie in ihre Kammer,

schlüpfte in die Schuhe, zog eine Jacke über, streifte mit flüchtigem Kuß die rote

Wange des Buben, der in ihrem Bette schlief wie ein Murmeltier, und rannte aus

dem Hause.

Als sie die Straße erreichte, sah sie zwischen den Bäumen einen Chorherren

des Weges kommen. Den hatte ihr der liebe Gott geschickt, so meinte sie. „Herr

Pater, Herr Pater!“ rief sie und winkte ihm zu. Nun stand er vor ihr — Pater

Desertus, der Fischmeister; er hatte im Kloster die Frühmesse gelesen und wollte

heimkehren in seine Klause.

Gittli erschrak, da sie ihn erkannte. Sie zögerte, nur einen Augenblick, dann

trat sie auf ihn zu, mit bittend erhobenen Händen, die Augen naß von Tränen.

Dunkle Röte flog über seine bleichen Züge, seine Augen flammten, und wie in

heißer Sorge streckte er die Hände nach ihr und fragte: „Mädchen, was ist dir?

Weshalb weinst du?“

„Ach, Herr Pater, wir haben ein krankes Kind daheim, ich bitt Euch, kommet

mit mir und betet für das arme Würml!“

„Beten?“ Über die Lippen des Priesters irrte ein Lächeln, das Gittli nicht zu

deuten vermochte. Scheu wich sie vor ihm zurück. Er faßte ihre Hand und sagte:

„Komm! Wir wollen sehen, was zu helfen ist.“

Sie wollte seine Rechte küssen, doch er wehrte es fast erschrocken. „Führe

mich!“ sagte er und folgte ihr mit raschen Schritten; dabei verwandte er keinen

Blick von ihrem Gesicht, immer wieder schüttelte er den Kopf, als könnte er

irgend etwas, das ihn zu bewegen schien in seinem tiefsten Innern, nicht fassen

und begreifen.

Nun erreichten sie die Haustür, und da ließ er die Hand des Mädchens und

fuhr sich über die Stirn, wie um etwas von sich abzustreifen, was er nicht über

die Schwelle tragen wollte.

Gittli bekreuzte sich, als der Chorherr ihr voran in die Stube schritt. Sepha erhob sich vom Bett und zog sich scheu in einen Winkel zurück; Gittli blieb mit

gefalteten Händen an der Tür stehen, und so folgten die beiden Frauen mit

brennenden Augen jeder Bewegung des Priesters, der neben dem Bette stand,

tief über das regungslose, lächelnde Kind gebeugt.

Nun richtete er sich auf, schwer atmend, und sein Antlitz schien noch blässer

geworden. Mit wehmutsvollem Blick suchten seine Augen die Mutter. „Komm

her zu deinem Kinde!“ sagte er mit leiser, schwankender Stimme.

Ein Zittern fiel über Sephas Glieder, in ihrem Gesicht erstarrte die Angst jeden

Zug, nur die Arme konnte sie strecken, aber ihre Füße waren auf der Diele wie

festgewurzelt.

„Hier ist keine Hilfe mehr. Es müßte denn sein, daß Herr Jesus in diese Stube

träte und zu deinem holden Kinde spräche wie zur Tochter des Jairus: Steh auf

und lebe!“

Gittli erbleichte. Und Sepha rang nach Atem, aber noch immer wollte sie nicht

fassen, was geschehen.

„Ach, guter Pater,“ stammelte das Mädchen, „schauet nur hin, es lachet ja, es

lachet!“

„Das Lächeln der Erlösung!“ Und Sephas Hand erfassend, sagte er: „Dein

Kind ist heimgegangen zu seinem Schöpfer.“

„Ach du lieber Gott!“ schrie Gittli schluchzend auf. Wie von Sinnen stürzte

sie zum Bett, doch ehe sie es erreichte, brachen ihr schon die Knie, auf den

Knien rutschte sie weiter, schluchzend und schreiend, und mit Gesicht und

Armen warf sie sich über die Füße ihres entschlafenen Lieblings: „Schatzi, mein

Schatzi!“ In heißem Weinen erstickten ihre Worte.

Sepha stand noch immer wie ein steinernes Bild. Nun rang es sich mit

gellendem Schrei von ihren Lippen: „Mein Kind!“ Mit beiden Fäusten stieß sie

den Priester von sich, faßte mit zuckenden Händen das Kind, riß es halb aus den

Kissen und rüttelte das zarte, wachsbleiche Körperchen. Ihre Glieder erlahmten,

starr quollen die Augen aus dem von Schmerz verzerrten Gesicht, und mit

stöhnendem Laut, wie das gehetzte Wild ihn ausstößt, wenn es niederbricht

inmitten der Meute, sank sie über das Bett, das Kind umklammernd: „Kann denn

unser Herrgott so was zulassen! Mein Kind! Mein Kind! So was — so was muß

über mich kommen! Warum denn? Warum denn? Warum denn?“

„Warum? Du armes Weib!“ Pater Desertus legte die Hand auf Sephas

zuckende Schulter. „Tausende und Abertausende vor dir haben diese Frage schon

hinausgeschrien aus brennendem Herzen, und keinem noch ist Antwort

gekommen, nicht aus der Höhe, noch aus der Tiefe. Warum? Auf frühlingsgrüner

Wiese steht eine Blume, hold und lieblich in ihren reinen Farben, in ihrem süßen

Duft, wie ein gütiger Gedanke Gottes, der zur Erde niederflog und Wurzel schlug, um zu weilen als eine Freude der Menschen. Da kommt die Nacht mit

ihrem tötenden Reif. Und ein Tier zieht über die Weide und tritt mit fühllosem

Huf die erfrorene Blume in den Kot. Warum? Auf sonniger Halde steht ein

Baum, gesund und strotzend von Kraft. Er hat geblüht in zahllosen Kelchen, und

nahe schon ist die Zeit, da er für treue Pflege danken will mit köstlichen

Früchten. Doch vor der Ernte kommt der Sturm, ein Stoß nur, und der schöne

stolze Baum liegt auf der Erde, verwüstet und gebrochen! Warum? Warum? Im

weiten Feld steht die reifende Saat, getränkt vom Schweiße hoffender Menschen.

Der Hagel vernichtet sie. Warum? In freundlichem Tal steht Hütte an Hütte,

zufriedene, lachende Menschen unter jedem Dach. Da brechen am Bergsee die

steinernen Dämme, eine Stunde nur, und Trümmer und Leichen bedecken das

Tal. Warum? Redlichen Sinnes zieht ein guter Mensch seines Weges, sein Blick

ist Treue, und Liebe jeder Schlag seines Herzens. Da fallen die Wölfe über ihn

her, oder ein Blitz erschlägt ihn, oder eine Brücke weicht unter seinem Fuß.

Warum? Es steht eine herrliche Burg, fest und stolz —“ Die Stimme des

Chorherren verwandelte sich, klang dumpf und heiser. „In ihren Mauern wohnt

das Glück, rein und heilig, wie es noch je hervorgegangen aus Gottes Hand. Aus

ihren Toren zieht ein glückseliger Mann. Und da er wiederkehrt, dürstend nach

dem Anblick seines Weibes, nach den süßen Augen seiner Kinder, findet er nur

rauchenden Schutt und verkohlte Gebeine. Warum? Warum? Warum?“

Sepha richtete sich auf, verschlang die Hände, und zu dem Priester

aufblickend, alle Verzweiflung ihres Herzens im Auge, schluchzte sie: „Ach

Herr, redet doch nit so grausam und hart zu mir, sagt mir doch ein Wort des

Trostes, nur ein einziges Wort!“

„Ich weiß dir keinen Trost, ich sehe dein Kind und finde keinen. Nur eine

Wahrheit kann ich dir sagen, die ich erkannte mit blutendem Herzen: wer lebt,

muß leiden, wer lacht, wird weinen müssen, und verlieren, wer besitzt!“

Sepha schlug die Hände vor das Gesicht.

Da klang aus der offenen Kammer eine Kinderstimme: „Muetter!“ Und

Lippele erschien auf der Schwelle im langen Hemd, die runden Wangen hoch

gerötet vom gesunden Schlaf, in der Hand ein kleines hölzernes Pferd ohne Kopf

und mit halben Beinen.

Sepha sprang auf, stürzte auf den Knaben zu mit schluchzendem Schrei und

riß ihn empor an ihre Brust.

Pater Desertus war zur Tür gegangen; es schien, als wollte er sich noch einmal

zurückwenden; aber schwer aufatmend deckte er die Hand über seine Augen und

verließ das Haus.

Gittli lag noch immer auf den Knien, das Gesicht in die Arme gedrückt. Erst

als Sepha wieder zum Bette trat, hob das Mädchen die brennenden Augen, sah zu der Schwäherin auf und schlug in hilflosem Schmerz die Hände ineinander.

Sepha kniete zur Seite des Bettes nieder, stellte den Knaben auf die Erde, und

ihr Schluchzen mühsam bekämpfend, sagte sie: „Schau, Lippele — dein

Schwesterl, schau nur, schau — geh, gib ihr noch ein Handl und sag zu ihr:

behüt dich Gott, mein Schwesterl, du mein liebs!“

Lippele schaute auf das stille, wie im Traume lächelnde Kind, dann wieder auf

die Mutter und fragte: „Warum denn?“

„Mußt nit fragen, Lippele, tu’s nur, tu’s!“

Lippele streckte den Arm; als er die Kälte des starren Händchens fühlte,

erschrak er und brachte kein Wort hervor. Ängstlich schaute er zu der Mutter auf

und hob die beiden Arme nach ihr. Sepha umschlang ihn, der gewaltsam

verhaltene Schmerz brach mit neuer Macht aus ihrem gepreßten Herzen, und so

kauerte sie schluchzend auf der Erde, das Gesicht des Knaben übergießend mit

ihren Tränen.

„Muetter, Muetter!“ stammelte das Kind und begann zu weinen, weil es die

Mutter weinen sah. Gittli erhob sich und wankte in die Kammer; drinnen, am

offenen Fenster, stürzte sie schluchzend nieder. Mit breitem Strahl fiel die

Morgensonne auf den gebeugten Mädchenkopf.

Draußen webte der Glanz und Schimmer des Ostertages; die Ache rauschte

und in den Nachbarhöfen krähten die Hähne. Auf den Obstbäumen, deren

Knospen schon zur Blüte drängten, zwitscherten die Meisen und flogen hin und

her, Halme tragend für den Nestbau.