Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 25 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 23

 

Am andern Morgen wandelte Herr Heinrich zu früher Stunde im Garten auf und

nieder. Was war in diesen wenigen sonnigen Tagen alles gewachsen und erblüht!

Bäume und Sträucher standen in vollem Grün, und jeder Windhauch war

gewürzt mit dem Duft der jungen Blumen.

Frater Severin arbeitete an einem kahlen Beet. Um sich das Bücken zu

erleichtern, stand er mit weitgespreizten Füßen und schnaufte wie ein Roß, wenn

es schwer zu ziehen hat. Dicke Schweißtropfen perlten ihm von der Stirn.

„Guten Morgen, Bruder!“ grüßte Herr Heinrich.

„Guten Morgen, Reverendissime!“ Frater Severin richtete sich auf und

drückte, eine schmerzliche Miene ziehend, die Faust in den Rücken.

„Heute hält’s wieder schwer mit dem Bücken, gelt? Hab schon gehört: gestern

hat es wieder unchristlich lange gedauert im Kellerstübl.“

„Nit durch meine Schuld!“ stotterte Severin. „Aber der Vogt hat gestern gar

nit weichen wollen.“

„Haben ihn denn die Knechte der Frau Cäcilia nicht geholt?“

„Wohl, Herr, aber er ist nit gegangen, er hat ihnen ein Pergament mit

heimgegeben und ist hocken geblieben.“

„Und da habt ihr ihm Gesellschaft leisten müssen?“

Frater Severin machte ein ehrerbietiges Gesicht. „Er ist der Vogt, Herr! Wer

seiner Würde nit achtet, beleidigt das Kloster.“

„Natürlich! Nur immer eine gute Ausrede! Ich werde dieser Höflichkeit einen

Riegel vorschieben müssen. Aber sag, was machst du da?“

Der Frater atmete auf, als er das heikle Thema beendet sah. Eilfertig gab er

zur Antwort: „Die Nieswurz reiß ich wieder aus.“

„Die Nieswurz? Wie kam sie in den Garten?“

„Ich hab gemeint, ich könnt ein Beet mit Schneerosen anlegen, und da hab ich

vergangen Jahr im Frühling ein paar Dutzend Wurzen heruntergenommen von

der Röt, hab sie hier eingelegt und hab getan, was ich nur allweil gemeint hab,

daß es gut wär. Aber nit eine einzige hat getrieben im Winter, und wie ich jetzt

nachschau, find ich, daß alle Wurzen vertrocknet sind. Schauet nur!“ Er nahm

eine der ausgerissenen Wurzeln, brach sie entzwei und zeigte dem Propst das

dürre Gewebe. „Kein Tröpfl Saft mehr! Eine Schneeros laßt sich halt nit

verpflanzen. Die will Felsen, Bergstürm und Lahnen. Die Luft im Tal und der feine Boden tun ihr nit gut. Da kann einer machen, was er will. Eine Schneeros

laßt sich halt nit verpflanzen.“ Er warf die dürren Strünke von sich. „Schad um

die Wurzen! Droben hätten sie geblüht.“

Herr Heinrich blickte sinnend vor sich hin; sein Blick folgte der Straße im Tal,

die über Schellenberg hinausführte gegen Salzburg. Er nickte. Und wortlos ging

er davon.

Als er eine Weile später sein Gemach betrat, hörte er von der Vogtstube her

das alte, polternde Gewitter. Er ging den grollenden Lauten nach, und als er die

Tür öffnete, beförderte Herr Schluttemann soeben unter einem Hagelwetter von

dröhnenden Scheltworten einen Zinsbauern zur Stube hinaus. Da der Vogt den

Propst gewahrte, wurde er verlegen.

„Ist das die Wirkung des Urteils?“ fragte Herr Heinrich.

Vogt Schluttemann kraute sich hinter den Ohren.

„Man sagte mir doch, daß Ihr gestern Eurer Hausfrau das Urteil gesendet

habt?“

„Das hab ich freilich getan, Reverendissime!“ gab der Vogt kleinlaut zur

Antwort.

„Nun? Und was sagte sie, als Ihr nach Hause kamt?“

„Nichts.“

„Und heute früh?“

„Auch nichts! Aber —“ Herrn Schluttemanns Nase begann zu brennen, „aber

das Urteil hat sie mir um den Kopf gehauen. Was sagt Ihr, Reverendissime?

Eine solche Mißachtung — des Gesetzes!“

Herr Heinrich verwand das Lächeln. „Das muß streng geahndet werden.

Bringet mir das Urteil, ich will ihm Wirkung verschaffen.“

In heimlicher Schadenfreude rieb sich Herr Schluttemann die Hände, als der

Propst die Stube verließ.

Eine Stunde später stieg Herr Heinrich zu Pferd, um nach dem See zu reiten.

Als er den Hag des Eggehofes erreichte, sah er Zenza beim Immenhäuschen

stehen. Er rief das Mädchen zu sich heran.

„Bist du die Tochter des Bauern?“

„Wohl, Herr!“ sagte sie, trotzig zu ihm aufblickend.

„Ist dein Vater daheim?“

„Wohl Herr!“

„So ruf mir deinen Vater, ich habe mit ihm zu reden.“

Zenza ging davon. Der Eggebauer erschrak nicht wenig, als das Mädel mit

dieser Botschaft kam; er saß gerade in Hemdärmeln am Tisch und löffelte die

Morgensuppe. In der schreckhaften Eile warf er den Napf um, fuhr in den

verkehrten Rockärmel und rannte mit dem Ellbogen an den Türpfosten. Keuchend lief er um das Haus herum; je näher er dem Propste kam, desto

langsamer wurde sein Gang, desto scheuer sein Blick.

„Grüß Gott, Eggebauer!“

Der Bauer zog die Kappe.

„Ich höre, dein Weib war krank. Wie geht es jetzt?“

„Es macht sich, Herr, jawohl!“ Der Bauer seufzte und strich mit der Hand

übers Haar. „Der Bader meint, sie könnt in acht Tagen schon wieder aufstehen.“

„So? Das hör ich gern.“ Herr Heinrich tätschelte beruhigend den Hals des

Pferdes, das ungeduldig mit den Hufen scharrte. „Ja, ja, Eggebauer, du mußt gut

angeschrieben stehen beim lieben Herrgott. Schau nur, dir schickt er Freude und

Genesung ins Haus, und deinem Nachbar, dem armen Sudmann, hat er Not und

Tod geschickt.“

Der Eggebauer schlotterte an Händen und Füßen.

„Nun? Du fragst gar nicht, wie es dem Wolfrat geht? Ich höre doch, du wärst

allweil sein bester Freund gewesen? Hast ihm doch an Ostern das Lehent

geliehen?“

„Wohl, Herr, ja, das Lehent, ja, das hab ich ihm geliehen, weil — weil er so

ein armer Hascher ist!“ lallte der Bauer. „Wohl! — Und — freilich, Herr, freilich

— da möcht ich schon fragen, wie’s ihm geht, dem Wolfrat?“

„Schlecht, Eggebauer! Der arme Teufel geht seinem letzten Stündl entgegen.“

Der Bauer atmete auf; einer, der vor dem letzten Schnaufer steht, so dachte er,

kann nimmer reden!

Herr Heinrich blickte auf den Sattelknauf und schüttelte nachdenklich den

Kopf. „Was mag der Wolfrat nur getan haben, daß Gott eine so schwere Straf

über ihn schickt? Er war doch allweil ein braver, redlicher Mensch. Wenn er was

Übles getan hat,“ Herr Heinrich blickte auf, „da muß ihn ein anderer dazu

verhetzt haben. Meinst du nicht auch, Bauer?“

„Wohl, Herr — allweil ist er ein braver Mensch gewesen — der Wolfrat —

allweil!“ Dem Eggebauer trat der kalte Schweiß auf die Stirn.

„Gelt, ja! Wenn ich nur den herausfinden könnt, der den Wolfrat auf dem

Gewissen hat! Dem wollt ich warm machen.“ Das Pferd bäumte sich, denn Herr

Heinrich hatte die Zügel unsanft angezogen.

Erschrocken trat der Bauer zurück und fuhr sich mit dem Arm über die Stirn.

„Was hast du, Eggebauer?“ fragte der Propst.

„Schwül, Herr — schwül ist mir. Ich mein’, die Sonn wird heut noch richtig

brennen.“

„So? Meinst du?“ Herrn Heinrichs Augen blickten hinüber nach dem

benachbarten Gehöft. „Das ist doch das Haus des Sudmanns, gelt?“

„Wohl, Herr!“

„Jetzt liegt der arme Mensch verblutend in der Klause, und sein krankes Weib

liegt droben bei den frommen Schwestern. Wer behütet jetzt das Lehen? Wer

schaut auf Gras und Klee? Wer sorgt für die Hennen, für die Immen und für die

Geißen?“

„Das könnt ich besorgen!“ fiel der Bauer hastig ein. „Ich hab Leut genug im

Haus.“

„Brav, Eggebauer! Das will ich dem Wolfrat gleich erzählen, wenn ich in die

Klause komm.“

„Ja, Herr! Saget ihm nur, was ich ihm für ein guter Freund bin!“ sprudelte es

über die bleichen Lippen des Bauern. „Und — schauet, Herr — weil sich die

armen Leut so fretten müssen — da hab ich schon oft so gemeint, man könnt an

das Haus einen Stall anbauen? Und — ich könnt ihm eine Kuh hinüberstellen.

Und ich tu’s auch, meiner Seel! Ja, Herr! Und saget es ihm nur gleich, was ich

alles für ihn tu.“

„Der Wolfrat wird nimmer viel davon haben. Aber doch sein armes Weib. Und

das wird dem Mann ein Trost sein in der letzten Stund. Ja, Bauer, tu’s nur! Und

damit deine Kuh nicht einschichtig steht, stell ich eine andere dazu. Und weil es

doch Klostergut ist, das du verbesserst, will ich auch mein Teil dazu geben. Das

Holz, das du nötig hast zum Bau, kannst du in meinen Wäldern schlagen, und

das Eisenwerk, das du brauchst, magst du in der Klosterschmiede holen. So

bleibt dir nur die Arbeit zu leisten. Und wenn du schon grade dran bist, magst du

auch gleich das ganze Haus ein wenig nachbessern, neue Dielen legen, im Dach

die Lücken schindeln — was halt nötig ist. Gelt?“

„Wohl, Herr!“ nickte der Eggebauer mit versagender Stimme, während ihm

der Schweiß in dicken Tropfen herunterkollerte über die fahlen Backen. „Und

saget es ihm nur gleich, was ich alles für ihn tu!“

„Das will ich ihm sagen. Fang nur gleich an zu schaffen! Und alles fest und

gut, Eggebauer! Gelt? Ich werde nachschauen jede Woch.“

Lächelnd, doch ohne Gruß, ritt Herr Heinrich davon.

Es schien, als wäre dem Eggebauer schwindlig geworden. Er griff in die

Hecke. Mit starren Augen blickte er dem Propste nach, und als er ihn zwischen

den Bäumen verschwinden sah, wischte er sich den Schweiß vom Gesicht,

trocknete die nassen Hände an der Hüfte und murmelte: „Da hab ich mir eine

schöne Supp eingebrockt! Jetzt friß, Bauer, friß!“

In frischem Trab ritt Herr Heinrich durch das frühlingsblühende Tal. Als er

den See erreichte, sah er neben einer Fischerhütte die mit Stangen ausgespreizte

Bärenhaut zum Trocknen in der Zugluft eines schattigen Platzes stehen.

Das Pferd wurde versorgt, und ein Knecht ruderte den Propst im Einbaum

nach der Bartholomäer Klause.

Stiller Friede atmete um die kleine steinerne Kirche, die den hochgetürmten

Wänden des Wazmann zu Füßen lag: ein Bröselein Menschenwerk neben dem

ewigen Riesenbau des Schöpfers. Das Sonnenlicht glitzerte über dem weißen

Kiesgrund, aber vom nahen Gletscher der ‚Eiskapelle‘ wehte eine kühle Luft.

Weit draußen in der Wiese sang ein Knecht, der am hohen Hag das von den

Lawinen zerdrückte Flechtwerk besserte.

Nah bei der Kirche stand die aus Blöcken erbaute Klause, in welcher Pater

Eusebius mit einem Laienbruder und zwei Knechten hauste.

Eusebius, der das Boot schon hatte kommen sehen, erwartete den Propst am

Ufer.

„Nun, wie geht es ihm?“ fragte Herr Heinrich, während sie zur Klause gingen.

Der Pater zuckte die Schultern. „Er kann noch Tage, noch Wochen kämpfen.

Seine Riesennatur wehrt sich gegen den anstürmenden Tod, wie im Bett des

Wildbaches ein Felsblock gegen das anstürzende Wasser; aber das Wasser läßt

nimmer nach, der Block muß weichen. Bis vor einer Stunde lag der Mann in

wildem Fieber.“ Eusebius blieb stehen. „Wisset Ihr, Herr, daß der Mann eine

schwere Schuld auf dem Gewissen hat?“

„Was meinst du?“

„Im Fieber hat er’s ausgeredet: er war es, der den Haymo gestochen hat.“

„Ich weiß es. Und du, Eusebius, bewahre, was der Mann dir im Fieber

gebeichtet hat! Ist er jetzt bei Sinnen?“

„Ein Weilchen immer, bis die Schwäche wieder kommt.“

„Und daß er das Fieber überstand, das gibt keine Hoffnung?“

Eusebius schüttelte den weißen Kopf. „Die größte Gefahr liegt dort, wo ich

nicht hin kann mit meinen Händen, in der Brust. Drei Rippen sind gebrochen

und in die Lunge gedrückt. Die äußerlichen Wunden hätte seine Natur vielleicht

noch überstehen können. Freilich, die Schulter sieht bös aus! Alle Nervenstränge

sind zerrissen, der Arm ist tot und die Schulter lahm.“

„Die Schulter? — In die Schulter hat er dem Haymo das Messer gestoßen.“

„Ja, ja,“ sagte Eusebius, während ein feines Lächeln seinen welken Mund

umspielte, „der liebe Gott schickt mitunter merkwürdige Zufälle.“

Herr Heinrich tat, als hätte er das Wort überhört.

Sie traten in die Stube, in welcher Wolfrat gebettet lag; er ruhte auf blutigen

Kissen, die Brust mit wulstigen Verbänden umschnürt, die Arme geschindelt und

gebunden, damit er sie nicht rühren könnte; das Gesicht war mit Leinwand

überklebt, so daß man kaum die Augen und den Mund erkannte.

Er war bei Bewußtsein. „Herr! Guter Herr!“ klang es mit leisem Stöhnen.

„Geh, Eusebius, laß mich allein mit ihm!“ sagte Herr Heinrich.

Eusebius verließ die Stube und setzte sich vor der Klause auf die sonnige Bank. Drinnen klang in Zwischenräumen die Stimme des Propstes; er schien

Frage um Frage zu stellen, auf welche Wolfrat mit matten Lauten Antwort gab.

Eusebius lauschte nicht. Mit verschränkten Armen saß er an die Wand gelehnt,

und seine klugen, forschenden Augen schauten langsam umher, als läge die

Natur vor ihm wie ein aufgerolltes Pergament: jeder Baum ein Buchstabe, jeder

Fels ein Wort.

Da fühlte er ein leises Kribbeln auf der Hand; eine Ameise lief über seine

Finger; er bückte sich und ließ das verirrte Tierchen von seiner Hand auf die

Erde kriechen; hier fand es Gesellschaft, eine zweite Ameise kam eilig über den

Kies gehuscht; auf einem flachen Steinchen trafen sich die beiden; sie stutzten

voreinander, hielten erregte Zwiesprache mit den Fühlern, liefen ein wenig

zurück, dann wieder vor, und plötzlich fielen sie sich kämpfend an.

„Es ist doch allweil das gleiche!“ lächelte Pater Eusebius und tippte die

Streitenden mit dem Finger an, daß sie erschrocken auseinanderfuhren. „So groß

ist die Welt! Es könnt doch eines am andern vorbeigehen in Ruh und Fried. Aber

nein, just nicht! Raufen müssen sie, beißen, schlagen und stechen.“

Herr Heinrich trat aus der Klause. Eine tiefe Erregung sprach aus seinen

Zügen und Augen. Mit eindringlichen Worten empfahl er den Sudmann der

Pflege des Paters. „Und was ich dir sagen will: du brauchst den Mann nicht mehr

zu fragen wegen seiner Schwester.“

Mit raschen Schritten ging der Propst dem Ufer zu, um die Heimfahrt

anzutreten.

Als er eine Stunde später am Haus des Sudmanns vorbeiritt, sah er den

Eggebauer schon im verlassenen Gehöft umherspazieren, die Hände hinter dem

Rücken, mit verdrossenen Augen das Dach und die Mauern musternd.

Der Bauer schien mit seiner Freundschaft für Wolfrat große Eile zu haben;

schon am folgenden Morgen begann er die Arbeit, zum keifenden Verdruß seines

Weibes, auf dessen scheltende Fragen der Bauer nur immer die kleinlaute

Antwort wußte: „Es muß sein. Der Herr will’s haben. Frag ihn, warum!“

Tag um Tag verging.

Bei Sepha war eine schwere Krankheit zum Ausbruch gekommen. Und die

Nachrichten aus der Bartholomäer Klause lauteten immer gleich: ein zähes, doch

nutzloses Ringen wider den Tod. Mit den Salzfuhren aber ging täglich die

freundliche Botschaft nach Salzburg: Gittli möge sich trösten, es stünde besser.

— —

Nach der zweiten Woche war Haymo so weit genesen, daß er seinen

Hegedienst in der Röt wieder antreten konnte. Aber seine Wangen wollten sich

nicht wieder färben, seine Augen blieben trüb und müde. Dieser heitere,

lebensfrohe Bursch war ein stiller, in sich versunkener Mann geworden. Mit eisernem Fleiß versah er seinen Dienst. Das Bleiben in der Hütte war ihm eine

Qual; und als die Nächte wärmer wurden, legte er sich, wo der Abend ihn

überraschte, unter freiem Himmel schlafen. Lange Stunden saß er oft dem Kreuz

in der Röt zu Füßen und starrte die Nägel an, von denen der Föhnsturm Gittlis

Schneerosen hinausgeweht hatte in die brausenden Lüfte. Wohin? Wohin?

Zwei weitere Wochen, und es war Almenzeit geworden. Die Niederalmen

waren schon mit Jungvieh befahren; nun ging es mit den Milchkühen auf die

Hochalmen.

An einem sonnigen Morgen war im Gehöft des Eggebauern Bewegung und

Leben. Die freigelassenen Kühe rannten mit gestreckten Schweifen umher und

brüllten, aber nicht laut genug, um die kreischende Stimme der Eggebäuerin zu

übertönen, die seit Tagen schon das Krankenbett verlassen hatte und wieder in

Haus und Hof umherfuhr — der Bauer pflegte zu sagen: wie der ledige Teufel.

Zwei Knechte standen vor einem Ziehkarren bereit, auf den das Almgerät

geladen war. Auch Zenza hatte sich schon zur Bergfahrt gerüstet, Hut und

Griesbeil mit Blumen geschmückt.

Der Eggebauer sah brummend umher, bis ihm Zenza zurief: „Was ist denn,

Vater, wo bleibt der Hüter? Du wirst doch einen gedingt haben?“

„Wohl! Vor vier Wochen hat sich schon einer angetragen. Nur die Zehrung hat

er verlangt, keinen Heller Lohn. Da hab ich ihn freilich genommen. Schau, da

kommt er.“

Zenza blickte auf und sah den Kropfenjörgi das Gehöft betreten. Sie lachte

zornig hinaus; aber sie sagte kein Wort.

Die Bergfahrer sammelten sich um die Bäuerin, die den Almsegen sprach und

Menschen und Vieh mit geweihtem Wasser besprengte.

Dann begann die Almfahrt, mit Lärm und Geschrei, mit Brüllen und Läuten.

Spät am Abend wurde die Sennhütte in der Röt erreicht; am Morgen zogen die

Knechte wieder ab, und am folgenden Tag war alles auf der Alm im Geleise.

Mit fahriger Verdrossenheit tat Zenza ihre Arbeit; über ihrem Wesen lag eine

fiebernde Unruh, die sich steigerte von Tag zu Tag.

Eines Abends ging Haymo nah bei der Hütte vorüber. Zenza sprang mit

brennendem Gesicht zur Tür. „Haymo! Willst du nit ein lützel einkehren?“

„Vergeltsgott, Sennerin! Ich hab keine Zeit.“ Er rückte die Kappe und stieg

seines Weges weiter.

Erblassend trat sie in die Hütte zurück. Ihre Fäuste ballten sich. „Das war das

letzte Wörtl, das ich ihm gegeben hab.“

Der Kropfenjörgi kam; er erschrak, als er Zenzas Gesicht erblickte. „Was hast

du, Sennerin?“ fragte er. „Bist du letz?“

„Laß mich in Ruh, du Täpp!“

Er setzte sich in den Herdwinkel und starrte sie mit seinen glotzenden Augen

an, bis sie ihn aus der Hütte jagte.

Tag um Tag verging, und Zenza wurde immer stiller und verdrossener. Der

Kropfenjörgi hatte viel mit der Herde zu schaffen, aber in jeder freien Minute

lief er hinter dem Mädel her wie ein Hund hinter seinem Herrn. Mit dem

Spürsinn der Eifersucht fand er bald heraus, wo die Ursach ihrer schlimmen

Laune zu suchen wäre. Zenzas Augen blickten nie so finster, als wenn Haymo

auf seinem Hegergang in die Nähe des Almfeldes kam.

„Sennerin? Hat dir der Jäger was getan?“ fragte der Kropfenjörgi zu

dutzendmalen.

Zenza hatte immer die gleiche Antwort: „Laß mich in Ruh!“

Eines Abends trat ihr der verschlossene Zorn doch auf die Lippen. Da saßen

sie am Herdfeuer. Draußen ging ein Schritt vorüber. Zenzas Augen flammten,

und ihre Hände zitterten.

Jörgi schlich aus dem Winkel hervor. „Sennerin?“ fragte er mit heiserer

Stimme. „Sag mir’s! Hat dir der Jäger was getan?“

„Ja. Einen Schimpf hat er mir angetan, an dem ich erstick! Und jetzt laß mich

in Ruh und frag nimmer!“

Jörgi trat vor die Hütte. Ringsumher, mit leise klingenden Glocken, lagen die

wiederkäuenden Rinder im Gras. Sie hatten alle den Kopf nach dem Jäger

gewendet, der in der sinkenden Dämmerung über den Almhang emporstieg.

Jörgi ballte die Fäuste.

„Wart du! Wir zwei, wir wachsen zusammen!“ Sein funkelnder Blick folgte

der Gestalt des Jägers, bis sie im schwarzen Schatten des Waldes verschwand.