Der Klosterjäger
Kapitel 10
Trotz der hellen Sonne, die der Ostermorgen gebracht, brannte in der Stube des
Eggebauern ein Feuer im Lehmofen, der vor Wärme schwelte. Der Bauer saß
hemdärmelig hinter dem Tisch, vor sich einen großen Napf mit Milchsuppe, die
er gemächlich auslöffelte. Er war soeben, gegen die neunte Morgenstunde, mit
Zenza aus der Messe zurückgekehrt. Das Mädel stand, mit halblauter Stimme
trällernd, vor dem in die Wand eingemauerten Zinnspiegel und durchflocht die
blonden Zöpfe mit roten Bändern.
„Heut hat es aber der Pater Hadamar scharf gemacht in der Predigt,“ sagte der
Eggebauer nach einer stillen Weile.
Zenza lachte.
„Hast du dir gemerkt, was er gescholten hat über den Tanz?“
Wieder lachte das Mädel und warf die Zöpfe über die Schulter zurück. „Jetzt
tanz ich nur desto mehr. Und fest anhalten tu ich mich auch. Daß ich nit
ausrutsch.“
Sprechen konnte der Eggebauer nicht, denn er hatte gerade den Mund voll; er
drohte nur mit dem Löffel; dann schluckte er und lachte. Da klang aus der
Kammer eine weinerlich kreischende Weiberstimme: „Zenzaaa!“
„Jjaa!“ rief das Mädel unwillig, trat näher an den Spiegel, nestelte an dem
Veilchenbuschen, der im Mieder steckte, und zupfte das Kraushaar in die Stirn.
„Hörst, die Mutter ruft!“ mahnte der Eggebauer.
„Hab schon gehört!“ sagte Zenza; aber sie rührte sich nicht von der Stelle.
Der Eggebauer seufzte und löffelte weiter.
„Bauer! Aber Bauer! So komm halt du!“ klang es mit keifenden Lauten aus
der Kammer.
„Ist das ein Weib!“ brummte der Eggebauer. „Nit einmal beim Essen hat man
seine Ruh!“ Er schüttelte den Kopf, warf einen Erbarmen heischenden Blick zur
Stubendecke, legte den Löffel nieder und wollte sich erheben.
Da klapperten draußen auf den Steinen die Tritte genagelter Schuhe, und ein
Schatten fiel über das Fenster.
„Zenz!“ sagte der Bauer hastig. „Ich tu dich bitten, geh hinein zu ihr und bleib
bei ihr drin eine Weil. Es kommt einer, mit dem ich zu raiten hab.“
Das Mädel ging, aber nicht gerne; kaum hatte Zenza hinter sich die
Kammertür geschlossen, da stand Wolfrat schon auf der Schwelle; er war anzusehen, als käm’ er geraden Weges von der Sudpfanne; sein brennendes
Gesicht und seine Hände glitzerten von Schweiß; an Hals und Schläfen sah man,
wie es in den geschwollenen Adern hämmerte; sein Atem flog und keuchte, daß
er nicht zu sprechen vermochte; er taumelte zur Bank, fiel nieder und drückte die
Fäuste auf seine Brust.
Dem Eggebauer wurde ängstlich zu Mut; er schielte nach der Kammertür,
dann fragte er mit leiser Stimme: „Polzer, was hast du denn? Ich will nit hoffen,
daß —“
„Schau nach der Zeit, Bauer!“ keuchte Wolfrat.
„Da brauch ich nit schauen. Die neunte Stund ist kaum vorbei.“
„Und wie lang braucht einer vom Kreuz über die Almen herunter ins Ort?“
„Fünf Stund.“
„So muß ich droben am Kreuz schon wieder fort gewesen sein, bevor es Tag
worden ist!“ sagte Wolfrat mit heiserem Lachen. „Darauf könnt einer schwören.
Du auch!“
Der Eggebauer verfärbte sich. „Meinst du, es wird sein müssen?“
Wolfrat zuckte die Schultern, wischte mit dem Ärmel den Schweiß von der
Stirn und erhob sich; sein Atem war ruhig geworden, sein Gesicht so weiß wie
die Wand. Er trat zum Tisch, griff in die Tasche und reichte dem Bauer eine
hölzerne Büchse: sie war feucht, als hätte man sie in Wasser getaucht.
„Da nimm!“ sagte er. „Das Kreuzl mußt du dir selber herausschneiden. Ich
hab mich tummeln müssen.“
Der Bauer öffnete die Büchse, die ein blutiges Herz enthielt, und schloß sie
wieder. „Hast du die Schweißbluh auch?“
Wolfrat nickte und griff an eine Tasche seines Jankers. „Wenn ich die nit hätt?
Für was hätt ich’s denn getan?“ Der Kopf fiel ihm auf die Brust und mit
zitternder Hand strich er sich über den Scheitel.
Der Bauer blickte scheu zu ihm auf und kniff die Lippen übereinander; dann
ging er zu einem Wandschrank, verwahrte die Büchse und brachte ein Säcklein
herbei, welches klang und klirrte, als er es auf die Tischplatte setzte.
„Hast nichts gehört, Bauer, wie es bei mir drüben steht?“ fragte Wolfrat.
„Gehört hab ich nichts. Aber sorg dich nimmer! Hast ja die sichere Hilf im
Sack.“
Wolfrat atmete tief und stand schweigend, während der Eggebauer zehn
Salzburger Schillinge und ein Dutzend Heller auf den Tisch zählte.
„Streich ein! Hast es verdient.“
„Meinst?“ Wolfrat, als er die Münzen in der Hand hielt, streckte sie dem
Eggebauer hin und sagte: „Ich weiß nit, mir kommt so für, als hätt das Geld
einen roten Schein?“
„Dummes Zeug!“ stotterte der Bauer. „Das Geld hat Silberfarb.“
„So? Dann muß es wohl sein, daß es mir nur im Aug so glitznet. Oder es
schaut sich nur die Hand so an.“ Er schob das Geld in die Tasche. „Und was ich
sagen will, Bauer? Gelt, wenn vielleicht eine Frag umgehen sollt — du brauchst
nit mehr zu wissen, als daß ich gestern nach Feierabend um die achte Stund fort
bin. Sieben Stund hab ich hinaufgebraucht in die Röt. Lang genug. Aber so ein
Herrgott hat sein Gewicht. Dann hab ich ihn ans Kreuz geschlagen, vor Tag war
ich fertig, hab mich wieder auf die Füß gemacht, und war daheim um die neunte
Stund. Daß ich den Weg vom Kreuz bergab bis zu deinem Haus in dritthalb
Stunden gelaufen bin, das brauchst du nit zu wissen.“
Der Eggebauer riß die Augen auf und schüttelte den Kopf.
„Und schau mich an, wie ich ausschau! Daß du’s weißt, wenn dich einer
fragen sollt. Gelt, nein? Ich hab kein Stäubl Ruß im Gesicht, kein Fleckl Blut an
meinem Janker.“
Der Eggebauer, der eine Farbe bekam als hätte man ihm das Gesicht mit Kalk
bestrichen, stotterte: „Lieber Herrgott, Polzer, was hast du getan?“
„Was ich dutzendmal im Krieg getan hab, wenn mich einer hat fassen
wollen.“ Er machte mit der Faust einen Hieb durch die Luft und seine Augen
funkelten in finsterer Glut. „Es hat sein müssen.“
„Polzer, Polzer!“ stöhnte der Bauer und schlug die Hände zusammen.
„Halt ’s Maul! Wenn’s einer hört, der es weiterredet, kommt es zur Halbscheid
über dich. Und wo der Freimann haust, das weißt du! Seit voriger Woch hat er
ein neues Rad, das alte hat er am Mattauser zuschanden gemacht, der in der
letzten Gebnacht[13] den Klosterknecht gestochen hat. Und somit behüt dich!
Ich hab dir und mir geholfen. Jetzt müssen wir’s auch tragen auf zwei Buckeln.“
Wolfrat wandte sich zur Tür.
Dem Eggebauer schlotterten die Knie; er wollte dem Sudmann nacheilen,
brachte aber keinen Schritt zuwege. „Polzer!“ keuchte er. „Und das Schießzeug?
Das hast du doch um Herrgotts willen nit verloren, wo’s ein Unrechter finden
könnt?“
„Nein. Ich hab’s wieder geholt, und jetzt liegt es im Kesselbach in der tiefsten
Klamm, mit einem Stein daran, den kein Wasser mehr in die Höhe treibt. Ich
wollt nur, es läg was anderes auch dabei! Aus mir herausreißen kann ich’s nit.“
Er schlug mit der Faust auf seine Brust, nickte noch einen stummen Gruß und
verließ die Stube.
Diesmal schwang er sich nicht über den Gartenhag, sondern ging auf die
Straße zurück und betrat sein Lehen durch die Zauntür. In einem Winkel des
Gartens rannte Lippele hinter den gackernden Hennen her. Wolfrat wollte ihn
rufen; doch er schüttelte den Kopf: „Der Bub soll mir heut nit an die Hand rühren.“ Zögernd trat er ins Haus; im offenen Flur lag die Sonne; als aber
Wolfrat über die Schwelle ging, bedeckte sein schwarzer Schatten den lichten
Streif. Und wie still es war! Keines rief seinen Namen, keines trat ihm grüßend
entgegen. Das Kind wird schlafen, dachte er sich, und sie wollen’s nicht wecken.
Er stieß die Schuhe von den Füßen und betrat die Stube.
Neben dem Bett saß sein Weib im Weidenstuhl. „Grüß dich Gott, Seph!“ sagte
er beklommen. Sie gab ihm keine Antwort, hielt die Hände im Schoß gefaltet,
das zerraufte Haar hing ihr um die Schultern, und mit starren Augen, deren
Tränen erschöpft waren, schaute sie ihm entgegen.
„Aber so red doch ein Wort! Wie geht’s ihm denn?“
Sie wollte sprechen, aber nur stumm bewegten sich ihre Lippen; dann
plötzlich schrie sie laut auf.
Er warf einen Blick auf das Kind, und was er sah, machte ihn zittern an allen
Gliedern. „Gib dich, Seph, gib dich!“ stammelte er und riß aus der Tasche einen
ledernen Beutel hervor, welcher braune Flecken hatte und zwischen Wolfrats
Händen schlotterte. „Gib dich, Seph! Schau, ich hab was heimgebracht, das muß
helfen. Dem Vogt seinem Kind hat es auch geholfen. Gib einen Löffel her!“
„Polzer!“ schrie sie gellend auf und fuhr sich mit zuckenden Händen in die
Haare. „Unser Kind! Unser liebes Kind! O mein Gott, mein Gott!“
„Seph?“
Er stürzte auf das Bett zu und riß das Laken weg, mit dem das regungslose
Körperchen verhüllt war. Aschfahl wurde sein Gesicht, die eine Hand fuhr nach
seinem Herzen, die andere ließ den Beutel fallen, aus dem das geronnene Blut,
das er enthielt, in dicken Brocken auf die Diele klatschte. Und lautlos, wie ein
Stier, den das Beil auf die Stirn getroffen, brach er zusammen.
„Polzer!“ kreischte Sepha und suchte ihn aufzurichten.
War es ein Schluchzen oder ein heiseres Gelächter, das von seinen Lippen
schütterte und seine wirren Worte halb erstickte? „Und alles umsonst, alles,
alles! Recht so! Ja, so hat’s kommen müssen. Jetzt liegt mein Kindl da. Und
droben liegt der ander im Blut.“
„Heiliger Herr Jesus!“ stammelte Sepha. „Polzer! Polzer!“
Verstört sah er auf, ein Schauer rüttelte seinen Körper. Er hatte schon zu viel
gesagt. Nun mußte er alles sagen. Mit beiden Armen umschlang er sie, drückte
stöhnend sein Gesicht in ihren Schoß, und in dumpfen, hastigen Lauten bekannte
er seine Tat. Alles sagte er: was ihn zum Wildraub verführt hatte, wie droben
alles gekommen war, und wie ihm nur die Wahl geblieben zwischen Elend,
Kerker, Peitsche — und dem, was er getan.
Sepha saß mit weißem Gesicht, wie eine Gestorbene, und ihre Hände zitterten,
die auf seinem Kopfe lagen. Und als er verstummte, griff sie hinüber in die verwüsteten Kissen und faßte die starre kalte Hand ihres Kindes. „Dank’s
deinem Herrgott, mein liebes Kind, weil du das nimmer hast erleben müssen!“
„Seph!“ stöhnte er.
Sie neigte das Gesicht zu ihm hinunter und sagte ganz leise: „Weißt du es
auch, Polzer? Weißt du denn, was du getan hast? Nit bloß den andern hast du
erschlagen. Uns alle, dich und mich und deinen armen Buben und —“
Er preßte die Hand auf ihren Mund.
„Nein, Seph, nein! Keiner weiß es. Nur ein einziger, der selber das Reden
fürchten muß. Und wenn sie mich auf den Strecker spannen, ich sag’s nit. Und
ich hab nichts anderes getan, als den Herrgott ans Kreuz geschlagen. Und wenn
er selber noch leben sollt und wieder aufkommen —“
Er verstummte plötzlich und hob erschrocken den Kopf. Jäh schoß er in die
Höhe, stand mit geballten Fäusten und starrte zur Kammertür.
Gittli stand auf der Schwelle; ihre zitternden Hände suchten eine Stütze am
Pfosten, als wollten ihr die Knie brechen. Ihrem entsetzten Blick, ihren
verstörten Zügen sah man es an — sie hatte alles gehört.
„Du!“ fuhr Wolfrat sie an. „Was willst du?“
Abwehrend streckte sie die Hand gegen ihn, das Grauen schüttelte ihre
schmalen Schultern, und an der Wand sich entlang tastend, wollte sie zur Tür.
Mit zornigem Fluch sprang er auf und verstellte ihr den Weg. „Wohin?“
Da hob sie flehend die Hände. „Zu ihm! Zu ihm! Ob er tot oder lebig ist. Laß
mich, laß mich! Ich muß zu ihm.“
„Zu ihm? Und warum zu ihm?“
„Weil ich sterb, wenn ich bleiben muß!“ Wie von Sinnen faßte sie ihn am Arm
und suchte ihn von der Türe wegzuzerren. Er schleuderte sie zurück, daß sie zu
Boden sank; sie raffte sich auf und stürzte wieder auf ihn zu.
„Dirn!“ knirschte er. „Du tust mir keinen Schritt aus dem Haus, oder —“ Er
riß ein Beil von der Wand.
„Jesus im Himmel! Polzer!“ kreischte Sepha, aber sie hatte nicht die Kraft,
sich aufzurichten.
Mit ausgebreiteten Armen stand Gittli vor dem Bruder. „Schlag zu, schlag zu!
Hast ihn doch auch erschlagen. Tust mir nur eine Freud an, wenn du zuschlagst,
daß ich dalieg und meinen letzten Schnaufer mach. Schlag zu! Oder traust du
dich nit? Meinst du, es wär an einem schon genug? Dann geh von der Tür und
gib meinen Weg frei!“
Sie stand vor ihm mit blitzenden Augen, als wäre sie gewachsen und um Jahre
gealtert in dieser Stunde.
Er ließ das Beil sinken und maß sie mit funkelnden Augen. „Du bleibst!“
Es schien, als wollte sie ihn mit beiden Händen an der Brust fassen; aber sie besann sich und ging auf das Bett zu. „Schau her, auf dein armes Kind! Ich hab
es lieber gehabt als mich selber, und heut in der Nacht hab ich gemeint, ich muß
mir die Seel herausbeten aus dem Leib. Und schau, jetzt leg ich die Hand auf
sein kaltes Herz: daß ich zu keinem Menschen ein Sterbenswort von dem sagen
will, was ich weiß! Bist du zufrieden? So gib mir den Weg frei!“
„Du bleibst, sag ich! Und bevor ich nit in aller Ruh mit dir geredet hab —“
„So halt mich, wenn du kannst!“
Ehe sie noch ausgesprochen hatte, war sie in der Kammer verschwunden; er
merkte ihre Absicht und stürzte ihr nach; bevor er die Schwelle erreichte, hatte
Gittli sich schon auf die Brüstung des Fensters geschwungen. Mit einem
Faustschlag zerfetzte sie den dünnen Schliem, mit dem der Rahmen verklebt
war, sprang ins Freie und flog der Straße zu.
„Gittli, Gittli! Dirn! Ich tu dich bitten um Gottes willen! Gittli! Gittli!“ klang
die Stimme des Bruders hinter ihr.
Sie schlug ihre Hände vor die Ohren, um nimmer zu hören. So rannte sie und
rannte.
Es war nur eines in ihr, und dieses eine schrie: zu ihm, zu ihm! Sie fragte sich
nicht, was so plötzlich in ihr erwachte, allen Schmerz der vergangenen Stunden
in ihr erstickte, um ein noch tieferes Weh über sie zu bringen, und sie losriß von
ihrem Bruder, um sie unaufhaltsam zu jenem andern zu treiben, der vor wenigen
Tagen für sie noch ein Fremder war. Sie fragte sich nicht: ob er tot läge in
seinem Blut? Ob er noch lebe? Wie sie ihm helfen wollte? Ob sie auch helfen
könnte, allein, mit ihrer schwachen Kraft? Sie fragte und sagte sich nichts, als
immer nur das eine: zu ihm, zu ihm!
Was in ihr lebendig geworden, was sie trieb und jagte, ohne Denken und
Besinnen, war entfesselte Natur, die in diesem sechzehnjährigen Kinde nicht
anders wirkte als in einem tausendjährigen Stein, der auf steilem Berghang liegt,
ruhig, bedeckt von Moos; der Tritt eines Wildes, der Fuß eines Wanderers, das
Wasser eines jähen Regens, ein Stoß des Zufalls setzt ihn in Bewegung, und
unaufhaltsam geht seine Reise, nicht zur Rechten, nicht zur Linken, nur fort und
immer fort, dem unbekannten Ziel entgegen, keine Schranke messend, keine
Tiefe scheuend, keinem Halt gehorchend; nur immer fort und fort, bis sein Weg
vollendet ist, bis am Fuß des Berges ein sonniger Rasen ihn empfängt, oder bis
ihn der dunkle See verschlingt, auf dessen tiefem Grund er den Ort der Ruhe
findet, den die Natur ihm vorbestimmte.
Die Leute, denen Gittli auf der Straße begegnete, blieben stehen, blickten ihr
nach und schüttelten die Köpfe. Ein Mädel, das mit wehenden Bändern im Haar
zum Tanze ging und von Gittli überholt wurde, rief ihren Namen. Gittli sah und
hörte nichts. Sie rannte und rannte. Als sie, nahe den Bauernhöfen am Unterstein, von der Straße zu einem Fußpfad ablenkte, vernahm sie plötzlich von
der Taferne her das Klingen der Geigen und Pfeifen. Dort wurde der Ostertanz
gehalten. Da mußte sie an die Botschaft denken, die Walti der Klosterbub ihr
gebracht hatte. Tags zuvor, nach der Auferstehungsfeier, hatte der Bub sie vor
dem Tor der Kirche erwartet: „Du, der Jäger schickt mich. Ich soll dich fragen,
warum du geweint hast, droben beim Vogt. Und morgen, wenn er
herunterkommt zum Ostertanz, soll ich’s ihm wieder sagen.“
Er hatte an sie gedacht. Er hatte sich gesorgt um ihren Kummer. Und zum
Tanz hatte er kommen wollen, zum Tanz mit ihr! Und jetzt? Jetzt?
„Haymo! Haymo!“ schrie sie und rannte weiter, während drüben in der
Taferne die Stimmen der Geigen und Pfeifen übertönt wurden von einem wirren
Jauchzen und Gejohl.
Ein Tanz war eben zu Ende. Mit brennendem Gesicht, aber wenig fröhlichen
Augen trat Zenza aus der Tür der Taferne. Suchend schaute sie umher, ging bis
in die Mitte der Straße und spähte mit verdrossenem Blick den leeren Weg
entlang.
Von der entgegengesetzten Seite kam ein junger, schmächtiger Bursch
gegangen, mit freundlichem Gesicht und gutmütigen Augen. Seine
leichtgebeugte Haltung und die weißen, schwielenlosen Hände verrieten den
Bildschnitzer. Als er das Mädel gewahrte, leuchtete sein Blick. Lächelnd schlich
er sich an Zenza heran und drückte ihr die Hände über die Augen. „Rat!“ sagte
er mit verstellter Stimme. „Wer bin ich?“
Zenza kicherte und griff nach seinen Armen. „Einer, auf den ich gewartet
hab!“
Diese Antwort machte sein Gesicht vor Freude glühen; aber er hielt fest; nun
wollte er auch seinen Namen hören. „Wer bin ich?“
„Einer, den mir der Herrgott in der Röt geschickt hat.“
Er lachte. Den ‚Herrgott‘, der in der Röt am Kreuze hing, den hatte er
geschnitzt. Eine Feine, die Zenza! Die Wörtlein stellen, das verstand sie wie
keine! Aber jetzt sollte sie erst recht den Namen nennen, jetzt gerade!
„Wer bin ich?“
„Einer, der sich heut nacht an meinem Fenster nit hat klopfen trauen, wie er
den Buschen gebracht hat, den ich am Mieder trag!“ Mit jähem Ruck riß Zenza
die Hände des Burschen nieder, zog seine Arme fest um ihren Hals und blickte
über die Schulter lachend zu ihm auf. Als sie sein Gesicht erblickte, verstummte
ihr Lachen. „Ulei[14]? Du?“ Und weil er sie festzuhalten versuchte, stieß sie ihn
zornig von sich.
„Aber Zenza? Ich bin’s ja doch —“ Er deutete auf die Veilchen an ihrer Brust.
Sie trat mit funkelnden Augen vor ihn hin. „Du? Du hast mir den Buschen gebracht?“ Mit häßlichem Lachen riß sie den Strauß von ihrem Mieder und warf
ihn dem Burschen an den Kopf. „Da hast du mein Vergeltsgott!“
Ulei stand mit erblaßtem Gesicht, während Zenza in der Tür der Taferne
verschwand. Sie mußte das Haus und einen Hof durchschreiten, um die Scheune
zu erreichen, in welcher der Ostertanz gehalten wurde. Da ging es laut und lustig
zu; auf dem Heuboden saßen zwei Fiedler und ein Sackpfeifer, die sich eben
anschickten, einen neuen Tanz zu beginnen. Einzelne Paare traten schon zum
Reigen an, die Weibsleute lachend, die Burschen jauchzend und mit den Füßen
stampfend.
Unter dem Tor der Scheune blieb Zenza stehen und rief mit lauter Stimme in
den wilden Lärm hinein. „Buben! Wer ist unter euch der ärmste und der
mindest?“
Es wurde still, alle Gesichter wandten sich ihr entgegen; es wollte keiner der
ärmste sein und keiner der schlechteste. Zenza trat in die Mitte der Scheune.
„Ist einer da, den gar keine andere mag?“
„Der Kropfenjörgi! Der Kropfenjörgi!“ schrien die Mädchen lachend
durcheinander.
Zenza blickte suchend umher und sah in einem Winkel der Scheune einen
Burschen hocken, mit blatternarbigem Gesicht und blöden Augen; wer ihn
ansah, brauchte nicht mehr zu fragen, weshalb man ihn den Kropfenjörgi nannte.
Zenza trat auf ihn zu und faßte seine Hand. „Komm, Jörgi! Heut tanz ich nur
noch einen einzigen. Den tanz ich mit dir. He, Spielleut! Macht einen auf!“
Jörgi wurde rot und blaß; als er sah, daß Zenza es ernst meinte, stieß er einen
gellenden Jauchzer aus, reckte sich stolz und faßte das Mädel um die Mitte.
Die Geigen klangen, die Sackpfeife dudelte, aber kein zweites Paar trat zum
Reigen an; die Burschen und Mädchen standen im Kreis umher und begleiteten
den Tanz der Zenza und des Kropfenjörgi mit johlendem Gelächter.
[13] Die Nächte vor dem Weihnachtsfest, vor dem Neujahrstag und vor dem Dreikönigstag hießen
„Gebnächte“.
[14] Ulrich.