Der Klosterjäger
Kapitel 7
Der Nachmittag verging, und mit dem Feierabend kam Wolfrat nach Hause. Es
war der Sudmann, den Haymo unter dem Tor des Salzhauses gesehen; nun trug
er zu der Leinenhose noch ein grobes Hemd und einen mürben Janker. Vor der
Tür legte er die Holzschuhe ab und trat barfüßig in die Stube, in der es schon
dunkel war.
„Bist du’s, Polzer?“ klang die leise Stimme des Weibes.
„Ja, Seph!“ erwiderte er, seine Stimme zum Flüstern dämpfend; dann trat er zu
Sepha und strich ihr mit der schweren Hand über den Scheitel. „Wie geht’s denn,
Hascherl?“
„Es muß halt gehen!“
„Bist in der Sonnzeit ein lützel draußen gesessen?“
„Wohl.“
Er beugte sich über das Bett. „Schlaft ’s Kindl schon?“ Sie nickte nur. Sachte
ließ er sich auf den Bettrand nieder und fühlte mit dem Rücken der Hand an die
Wange des schlummernden Kindes. „Völlig brennen tut’s!“ Noch tiefer neigte er
sich und trank den heißen Atem, der ihm entgegenströmte. Dann richtete er sich
auf und fragte: „Wo schafft die Dirn?“
„Sie feuert.“
Er erhob sich und verließ die Stube. Draußen in der Küche fand er Gittli beim
flackernden Herdfeuer.
„Warst du bei ihm?“ fragte er.
Gittli nickte, und die Tränen kamen ihr in die Augen.
„So red doch! Will er mir Zeit lassen?“
Sie schüttelte den Kopf; sprechen konnte sie nicht. Und ihr Schweigen sagte
ihm mehr, als er aus hundert Worten hätte hören können. Er wurde bleich, griff
nach einem dürren Ast und stocherte im Feuer umher. „Der Fitzmeier,“ sagte er
nach einer Weile mit schwankender Stimme, „der hat an Michaeli das Lehent
auch nit zahlen können, und am andern Tag haben sie ihn ausgekehrt aus der
Stub.“
„Geh, wie magst du dich auf gleich stellen mit so einem!“ sagte Gittli fast
zornig. „So ein schlechter Mensch!“
„Gut oder schlecht, nur scheppern muß es, scheppern!“ Er stieß mit heiserem
Lachen die Fäuste in die Hosensäcke und beutelte die leeren Taschen. „Jetzt hat der Simmerauer dem Fitzmeier sein Lehen. Und der Sutter-Franzl wartet auch
schon, bis eins ledig wird.“ Er wandte sich ab und verließ die Küche. Auf der
Schwelle fragte er über die Schulter zurück: „Wo ist der Bub?“
Im gleichen Augenblick kam Lippele zur Haustür hereingestürmt. Mit beiden
Armen griff Wolfrat zu und riß das Bürschl an seine Brust empor. Lippele
sträubte sich greinend gegen diese rauhe Zärtlichkeit; er hatte auch eine wichtige
Botschaft zu bringen: der Eggebauer hätt’ nach dem Vater gefragt, und der Vater
soll heut noch hinüberkommen.
„Der auch?“ murmelte Wolfrat. „Freilich, einschichtig ist noch nie eine Sorg
gekommen. Schockweis, schockweis! So wird’s wohl sein müssen.“ Er stellte
den Knaben auf die Erde, schob ihn zur Stubentür hinein und verließ das Haus.
Wolfrat brauchte sich nur über den Gartenhag zu schwingen; denn der
Eggebauer war sein Nachbar, und ein schwerer dazu: er hatte volle Truhen und
Kasten, vier Rosse im Stall und über die zwanzig Kühe. Freilich, für den
Klostervogt war das noch lang keine Ursach zum Respekt; das hatte Herr
Schluttemann heut bewiesen.
Der Bauer schien den Sudmann schon erwartet zu haben; er stand unter der
Haustür, die Daumen in den breiten Ledergurt eingehängt.
„Grüß Gott, Eggebauer!“
„Grüß Gott auch, Polzer!“
„Mußt nit harb sein, Bauer,“ sagte Wolfrat, jedes Wort hervorwürgend, „es ist
unrecht von mir, daß ich mich erst hab rufen lassen. Ich hätt von selber kommen
sollen, denn ich weiß, ich hab dir in die Hand versprochen, das Geld in der
Palmwoch heimzuzahlen.“
„Was willst?“ brummte der Bauer. „Hab ich drum gefragt?“
Wolfrat schaute freudig betroffen auf.
„Behalt das Geld, solang du willst. Ich brauch’s nit. Bist ein armer Teufel,
aber eine ehrliche Haut. Bei dir ist’s gut aufgehoben. Und ich bin eine mitleidige
Seel und hab mich gefreut, daß ich dir helfen hab können.“
Eine Hoffnung schoß in Wolfrat heiß empor. „Bauer, wenn du so mit mir
redest,“ sagte er, „nachher möcht ich gleich statt einem Vergeltsgott ein ‚Bitt
schön‘ sagen. Eggebauer! Ich kann das Lehent nit zahlen. Wenn du mir helfen
möchtest?“
Der Eggebauer spitzte die Ohren; was er hörte, schien er nicht ungern zu
vernehmen. „Ich könnt schon, wenn ich möcht,“ sagte er schmunzelnd, „und wer
weiß, vielleicht mag ich.“
„Bauer!“ Wolfrat hatte mit zitterndem Druck des Bauern Hände gefaßt.
„Laß aus! Laß aus!“ wehrte der Bauer lachend. „Wir reden noch drüber. Damit
du aber siehst, was ich für einer bin und wie gut ich dir’s mein’: ich weiß ein paar schöne Heller zu verdienen, und da bist gleich du mir eingefallen.“
„Verdienen! Mein Gott, Bauer, ich möcht ja schaffen wie ein Narr. Aber ich
muß von früh bis auf den Abend im Sudhaus werken.“
„Was ich mein’, das kannst du schaffen in der Nacht. Es ist sternscheinige
Zeit. Nach Feierabend packst du es an, zehn Stund brauchst du dazu und kannst
fertig sein, vor das Glöckl im Sudhaus läutet. Und wenn du’s machst in der
Samstagnacht, da kannst du auch länger brauchen. Am Ostersonntag brennt kein
Feuer im Sudhaus.“
„Und was wär das, was ich schaffen soll?“
„Zenza!“ rief der Bauer in den Flur zurück. „Bring die Latern!“
Nach einer Weile erschien die Tochter des Bauern unter der Haustür, in der
Hand die Laterne mit brennendem Licht. Der Bauer nahm sie. „Komm!“ sagte er
und ging dem Sudmann voran einer Scheune zu.
In dem großen, fensterlosen Raum herrschte schon tiefes Dunkel. Wolfrat
staunte: so spät im Frühjahr, und die Scheune strotzte noch von Heu und Garben.
„Da schau!“ sagte der Bauer und hob die Laterne.
Wolfrat stand betroffen; scheu griff er nach dem Hut und entblößte den Kopf.
Über einem Haufen Heu lag ein lebensgroßes Schnitzwerk: das Bild des Erlösers
mit ausgebreiteten Armen. Es fehlte nur das Kreuz. Das Schnitzwerk war mit
frischen Farben bemalt: die Locken braun, die Augen blau, die Glieder bleich
wie Schnee, und aus allen Wunden, unter jedem Stachel der Dornenkrone,
rannen die roten Tropfen. Der flackernde Schein der Kerze warf über das Bildnis
ein Gezitter von Licht und Schatten, daß es zu leben und sich zu bewegen
schien.
„Den sollst du hinauftragen auf meine Alm in der Röt und sollst ihn ans Kreuz
schlagen!“ sagte der Bauer. „Ich hab ihn bei mir überwintert, damit er nit
zugrund geht im Schnee. Aber jetzt fangt das Gras zu wachsen an, jetzt muß er
hinauf und auf mein Sach schauen. Schwer tragen mußt du freilich an ihm, aber
schau, ich hab dir da eine Krax hergestellt, die liegt dir gut auf dem Buckel. Da
spürst du ihn nur halber. Und jetzt red! — Willst du?“
„Ja, Bauer, in der Samstagnacht,“ sagte Wolfrat, „und aufpacken will ich ihn
gleich.“
„Brav, brav!“ nickte der Eggebauer.
Wolfrat hob zur Probe die Kraxe auf den Rücken, um abzumessen, wie hoch
er das Schnitzwerk hinaufschnüren müsse, damit es ihn mit den Füßen nicht im
Gehen behindere. Dann legte er die Stricke zurecht und kleine Heubüschel, mit
denen er das Schnitzwerk unterlegen mußte, damit die frische Farbe von den
Kanten der Kraxe nicht abgeschürft würde.
„Gelt,“ sagte der Eggebauer, „hast ein rechtes Kreuz bei dir daheim?“
Wolfrat nickte nur.
„Mein Gott, mein Gott, schaut bei mir auch nit besser aus!“
„Wie geht’s der Bäuerin?“
Der Bauer seufzte. „Schlecht, schlecht! Wär mir schon lieb, wenn sie bald
wieder gesunden tät! Das Weib ist so viel ungut und zuwider. Und jagt mir die
Seel aus dem Leib.“
„Ist halt ein Krankes, Bauer, da muß man Geduld haben.“
„Ja, ja, metzenweis! Aber jeden Wehdam von ihr, den krieg ich zehnfach zu
spüren. Und Salben! Und Trankln! Und Geschichten! Mein Gott, ja, mir wär
doch alles recht, wenn’s nur was helfen tät. Und jetzt meint der Bader, daß gar
nichts anders mehr die Bäuerin auf die Füß bringt als nur ein Herzkreuzl von
einem Steinbock. Aber wo soll ich’s denn hernehmen? Jetzt war ich heut beim
Klostervogt, hab geglaubt, er verkauft mir eins. Aber der hat mich schön
gestampert. So was wär nur für die Herrenleut, sagt er. Als ob eine Bäuerin nit
grad so gern leben tät wie eine Ritterin! Und das Weib zieht mir schiergar die
Haut vom Leib. Gleich zehn Schilling tät ich zahlen für ein Herzkreuzl! Aber wo
soll ich denn eins hernehmen?“
Wolfrat schaute auf, und die Blicke der beiden trafen sich. Nun wußte der
Sudmann, wie es der Bauer meinte. Schweigend machte er sich wieder an seine
Arbeit; die Hände zitterten ihm. Zehn Schilling. Und mit acht Schilling wäre das
Lehent bezahlt. Und dazu noch ein paar Flaschen roten Tiroler für die Seph und
Fleisch zur Suppe, und vom feinsten Kälbernen einen tüchtigen Schnitz, der
ausgab auf fünf Mahlzeiten für das Kind. Und ein paar Heller blieben immer
noch übrig für eine weitere Woche. Ach du lieber Gott, was hatte der Teufel, der
den Wolfrat zu versuchen kam, ein gutes, gutes Herz!
Aus dem Hause klang die fröhlich singende Stimme der Zenza. „Hehehehe!“
lachte der Eggebauer. „Die kann’s auch schier nimmer erwarten, bis Sonntag ist.
Die spürt den Feiertag heut schon in den Füßen. Gehst du auch zum Ostertanz,
Polzer?“
„So eine Frag, Bauer! Wenn einmal getanzt wird an vierzehn Nothelfer, dann
geh ich vielleicht.“
„Hehehehe! Das Mädel ist völlig närrisch vor Freud. Meintwegen! Soll sich
einen aussuchen unter den jungen Mannsleuten! Hehehehe! Vielleicht taugt ihr
der neue Klosterjäger. Der kommt auch. Grad jetzt, wie er draußen
vorbeigegangen ist, hat er es ihr versprochen: daß er ganz gewiß kommt am
Sonntag, in aller Früh schon!“ Es schien dem Eggebauer viel daran gelegen, daß
seiner Zenza zum mindesten dieser eine Tänzer sicher war; jedem Wort, das er
sprach, gab er einen Druck, als wär’s ein Schilling, den man auf den Tisch zählt.
Und genau so, wie man die letzten Münzen, um seiner Sache sicher zu sein, noch einmal nachzählt, so wiederholte er die letzten Worte: „Ja! In aller Früh
schon!“
Wolfrat hatte sich aufgerichtet und sah den Bauer, der ihm lustig zuzwinkerte,
mit funkelnden Augen an; dann wischte er sich den kalten Schweiß von der Stirn
und schaffte weiter. Mit beiden Armen hob er das schwere Christusbild empor,
um es auf die mit weichen Heubüscheln gepolsterte Kraxe zu legen. Aber wie
unsicher seine Hände waren! Fast wäre das schwere Schnitzwerk seinen Armen
entglitten; dabei riß ihm ein Stachel der Dornenkrone eine blutige Schrunde in
die Wange. Er wischte das Blut weg und besah seine Hand. Und da war ihm, als
hätte jemand zu ihm gesprochen, ganz leise und dicht am Ohr — nicht der
Eggebauer, sondern ein dritter. Aber sie waren doch nur zu zweien! Er schüttelte
den Kopf und griff nach den Stricken, aber durch das Herz ging es ihm wie ein
kalter Schauer.
„Sei so gut! Und laß mir den Herrgott fallen!“ lachte der Eggebauer. „Der tät
mir kein Halmerl Gras nimmer wachsen lassen auf meiner Alm! Hehehehe!“
Wolfrat gab keine Antwort. In fester Spannung schnürte er die Stricke über
das hölzerne Bild, daß es auf der Kraxe keinen Ruck mehr tat.
Der Eggebauer schaute nicht auf Wolfrats Hände, nur immer in sein Gesicht.
„Deinem Weib geht’s besser, wie ich von der Zenza hör?“ sagte er nach einer
Weile. „Ja, ja, gut Essen und Trinken mußt du ihr geben, nachher klaubt sie sich
schon wieder zusammen, wenn das Frühjahr wärmer wird. Aber was macht denn
das kleine Katzerl, das liebe? Da schaut’s schlecht aus, hör ich!“
Wolfrat nickte nur; seine Brust hob sich, als wollte sie springen.
„So ein festes und gesundes Kind! Wie über so ein Kind nur so was kommen
kann?“ sagte der Eggebauer und schüttelte den Kopf. „Wie hat’s denn
angefangen?“
Mit stockenden Worten schilderte Wolfrat den Beginn und die Zeichen der
Krankheit.
„Du, Polzer, das ist heilig dieselbige Krankheit, an der im vorigen Winter das
Jüngste vom Klostervogt schier draufgegangen wär. Der Totengraber hat schon
gewartet, ja!“
„Ich bin fertig, Bauer!“ unterbrach Wolfrat mit heiserer Stimme.
„Brav, brav!“ Der Eggebauer ging auf die Kraxe zu, rüttelte an dem
Schnitzwerk und fühlte überall hin, wo es auflag. „Ich mein’, es tut’s. Aber hohl
liegen tut er, schau! Geh, nimm einen festen Buschen Heu und stopf drunter
hinein, was geht! Ja, Polzer, völlig im Verlöschen war das Kindl schon, und kein
Mensch hätt sich mehr gedacht, daß der arme Wurm noch einmal aufkommt! —
Was hast du denn?“
Wolfrat war auf den Heuhaufen zugegangen, um aufzunehmen, was seine Arme fassen konnten. Da hatte er etwas Hartes im Heu gegriffen und
hervorgezogen. Eine Armbrust! Über Wolfrats Züge flog ein irres Lächeln.
„Bauer? Wie kommt das Schießzeug da her?“
„Wie wird’s herkommen?“ lächelte der andere. „Füß hat’s keine. So wird’s
wohl einer hergelegt haben. Ja, Polzer, daß ich sag — und wie die Leut schon
geglaubt haben, jetzt und jetzt hat das letzte Stündl geschlagen für das arme
Kind, da haben sie ihm zur Letzt noch was eingegeben. Und geholfen hat’s! Wie
ein Wunder! Ja! Und heut springt das Kindl wieder umeinander, frisch und fest
wie ein Huiserl![12] Wär schad drum gewesen, wenn es hätt verfaulen müssen!“
Wolfrat stand mit aschfahlem Gesicht und hielt die Armbrust umklammert, als
wollte er ihren Schaft zerquetschen unter seinen eisernen Fingern.
„Und was war’s, Bauer, was dem Kind geholfen hat?“
„Schweißbluh von einem Steinbock.“
Wolfrat wandte sich ab. Mit ruhiger Hand prüfte er die Sehne und das Schloß
der Armbrust, nickte befriedigt, umwickelte die Waffe dicht mit Heu und schob
sie auf der Kraxe in den hohlen Raum unter dem Schnitzwerk. Nun erhob er
sich, schüttelte die Heufäden von seinem Gewand und sagte: „In der
Samstagnacht, Bauer! Um Feierabend komm ich und hol den Herrgott.“
„Brav, lieber Polzer, hilf mir, und du hilfst dir selber!“
„Und wenn ich komm — und bring’s?“
„Was ich gesagt hab! Ich bin der Eggebauer.“ Er streckte die Hand, und
Wolfrat schlug ein mit festem Druck.
Als der Sudmann sein Haus erreichte, stand Gittli wartend in der finsteren Tür.
„Aber geh, wie kannst du so lang ausbleiben?“ schmollte sie. „Die Seph hat
sich schon gelegt. Komm! Ich hab dein Essen heraußen auf dem Herd stehen,
weißt, drin in der Stub könnt das Kindl wieder wach werden.“
Er ging in die Küche und setzte sich an den Herd, auf dem die letzten Kohlen
schon zu erlöschen begannen; nur noch ein roter Schimmer füllte den Raum.
Gittli wollte sich an seine Seite setzen; er schob sie von sich und sagte: „Geh
schlafen.“
Sie schüttelte den Kopf, denn sie wollte mit ihm von der Hilfe sprechen, die
sie sich ausgesonnen. Aber kaum begann sie vom Lehent zu reden, da sagte er:
„Sorg dich nimmer! Ich hab das Lehent. Der Eggebauer leiht mir das Geld.“
Gittli war sprachlos vor Freude; nur die Hände schlug sie ineinander; dann
rannte sie davon, huschte in die Stube, tappte zum Bett und fiel der Seph um den
Hals. „Er hat’s! Er hat’s!“
Das Weib verstand sofort, was Gittli meinte. „Gelt, daß er’s noch nit gehabt
hat?“
„Ich hab dir nur die Sorg ersparen wollen!“
„Woher hat er’s denn?“
„Der Eggebauer hat’s ihm geliehen.“
„Ist das ein guter Mensch!“ weinte Seph und faltete die Hände. So kräftig ist
für den Eggebauer wohl noch nie gebetet worden, außer von ihm selbst
vielleicht.
Gittli hauchte einen Kuß auf die heiße Stirn des schlummernden Kindes und
schlüpfte in ihre Kammer. Als sie in den Kissen lag, weinte und kicherte sie,
immer eins ums andere. Dazu sprach sie das Vaterunser, und noch ein zweites als
Dreingabe; das hatte der liebe Herrgott heut verdient, der diese zwei guten, guten
Menschen erschaffen hatte, den Eggebauer und den Haymo. Und von den beiden
war Haymo gewiß noch der bessere; daß es bei ihm gar nicht zum Helfen kam,
das war nicht seine Schuld. Sie wollte dem Eggebauer gewiß nichts abzwacken
von seinen Verdiensten. Aber der Haymo! Der hätte dem Bruder das Geld nicht
nur geliehen, nein, geschenkt! Hätt er’s denn aber auch gehabt?
Gittli mußte lachen, als sie in ihrer Gedankenreihe zu diesem Ende kam. Sie
streckte sich vergnügt, verschränkte die Hände unter dem Nacken und summte
das Lied von der Schneerose vor sich hin:
„Auf steiler Höh,
Tief unterm Schnee —“
Als sie zu der Stelle kam, an der es heißt:
„Im Herzen tief
Ein Blüml schlief,
Gar lieblich und an Schönheit reich —“
da verstummte sie. Was für ein Blüml war das? Sie hatte das nur immer so
hingesungen. Jetzt zum erstenmal kam diese Frage. Was für ein Blüml war das?
So lag sie mit offenen Augen und träumte in die Nacht hinein.
Und draußen in der Küche saß Wolfrat beim neu entfachten Feuer und
schnitzte aus einem Birnbaumzweig den Bolzen für die Armbrust.
Vergangene Zeiten erwachten bei dieser Arbeit: das war nicht der erste Bolz,
der aus seinen Händen kam. Die Bilder und Abenteuer seiner Jugend und seiner
Kriegsjahre zogen an ihm vorüber. Einmal hob er den Kopf und blickte langsam
gegen die Wand, hinter welcher Gittlis Kammer lag. Dabei spielte ein seltsam
verlorenes Lächeln um seinen bärtigen Mund.
Neben dem Herde sah er Federn liegen; mit ihnen fiederte er den Pfeil. Es
waren die Federn, mit denen das ‚Mimmidatzi‘ gespielt hatte, bevor es
entschlummert war.
[12] Füllen