Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 14 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 12

 

Am Morgen des Ostermontags trug Wolfrat Polzer sein entschlafenes Kind zur

ewigen Ruhe. Da gab es keine Klagleute — Sepha lag fiebernd zu Bett, Lippele

zählte nicht, Gittli fehlte, und von den Nachbarsleuten kümmerte sich keine

Seele um den Tod, der im Hause des Sudmanns Einkehr gehalten. Wolfrat Polzer

und auf seiner Schulter das stille Kind — das war der ganze Leichenzug; das

starre Körperchen war in ein Leintuch gewickelt und lag auf einem Brett, das

Wolfrat in Gestalt einer Wickelpuppe zugeschnitten hatte. Der Sudmann hatte

schon oft in seinem Leben schwerer getragen, aber noch keine Last hatte ihn so

tief gebeugt. Die Leute, denen er auf dem Weg zur Kirche begegnete, zogen die

Kappen und schlugen ein Kreuz. Im Friedhof erwartete ihn der Totengräber beim

ausgeworfenen Grab, in einem Winkel nahe der Mauer.

„Ich will den Kaplan holen,“ sagte der Mann, „kannst das Kind derweil

hinunterlegen.“

Wolfrat blieb allein; er löste den Strick, mit dem der kleine Leichnam auf das

Brett gebunden war, nahm das Kind auf seine Arme und stieg in die Grube; ein

Stück Rasen gab er der kleinen Schläferin als Polster; zwei Steinplatten, die der

Totengräber aus dem Boden geworfen, stellte er wie ein Dach über den Kopf des

Kindes, damit ihm die fallende Erde nicht das Gesicht drücke. Nun sah er den

Kaplan mit dem Bruder Mesner kommen und stieg aus der Grube.

Ein lateinisches Gebet, zwei sich kreuzende Striche mit dem tropfenden

Weihwedel, und Kaplan und Mesner gingen wieder davon. Eine Armeleutleich

ist immer schnell abgetan. Der Totengräber stieß die Schaufel in die Erde. „Kann

ich anfangen?“

Wolfrat nickte. Doch als der Mann die ersten Schollen schwer in die Grube

fallen ließ, faßte Wolfrat den Stiel der Schaufel. „So tu doch nit so grob!“

„Ich muß mich tummeln, in einer Stund kommt schon wieder ein anderer.

Jetzt sterben die Leut wie närrisch.“

„So laß mir die Schaufel!“

„Meintwegen! Hast du die drei Heller?“

Wolfrat griff in die Tasche und zog eine Handvoll blinkender Münzen hervor.

„Da schau her!“ sagte er mit heiserem Lachen. „Geld hab ich wie Mist!“ Und

statt der drei Heller, die der Mann nach dem klösterlichen Weistum zu fordern

hatte, bezahlte Wolfrat einen halben Schilling. „Nimm nur! Ein bißl was muß das Kind doch auch davon haben.“ Wieder lachte Wolfrat; aber sein Gesicht

verzerrte sich, und seine Hände zitterten.

Kopfschüttelnd ging der Totengräber davon. „Ist das aber einer! Der kann

lachen, wenn er sein Kindl eingrabt.“

Wolfrat faßte die Schaufel und legte Scholle um Scholle achtsam in das kleine

Grab. Bei der ersten Scholle sagte er: „Von der Mutter!“ Bei der zweiten: „Vom

Vater!“ Bei der dritten: „Vom Lippele!“ Dann schaufelte er schweigend weiter.

Weshalb vermied er es, auch in Gittlis Namen dem Kind eine Scholle als letzten

Gruß zu spenden? Es sollen nach altem Brauch in ein sich schließendes Grab

doch alle eine Scholle legen, die eines Stammes sind? War die Schwester für ihn

tot, seit er in finsterer Stunde erfahren mußte, daß ihrem Herzen das Schicksal

eines Fremden näher stand, als Wohl und Wehe ihres leiblichen Bruders?

Der Hügel über dem Grabe war vollendet. Wolfrat stieß die Schaufel in die

Erde, und nun stand er lange, lange, den Kopf auf die Brust gesenkt, zwischen

den zuckenden Fingern die Kappe drehend. Beten konnte er nicht. Er tat einen

schweren Atemzug und bedeckte das Haupt.

„Mußt nit lang warten, Katzl! Paß nur auf, es kommt schon eins ums ander!

Die Mutter und ich, und —“ Nein, den Namen seines Buben brachte er nicht

über die Lippen.

Als er sich vom Hügel wandte und das leere Brett unter den Arm nahm,

kollerten ihm zwei schwere Tränen in den Bart.

Er wollte nicht über den Marktplatz gehen; dort waren ihm zu viel Leute. Auf

einem Umweg suchte er das Haus eines Taferlmalers. Er fand den Meister

daheim. „Schreib mir den Namen auf das Brett!“ sagte er zu ihm.

„Ist bei dir eins gestorben?“

„Ein Kind. Mariele hat’s geheißen! Mach’s nur recht schön! Rot und Blau.

Und mal auch ein Kreuz darunter! Ich zahl’s. In einer Stund komm ich wieder

und hol das Brett.“

Von hier begab sich Wolfrat in die Klostervogtei, um das Lehent zu entrichten.

Er fand Herrn Schluttemann in Montagslaune. Das war von allen Launen des

Vogtes die schlimmste. Denn am Sonntag, dazu noch an einem hohen Feiertag,

pflegte Herr Schluttemann länger als gewöhnlich im Kellerstübl des Klosters zu

verweilen; um so schärfer war dann aber auch am folgenden Morgen Frau

Cäcilias Zunge geschliffen; und da das größere Feuer die größere Hitze macht,

so war es begreiflich, daß Herr Schluttemann an solch einem Montagmorgen in

seiner Amtsstube umherfuhr wie ein Wetterstrahl, der aus den Wolken keinen

Ausweg findet, immer blitzt und donnert, ohne sich ganz entladen zu können.

Als Wolfrat über die Schwelle trat, fiel Herr Schluttemann mit einem Schwall

von scheltenden Worten über ihn her, wie ein Wildbach mit seinen Wassern über einen geduldigen Felsblock; Wolfrat stand ruhig und stumm; eine Weile ließ er

das Ungewitter über sich ergehen; dann, als Herr Schluttemann einmal Atem

schöpfte, sagte er: „Was plagt Ihr Euch so mit Schreien, Herr Vogt? Ich hör auch,

wenn Ihr den Blasbalg minder anzieht.“

Die Verblüffung über diese kecke Rede schien Herrn Schluttemann beinah in

Stein zu verwandeln; sein rotes Gesicht wurde noch röter, er warf die Fäuste in

die Höhe, durchmaß im Sturmschritt die Stube und donnerte: „Hat man so was

schon erlebt in der ganzen Christenheit? Wie dieser Mensch sich mit mir zu

reden traut! Solch ein Schwertmaul! Oh! Ah! Hoho! Ich, der Vogt, ich soll wohl

höfische Reden führen? Mit solch einem Salzpantscher? Belieben, geruhen,

befehlen Euer Gnaden? Soll wohl gar noch katzebuckeln vor solch einem Kerl,

der das Lehent nicht bezahlen kann?“

Aus Wolfrats Augen schoß ein finsterer Blick. „Wer sagt das, Herr Vogt? Ich

bring das Lehent.“

Herr Schluttemann drohte die Fassung zu verlieren. „Er bringt das Lehent?

Bringt es? Bringt es?“ Blasend stemmte er die Fäuste in die Hüften und kam auf

Wolfrat losgeschossen, als wollte er ihn über den Haufen rennen wie der

Sturmbock die Mauer. „Wer hat dich geheißen, das Lehent zu bringen? Wenn

Seine hochwürdigste Gnaden, unser Propst, die Güte und himmlische Milde

haben, zu sagen: man sehe zu, ob dieser Wolfratus ein Spieler und Säufer ist —

und das bist du nicht, und ein tüchtiger Schaffer bist du auch, da beißt die Maus

kein Faden ab! Gott straf mich! Und weil es wahr ist, sagen Seine Gestreng, Herr

Heinrich von Inzing, mein allergnädigster Herr Propst, soll diesem Wolfratus für

heuer das Lehent erlassen sein!“ Herrn Schluttemann ging der Atem aus.

„Das Lehent? Erlassen sein?“ stammelte Wolfrat. Er war kreidebleich

geworden und wankte, als hätte ihn ein Schwindel befallen.

„Und jetzt bringt er das Lehent! Bringt es! Bringt es!“ Herr Schluttemann rang

über diese Tatsache die Hände, als hätte er den Untergang von Jerusalem zu

bejammern. Und wieder zu Wolfrat sich wendend, schrie er ihn an: „Woher hast

du das Geld?“

„Ich hab’s geschafft, weil es her hat müssen!“ erwiderte Wolfrat, starr

aufgerichtet, mit heiserer Stimme. „Woher ich es hab, braucht Euch nit zu

kümmern. Ihr müßt es nit heimzahlen. Aber wenn Euch schon die Neugier plagt:

der Eggebauer hat mir’s geliehen.“

„Der Eggebauer? Geliehen?“

„Weil ich ihm in der Samstagnacht seinen hölzernen Herrgott hinaufgetragen

hab auf seine Alm in der Röt.“ Laut und langsam sprach Wolfrat diese Worte.

„Den schweren Herrgott? In der Nacht? Und deshalb hat er dir das Geld

geliehen?“

„Und weil er vielleicht gemeint hat, Ihr könntet ihm noch einen schlechteren

Nachbar auf das Genick setzen, wenn ich vom Lehen gejagt werde.“

„Der Teufel jagt dich vom Lehen! Aber ich nicht!“ donnerte Herr

Schluttemann. „Bin ich denn ein Wurm, der Feuer speit und Steine frißt? Auf der

Stelle machst du jetzt, daß du heimkommst zu Weib und Kind. Und diesem

Schmersack gibst du sein Geld zurück, bis auf den letzten Heller. Apage!“

Herr Schluttemann machte einen Versuch, Wolfrat am Kragen zu fassen, um

ihn zur Tür hinauszudrehen. Der Sudmann aber packte mit eisernem Griff den

Arm des Vogtes. „Jetzt hab ich das Geld, jetzt will ich auch zahlen. Ich will von

keinem was geschenkt. Und vom Kloster am allerletzten.“ Er ging auf den Tisch

zu und zählte die acht Schillinge der Reihe nach auf die Platte; jedem gab er mit

dem Daumen einen Druck, daß es klang und klirrte.

„Himmelwetter, soll ich denn in meiner Stube nimmer Herr sein?“ schrie Herr

Schluttemann, dessen rote Nase vor Zorn blau anlief wie Stahl im Feuer. „Wirst

du gleich tun, was ich sage! Wirst du gleich das Geld wieder einpacken! Wirst

du machen, daß du weiterkommst?“ Bei jedem ‚wirst du‘ schlug er die Faust auf

die Tischplatte, daß die Silberstücke sprangen und hopsten wie die Dirnen beim

Ostertanz. „Und wenn der Eggebauer schon sein Geld zum Fenster

hinausschmeißen will, so behalt es selber und laß es deinem kranken Kind

zugutkommen. Das Kloster braucht es nicht.“

„Mein Kind auch nimmer.“

„Dein Kind ist also wieder gesund?“

„Dem tut kein Faserl nimmer weh. Der schwarze Bader hat ihm geholfen, der

Armeleutbader. Und umsonst, Herr Vogt, ganz umsonst! Der hat allweil Zeit,

und hat keinen Schlaf in der Nacht, wenn eins um ihn schreit. Und habt Ihr

einmal Zeit, Herr Vogt, nachher nehmt das Leutbuch aus dem Kasten und

machet einen dicken Strich, wo meinem Kind sein Nam steht. Polzer Mariele.“

Wolfrat wandte sich ohne Gruß zur Tür.

„Polzer! Um Herrgottswillen!“ stotterte Herr Schluttemann. „Polzer! He!

Polzer!“

Wolfrat hatte die Stube schon verlassen. Vor dem Klostertor stand er still und

drückte die Fäuste vor die Stirn. „Das auch umsonst, das auch! Und niemand

anders hat mir das eingebrockt als die Dirn!“ Er streckte die rechte Hand vor

sich hin und sprach sie an mit verbissenem Lachen: „Du hast es notwendig

gehabt, daß du dich so getummelt hast, selbigsmal!“ Ein zorniger Blick seiner

heißen Augen suchte die fernen Höhen der Berge. „Aber wart nur, du Kramp,

komm mir nur wieder unter die Hand!“

Langsam ging er, um das Totenbrett seines Kindes zu holen.

Als er sein Lehen erreichte und in den Hausflur treten wollte, hörte er vom Hag her einen leisen Pfiff. Dort drüben stand der Eggebauer. Wolfrat spähte nach

allen Seiten, lehnte das Totenbrett an die Wand und ging zum Hag.

„Warst du bei ihm?“ fragte der Eggebauer flüsternd.

Wolfrat nickte.

„So red doch!“ Dem Bauer sprach die heillose Angst, die ihn erfüllte, aus

jedem Blick.

„Reden? Was ist da viel zu reden? Heut hat er noch allweil nichts wissen

können. Ich selber hab geredet, wie’s ausgemacht war. Halt nur fest bei der

Stang, wenn die Frag einmal an dich kommt!“

Der Eggebauer machte zwei Fäuste mit eingezogenen Daumen.

„Wie steht’s denn mit deinem Weib?“ fragte Wolfrat. „Hast du es ihr schon

gegeben?“ Er meinte das Herzkreuzl des Steinbocks.

Der Eggebauer schüttelte trübselig den Kopf. „Das Weib treibt’s ärger mit

jeder Stund. Was Füß hat im Haus, Mensch und Hund und Katz, alles wird von

dem Weib umeinander getrieben, daß einem der Schnaufer vergehen möcht. Und

wenn ihr der Wehdam ankommt, nachher halt’s schon gar kein Mensch nimmer

aus mit ihr. Und doch, ich trau mich nit, daß ich ihr’s geb! Wenn das Weib

gesunden tät, sie könnt das Maulwerk nit halten. Und alles müßt aufkommen.“

Es zuckte seltsam in Wolfrats Gesicht. „Am End willst es ihr gar nimmer

geben? Aus lauter Angst, es könnt ihr helfen?“

Der Bauer nickte. „Daß mich die Versuchung nit ankommt, wenn mich das

Weib wieder einmal plagt bis auf die Haut, drum hab ich das ganze Teufelszeug

mitsamt dem Büchsel hinterm Haus vergraben.“

Jetzt lachte Wolfrat laut hinaus.

„Geh, du Narrenteufel!“ brummte der Eggebauer, dem nicht lustig zu Mut war

bei diesem Gelächter. „Mir scheint, du kommst aus der Wirtsstub, aber nit vom

Freithof.“

„Aber geh, Bauer, so lach doch mit! Denn jetzt paßt alles zueinander. Mein

Kind hat nichts davon haben sollen, als nur den halben Schilling für die ewige

Liegerstatt und um einen Heller Farb auf dem Brett, und dein Weib soll nichts

haben davon, und es hätt auch nit sein müssen ums Lehent! Nur grad, daß ich die

roten Händ davon hab! Alles umsonst! Aber gelt Bauer, es wird halt so sein

müssen! Warum? Da kannst du lang drum fragen!“

„So red doch nit daher wie ein Unsinniger! In meinem Kopf schaut es eh

schon aus wie in einem Grillenhaus.“

Da klang vom Hause her Zenzas scharfe Stimme: „Vater!“

„Ja, ja, ich komm schon!“ rief der Eggebauer und wandte sich wieder zu

Wolfrat. „Mir graust, weil ich nur wieder hinein muß ins Haus! Ich sag dir’s,

Polzer, mir graust vor einer jedweden Stund! Und wenn eins anfangt, kommt gleich alles übereinander. Ich hätt schon genug an dem Weib, und jetzt fangt das

Mädel auch noch an und dreht den Daum auf, heult in einem fort, oder schreit

und haut alles kurz und klein, was ihr in die Händ kommt, als wär seit gestern

eine Hex in sie gefahren. Ich sag dir’s, Polzer, jedes Stück Vieh in meinem Stall

hat’s besser als ich, der Bauer. Umeinander steh ich wie eine Sulz, an der alles

zittert, wenn einer mit dem Finger dran hinrührt. Mir schmeckt kein Bissen mehr

und kein Trunk. Da schau her!“ Der Eggebauer stieß die Faust hinter seinen

ledernen Gurt. „Schau! Zwischen Gurt und Bauch fahrt mir schon bald ein

Wagen durch. Polzer, Polzer! Es muß doch wahr sein: man soll die Händ von

allem lassen, was nit richtig ist. Was hast du davon? Nichts, nichts, nichts — als

daß dir’s den guten Schlaf vertreibt und den schlechten Magen bläht!“

„Gelt? Kommst auch schon drauf?“

Und während Wolfrat lachte mit bleichen Lippen, kugelten dem Eggebauer

dicke Zähren über die schwammigen Backen. Der Bauer fuhr sich mit dem

Ärmel über die Nase. „Was ist denn, ist dein Mädel schon wieder

heimgekommen?“

„Ich weiß nit.“

„Wenn du was hörst, wie’s droben ausschaut, so komm und sag mir’s!“

Wolfrat nickte; dann gingen sie auseinander.

Als der Sudmann in seinem Haus die Stube betrat, sprang ihm Lippele jubelnd

entgegen; der Bub hatte dem Vater eine große Neuigkeit zu melden: in der

Scheune begännen zwei ‚wutzikleine, butziliebe Vogerln‘ ihr Nest zu bauen.

„So, so?“ sagte Wolfrat und strich die zitternde Hand über den Kopf seines

Buben. „Nachher geh nur, Lippele, und schau ihnen zu und paß recht auf! Da

kannst du dir auch einmal ein Nestl bauen!“ Er schob den Knaben zur Tür

hinaus.

Kaum war der Bub verschwunden, da richtete Sepha im Bett sich hastig auf.

Alle Angst ihres Herzens zitterte in ihrer Stimme: „Polzer? Hat dich schon einer

drum angeredet?“

Er schüttelte den Kopf. „Es kann noch keiner drum wissen.“ Als wären ihm

alle Glieder gebrochen, so ließ er sich auf den Rand des Bettes nieder. Sie faßten

sich bei den Händen und sahen sich stumm in die Augen. Wolfrat ließ den Kopf

auf die Brust sinken, und Sepha weinte leise vor sich hin.

Nach einer Weile fragte sie: „Wo liegt’s denn?“

„Bei der Mauer im Eck.“

Wieder nach einer Weile: „Hast du das Brettl mit heimgebracht?“

Er nickte.

„Geh, laß mich’s anschauen!“

„Wozu denn? Schau, Seph, was hast du denn davon? Nur daß du dich kümmern mußt!“

„Ich möcht’s aber sehen! Mehr hab ich eh nimmer von ihm als das Brettl.“

Er ging und holte das Totenbrett. „Gelt, schön hat er’s gemacht?“

Sie wischte sich die Tränen aus den Augen, um besser sehen zu können. Mit

beiden Händen hielt sie das kleine Brett vor sich hin; um seinen Rand war ein

Kränzl gemalt, welches blühende Schneerosen vorstellen sollte; in der Mitte

stand, blau und rot, der Name — und darunter ein schwarzes Kreuz. Mit

brennenden Augen starrte Sepha die Zeichen an, die sie nicht lesen konnte, von

denen sie nur wußte, was sie bedeuten sollten. „Mariele! Mariele!“

Aufschluchzend drückte sie das Brett an ihr Herz und umschlang es mit den

Armen.

Abermals verging eine lange, stumme Weile. Dann fragte Wolfrat: „Wie

nimmt’s denn der Bub auf? Hat er schon einmal gefragt nach ihr?“

Sie schüttelte den Kopf. „Mein Gott, ein Kind! Ich glaub, er spürt’s gar nit,

daß eins fehlt im Haus.“

„Könnt eins doch allweil ein Kind bleiben! Da ist jeder Tag ein ganzes Leben.

Nachher schlafst du und fangst wieder ein neues an.“ Wolfrat erhob sich und

stieß die Kammertür auf; als er den Raum leer fand, fuhr ihm ein Fluch über die

Lippen.

„Polzer, Polzer!“ stammelte Seph. „So sei doch froh, daß die Dirn noch

allweil nit daheim ist. Ich mein’, das wär ein gutes Zeichen. Sie wird ihn

lebendig gefunden haben. Polzer, Polzer! Wenn das wahr sein könnt! Wenn er

davon käm! Wär das ein Glück!“ Schluchzend hob sie die Hände gegen den

Himmel. „O du grundgütiger Herrgott, schau, nur grad das Einzige tu für uns!“

„Ja, ja, nur grad das Einzige!“ fiel Wolfrat mit heiserem Lachen ein. „Daß er

wieder aufkommt, daß er herstehen kann vor mich und den Arm strecken und

sagen: ‚Der da war’s!‘ Wär das ein Glück! Geh, Seph, brauchst dich nimmer

sorgen, es wird schon so kommen. Die Dirn wird schon helfen dazu. Und wenn

sie ihn lebig gefunden hat, wird sie ihn hascheln und päppeln, und wird reden für

ihn und wird’s halten mit ihm gegen uns.“

„Polzer! Wie kannst du so von deiner Schwester reden?“

„Schwester!“ lachte Wolfrat zornig auf. „Ich hätt gemeint, sie wär

angewachsen an uns. Aber Blut ist Blut. Sie will hoch hinaus. Hat sich aber doch

vergriffen. Wenn er auch gleich eine Feder auf der Kappen tragt und ein

Schießzeug führt wie ein Herrischer, er ist halt doch nur ein Knecht.“ Wieder

lachte er. „Sie soll ihn haben! Und wenn sie drinsitzt in seiner Keuschen,

nachher sag ich ihr’s.“

Sepha schaute ihn mit großen Augen an; sie verstand nicht, was er redete.

„Was, Polzer, was willst du ihr sagen?“

Er wandte sich ab und tat, als hätte er ihre Frage nicht gehört.

„Polzer?“

„Laß mich in Fried mit der Dirn! Sie hat mein Brot gegessen und schickt mir

zum Vergeltsgott den Freimann über den Hals.“

„Jesus!“ schrie Sepha auf, griff mit beiden Händen zum Herzen und fiel

erblassend in die Kissen zurück.

Er stürzte erschrocken zu ihr. „Seph, um Gottes willen, was hast du?“

„Völlig ungut ist mir worden!“ sagte sie mit matter Stimme und umklammerte

seine Hand.

„Schau, Seph! Tu mir’s zulieb, nimm mir doch grad die Sorg um deintwegen

von der Seel! Der Krank in dir wird ärger mit jeder Stund. Schau, wenn du dich

überwinden könntst und tätst die Schweißbluh nehmen?“

„Und wenn’s um mein ewiges Leben wär, Polzer, ich tu’s nit! Lieber soll’s mit

mir ein End haben beim nächsten Schnaufer!“

Er atmete tief und erhob sich.

„Schau nach der Zeit, Polzer,“ sagte sie, „du mußt ins Sudhaus. Und das Brettl

mußt du auch noch aufstellen.“

Er nahm das Totenbrett, suchte einen Hammer hervor und wollte die Stube

verlassen. Unter der Tür wandte er sich wieder, löste einen hölzernen Pflock aus

der Lehmwand und zog den Lederbeutel mit der Schweißbluh aus der Vertiefung

hervor.

„Was willst du damit?“ fragte Sepha ängstlich.

„Wegschaffen muß ich’s! Ich kann’s doch nit in der Mauer drin verfaulen

lassen.“

Nun ging er. Vor der Haustür blieb er stehen. „Miez, Miez!“ rief er. Aus der

Scheune kam eine graue Katze herbeigesprungen. Ihr warf er den Inhalt des

Beutels vor. „Für die Katz! Alles für die Katz!“

Er stand und sah dem Tiere zu, wie es gierig über die Brocken herfiel. Je

hastiger es fraß, je besser ihm das Gericht zu munden schien, desto finsterer

wurde Wolfrats Blick, desto mehr machte ihm ein heiß aufsteigender Zorn die

Adern an den Schläfen schwellen. Und als die Katze das Letzte aus dem Sande

leckte, schwang Wolfrat den Hammer: „Sollst du allein was haben davon?“ Er

warf. Klagend machte das getroffene Tier einen verzweifelten Sprung und lag

verendet auf der Erde.

Da kam Lippele um die Ecke gesprungen. Hastig griff Wolfrat zu und verbarg

die tote Katze unter seinem Janker; er hätte sie gerne wieder lebendig gemacht;

das Tier war seines Buben Liebling und Spielkamerad gewesen.

Mit raschen Schritten ging er dem Hag zu und trat auf die Straße. Scheu

blickte er sich um und warf die Katze in den vorbeirauschenden Seebach.

Dann schlug er neben der Zauntür das Totenbrett des Kindes, die bemalte

Seite gegen die Straße gewendet, mit dem Hammer aufrecht in die Erde. Es

sollte jedem vorüberwandernden Menschen sagen: „Bet ein Vaterunser, hier ist

der Tod gewesen und hat sich wieder auf den Weg gemacht nach einem andern

Haus. Bet, bet, vielleicht bist du der nächste!“

Als Wolfrat den letzten Hammerschlag getan, ging Zenza auf der Straße

vorüber. Sie sah weder den Sudmann noch das Brett; finster blickte sie vor sich

hin auf die Erde.

„Bet, bet,“ sagte das Totenbrett, „vielleicht bist du die nächste!“

Wolfrat warf den Hammer über den Hag und wollte sich auf den Weg nach

dem Sudhaus machen. Die Pfannen mußten vorgeheizt werden, wenn der Sud

mit dem kommenden Werktag wieder in vollem Gang sein sollte.

Da gewahrte Wolfrat, daß er auf der Seite, auf der er die erschlagene Katze

getragen hatte, von der Brust bis zum Knie mit Blut betropft war. „Mensch oder

Katz, es bleibt halt allweil was hängen an einem!“ Er stieg zum Ufer der Ache

hinunter, um sich zu reinigen. Ein paar Hände voll Wasser, und die Flecken

waren getilgt. „Ob’s wohl für das ander auch ein Wasser gibt?“

Als er wieder hinaufstieg zur Straße, hörte er Hufschlag. Er wollte dem Zug,

der sich näherte, nicht begegnen und sprang hinter ein Gebüsch.

Mit heiterem Geplauder zogen sie vorüber: voran Herr Heinrich von Inzing,

der Propst des Klosters, und Herr Schluttemann, beide zu Pferde; hinter ihnen

Frater Severin mit geschürzter Kutte, den Bergstock führend; an seiner Seite

Walti mit vollgepfropftem Rucksack; dann noch vier Klosterknechte mit schwer

beladenen Kraxen.

„Der Haymo wird Augen machen, wenn er uns kommen sieht!“ sagte Frater

Severin, als er an dem Gebüsch vorüberschritt, hinter welchem Wolfrat stand.

„Ich freu mich schon auf ihn! Weißt du, Bub, ein Gärtner hat allweil die Sonn

gern, und sie scheint so warm in Haymos Augen!“

„Möcht wissen, warum er gestern gefehlt hat beim Ostertanz?“ sagte Walti.

„Ich hab ihm eine Botschaft bringen wollen und hab gewartet —“

Das Rauschen der Ache verschlang die Worte der Weiterschreitenden.

Wolfrat kam hinter dem Gebüsch hervor und sah den Verschwindenden nach.

„Jetzt hebt sich der Hammer über der Katz!“ Er griff mit beiden Händen nach

seinem Kopf.