Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 6 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 4

 

Als Haymo durch die Pforte des Klostergartens trat, scholl vom Kirchplatz herab

ein lautes Knattern und Gepolter. Das waren die hölzernen ‚Ratschen‘, die zur

Messe riefen; während der Passionstage dürfen die Glocken nicht geläutet

werden; ihre klingenden Seelen, so geht die Sage, ziehen nach Rom, um vom

heiligen Vater gesegnet zu werden, und erst in der Osternacht kehren sie zurück

in ihre ehernen Leiber, um schwebenden Schalles die Auferstehung des Erlösers

zu verkünden.

Über Felsstufen und gewundene Wege stieg Haymo den Hang des Hügels

empor, auf dessen Kuppe das Kloster stand; das ganze Gehänge, einst mit

Felsklötzen besät und von wirrem Gestrüpp überwuchert, war in einen

freundlichen Garten verwandelt, mit zahlreichen Blumenbeeten, Baumgruppen

und säuberlich gehaltenen Pfaden. Wohl war der Garten um diese frühe

Jahreszeit noch arm an Grün und Blüten. Aber was mußte das im Sommer für

eine Pracht und Freude sein! Frater Severin, der Gärtner, verstand seine Kunst;

das mußte auch der Neid bekennen.

Auf schwankendem Steg überschritt Haymo den tiefen Hirschgraben, in dem

ein Rudel Hochwild friedlich äste. Die Tiere sahen elend und verkümmert aus;

ein Hirsch, auf dessen Haupt schon das neue Geweih zu sprossen begann, war

bis zum Rande des Grabens emporgestiegen und drückte die Stirn gegen das

hölzerne Gitter; er sah durch die Lücken der Stäbe in der Ferne den freien

Bergwald blauen; Haymo wandte sich ab, bewegt von Erbarmen; es dünkte ihn

ein hartes Unrecht, solch ein edles Tier gefangen zu halten in traurigem Kerker,

nur zu müßiger Augenweide.

Als der Jäger an der Klosterpforte den Hammer rührte, sagte ihm der Pförtner,

daß Haymo nach der Messe in der Amtsstube des Klostervogtes sich einzufinden

hätte; doch sollte er neben Dienst und Pflicht auch seines irdischen Leibes

gedenken und den Umweg über die Küche nicht scheuen. „Freu dich, Junge,

heut ist großer Fasttag!“ flüsterte der Pförtner und schmunzelte.

Haymo gab die Armbrust und den Bergstock in Verwahrung und schritt über

den weiten Klosterhof dem Münster zu, durch dessen offenes Tor der Weihrauch

duftete und die brennenden Kerzen flimmerten. Stehend, die Kappe zwischen

den verschlungenen Händen, hörte er die Messe. Im Beichtstuhl hatte er ein

schweres Viertelstündchen; er besann und besann sich, aber es fiel ihm keine Sünde ein, die er begangen hätte. Das ganze Jahr hindurch mit sich allein auf den

Bergen und im Wald, nichts anderes im Herzen als die stille Freude an der

schönen Gotteswelt, nichts anderes im Sinn als die Jägersorgen, die der Morgen

weckte und der Schlaf vergessen machte, wie soll man da zu einer Sünde

kommen? Kein Gebet, kein Glaube macht die Menschen frömmer als die

Einsamkeit des rauschenden Waldes, als die freie Himmelsnähe auf den Gipfeln

der Berge. Aber sündigen muß doch der Mensch! Wozu wäre sonst die Beichte

da? Haymo sann und sann. Der Pater im Beichtstuhl wurde ungeduldig. Und

Haymo, dem der Angstschweiß auf die Stirne trat, stotterte: „Hochwürdiger

Vater, ich bitt Euch, habt nur ein Weilchen Geduld, es wird mir gewiß noch eine

Sünd einfallen!“ Und richtig — der heiße Zorn, der ihm über die Lippen fuhr, so

oft er droben in seinem Revier die verdächtige Spur eines Menschen fand — das

war doch Sünde! Und der Wunsch, daß er Flügel haben möchte, um die

entflohenen Raubschützen verfolgen und fassen zu können? Wieder eine Sünde!

Denn dieser Wunsch war so viel wie ein versteckter Zweifel an der Weisheit

Gottes, der die Menschen nun einmal ohne Flügel erschaffen hatte. Haymo

atmete erleichtert auf; der Anfang war gemacht, und da ging es prächtig weiter,

so daß er schließlich ein ganz gewichtiges Päckl Sünden zusammenbrachte. Der

Pater lächelte, als er diesem schwer beladenen Beichtkind die Absolution

erteilte; Haymo aber war völlig zerknirscht und hielt die kleine Buße, die er zu

beten bekam, für unverdiente Milde. In tiefer Andacht genoß er den Leib des

Herrn und verließ die Kirche.

Der Pförtner, der ihm das Tor des Stiftes öffnete, zwinkerte ihm freundlich zu

und sagte: „Geh nur! In der Küch wissen sie schon, daß du kommst!“

Haymos eisenbeschlagene Schuhe klapperten auf den Steinfliesen des langen

Korridors, den er zu durchschreiten hatte. Durch die hohen Bogenfenster fiel das

goldene Sonnenlicht und machte die Farben der frommen Bildnisse leuchten, mit

denen die weißen Wände geziert waren. Aus einer Türe hörte er summende

Stimmen, dazu ein lautes Klappern und Klirren. Er öffnete und betrat die

Klosterküche. Feuchte Hitze umfing ihn, und angenehme Düfte quollen ihm

entgegen. Ein großmächtiger Raum mit sechs hohen und breiten Fenstern; die

Wände schneeweiß getüncht, der Boden mit roten, spiegelblanken

Marmorplatten belegt. Überall weißgescheuerte Tische, Kasten, Schreine und

Truhen; alle Wände funkelten von kupfernen Pfannen und zinnernen Schüsseln;

an den Fensterpfeilern hingen die aus Blech getriebenen Kuchenformen in

Gestalt von Sternen, Herzen, Blumen und allerlei Getier. In der Mitte des

Raumes stand der riesige Herd, dessen Inneres, nach den vielen Kupfertüren zu

schließen, ein wahres Labyrinth von Feuerhöhlen und Bratröhren enthalten

mußte; die Platte des Herdes war dicht bestellt mit dampfenden Pfannen und Kesseln, und über offenem Kohlenfeuer wurde an langem Spieß ein Seeferch

gebraten, der wohl an die dreißig Pfund wiegen mochte.

Und welch ein emsiges Leben in diesem Dampf und Duft! Rings um den Herd

und um die Zurichttische standen und gingen die Küchenbrüder, mit nackten

Armen, mit blauen Schürzen über den Kutten, jeder betraut mit einem

hochwichtigen Amt. Hier wurden Hechte, Forellen und Saiblinge gereinigt, dort

walkte einer mit derben Fäusten an einer ellenlangen Teigstulle, hier wurden

Zwiebeln geschnitten und Zitronenschalen gewürfelt, hier schlug einer mit

langer Birkenrute einen ganzen See von Eiweiß zu schneeigem Schaum, dort

wurde Mehl abgewogen und Gewürz sortiert, und zwischen den Brüdern

tummelten sich die Laufbuben, Holz tragend, das Feuer schürend, die

gebrauchten Kessel scheuernd und das zinnerne Geschirr spülend. Hohe Stöße

von Tellern wurden durch einen Schalter hinausgeschoben, durch den man das

weite Refektorium mit seinen blütenweiß gedeckten Tischen gewahrte. Und in

diesem Klappern, Klirren, Zischen und Brodeln ein ununterbrochenes Rufen,

Plaudern und Lachen. Und alle Gesichter rotbrennend vor Hitze.

Die Fäuste in die Hüften gestemmt, mit gebieterischer Ruhe, wie ein Feldherr,

schritt Frater Friedrich, der Küchenmeister, auf und nieder, alles überblickend,

alles überwachend. Breit lag ihm das Doppelkinn auf der Brust, die kleinen

Augen versanken fast in den Fettpolstern der Backen, und bei seinem Umfang

mochten fünfzehn Ellen Tuch nicht ausreichen für die Kutte. Ja, das Fasten! Das

Fasten!

Als Haymo die Küche betrat, weckte sein Erscheinen einen lauten Aufruhr.

„Der Jäger! Der Jäger!“ rief es auf allen Seiten, die Brüder kamen auf ihn zu, die

Laufbuben ließen fallen, was sie in den Händen hatten, und rannten ihm

entgegen. Mit glotzender Neugier umstanden sie ihn; der eine griff nach Haymos

Weidmesser, der andere streichelte die Armbrust, der dritte griff in den Köcher

und prüfte die Schärfe einer Bolzenspitze am Finger. Und so viele Fragen gab es

auf einmal, daß der Jäger sie in einer Stunde nicht hätte beantworten können.

Haymo wurde verlegen, ihm war zumut wie der Wildtaube im Hühnersteig. Da

kam der Frater Küchenmeister — herbeigegangen? — nein, herbeigerollt wie

eine Tonne. „So? Bist du da? Hast du deine Seel gestärkt? Brav, mein Sohn,

brav! Das ist Christenpflicht. Jetzt aber komm und stärke deinen Leib!“

Er nahm den Jäger unter den Arm und führte ihn in eine kleine Stube, die

neben der Küche lag und halb einer Mönchszelle, halb einer Speisekammer

glich. Im Erker war säuberlich ein kleiner Tisch gedeckt, und neben dem

Zinnteller stand eine Holzbitsche, bis zum Rande gefüllt mit schäumender ‚Güte

Gottes‘.

Die beiden setzten sich, und ein Laufbube trug auf; Schüssel um Schüssel kam, und Haymo machte immer größere Augen. Er hatte noch nie im Leben so

herrenmäßig — nein, das will zu wenig sagen — so klosterwürdig getafelt! Der

Frater Küchenmeister schien den schmucken Jäger ins Herz geschlossen zu

haben; er hatte die Arme breit über den Tisch gelegt und schaute dem

Schmausenden mit zufriedenem Lächeln zu.

Da gab es zuerst eine Erbsensuppe mit gerösteten Schnitten, dann kamen

Pastetchen, mit Forellenbacken gefüllt; es folgte ein gesottener Hecht, der sich,

wie der Frater scherzte, aus Freude darüber, daß er gar so schön blau geraten, in

den eigenen Schwanz biß; er trug zwei grüne Rosmarinzweiglein in den

Nasenlöchern und hatte absonderliche Augen: aus gelber Zitronenschale

geschnitten und in der Mitte ein Pfefferkorn; und rings um den Rand des Tellers

lag ein Kranz von Zwiebelscheiben, darin der geputzte Fisch so prächtig

anzusehen war, daß Haymo erst nach langem Zureden das Herz hatte, diese

Pracht zu zerstören. Dann folgten gedünstete Froschschenkel in köstlicher Tunke

mit gebackenen Krapfen. Und nun kam ein richtiger Braten. Ein Braten am

Fasttag? Haymo blickte verlegen auf den Frater. „Darf ich denn das essen?“

Der Küchenmeister tätschelte die Hand des Jägers. „Iß nur, Bub! Glaubst du

denn, ich möcht deine frischgescheuerte Seel mit einer Sünd beflecken? Iß nur!

Das ist Fastenspeis, wie Fisch und Frosch!“

Zögernd kostete Haymo; aber gleich wieder legte er die Gabel nieder und

schob den Teller kopfschüttelnd von sich. „Nein, Herr, das ist Fleisch!“

„Freilich Fleisch,“ lachte der Frater, „aber Fleisch von einem Biber!“

„Biber? Das ist doch ein Tier mit Haar und Füßen?“

„Frißt aber Fische! Verstehst du? Das ist Philosophie der Klosterküche: Biber,

Otter und Wildente, ob Pelz oder Federn, was Fische frißt, wird wieder als Fisch

gegessen. Und ganz mit Recht! Denn die Nahrung macht das Wachstum und

bildet aus ihrem Stoff den Körper. Somit verzehrst du in diesem Braten kein

richtig Fleisch, sondern ein Teilchen von jedem Hecht und Karpfen, von jeder

Grundel und Schleie, die der Biber schmauste.“

„So?“ lächelte Haymo. „Dann aber, Frater Küchenmeister, wundert mich

eines.“

„Was, mein Junge?“

„Daß Ihr am Fasttag nit auch eine Hirschkeule auf die Tafel setzt.“

In Entsetzen klatschte der Frater die Hände zusammen. „Haymo! Du

gottverlorener Mensch!“

„Warum? Die Hirsche äsen Gras und Kräuter. Also muß ihr Fleisch ein

Gemüse sein, wie Kohl und Rüben. Und das ist doch Fastenspeis.“

Der Küchenmeister machte ein verdutztes Gesicht; dann schlug er lachend die

Hand auf den Tisch. „Schade, schade, Haymo, daß du kein Klerikus geworden! In dir steckt ein Kirchenlicht. Und das soll nit umsonst geleuchtet haben! Im

nächsten Kapitel mache ich den Vorschlag, daß man alles Wildbret als

Fastenspeis erklären soll.“ Nachdenklich schwieg er und schüttelte den Kopf.

„Nein! Ich tu’s doch lieber nit. Am Ende drehen sie den Spieß um und sagen:

wie der Hirschbraten kein Gemüse ist, so ist der Biberschwanz kein Fisch,

obgleich er Schuppen hat. Und Biberschwanz ess’ ich für mein Leben gern. Gib

her ein Bröckl!“ Und aus dem ‚Bröckl‘ wurde mit Kosten und Kosten der halbe

Braten. „Gelt, du? Das rutscht wie Butter.“

„Ja, Frater, ein feiner Braten! Der kommt wohl von weither?“

„Von der Donau. Dort leben die Biber zu Hunderten in ihren Wasserdörfern.

Von Straubing bis weithinunter gegen Wels hat der Passauer Bischof das

Jagdrecht. Mit dem letzten Salzkarren hat er uns ein Dutzend geschickt,

wickelfette Kerle!“

„Von Passau? Ist das von dorther, von wo der neue Pater Fischmeister

gekommen ist?“

„Warum fragst du?“

Haymo wurde rot. „Ich mein’ nur so. Ich hab ihn gesehen, heut früh am See.“

Des Fraters Augen leuchteten. „Den soll der liebe Gott unserm Kloster

erhalten! So viel hat noch keiner von See und Fisch verstanden, wie der! Hast du

den Ferch draußen am Spieß gesehen? Den hat er mit eigener Hand gefangen.

Ich laß aber auch nichts auf ihn kommen. Ich halt es mit ihm. Da mögen sie im

Kloster reden, was sie wollen.“

„Was reden sie von ihm?“ fragte Haymo, wobei er sich alle Mühe gab, seine

Spannung zu verbergen.

„Ach, dummes Zeug! Bevor er hinauszog in die Seeklause, haben sie ihn in

der Nacht oft schreien hören in seiner Zell, daß es jedem, der es hörte, durch

Mark und Bein ging. Und wenn sie dann zu ihm hineinrannten, fanden sie ihn

am Boden, mit zerrauftem Haar und blutigen Fingernägeln. Nun sagen sie, daß

der Teufel Macht hätte über ihn, weil furchtbare Sünden auf seinem Gewissen

liegen. Und sie sagen, der Teufel käme in der Nacht und raufe mit ihm um seine

Seele.“

Haymo saß mit erblaßtem Gesicht und stammelte: „Soll das wahr sein

können?“

„Glaub mir, Haymo, dem Teufel laufen die Seelen so scharenweis zu, daß er

gemütlich warten kann, bis sie kommen. Der braucht sich nit zu raufen um das,

was sein ist. Und bei einer Seel, die dem lieben Herrgott gehört, da hilft ihm

auch das Raufen nichts.“

„So?“ Haymos Stimme klang seltsam gereizt; denn wieder sah er den Pater

Fischmeister vor Gittli stehen, mit verlangend gestreckten Armen, mit brennenden Augen. „Ihr meint wohl, der Pater hätt so eine fromme Seel, die

nirgends hin will, als nur hinauf in den Himmel?“

„Was weiß ich? Kein Mensch hat ein Guckloch vor dem Herzen, daß man

hineinschauen könnt, wie’s aussieht drinnen. Auf jeder Pfanne liegt ein Deckel.

Nun errat’s, was drinnen kocht! Mit der Nase riecht man auch nit alles. Und wer

immer auf den Knien rutscht, ist noch lang kein Heiliger. Es kann auch einer in

den Himmel kommen, der steife Beine hat. Und dann, was geht’s mich an? Er ist

der beste Fischer. Das ist mir genug. Freilich, was Besonderes muß es schon

gewesen sein, was den ins Kloster verschlagen hat. Wenn ich zurückdenke die

zwanzig Jahr —“

„Ihr habt ihn gekannt?“ fiel Haymo hastig ein.

„Gekannt? Nein! Aber gesehen hab ich ihn einmal. Und hab ihn auch nimmer

vergessen. Es war zu Regensburg. König Ludwig — jetzt ist er lange schon

Kaiser, und Gott mag ihn erhalten, denn er ist ein guter Herr — der sollte damals

zu Gast kommen bei Bischof Adalbert. Und da holten sie mich aus dem Kloster,

damit ich das Mahl rüste. Ja, mein Junge, ich hab allzeit was gegolten! Ein Koch

wie ich! — Lassen wir’s, denn stolz sein ist eine Sünd. Ich kam also, und ich sag

dir, Wunder hab ich gewirkt, Wunder! Was ein Auerhahn für ein Vieh ist, das

weißt du doch?“

„Keine schönere Jagd, Frater!“

„Jagen? Meintwegen! Aber essen? Ich dank! Was aber will ich machen?

‚Bruder Küchenmeister‘, sagte Herr Adalbert zu mir, ‚ich will dir kund und zu

wissen tun, daß Herrn Ludwigs Lieblingsgericht der Auerhahn ist.‘ Auch ein

Geschmack, denk ich mir! Dazu gehört ein gut bayrischer Magen. Und Zähne!

Die hat er freilich. Das haben seine Feinde gespürt, mit denen er ins Beißen kam.

Also, ein Auerhahn! Ja, aber wie? Ich sag dir, Haymo, die ganze Nacht hab ich

kein Auge zugetan. Und der liebe Gott hat mich erleuchtet. Ich habe damals eine

Beize erfunden — eine Beize! Und der Auerhahn kam auf die Tafel. Und wie!

Butter, Haymo, Butter!“

„Aber der Pater Fischmeister?“ drängte Haymo.

„Ja, richtig! Es war ein wunderschöner Maitag, als Herr Ludwig einzog im

Hof der Bischofsburg. Alles glitzerte von Sonne. Der Himmel gut bayrisch: blau

mit silbernen Schäflen. Als sie kamen — ich sag dir, Haymo, das war ein Glanz

und eine Pracht, von all dem funkelnden Gold und Eisen! Vom Küchenfenster

sah ich’s mit an. Und ein Jubel und eine Freud! Herr Ludwig ritt auf einem

schneeweißen Pferd.“

„Die Krone auf dem Haupt und das Zepter in der Hand?“

„Dummer Bub!“ lachte der Frater. „Da kennst du unsern Kaiser schlecht.

Nein! Im schlichten Jägerkleid, nit ärmer wohl, aber auch nit besser als der Kittel, den du am Leib trägst. Sein Gefolg aber! Du, das schaute sich an, als

wären die Schatzkammern der Untersberger Zwerge lebendig geworden. Und

unter den Fürsten und Rittern war einer —“

„Der Pater Fischmeister?“

„Erraten! Freilich, damals hieß er noch nit Pater Desertus, sondern Dietwald,

Burggraf zu Falkenberg.“[5]

„Ein Graf!“ staunte der Jäger.

„Hast du schon den heiligen Georg auf seinem Roß gesehen?“

„Ja, auf dem Bild, das im Zimmer des Vogtes hängt.“

„So sah er aus. Stolz und schön! Unter dem blitzenden Helme ringelten sich

die schwarzen Locken hervor. Auf den Lippen sproß ihm der erste Flaum, ein

lachendes Gesicht wie Milch und Blut, aber eine Gestalt und Glieder, und eine

Kraft! Sein Roß schnaufte nur so unter ihm! Und als wär’s ein Birkenblatt, so

trug er den schweren Schild, einen weißen Falk auf blauem Grund. Andern

Tages beim Turney, da brauchte er nur so zu machen —“ der Frater

Küchenmeister tippte den Zeigefinger auf Haymos Brust, „und die Herren Ritter

purzelten in den Sand und streckten alle viere in die Luft. Und die Weibsleut!

Wie verrückt waren sie. Die Augen guckten sie sich aus nach ihm. Er aber — —

Was gibt’s?“

Ein Laufbursch war in die Stube hereingestürmt; der Klostervogt hätte nach

dem Jäger fragen lassen.

Erschrocken sprang Haymo auf; aber so rasch kam er nicht zur Tür hinaus.

Der Frater Küchenmeister hatte noch allerlei Anliegen; er zählte dem Jäger an

den Fingern die würzigen Wald- und Almenkräuter her, welche Haymo in die

Küche liefern sollte, sobald der Frühling sie erweckt hätte zum Blühen. Auch die

Bärenschinken wären aufgeknappert bis auf den letzten Knochen. Ob nicht

Aussicht wäre auf neuen Vorrat? Nicht nur wegen der Schinken. „Gesulzte

Bärentatzen!“ Der Frater verdrehte die Augen und schlug mit der Zunge einen

Triller.

„Vergangene Woch hab ich einen Bär gespürt, hoch oben im Schnee,“ sagte

Haymo, „doch die Fährt hat sich im aperen[6] Wald verloren.“

„Pack ihn, Haymo, pack ihn! Und noch eines! Hat die Schneerose schon

verblüht?“

Ein träumerisches Lächeln glitt über die Züge des Jägers. „Ich hoff, noch lang

nit!“

„Ich aber hoffe, bald!“ Auf das behäbig freundliche Antlitz des Fraters legte

sich ein wehmütiger Schatten. „Weißt du, Haymo, das viele Kosten von allen

Schüsseln, das tut nit gut auf die Dauer. Manchmal in der Nacht, da spür ich’s

hier, am Herzen, daß ich meine, ich muß ersticken. Dafür hilft die Wurzel der Schneerose, die Nieswurz. Aber sie muß gegraben werden, wenn das letzte

Stöckl verblüht hat. Dann ist ihr Saft am stärksten. Er macht das dicke Blut

wieder flüssig und das schläfrige Herz wieder lebendig.“

„Ja, Frater, Ihr sollt eine Wurz haben, an die noch kein Wurm gerührt hat.

Aber seid vorsichtig! Ihr wißt:

 

Zwei Tröpflen machen rot,

Zehn Tropfen machen tot.“

 

„Sei ohne Sorg!“ lächelte der Frater und klopfte dem Jäger herzlich auf die

Schulter. „Bist ein guter Bursch! Schick mir die Wurzel durch den Walti! Und

komm nur wieder einmal! Für dich hab ich immer ein gutes Bröckl im Kasten.

Aber jetzt mach weiter, sonst brummt der Vogt. Gelobt sei Jesus Christus!“

„Amen!“

 

[5] Falkenberg in Niederbayern an einem Nebenbach der Vils.

 

[6] Schneefrei.