Der Klosterjäger
Kapitel 4
Als Haymo durch die Pforte des Klostergartens trat, scholl vom Kirchplatz herab
ein lautes Knattern und Gepolter. Das waren die hölzernen ‚Ratschen‘, die zur
Messe riefen; während der Passionstage dürfen die Glocken nicht geläutet
werden; ihre klingenden Seelen, so geht die Sage, ziehen nach Rom, um vom
heiligen Vater gesegnet zu werden, und erst in der Osternacht kehren sie zurück
in ihre ehernen Leiber, um schwebenden Schalles die Auferstehung des Erlösers
zu verkünden.
Über Felsstufen und gewundene Wege stieg Haymo den Hang des Hügels
empor, auf dessen Kuppe das Kloster stand; das ganze Gehänge, einst mit
Felsklötzen besät und von wirrem Gestrüpp überwuchert, war in einen
freundlichen Garten verwandelt, mit zahlreichen Blumenbeeten, Baumgruppen
und säuberlich gehaltenen Pfaden. Wohl war der Garten um diese frühe
Jahreszeit noch arm an Grün und Blüten. Aber was mußte das im Sommer für
eine Pracht und Freude sein! Frater Severin, der Gärtner, verstand seine Kunst;
das mußte auch der Neid bekennen.
Auf schwankendem Steg überschritt Haymo den tiefen Hirschgraben, in dem
ein Rudel Hochwild friedlich äste. Die Tiere sahen elend und verkümmert aus;
ein Hirsch, auf dessen Haupt schon das neue Geweih zu sprossen begann, war
bis zum Rande des Grabens emporgestiegen und drückte die Stirn gegen das
hölzerne Gitter; er sah durch die Lücken der Stäbe in der Ferne den freien
Bergwald blauen; Haymo wandte sich ab, bewegt von Erbarmen; es dünkte ihn
ein hartes Unrecht, solch ein edles Tier gefangen zu halten in traurigem Kerker,
nur zu müßiger Augenweide.
Als der Jäger an der Klosterpforte den Hammer rührte, sagte ihm der Pförtner,
daß Haymo nach der Messe in der Amtsstube des Klostervogtes sich einzufinden
hätte; doch sollte er neben Dienst und Pflicht auch seines irdischen Leibes
gedenken und den Umweg über die Küche nicht scheuen. „Freu dich, Junge,
heut ist großer Fasttag!“ flüsterte der Pförtner und schmunzelte.
Haymo gab die Armbrust und den Bergstock in Verwahrung und schritt über
den weiten Klosterhof dem Münster zu, durch dessen offenes Tor der Weihrauch
duftete und die brennenden Kerzen flimmerten. Stehend, die Kappe zwischen
den verschlungenen Händen, hörte er die Messe. Im Beichtstuhl hatte er ein
schweres Viertelstündchen; er besann und besann sich, aber es fiel ihm keine Sünde ein, die er begangen hätte. Das ganze Jahr hindurch mit sich allein auf den
Bergen und im Wald, nichts anderes im Herzen als die stille Freude an der
schönen Gotteswelt, nichts anderes im Sinn als die Jägersorgen, die der Morgen
weckte und der Schlaf vergessen machte, wie soll man da zu einer Sünde
kommen? Kein Gebet, kein Glaube macht die Menschen frömmer als die
Einsamkeit des rauschenden Waldes, als die freie Himmelsnähe auf den Gipfeln
der Berge. Aber sündigen muß doch der Mensch! Wozu wäre sonst die Beichte
da? Haymo sann und sann. Der Pater im Beichtstuhl wurde ungeduldig. Und
Haymo, dem der Angstschweiß auf die Stirne trat, stotterte: „Hochwürdiger
Vater, ich bitt Euch, habt nur ein Weilchen Geduld, es wird mir gewiß noch eine
Sünd einfallen!“ Und richtig — der heiße Zorn, der ihm über die Lippen fuhr, so
oft er droben in seinem Revier die verdächtige Spur eines Menschen fand — das
war doch Sünde! Und der Wunsch, daß er Flügel haben möchte, um die
entflohenen Raubschützen verfolgen und fassen zu können? Wieder eine Sünde!
Denn dieser Wunsch war so viel wie ein versteckter Zweifel an der Weisheit
Gottes, der die Menschen nun einmal ohne Flügel erschaffen hatte. Haymo
atmete erleichtert auf; der Anfang war gemacht, und da ging es prächtig weiter,
so daß er schließlich ein ganz gewichtiges Päckl Sünden zusammenbrachte. Der
Pater lächelte, als er diesem schwer beladenen Beichtkind die Absolution
erteilte; Haymo aber war völlig zerknirscht und hielt die kleine Buße, die er zu
beten bekam, für unverdiente Milde. In tiefer Andacht genoß er den Leib des
Herrn und verließ die Kirche.
Der Pförtner, der ihm das Tor des Stiftes öffnete, zwinkerte ihm freundlich zu
und sagte: „Geh nur! In der Küch wissen sie schon, daß du kommst!“
Haymos eisenbeschlagene Schuhe klapperten auf den Steinfliesen des langen
Korridors, den er zu durchschreiten hatte. Durch die hohen Bogenfenster fiel das
goldene Sonnenlicht und machte die Farben der frommen Bildnisse leuchten, mit
denen die weißen Wände geziert waren. Aus einer Türe hörte er summende
Stimmen, dazu ein lautes Klappern und Klirren. Er öffnete und betrat die
Klosterküche. Feuchte Hitze umfing ihn, und angenehme Düfte quollen ihm
entgegen. Ein großmächtiger Raum mit sechs hohen und breiten Fenstern; die
Wände schneeweiß getüncht, der Boden mit roten, spiegelblanken
Marmorplatten belegt. Überall weißgescheuerte Tische, Kasten, Schreine und
Truhen; alle Wände funkelten von kupfernen Pfannen und zinnernen Schüsseln;
an den Fensterpfeilern hingen die aus Blech getriebenen Kuchenformen in
Gestalt von Sternen, Herzen, Blumen und allerlei Getier. In der Mitte des
Raumes stand der riesige Herd, dessen Inneres, nach den vielen Kupfertüren zu
schließen, ein wahres Labyrinth von Feuerhöhlen und Bratröhren enthalten
mußte; die Platte des Herdes war dicht bestellt mit dampfenden Pfannen und Kesseln, und über offenem Kohlenfeuer wurde an langem Spieß ein Seeferch
gebraten, der wohl an die dreißig Pfund wiegen mochte.
Und welch ein emsiges Leben in diesem Dampf und Duft! Rings um den Herd
und um die Zurichttische standen und gingen die Küchenbrüder, mit nackten
Armen, mit blauen Schürzen über den Kutten, jeder betraut mit einem
hochwichtigen Amt. Hier wurden Hechte, Forellen und Saiblinge gereinigt, dort
walkte einer mit derben Fäusten an einer ellenlangen Teigstulle, hier wurden
Zwiebeln geschnitten und Zitronenschalen gewürfelt, hier schlug einer mit
langer Birkenrute einen ganzen See von Eiweiß zu schneeigem Schaum, dort
wurde Mehl abgewogen und Gewürz sortiert, und zwischen den Brüdern
tummelten sich die Laufbuben, Holz tragend, das Feuer schürend, die
gebrauchten Kessel scheuernd und das zinnerne Geschirr spülend. Hohe Stöße
von Tellern wurden durch einen Schalter hinausgeschoben, durch den man das
weite Refektorium mit seinen blütenweiß gedeckten Tischen gewahrte. Und in
diesem Klappern, Klirren, Zischen und Brodeln ein ununterbrochenes Rufen,
Plaudern und Lachen. Und alle Gesichter rotbrennend vor Hitze.
Die Fäuste in die Hüften gestemmt, mit gebieterischer Ruhe, wie ein Feldherr,
schritt Frater Friedrich, der Küchenmeister, auf und nieder, alles überblickend,
alles überwachend. Breit lag ihm das Doppelkinn auf der Brust, die kleinen
Augen versanken fast in den Fettpolstern der Backen, und bei seinem Umfang
mochten fünfzehn Ellen Tuch nicht ausreichen für die Kutte. Ja, das Fasten! Das
Fasten!
Als Haymo die Küche betrat, weckte sein Erscheinen einen lauten Aufruhr.
„Der Jäger! Der Jäger!“ rief es auf allen Seiten, die Brüder kamen auf ihn zu, die
Laufbuben ließen fallen, was sie in den Händen hatten, und rannten ihm
entgegen. Mit glotzender Neugier umstanden sie ihn; der eine griff nach Haymos
Weidmesser, der andere streichelte die Armbrust, der dritte griff in den Köcher
und prüfte die Schärfe einer Bolzenspitze am Finger. Und so viele Fragen gab es
auf einmal, daß der Jäger sie in einer Stunde nicht hätte beantworten können.
Haymo wurde verlegen, ihm war zumut wie der Wildtaube im Hühnersteig. Da
kam der Frater Küchenmeister — herbeigegangen? — nein, herbeigerollt wie
eine Tonne. „So? Bist du da? Hast du deine Seel gestärkt? Brav, mein Sohn,
brav! Das ist Christenpflicht. Jetzt aber komm und stärke deinen Leib!“
Er nahm den Jäger unter den Arm und führte ihn in eine kleine Stube, die
neben der Küche lag und halb einer Mönchszelle, halb einer Speisekammer
glich. Im Erker war säuberlich ein kleiner Tisch gedeckt, und neben dem
Zinnteller stand eine Holzbitsche, bis zum Rande gefüllt mit schäumender ‚Güte
Gottes‘.
Die beiden setzten sich, und ein Laufbube trug auf; Schüssel um Schüssel kam, und Haymo machte immer größere Augen. Er hatte noch nie im Leben so
herrenmäßig — nein, das will zu wenig sagen — so klosterwürdig getafelt! Der
Frater Küchenmeister schien den schmucken Jäger ins Herz geschlossen zu
haben; er hatte die Arme breit über den Tisch gelegt und schaute dem
Schmausenden mit zufriedenem Lächeln zu.
Da gab es zuerst eine Erbsensuppe mit gerösteten Schnitten, dann kamen
Pastetchen, mit Forellenbacken gefüllt; es folgte ein gesottener Hecht, der sich,
wie der Frater scherzte, aus Freude darüber, daß er gar so schön blau geraten, in
den eigenen Schwanz biß; er trug zwei grüne Rosmarinzweiglein in den
Nasenlöchern und hatte absonderliche Augen: aus gelber Zitronenschale
geschnitten und in der Mitte ein Pfefferkorn; und rings um den Rand des Tellers
lag ein Kranz von Zwiebelscheiben, darin der geputzte Fisch so prächtig
anzusehen war, daß Haymo erst nach langem Zureden das Herz hatte, diese
Pracht zu zerstören. Dann folgten gedünstete Froschschenkel in köstlicher Tunke
mit gebackenen Krapfen. Und nun kam ein richtiger Braten. Ein Braten am
Fasttag? Haymo blickte verlegen auf den Frater. „Darf ich denn das essen?“
Der Küchenmeister tätschelte die Hand des Jägers. „Iß nur, Bub! Glaubst du
denn, ich möcht deine frischgescheuerte Seel mit einer Sünd beflecken? Iß nur!
Das ist Fastenspeis, wie Fisch und Frosch!“
Zögernd kostete Haymo; aber gleich wieder legte er die Gabel nieder und
schob den Teller kopfschüttelnd von sich. „Nein, Herr, das ist Fleisch!“
„Freilich Fleisch,“ lachte der Frater, „aber Fleisch von einem Biber!“
„Biber? Das ist doch ein Tier mit Haar und Füßen?“
„Frißt aber Fische! Verstehst du? Das ist Philosophie der Klosterküche: Biber,
Otter und Wildente, ob Pelz oder Federn, was Fische frißt, wird wieder als Fisch
gegessen. Und ganz mit Recht! Denn die Nahrung macht das Wachstum und
bildet aus ihrem Stoff den Körper. Somit verzehrst du in diesem Braten kein
richtig Fleisch, sondern ein Teilchen von jedem Hecht und Karpfen, von jeder
Grundel und Schleie, die der Biber schmauste.“
„So?“ lächelte Haymo. „Dann aber, Frater Küchenmeister, wundert mich
eines.“
„Was, mein Junge?“
„Daß Ihr am Fasttag nit auch eine Hirschkeule auf die Tafel setzt.“
In Entsetzen klatschte der Frater die Hände zusammen. „Haymo! Du
gottverlorener Mensch!“
„Warum? Die Hirsche äsen Gras und Kräuter. Also muß ihr Fleisch ein
Gemüse sein, wie Kohl und Rüben. Und das ist doch Fastenspeis.“
Der Küchenmeister machte ein verdutztes Gesicht; dann schlug er lachend die
Hand auf den Tisch. „Schade, schade, Haymo, daß du kein Klerikus geworden! In dir steckt ein Kirchenlicht. Und das soll nit umsonst geleuchtet haben! Im
nächsten Kapitel mache ich den Vorschlag, daß man alles Wildbret als
Fastenspeis erklären soll.“ Nachdenklich schwieg er und schüttelte den Kopf.
„Nein! Ich tu’s doch lieber nit. Am Ende drehen sie den Spieß um und sagen:
wie der Hirschbraten kein Gemüse ist, so ist der Biberschwanz kein Fisch,
obgleich er Schuppen hat. Und Biberschwanz ess’ ich für mein Leben gern. Gib
her ein Bröckl!“ Und aus dem ‚Bröckl‘ wurde mit Kosten und Kosten der halbe
Braten. „Gelt, du? Das rutscht wie Butter.“
„Ja, Frater, ein feiner Braten! Der kommt wohl von weither?“
„Von der Donau. Dort leben die Biber zu Hunderten in ihren Wasserdörfern.
Von Straubing bis weithinunter gegen Wels hat der Passauer Bischof das
Jagdrecht. Mit dem letzten Salzkarren hat er uns ein Dutzend geschickt,
wickelfette Kerle!“
„Von Passau? Ist das von dorther, von wo der neue Pater Fischmeister
gekommen ist?“
„Warum fragst du?“
Haymo wurde rot. „Ich mein’ nur so. Ich hab ihn gesehen, heut früh am See.“
Des Fraters Augen leuchteten. „Den soll der liebe Gott unserm Kloster
erhalten! So viel hat noch keiner von See und Fisch verstanden, wie der! Hast du
den Ferch draußen am Spieß gesehen? Den hat er mit eigener Hand gefangen.
Ich laß aber auch nichts auf ihn kommen. Ich halt es mit ihm. Da mögen sie im
Kloster reden, was sie wollen.“
„Was reden sie von ihm?“ fragte Haymo, wobei er sich alle Mühe gab, seine
Spannung zu verbergen.
„Ach, dummes Zeug! Bevor er hinauszog in die Seeklause, haben sie ihn in
der Nacht oft schreien hören in seiner Zell, daß es jedem, der es hörte, durch
Mark und Bein ging. Und wenn sie dann zu ihm hineinrannten, fanden sie ihn
am Boden, mit zerrauftem Haar und blutigen Fingernägeln. Nun sagen sie, daß
der Teufel Macht hätte über ihn, weil furchtbare Sünden auf seinem Gewissen
liegen. Und sie sagen, der Teufel käme in der Nacht und raufe mit ihm um seine
Seele.“
Haymo saß mit erblaßtem Gesicht und stammelte: „Soll das wahr sein
können?“
„Glaub mir, Haymo, dem Teufel laufen die Seelen so scharenweis zu, daß er
gemütlich warten kann, bis sie kommen. Der braucht sich nit zu raufen um das,
was sein ist. Und bei einer Seel, die dem lieben Herrgott gehört, da hilft ihm
auch das Raufen nichts.“
„So?“ Haymos Stimme klang seltsam gereizt; denn wieder sah er den Pater
Fischmeister vor Gittli stehen, mit verlangend gestreckten Armen, mit brennenden Augen. „Ihr meint wohl, der Pater hätt so eine fromme Seel, die
nirgends hin will, als nur hinauf in den Himmel?“
„Was weiß ich? Kein Mensch hat ein Guckloch vor dem Herzen, daß man
hineinschauen könnt, wie’s aussieht drinnen. Auf jeder Pfanne liegt ein Deckel.
Nun errat’s, was drinnen kocht! Mit der Nase riecht man auch nit alles. Und wer
immer auf den Knien rutscht, ist noch lang kein Heiliger. Es kann auch einer in
den Himmel kommen, der steife Beine hat. Und dann, was geht’s mich an? Er ist
der beste Fischer. Das ist mir genug. Freilich, was Besonderes muß es schon
gewesen sein, was den ins Kloster verschlagen hat. Wenn ich zurückdenke die
zwanzig Jahr —“
„Ihr habt ihn gekannt?“ fiel Haymo hastig ein.
„Gekannt? Nein! Aber gesehen hab ich ihn einmal. Und hab ihn auch nimmer
vergessen. Es war zu Regensburg. König Ludwig — jetzt ist er lange schon
Kaiser, und Gott mag ihn erhalten, denn er ist ein guter Herr — der sollte damals
zu Gast kommen bei Bischof Adalbert. Und da holten sie mich aus dem Kloster,
damit ich das Mahl rüste. Ja, mein Junge, ich hab allzeit was gegolten! Ein Koch
wie ich! — Lassen wir’s, denn stolz sein ist eine Sünd. Ich kam also, und ich sag
dir, Wunder hab ich gewirkt, Wunder! Was ein Auerhahn für ein Vieh ist, das
weißt du doch?“
„Keine schönere Jagd, Frater!“
„Jagen? Meintwegen! Aber essen? Ich dank! Was aber will ich machen?
‚Bruder Küchenmeister‘, sagte Herr Adalbert zu mir, ‚ich will dir kund und zu
wissen tun, daß Herrn Ludwigs Lieblingsgericht der Auerhahn ist.‘ Auch ein
Geschmack, denk ich mir! Dazu gehört ein gut bayrischer Magen. Und Zähne!
Die hat er freilich. Das haben seine Feinde gespürt, mit denen er ins Beißen kam.
Also, ein Auerhahn! Ja, aber wie? Ich sag dir, Haymo, die ganze Nacht hab ich
kein Auge zugetan. Und der liebe Gott hat mich erleuchtet. Ich habe damals eine
Beize erfunden — eine Beize! Und der Auerhahn kam auf die Tafel. Und wie!
Butter, Haymo, Butter!“
„Aber der Pater Fischmeister?“ drängte Haymo.
„Ja, richtig! Es war ein wunderschöner Maitag, als Herr Ludwig einzog im
Hof der Bischofsburg. Alles glitzerte von Sonne. Der Himmel gut bayrisch: blau
mit silbernen Schäflen. Als sie kamen — ich sag dir, Haymo, das war ein Glanz
und eine Pracht, von all dem funkelnden Gold und Eisen! Vom Küchenfenster
sah ich’s mit an. Und ein Jubel und eine Freud! Herr Ludwig ritt auf einem
schneeweißen Pferd.“
„Die Krone auf dem Haupt und das Zepter in der Hand?“
„Dummer Bub!“ lachte der Frater. „Da kennst du unsern Kaiser schlecht.
Nein! Im schlichten Jägerkleid, nit ärmer wohl, aber auch nit besser als der Kittel, den du am Leib trägst. Sein Gefolg aber! Du, das schaute sich an, als
wären die Schatzkammern der Untersberger Zwerge lebendig geworden. Und
unter den Fürsten und Rittern war einer —“
„Der Pater Fischmeister?“
„Erraten! Freilich, damals hieß er noch nit Pater Desertus, sondern Dietwald,
Burggraf zu Falkenberg.“[5]
„Ein Graf!“ staunte der Jäger.
„Hast du schon den heiligen Georg auf seinem Roß gesehen?“
„Ja, auf dem Bild, das im Zimmer des Vogtes hängt.“
„So sah er aus. Stolz und schön! Unter dem blitzenden Helme ringelten sich
die schwarzen Locken hervor. Auf den Lippen sproß ihm der erste Flaum, ein
lachendes Gesicht wie Milch und Blut, aber eine Gestalt und Glieder, und eine
Kraft! Sein Roß schnaufte nur so unter ihm! Und als wär’s ein Birkenblatt, so
trug er den schweren Schild, einen weißen Falk auf blauem Grund. Andern
Tages beim Turney, da brauchte er nur so zu machen —“ der Frater
Küchenmeister tippte den Zeigefinger auf Haymos Brust, „und die Herren Ritter
purzelten in den Sand und streckten alle viere in die Luft. Und die Weibsleut!
Wie verrückt waren sie. Die Augen guckten sie sich aus nach ihm. Er aber — —
Was gibt’s?“
Ein Laufbursch war in die Stube hereingestürmt; der Klostervogt hätte nach
dem Jäger fragen lassen.
Erschrocken sprang Haymo auf; aber so rasch kam er nicht zur Tür hinaus.
Der Frater Küchenmeister hatte noch allerlei Anliegen; er zählte dem Jäger an
den Fingern die würzigen Wald- und Almenkräuter her, welche Haymo in die
Küche liefern sollte, sobald der Frühling sie erweckt hätte zum Blühen. Auch die
Bärenschinken wären aufgeknappert bis auf den letzten Knochen. Ob nicht
Aussicht wäre auf neuen Vorrat? Nicht nur wegen der Schinken. „Gesulzte
Bärentatzen!“ Der Frater verdrehte die Augen und schlug mit der Zunge einen
Triller.
„Vergangene Woch hab ich einen Bär gespürt, hoch oben im Schnee,“ sagte
Haymo, „doch die Fährt hat sich im aperen[6] Wald verloren.“
„Pack ihn, Haymo, pack ihn! Und noch eines! Hat die Schneerose schon
verblüht?“
Ein träumerisches Lächeln glitt über die Züge des Jägers. „Ich hoff, noch lang
nit!“
„Ich aber hoffe, bald!“ Auf das behäbig freundliche Antlitz des Fraters legte
sich ein wehmütiger Schatten. „Weißt du, Haymo, das viele Kosten von allen
Schüsseln, das tut nit gut auf die Dauer. Manchmal in der Nacht, da spür ich’s
hier, am Herzen, daß ich meine, ich muß ersticken. Dafür hilft die Wurzel der Schneerose, die Nieswurz. Aber sie muß gegraben werden, wenn das letzte
Stöckl verblüht hat. Dann ist ihr Saft am stärksten. Er macht das dicke Blut
wieder flüssig und das schläfrige Herz wieder lebendig.“
„Ja, Frater, Ihr sollt eine Wurz haben, an die noch kein Wurm gerührt hat.
Aber seid vorsichtig! Ihr wißt:
Zwei Tröpflen machen rot,
Zehn Tropfen machen tot.“
„Sei ohne Sorg!“ lächelte der Frater und klopfte dem Jäger herzlich auf die
Schulter. „Bist ein guter Bursch! Schick mir die Wurzel durch den Walti! Und
komm nur wieder einmal! Für dich hab ich immer ein gutes Bröckl im Kasten.
Aber jetzt mach weiter, sonst brummt der Vogt. Gelobt sei Jesus Christus!“
„Amen!“
[5] Falkenberg in Niederbayern an einem Nebenbach der Vils.
[6] Schneefrei.